Alles im Lot, Kader?

DDR-Fahne
Bild: Gabriele Kantel / schockwellenreiter (cc)

Jetzt habe ich also dieses One Year Ago-Plugin installiert und dann kommen nur Tage, an denen ich auch im letzten Jahr nix geschrieben habe und der zeigt deswegen da auch nix an, nur die Überschrift. Toll! Ihr müsst mich ja für total debil halten:

„Steht da jetzt ‚Lange her‘ in der Sidebar beim maloXP (ach nee, der heißt ja jetzt anders) und nüscht drunter. Is‘ aber auch verdamp‘ lang her, dass da überhaupt mal was Gutes kam bei dem. Die fliegt jetzt aus meinem Feedreader, die Franksau, die alte!“

Tja liebe Leser, im Hirn ist Tundra. Oder Taiga? Ich könnte ja was schreiben, über die bescheuerten Kommunisten und die hysterischen Antikommunisten, aber mehr über ersteres, weil diese Stasi-Checker, ’schuldige, -Tscheka ja wirklich Idioten sind, von denen ich welche persönlich kenne, die auch mal abgedrehte Kommentare in diesem Blog hinterlassen, aber der Bock vergnügt sich gerade auf einer anderen Wiese und ich vergrab‘ mich lieber in irgendwelche Themefrickeleien für noch ungeborene Projekte, als dass ich meine lange nicht gewartete Assoziationsmaschine und den inneren Thesaurus anwerfe. Ist besser so, denn die Tante — sie wirkt auf mich wie eine Alkoholikerin, gerade auf dem Sprung von Bier auf Schnaps — ist ja nun auch aus der SED Niedersachsen geschmissen worden. Pardon: Geworfen worden. Worüber sich also aufregen? Ist doch auch völlig egal, ob sie nun die Stasi gemeint hat oder nicht, wichtig waren die Dinge, die sie sonst noch gesagt hat. Beziehungsweise nicht gesagt! Alles opportun für Totalitaristen, die nicht totalitär wirken wollen: Wir verteidigen uns ja nur selbst. Aber gegen wen denn eigentlich? Die Leute, für die der Sozialismus gedacht war? Musste man sie also zwingen zu ihrem Glück? Die DDR war ein Regime ohne demokratische Partizipation, ohne einen Austausch von differierenden Meinungen, ein System, dass Misstrauen und Denunziantentum institutionalisierte. Viele haben es gehasst, nicht dorthin fahren zu können, wohin man einfach fahren wollte, nicht die Tagesschau gucken zu dürfen, das Neue Deutschland dem Spiegel vorziehen zu müssen — allein Kritik daran zu äußern konnte einem jedoch schon eine „Befragung“ in Hohenschönhausen einbringen, eine Akte, ein wachsames Auge von Freunden, Nachbarn und Bekannten. Deswegen haben alle die Klappe gehalten, deswegen gab es keine Räume zur freien Entfaltung: weil jede offene Kritik gleich staatsfeindlich und Konspiration war. Das gesamte ideologische Gebilde der DDR fußte auf der Lüge vom systemtreuen Bürger, letzten Endes einer enormen Verdrängungsleistung der Eliten. Die, die heute noch daran glauben, wirken auf mich wie einer jener Ladenbesitzer, der die ehedem bunte Luftballondekoration nicht abnehmen will, obwohl die meisten Ballons doch schon erschlafft, luftleer und zerknittert an der Markise hin und her baumeln. Ich habe die DDR noch bewusst erlebt und bilde mir ein, dieses Urteil fällen zu können, abseits von Lippenbekenntnissen und symbolischer Betroffenheiten. Es gibt keinen Grund für Realsozialismus-Romantik. Ja klar, alle hatten was zu essen. Dafür musste man aber bei Franz-Josef Strauß nach Krediten betteln gehen, Würde ist was anderes. Worauf ich hinauswollte: Hätte die Linkspartei weiterhin mit dieser Kadertrulla geliebäugelt, meine durchaus vorhandene Sympathie für die Leute wäre ins Nichts, und zwar das aus der Unendlichen Geschichte, verpufft.

