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Ein bewaffneter junger Mann verletzt mehrere Menschen und tötet sich daraufhin selbst.

Vorher hatte er seine Tat im Internet beschrieben, einen Abschiedsbrief verfasst, seit Monaten und Jahren seine Frustration in Blogs, auf Websites niedergeschrieben. Diese Seiten werden nach der Tat innerhalb von Stunden gesperrt. Offenbar bedarf es keiner bürokratischen Hürden, um Quellen für differenzierte Erklärungsmuster (nämlich solche aus erster Hand) der ohnmächtigen Öffentlichkeit vorzuenthalten.

In einer der noch nicht gesperrten Websites (auf einem amerikanischen Blogprovider) schwärmt der Täter zwar von Waffen, lässt auch seine Affinität zu PC-Spielen und Paintball – im Subtext wird aber deutlich, dass er vor allem ein junger Mann war, der frustriert vom Schulsystem war, der manchmal andeutet, dass er furchtbare Dinge erlitten haben muss, isoliert war, weil er isoliert sein wollte, der vielleicht nie soziale Kompetenzen erwerben konnte?

Meine Familie hat Besuch und sitzt unten im Garten, meine „Freunde“ sind warscheinlich im Freibad, …das Freibad; Ein Ort an den ich schon lange nicht mehr gehe, „zu öffentlich“ mein Argument, will den Menschen aus dem Weg gehen, um nicht noch mehr Scheiße zu erleben. Die Scheiße; Sie hat sich gelegt, wie ein Strum der Alles zerfetzt, und nun nur noch ein Regen ist und gelegentlich einige Keller vollaufen lässt. Damals war es schlimmer, das 5-8 Schuljahr war das extremste, jetzt hat es sich gelegt, es ist nict mehr so schlimm. Doch die Wunden sind geblieben, nicht nur Körperliche, nein, meist seeliche Wunden, und die Frage: Warum hat man das getan quält mich ebenfalls noch heute. Die meisten wissn es nicht, dachten ich ging jeden Tag zur Schule, mache nicht mit und geh wieder nach Hause. Das einzigste Mal das etwas wirklich nach aussen drang, war als man mir einen glühenden Fahrradschlüssel auf die Hand presste…da hat der Schulleiter Anzeige erstattet. Das wars dann aber auch. Von den anderen Dingen wollte niemand was sehehn, oder sie hat niemand gesehen.

Die Zeitungen morgen hingegen werden wieder zugeknallt sein mit Screenshots aus 3D-Shootern – überwiegend solche, in denen besonders viel Blut fließt (siehe auch). Wie so oft werden Myriaden von „Experten“ Ursache und Symptom verwechseln, verdrängen, dass eine vernünftige Gesellschaft eine solche Abstumpfung und Gefühlskälte gegenüber Mitmenschen gar nicht erst zulassen würde. Doch wo Ohnmacht ist, da ist Populismus. Und wieder wird eine Chance zur Selbstkritik, zur Bekämpfung monokausaler Erklärungsmuster verspielt.

Falls es sich jemand nicht so einfach machen möchte, hier werden Kopien der gesperrten Websites gesammelt und der Abschiedsbrief gezeigt. Ein unterstützenswertes Unterfangen, allein schon aus Gründen der Informationsfreiheit.

Vielleicht in dem Zusammenhang eine Empfehlung wert: Gus van Sants Film Elephant.

3 Kommentare

  1. Leider scheint der Link jetzt auch tot zu sein. Jedenfalls gibt’s dort einen 404.

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