Baby Resignation

Resignierter Hund
Bild: hungry_i (cc)

Der eine oder anderere mag sich wundern, wo denn die gesellschaftskritischen und Tagespolitik behandelnden Themen auf diesem Blog geblieben sind. Ich muss ehrlich gestehen, dass ich die Muße, derartiges zu behandeln, immer seltener finde. Anstatt meinem diesbezüglichen Ärger Luft zu machen, der stets eine adäquate Triebfeder für die Textproduktion war, schlucke ich ihn dieser Tage herunter. Resignation ist was furchtbares, aber die großen Schweinereien sind für mich nunmehr längst zum Alltag geworden. Die Leute lesen weiter „Bild“, wählen weiter CSPDU, fühlen sich weiter gut, wenn sie auf Hartz IV-Empfängern rumhacken, glauben weiter, Ausländer würden dieses unsere herrliche Land in ein Kalifat transformieren wollen. Alles driftet auseinander. Kannste dir die Finger fusselig schreiben, dass man Faschisten nicht an der Glatze, sondern an ihrem Menschenbild erkennt, es ändert sich nix. Man diskutiert stattdessen Nebelkerzen wie das Dekollete des Kanzlers, Rauchverbote, Managergehälter (deren Höhe eine Frechheit ist, unbenommen, aber auch nur eine unter vielen — zudem herrscht über das Thema weitestgehend Konsens, Politiker halten trotzdem in jedes Mikrofon plattwalzende Stammtischreferate, während sie sich insgeheim schon auf die nächste Diätenerhöhung freuen) oder die Menschenrechtssituation in China (um die es unbenommen nicht gut bestellt ist — aber vielleicht sollten wir erst einmal vor der eigenen Türe kehren, bevor wir den Kanzler dafür loben, wie großartig er sich auf dem diplomatischen Parkett der Weltpolitik bewegt, weil er es schafft in China Menschenrechte „anzusprechen“ und trotzdem mit Milliardendeals in der Tasche heimzufliegen).

Du brauchst ein dickes Fell, um den ganzen Scheiß zu ertragen. In dem Sinne bewundere ich auch redunzl, der ihn regelmäßig in wunderbar sarkastische Kleinodien verpackt. Ich bewundere fefe, dessen wertvoller Newsticker jeden Tag in seiner unverwechselbaren Nerditude die Sachen verlinkt, die man sonst nirgendwo liest. Oder zwei Tage später in jeder Tageszeitung. Jochen, mit dem ich zwar nicht immer übereinstimme, der aber seinen Frust so ungekämmt, drastisch und aufrichtig verpackt, wie er ihn empfindet (und ich ihn oft genug auf vergleichbare Weise empfinde), dafür — wie zuletzt beim schmierigen Sebastian Edathy oder in der Causa Ulfkotte — enormen juristischen Gegenwind erhält. Alleine das ist mehr wert als jedes Apple-BFanblog dieser Welt. Oder Dietmar, der sich jeden Tag mit einer kaum fassbaren Standhaftigkeit (ich weiß selber, wie schwer das ist) durch die braunen Blogs wühlt, die allerbraunsten Dinge herauskramt und ins rechte Licht rückt.

Ich habe in letzter Zeit viel zu oft keine Lust mehr auf derlei, so scheint’s mir zumindest gerade. Anstatt mein Blog mit sicherlich wichtigem, aber potentiell schlechte Laune verursachendem Inhalt zu befüllen, vergrabe ich mein Gesicht lieber in das flauschig-weiche Fell eines meiner Mitbewohner mit den langen Schnurrhaaren, genieße den dräuenden Sommer und bin insgeheim froh, nicht in der Nähe eines AKWs oder in einem Krisengebiet zu wohnen, noch nicht auf Hartz IV angewiesen zu sein und bis jetzt auch noch nicht beim Filesharing erwischt worden zu sein. Das ist keine Entschuldigung, ich weiß, und es soll auch keine sein. Aber ich habe den Eindruck, dass sich alles wiederholt und die Leute — was man auch tut — einfach nicht klüger werden. „Nur weil man sich so dran gewöhnt hat ist es nicht normal, nur weil man es nicht besser kennt, ist es nicht, noch lange nicht, egal“ (Kettcar – Deiche). Tja…