Ja klar, die Diskussion ist trotzdem verlogen. Wenn konservative Idioten neben Rassismus auch eine McCarthyeske Angst vor den Roten einsetzen, um einen emotionalen Wahlkampf zu führen. Und was ist mit der Angst des Staates vor dem Bürger, ist heute besser als gestern, ist Schäuble ein wackerer Rechtstaatler als UlbrichtHoneckerKrenz? Mal ehrlich, wir torkeln sehenden Auges in einen totalen Überwachungs- und Sicherheitsstaat hinein, nur dass der global ist, die Staatssicherheit anders heißt, vernetzt und wesentlich besser organisiert ist. Omar war Opfer des staatshysterischen Terrorwindmühlenkampfes und hat etwas Kluges geschrieben:

Es ist höchst interessant zu beobachten, wie … Christel Wegner von allen Seiten kritisiert wird, wenn man sich vergegenwärtigt, in welcher datenschutzrechtlichen Realität wir heute – dank Teilen der Abgeordneten, die heute Frau Wegner kritisieren – leben. Ich finde es gut, wenn eine Abgeordnete mit einer solchen Einstellung zu Freiheit aus dem Landtag verschwindet, aber müssten dann nicht ehrlicher weise viele andere Abgeordnete aus Landtag und Bundestag ebenfalls verschwinden?

Aber wir sind inzwischen nichts anderes gewohnt: Kritik an der Symbolik und Zustimmung in der Praxis..

Man möge sich als datenschutzrechtlich halbwegs aufgeklärter Bürger für eine halbe Minute die Frage stellen, was für Daten von/über Leute wie Omar in irgendwelchen Datenbanken irgendwo auf der Welt gespeichert sind. Einfach nur, weil sie bspw. männliche Muslime sind, und in ein bestimmtes Raster fallen, da mag er als einzelner noch so ein netter Kerl sein. Na? Biometrie, Fluggastdaten, Telekommunikation, Bewegungsprofile per Handyüberwachung und CCTV, Konsumprofile mit Paybackschrott, vielleicht „Terrordatei“, Mautdaten und so weiter. Huch, das meiste davon betrifft ja auch Otto Normal! Und das sind nur die Daten, von denen wir etwas ahnen. Was wir wissen über die, die alles wissen wollen, ist doch nur die Spitze des Eisbergs.

Ach, es ist doch immer wieder dieselbe Leier. Ich geb’s ja zu — kann’s auch nicht mehr hören. Es ist traurig, „Stasi 2.0“ war ein nettes Schlagwort zu einem netten Reizthema, aber der nächste „Stern“ hat schon wieder einen neuen Titel. Volkskrankheit Kopfweh oder so. Was kann man denn noch mehr predigen als den zivilen Ungehorsam, der heute ja schon darin besteht, seine Daten zu verschlüsseln und nicht CSPDU, some people know them as the lesser evil , zu wählen? Vor allem, wenn alle Appelle in Bälde vom Winde verweht werden?

Vor knapp zehn Jahren hatte ich einen Haufen Brieffreundschaften. Da schrieben wir immer TW und das hieß nicht etwa Torwart, sondern: Themawechsel, ein Verlegenheitskürzel, wenn ein Thema nervte oder schlicht nicht pointiert zu Ende gebracht werden konnte. TW. Theme-Frickeleien. Die hasst der Goron. Allein die Syntax für Uhrzeit und Datum bei der Übersetzung des Theme von Englisch nach Deutsch. O Tempora, o data! Goron hasst aber auch Blogs überhaupt. Das geht schon klar. Man sollte sich diese ganze chrommetallbesetzte und zuckerwatteunterfütterte Luftblase jedoch auch nicht ganz verknusen, sonst verpasst einer wieder mal so gute Artikel wie den, nein, die vom Alarmschrei-Sebastian. Moment… Nur gut? Ja, ich verwende hier absichtlich kein Superlativ, denn die benutze ich viel zu oft — ich werde versuchen mich zukünftig all den fantastischs, grandios‘ und unfassbars zu widersetzen, auch wenn’s hart wird, aber in Zeiten des allgegenwärtigen Sprachgigantismus, vor allem in Blogs, heißt es ja auch mal zu opponieren. Also: Gegen die vulgäre Aufweichung von Wertungen, für einfach auch mal „gut“. Gut sowieso, dass es Hagen Rether gibt. [via]

Oh, jetzt habe ich ja doch was geschrieben.

10 Kommentare

  1. eine initiative für weniger superlative wird von mir voll unterstützt. ich kann vor lauter gigantismus kaum noch aufrecht gehen.

  2. Ich stimme ja den Aussagen des Artikels zu – insbesondere was die Linkspartei und ihre dringend nötige endgültige Abkehr vom Staatssozialismus angeht. Einige Passagen des Artikels:

