Ambiguitätstoleranz

gautcho-schland

Es war unglücklich, dieser Gaucho-Tanz, aber auch harmlos. Ein bisschen Übermut, sicherlich nicht rassistisch gemeint, mehr so in puncto Außenwirkung ins Klo gegriffen. Wer könnte es diesen Nationalmannschafts-Burschen verdenken, die sich ja im Turnier wirklich fair gegenüber Verlierern verhalten haben und vermutlich seit Tagen betrunken und übernächtigt durch die Weltgeschichte reisen – dann auch noch in die Jetlag-sensiblere östliche Richtung. Und schließlich Helene Fischer. Zusammengefasst: Geistig auf der Höhe waren sie wahrscheinlich nicht, die deutschen Nationalspieler, und das sei ihnen in diesem Punkt durchaus verteidigend anzurechnen.

Aber wer könnte es Beobachtern, die die offenbar vorhandene Stadion-Historie dieses Aktes nicht kennen, auch verdenken, dass sie diesen Akt nicht nachvollziehen können? Unsportlich wirkte er, wie das Gebaren eines schlechten Gewinners, einem der so etwas nur nötig hat, weil er sonst mit seinem Selbstbild zu kämpfen hat, so wie der Kumpel-aber-nicht-ganz-Freund aus der Kindheit, der seinerzeit minutenlang vor Spott und Schadenfreude überquoll, wenn man beim Monopoly auf seine Schlossallee mit den drei Häusern kam. Es gab Medienberichte, die das zu Recht kritisierten. Geschmacklos war er, dieser Tanz, unsensibel und schlicht unnötig.

Beinahe genauso unnötig wie die alle zwei Jahr wiederkehrende Litanei der sich ewig verfolgt, verstoßen und in der freien Meinungsäußerung behinderten Partypatriotismus-Fraktion. Angesichts einiger weniger Zeitungsartikel sind sich gefühlt 99 Prozent der Facebook-Nutzerschaft (der ich unterstelle, einem repräsentativen Querschnitt der Bevölkerung mindestens nahezukommen) und Newsseiten-Kommentierenden einig, dass hier mal wieder die „Gutmenschen“ am Werk waren, die ihr undurchdringliches Netz der „Political Correctness“ über das Volk werfen. Nichts werde einem von diesen herumnölenden Linken gegönnt, nicht einmal die Freude über den Sieg von „uns“. Und natürlich wird auch, typisch deutsch, in das „Typisch deutsch, immer nur motzen“-Horn gemotzt.

Mal abgesehen davon, dass ich das Wir im Zusammenhang mit Sportereignissen nach wie vor unpassend finde und weiterhin das internationale Fußballevents umgebenden Fahnen-, Hymnen- und Massenzusammenrottungs-Gewese nervig finde, habe ich mir die Spiele der WM gern angeguckt und mich über den Gewinn der Weltmeisterschaft für das deutsche Team aufrichtig gefreut. Manchen mag das verwirren aber: Das geht tatsächlich. Aus einem lesenswerten Buch[1] habe ich neulich einen Begriff mitgenommen: Ambiguitätstoleranz. Das bedeutet, dass man die inneren Widersprüche der Dinge aushalten kann. Ich kann gleichzeitig die deutsche Mannschaft anfeuern und mich vor Fanmeilen gruseln. Ich kann den Gaucho-Tanz gleichzeitig dämlich finden, aber als nicht weiter schlimm einstufen. Ein bisschen Ambiguitätstoleranz könnte auch manchem gerade noch Empörten helfen. Denn auch wenn jemand wie ich dieses (Hurra-Patriotismus) und jenes (Gaucho-Tanz) am ganzen WM-Bohei dumm finden mag, ist der kein „Nestbeschmutzer“.

Bildquelle: Screengrab aus diesem YouTube-Video

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13 Kommentare

  1. I did spend some time and checked through the international press this morning and I couldn’t find anything about this in non-German newspapers… Only one little article in Argentina and even there the reader comments all agreed on this just being fun and nothing bad….

  2. Hervorragender Text, der des Pudels Kern trifft! Die Empörung über die Empörung ist teilweise schwer zu ertragen!
    Danke für diesen Text!

  3. Fahnen-, Hymnen- und Massenzusammenrottungs-Gewese…WTF ??? Gewese ? Richtig üble Wortwahl zu unverkrampften, unbekümmerten und lebenfreudebejahenden Menschen, die in einer Gemeinschaft Spass und Abwechslung finden. Wer weiss, wer da so alles Bekanntschaft knüpft, sonst allein ist/lebt. Was soll das immer, Menschen ihren freien Willen zu diskreditieren ? Grüsse

  4. Vielen Dank für diesen nüchternen, sachlich-pragmatischen – und letztlich versöhnlichen – Kommentar! Im ganzen Wust von Meldungen zum „Gauchogate“ eine von ganz wenigen sinnvollen und vernünftigen Äußerungen.

  5. Pingback: wm, gauchos und die deutsche hypersensibilität | wOrteXot

  6. Those are just a few everytime-complaining-people and mostly some journalists trying to do something during „silly season“ (hope thats how its called in english)… but hey, at least now international press has something to talk and lough about 😉

  7. Pingback: “Social Reaction Farming” – Wie BILD, Spiegel Online und Co. durch Nichtgeschichten Reaktionen im Social Media erzeugen | indub.io

  8. Pingback: 5 Cent für die Gauchos | STADTKIND

  9. Pingback: Too much information - Lesezeichen - Lesezeichen vom 17. Juli 2014

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