Katzenjammer? Vielleicht. Übrigens, beinahe vergessen in der obigen Liste: F!XMBR, deren strikte Anti-Kommerzhaltung sicher nicht jedermanns Sache ist, die aber — wie ich schonmal vor längerer Zeit schrieb — das Herz am rechten Fleck haben. Und wenn ich schon selber nix über die neuesten Auslassungen des Bundestags-Arbeitskreises „Arbeitslager oder gleich hinrichten? — Lösungssuche im Bereich der Langzeitarbeitslosigkeit“ schreibe, möchte ich doch wenigstens auf den sehr guten Artikel von Chris zum Thema verweisen: Workfare – Die Zwangsarbeit des 21. Jahrhunderts – Bald auch bei uns. Nein, ich halte den Vergleich der neuesten bzw. wiederaufgekochten Vorschläge von Glos und $wirtschaftsinstitut mit Zwangsarbeit nicht für übertrieben. Godwin’s Law my ass. Es ist schändlich, zum Zweck des Frisierens von Arbeitsmarktstatistiken Menschen unentgeltlich knechten zu lassen, mit der dem Grundgesetz widersprechenden Androhung, sie bei Verweigerung verhungern zu lassen und dabei nebenbei den Abbau regulärer Arbeit zu fördern (Jaja, natürlich passiert das nie! Siehe Zivildienst, siehe 1-Euro-Jobs), Arbeit als solches zu entwerten. Inspirierend sind unter dem Artikel auch die Kommentare von „blankeneserules“, die/der behauptet, dass wir uns volkswirtschaftlich weniger Arbeit leisten könnten. Dazu müsste man freilich erst einmal dem globalen und längst obsoleten Konzept nationalstaatlicher Konkurrenz entfleuchen. Und das wird eine schöne Utopie bleiben, so lange solche Karren auf unseren schönen Autobahnen fahren[1]:

Patriotenkarre

  1. am nächsten Tag war noch eine zweite Fahne auf der Fahrerseite angebracht [zurück]

18 Kommentare

  1. Ich verstehe dich gut. Man macht und tut und bewirkt scheinbar doch nichts. Es ist zum bebaumölen. Aber dann kommt wieder eine schüchterne Mail mit der sich jemand für die Arbeit bedankt, das motiviert.

    Dazu hilft mir die unbändige Wut, die mich jedesmal erfasst wenn ich in meinem Feedreader lese was unsere Herren so von sich geben. Es ist diese Wut und der Blick auf die dann meist noch oder schon schlafenden Kinder, die mich treiben. Meine Kinder sollen eine Zukunft haben. Nun erst recht.

    Ich experimentiere auch mit neuen Formen. Ich gebe mit Aufgelesen das weiter was andere gut gemacht, oder gehe mit Gesammelte Gemeinheiten in Form von Kurzkommentaren auf das ein, was schon rein zeitlich nicht alles einzeln bearbeitet werden kann.

    Ich habe mich organisiert. Schreibe vor und prüfe morgens vor der Veröffentlichung meist nur noch, ob was neues über Nacht dazu gekommen ist. Manchmal schiebe ich auch Beiträge, weil Neues, Wichtigeres ansteht. Ich werde „professioneller“.

    Das erleichtert die Arbeit. Organisation gibt Sicherheit. Längst habe ich Themenliste, die abarbeiten könnte und müsste. Das ist schon fast Profiblogging. Weniger Mühe aber natürlich nicht mühelos.

    Wie lange ich weitermache. Solange ich kann. An den Themen wird es sicher nicht liegen. Eher an der Zeit. Aber ich habe Gedanklich auch Urlaub vom Blog eingeplant.

    Hör bitte nicht ganz auf, mach ruhiger weiter. So wie du Lust hast und nicht wie du dich verpflichtet fühlst. Es ist schon lange kein Hobby mehr, sondern Arbeit. Und wir nennen es nicht nur so.

  2. Ja, es wird immer schwieriger seine Wut zu artikulieren. „Anger is an energy“ hat der Johnny Rotten mal gesungen, aber ich weiß auch bald nicht mehr, wohin ich die Energie kanalisieren soll. Mein Blog wird dieser Tage 6 Jahre alt. Da ist fast alles gesagt.

  3. Frank, du sprichst aus, was ich schon länger denke.. Zwar habe ich in letzter Zeit schlicht nicht mehr so viel Zeit, allerdings sammeln sich trotzdem die halbfertigen Artikel bei mir an.. Jedes Mal fange ich einen an und denke mir zur Hälfte hin, muss das denn sein? Habe ich dies nicht schon mal geschrieben oder in dieser Form beschrieben gesehen?

    Zuletzt dachte ich daran einen wöchentlichen Artikel „Frechheit der Woche“ zu schreiben, da ich mir inzwischen denke, dass es „in Ordnung“ ist, wie sich Politiker bevorteilen und wie sie Eigeninteressen vertreten. Das sollten wir inzwischen einfach so hinnehmen. Schlimm finde ich es, wenn dies auf eine Art und Weise passiert, die geradezu losschreien möchte „ja, schau her, ich tu dies, obwohl ich nicht darf, aber es interessiert mich nicht, was du davon hälst.“ So z.B. unser aller Schily mit seiner behämmerten Weigerung seine Nebenverdienste offenzulegen.