    „…allein Kritik daran zu äußern konnte einem jedoch schon eine “Befragung” in Hohenschönhausen einbringen, eine Akte, ein wachsames Auge von Freunden, Nachbarn und Bekannten. Deswegen haben alle die Klappe gehalten, deswegen gab es keine Räume zur freien Entfaltung: weil jede offene Kritik gleich staatsfeindlich und Konspiration war. Das gesamte ideologische Gebilde der DDR…“

    finde ich aber gelinde gesagt sehr plattitüden-haft. Nach offizieller politischer Leitlinie der DDR-Führung wars so – wie aber hätte es die Wende 1989 geben können, wenn das tatsächlich realgesellschaftliche Verhältnisse gewesen wären? Aus meiner eigenen DDR-Schulzeit in Berlin 1984-1989 kann ich nur sagen, dass buchstäblich kein Mensch die DDR-Staatsdoktrin noch ernstgenommen hat – weder Eltern, noch Lehrer und Schüler schon gar nicht: Alles, was Osten war, war „out“ und alles westliche „in“. Auch bei Funktionärs-Kindern, die sich dann erstaunlich schnell in „Deutschland-einig-Vaterland“-Brüller verwandelten. Mit „hinter vorgehaltener Hand“ hatte das auch schon nichts mehr zu tun. Nein, einen Spitzelstaat von NS-Ausmaßen hat es in der DDR zumindest in den 1980ern, zumindest in Ost-Berlin nicht (mehr) gegeben. Das es „keine Räume zur freien Entfaltung“ gegeben hätte, ist falsch – die gab es nicht im offiziellen, aber im informellen. Dass „deswegen […] alle die Klappe gehalten“ hätten ist grob beleidigend und diffamierend für die gesamte DDR-Bürgerrechtsbewegung, auf die man als „Ossi“ auch zur Abwechslung einfach mal stolz sein könnte… Im übrigen haben Wende-Schlagwörter wie „Wir sind das Volk“ nichts von ihrer Aktualität eingebüsst.

  3. Nun, meine persönliche Erfahrungen besagen etwas anderes. NS-Ausmaße werden das nicht gewesen sein, aber die geschilderten Dinge waren real, auch in den 80ern, wie meine Mutter am eigenen Leib spüren durfte. Ihr „Verbrechen“ war es, sich in einen Mann aus dem Westen zu verlieben und einen Ausreiseantrag zu stellen. Sie fand Wanzen in der Wohnung, ihre besten Freunde, auch die aus den „informellen“ progressiven Kreisen, schrieben fürs MfS Berichte über sie, wie sie Jahre später erfuhr und es existiert eine dicke Akte im Hause Gauck/Birthler.

  4. Ich finde es schwierig, auf Grundlage persönlicher Erfahrungen zu diskutieren. Ich will auch nicht in eine Position gedrängt werden, etwa DDR-Mauer und Schießbefehl zu verteidigen. Was Deiner Mutter und Dir passiert ist, war KEIN Einzelfall – auch die Stasi-Akte („Operative Personenkontrolle“) meiner Familie ist viele tausend Seiten lang, persönliche Freunde könnten evt. Spitzel gewesen sein (Namen sind ja geschwärzt) und etwa meine Schwestern konnten nicht studieren, was sie wollten.

    Ich wollte nur ausdrücken, das man die DDR-Zeit nicht allein durch das Aufzählen staatlicher Repressionen beschreiben kann und dass die gesellschaftlichen Verhältnisse der späten 1980er dazu durchaus ambivalent waren. Die Diktatur mit ihrer Repression ist ja letztlich gescheitert, d. h. sie konnte sich gegen den historischen und gesellschaftlichen Wandel nicht behaupten. Das ist ja ein positiver Prozess und hat nichts damit zu tun, dass ich finden würde, in der DDR sei „doch nicht alles schlecht“ gewesen oder so.

  5. @red.cloud
    Wenn nicht auch auf Grundlage persönlicher Erfahrung, auf welcher sollte man dann über die DDR diskutieren? Zumal du es gewesen bist, der begonnen hat auf die eigene Schulzeit zu verweisen.
    Was ja auch völlig in Ordnung ist, denn wenn man kein Historiker ist, dürften realistische Betrachtungen über die DDR in unserer Medien-Gesellschaft, die ja dazu neigt die DDR hysterisch zu verteufeln, schwer zu finden sein. Ich bin immer froh, wenn ich von Freunden oder Bloggern, denen ich vertraue, eigene Erfahrungen aus DDR-Zeiten mitbekomme.
    Erhellend dahingehend fand ich von Angelika Schrobsdorff „Die Reise nach Sofia“, in diesem Buch ist es ihr gut gelungen den typischen Ost-West-Vorurteilen ein differenziertes Bild entgegen zu halten.

  6. @ red.cloud: Ich muss sagen, dass ich ganz froh bin, die DDR noch live mitbekommen zu haben und so zumindest im Ansatz ein Bild zu haben, dass nicht aus der Melange von CSU-Parteitag und Ostalgie-Shows zustandekommt. Okay, es mag die Räume zur politischen Entfaltung gegeben haben, nur waren si nicht offiziell und standen immer noch antagonistisch zum Staat. Und eben weil später rauskam, dass auch Teile der zivilgesellschaftlichen Bewegung, so es denn eine kohärente Gruppe überhaupt war, korrumpiert waren, bestätigt doch meine nachträgliche Annahme, dass Misstrauen immer angebracht war. Oder ist es weniger wahr, weil / wenn man damals evtl. noch nichts davon wusste? Das ist jetzt keine rhetorische Frage. Im Grunde sind wir uns ja einig, dass das historisierte DDR-Bild ein stark verzerrtes ist.

