A History of Violence

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Foto: red betty black (cc)

Erklärt doch neulich jemand im PK-Forum zur Jugendgewalt-Debatte:

Schläge sind im übrigen nicht gleich Misshandlung. Sie können als Mittel der Erziehung durchaus positive Wirkungen haben, sofern man sie richtig (d.h. nicht übermäßig) einsetzt.

Genau. Hätten wir das Thema weiterverfolgt, wäre wie das Amen in der Kirche noch das Argument der erzieherischen Wirkung des „Klapses“ gekommen, wenn das delinquente Quengelmonster (Kind) sich nicht schnell genug über die vielbefahrene Straße bequemt. Herrschaftszeiten, dass an die mittelalterliche Legende irgendeiner positiven Wirkung von Gewalt gegen Kinder heute immer noch jemand glaubt, jagt mir einen kalten Schauer über den Rücken.

Heute lese ich jedenfalls über einen jähzornigen Suffki-Lehrer in Frankreich, der nach einer Beleidigung einem Schüler eine runterhaut. Folgt darauf eine beispiellose Welle der Empörung? Nö. 30.000 Bürger erklären ihre Solidarität mit dem Lehrer und der körperlichen Züchtigung als „Erziehungs“-Maßnahme. Inklusive Premierminister François Fillon. Insgesamt gewinnt man in dem Kontext den Eindruck dass, ähnlich wie in Großbritannien und Deutschland (-> Bernard Bueb[1] ), ein Rollback von Zucht und Ordnung begrüßt wird:

Am 27. März haben die Richter das Wort. Juristisch ist die Sache klar. Was nach dem Rechtsempfinden des Volkes in Ordnung geht, hat der Gesetzgeber unter Strafe gestellt. Nur Eltern haben in Frankreich das Recht zur „maßvollen körperlichen Züchtigung“. In Meinungsumfragen haben sie zu neun Zehntel zu verstehen gegeben, dass sie davon auch Gebrauch machen. Lehrer haben das Recht nicht. Sollten die Richter ihrer Pflicht genügen und die Ohrfeige ahnden, der Volksheld wäre den Franzosen fortan auch noch Märtyrer.

Symptomatisches Zitat aus einer der Web-Petitionen:

Wie soll man sich denn sonst gegen orientierungslose Halbstarke wehren?

Na eben, da stehts doch: Orientierungslos! Was werden das wohl für Werte sein, die Kindern und Jugendlichen auf den Lebensweg mitgegeben werden, wenn sie erfahren, dass der Verlust von Kontrolle und Souveränität, die gewalttätige Entgleisung und die Demütigung des „Kontrahenten“ probate und nicht sanktionswürdige Reaktionen auf Ohmachtsituationen sind? Impulsunterdrückung wohl nicht. Immer schön durchkärchern, was nicht passt wird passend gemacht.

Wirklich unfassbar, der ach so zivilisierte Westen war auch schonmal weiter. Weißt schon: Kuschelpädagogik und so. Jene Schiene, mit der man vernünftige Staatsbürger heranzüchtet. Pazifisten, sozial Engagierte, Menschen mit Mitgefühl. Gutmenschen eben. Die geschlagenen Töchter und Söhne von heute jedoch sind die schlagenden Eltern von morgen. Noch schlimmer: sie sind die Diplomaten und Politiker von morgen. Die sich über Gewaltexzesse von Hooligans, rechtsradikale Anschläge und die Jugendaufstände in den Banlieues wundern…

  1. Ein ganz hervorragender Sammelband, der sich kritisch mit Buebs Thesen auseinandersetzt ist, nebenbei, „Vom Missbrauch der Disziplin“, herausgegeben von Micha Brumlik. [zurück]