    Das Problem ist doch: wir sind sehr gut informiert. Der Meinungsaustausch findet statt und es werden teilweise Ideen und Vorschläge erarbeitet, wie man Fehler bereinigen kann (meist: welche Politiker nicht mehr gewählt werden sollten), aber tatsächlich geschieht NICHTS. Das ist m.E. sehr frustrierend. Ich kann über keine Katzen schreiben, aber ich hatte mir auch schon gedacht, ein Wissenschaftsblog aufzumachen, um zumindest schreibtechnisch noch was hinzubekommen..

    Grüße aus der Versenkung.

  4. Es freut mich aber, liebe Leute, dass ich damit nicht allein bin. Und wer weiß, vielleicht rücken ja ein paar jugendliche Sturm&Drangler mit adäquater Gesellschaftskritik nach?

    (Oje, das klingt alles so endgültig)

  5. Sooo bekannt. Leider. Ich will in keinster Weise behaupten, jemals auf dem selben Level gebloggt zu haben (wenn überhaupt, hatte sich das immer in Kommentaren und Foren manifestiert), aber dennoch: im Moment blogge ich quasi, als würde ich twittern (obwohl ich das gar nicht tue), obwohl es genug zu bloggen und vor allem aufzuregen gäbe.

    Von daher kann ich Jochen nur zitieren:

    So wie du Lust hast und nicht wie du dich verpflichtet fühlst.

    Das nimmt die Endgültigkeit. Den Frust leider nicht immer.

  6. Wenn ich nicht gerade in Urlaub wäre und meine Online-Zeit nicht rationieren müsste, hätte ich es geschrieben. Danke, dass du es mir abgenommen hast. Mit fast jeder Zeile d’accord. Einzige Ausnahme: Ich habe keine Katze.

  7. Im BlogDesk stapeln sich auch bei mir politische Textbauruinen: Finanzsystem, Monsanto, Transhumanismus, Neoliberale etc. Resignation regiert und ich gehe immer mehr ins Fiktive und „Private“. Aus dem selben Grund wie du – selbst wenn ich im Gegensatz zu dir, politisch immer nur ein Kurzsatz-Schmalspurblogger war.

    Meine Wut ist nicht verraucht, sie brennt noch und ich bin dankbar für jeden der fachlich-sachlich oder polemisch-wütend Zeige- und Mittelfinger gegen das System und seine Schergen streckt. Ich selber stecke diese Kraft gerade in andere Dinge und wenn es auch nur mal eine nette kleine Geschichte ist. Das ändert sich auch wieder und wach bleibe ich nach wie vor.

    Danke für diesen Artikel, Frank.

  8. Pingback: Wer tötet am Sozialsten? Heute mit der CDU, der FDP und Brigitte Zypries | F!XMBR

  9. Danke für diesen Beitrag. Der spricht mir wirklich aus der Seele. Ich fühle mich schon schlecht, wenn ich es nicht schaffe, die genannten politischen Blogs zu lesen, an schreiben ist da gar nicht zu denken. Ich hätte mich selbst früher als unpolitsch bezeichnet. Heute kotzt es mich an, mit welcher Ignoranz die Leute den so dringenden Problemen dieser Gesellschaft gegenüberstehen und das schlägt einfach immer wieder in Resignation um. Ich könnte jetzt ein halbes Dutzend Zitate von Kettcar anbringen, ich mach lieber die Musik an und versuche mich vor HartzIV zu retten (-> Arbeit). Gruß Alex

  10. Pingback: Was Kopfhörer und Social Networking gemeinsam haben

  11. Pingback: Dauerfeuer Verarsche » Blog Archive » Eine Woche Urlaub

  12. Pingback: Resignation? Nein. Eine Replik. « nova express

  13. schreib ruhig weiter, auch resigniert lese ich deine beobachtungen und anmerkungen gerne. und an alle, die halbfertige texte haben und nicht weiter kommen: einfach eine kategorie fragmente einrichten. wenn nur ein guter gedanke dabei ist, hat sich das schreiben schon gelohnt

  14. Pingback: Wider die Resignation - Citronengras

  15. Hallo!

    Ich habe mich gewissermaßen auf diese Seite
    verlaufen und ob ich so umfangreich informiert bin wie die meisten Schreiber hier ist stark anzuzweifeln. Unzweifelhaft ist aber das die Schilderungen allesamt zutreffen. Resignation entsteht aus dem Gefühl eine wichtige Sache nicht zu einem erfolgreichen Ende gebracht zu haben. Das ändert nichts daran das es diese Aufgabe weiterhin gibt. Resignation ist ein Zeichen von Erschöpfung. In solchen Momenten hilft mir ein Zitat von Wilhelm Busch:“Ausdauer wird früher oder später belohnt – meistens aber später.“ Angesichts der gesteckten Ziele ist zu erwarten das du später ankommst.
    Hauptsache du bleibst unterwegs.

    Daumen hoch!

    Harry

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