  7. @ Lotta
    Ich hätte wohl „subjektiver“ statt „persönlicher“ Erfahrung schreiben sollen. Es stimmt, ich hatte damit angefangen, die gesellschaftliche Atmosphäre in Ost-Berlin während meiner frühen Schulzeit zu beschreiben. Abgesehen davon, dass ich damals 11 Jahre alt war, passt die beschriebene „ideologische Erosion“ der DDR-Gesellschaft aber durchaus zur späteren Entwicklung des Untergangs der DDR. Ein Insasse des Stasi-Gefängnisses in Bautzen könnte seine persönlichen Erfahrungen so nicht in Übereinstimmung bringen, er wird vermutlich durchaus nichts gegen die von Dir angemerkte hysterische Verteufelung der DDR inklusive aller NS-DDR-Vergleiche haben und das -aus seiner subjektiven Perspektive- zu Recht. Wenn ich nun mit ihm darüber diskutiere und er seine subjektiven Erfahrungen in Bautzen als Argument bringt – dann ist die Debatte zwar vorbei, weil ich mich nicht hinstelle und die Diktatur verteidige, aber recht hat er dadurch nicht. Eine subjektive Erfahrung eines Häftlings ist nämlich, objektiv-argumentativ gesehen, nicht mehr wert als die eines DDR-Funktionärs. Das meinte ich.

  8. @ Frank
    „Ich muss sagen, dass ich ganz froh bin, die DDR noch live mitbekommen zu haben und so zumindest im Ansatz ein Bild zu haben, dass nicht aus der Melange von CSU-Parteitag und Ostalgie-Shows zustandekommt.“

    Dito. Und dazu „genoss“ ich die Zeit auch noch rd. 5 Jahre länger als Du – was nicht heissen soll, dass ich deswegen die besseren Argumente hätte.

    „Und eben weil später rauskam, dass auch Teile der zivilgesellschaftlichen Bewegung, so es denn eine kohärente Gruppe überhaupt war, korrumpiert waren, bestätigt doch meine nachträgliche Annahme, dass Misstrauen immer angebracht war. Oder ist es weniger wahr, weil / wenn man damals evtl. noch nichts davon wusste?“

    Der wesentliche Faktor der Wende ’89 war natürlich, dass eine Niederschlagung der Massenproteste durch die in der DDR stationierte Rote Armee wie 1953 nicht mehr zu Gorbatschows Politik passte. (Nur ein halbes Jahr früher war ja das Tian’anmen-Massaker in Peking, dass im DDR-Fernsehen noch demonstrativ hochgejubelt wurde – eine unverhohlene Drohung). Was die Unterwanderung der Opposition durch das MfS angeht: Ja, das hat es gegeben, bis hin zu spektakulären Fällen wie dem Ost-SPD-Vorsitzenden Ibrahim Böhme. Da die bedeutendsten Vorreiter Neues Forum, Demokratie Jetzt und Ost-Grüne jedoch äußerst dezentral organisiert waren, kann ein größerer Einfluss von Stasi-IMs wohl ausgeschlossen werden. Der Kern solcher Gruppen -das weiss ich aus eigener (familiärer) Anschauung- bestand ja aus informellen Freundeskreisen – 10, 20 Leute, die sich seit 20 Jahren kennen und den Entwicklungsprozess von innerer zur äußeren Opposition gemeinsam durchgemacht haben, dürften äußerst schwer zu infiltrieren sein. Was das grundsätzliche Mißtrauen betrifft, so KÖNNTE eine konträre Überlegung auch sein, ob nicht gerade die Schaffung einer allgemeinen Atmosphäre des Misstrauens und der Angst das Mittel der Stasi zur Einschüchterung der Bevölkerung war und das funktionierte 88/89 nicht mehr – auch bedingt durch das allgemeine Nicht-mehr-ernst-nehmen der Staatsdoktrin, wie in meinem Ursprungskommentar beschrieben.

    „Im Grunde sind wir uns ja einig, dass das historisierte DDR-Bild ein stark verzerrtes ist.“

    Yep. Weil ich aber 10 Jahre im Ruhrgebiet war und sämtliche West-Vorurteile runterbeten kann, reagiere ich bei dem Thema vielleicht immer etwas überempfindlich.

  9. Pingback: “Bacn” - blog.argwohnheim

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.