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Foto: Slice (cc )

Die Ausdauer und Vehemenz, mit der im Moment diverse klassische Medien, allen voran die Süddeutsche Zeitung gerade versuchen, eine vermeintliche Irrelevanz von Blogs zu belegen, stellt ja bereits einen Widerspruch in sich dar. Dem entspricht die diffuse Stoßrichtung der Kritik, wie sie etwa der Medienwissenschaftler Geert Lovink, der sogar ein Buch über ebenjene Irrelevanz geschrieben hat, im ZEIT-Interview äußert: Sind es nun die profanen Inhalte (Katzenblogging) oder die Ünüberschaubarkeit einer Kakophonie aus vielen Millionen Stimmen, die Blogs so unzumutbar machen? Zum ersten Ansatz kann man einwenden, dass es schon einen Grund gibt, warum Menschen digital ihr Mittagessen, ihre ganz persönliche politische Philosophie oder den Zustand ihres Stuhls thematisieren. Mag sein, dass es ein naives Geltungsverlangen ist. Ein ähnliches vielleicht, das uninteressante Menschen in die zahlreichen uninteressanten Reality-TV-Formate drängt. Man muss das nicht gut finden, aber es ist falsch, diese Kritik an ein spezifisches Medium oder ein Buzzword wie das Web 2.0 zu knüpfen. Denn es sind die Menschen, die sich zum Horst machen und Horst-Blogs neben Talk- und Castingshows nur eine mögliche Ausprägung der durchaus kritikwürdigen öffentlichen Ausstellung von Doofheit in weiten Teilen der konsumistischen Unterschicht.

Ich sehe das eher pragmatisch. Wenn sich jemand Relevanz einbildet, weil täglich 50 Besucher per Google in das höchstselbst eingerichtete Unsinnsblog einfallen, ist das zwar ein trauriger Fall, aber eben immer noch besser, als sich von einer Kamera in den Swingerclub begleiten zu lassen, eine freie Kameradschaft zu gründen oder sich am Freitagabend dem gehirnzerfasernden „Comedy“-Programmen der privaten TV-Sender auszusetzen. Und mehr: Bloggen erfordert ein Mindestmaß an Reflexion, der Fähigkeit eigene Gedanken zu systematisieren und zu verschriftlichen und der Bereitschaft, sich mit daran anschließenden Gedanken anderer zu konfrontieren — trainiert diese Eigenschaften sogar. Wie kann denn das schlecht sein? Man bedenke die Alternativen. Was ist denn nun so schwer daran, Blogs als ein Medium zu sehen? Eines, das zwar Inhalt, Präsentation und Kommunikation auf atemberaubend neuartige, einfache Weise zu verknüpfen in der Lage ist, aber dennoch nur ein Medium.

Lovink hat zudem schon im Titel gebenden Leitmotiv seines Buches („Zero Comments“) unrecht. Blogs werden gelesen. In den allermeisten Fällen. Wer kein oder nur negatives Feedback bekommt, gibt es in der Regel nach ein paar Monaten auf. Gute Inhalte aber werden verlinkt und diskutiert. Man möge es mir verzeihen, aber für die Betrachtung der Blogosphäre lassen sich durchaus Marktgesetze anwenden: Was nicht erwünscht ist oder eine schlechte Qualität hat, sinkt ganz schnell in der Gunst der Leser. Der hält mit Aufmerksamkeit und Zeit immerhin zwei hochwertvolle Ressourcen, die es nicht zu verschwenden gilt. Freilich differieren die Kriterien der Rezipienten erheblich und so gibt es auch für beinahe jede Art von Inhalt eine Nische. Zwar nicht blogspezifisch, aber vergleichbar: Ich rufe die Leserkommentare unter einem Welt-Artikel, der sich nur andeutungsweise mit dem Islam, Menschen muslimischen Glaubens oder Ländern, in denen der Islam verbreitet ist, beschäftigt, nicht mehr auf, weil ich genau weiß, dass dort überwiegend das gleiche Pack wie bei PI und Co ihre Buchstaben gewordenen xenophobe Gülle absondert. Dafür ist mir meine Zeit zu kostbar. Befasst man sich einige Monate mit den Möglichkeiten und Dimensionen des partizipativen Webs, lernt man nämlich zwangsweise, nach persönlichen Maßstäben Irrelevantes herauszufiltern. Wer nicht in der Lage ist, mit der Kakophonie der Massen an Stimmen im Web umzugehen, sollte seine Meinung auch nicht so prominent herausposaunen. Deswegen gehen auch die Polemiken von Henryk M. Broder und Jörg Thadeusz ins Leere. Die gleichermaßen von beiden beanstandeten 9/11-Verschwörungstheorien haben sich zwar dank des Webs zwar schnell verbreitet, aber an der Tatsache, dass die Menschen Interesse an der Thematik haben und – ich drücke mich mal vorsichtig aus – gewisse Begleitumstände alternativen Erklärungsansätzen einen feuchten Nährboden lieferten[1], daran ist nicht initial das Web schuld. Wenn die Herren Kolumnisten gleichzeitig behaupten, eine Sache sei nicht beachtenswert, ihr aber ein Maximum an Aufmerksamkeit bescheren und dazu auch noch elitär auf dem eigenen Status als Meinungsmacher (Betonung auf -macher!) beharren, dann komme ich nicht umhin, den Herren zu bescheinigen, dass sie über das, worüber sie reden, keine Ahnung haben.

Die meisten Menschen verstehen die Pflege und Befüllung ihres Blogs (in variierenden Verhältnissen) als Hobby. Abgesehen von der Gemeinsamkeit „Lust am Veröffentlichen“ ist aber eine weitere Parallelität der Inhalte und Ansprüche von z.B. Katzen-, Watch- und Musikbloggern zu konstatieren/konstruieren etwa so sinnvoll wie die Sammler von Briefmarken, Nazi-Devotionalien und Düsenjets in einen Topf zu werfen. Weil: Die sammeln alle.

Having said this, bleibt die Frage was etablierte Medien dazu bringt, Blogs auf das Podest des Angreifers auf die eigenen Pfründe und Kompetenzen zu heben. Eine Konkurrenzposition, die sie überhaupt nicht verdienen, aber in der Regel auch nicht für sich in Anspruch nehmen. Vielleicht mal mutmaßen: Es gibt einige (wenige) Blogs, die von Leuten gemacht werden, welche sich in ein, zwei Themenbereichen wirklich gut auskennen, die umfassend Informationen zu vermitteln in der Lage sind. Wenn man solche Blogs regelmäßig liest, steht man bei der Berichterstattung in den Printmedien irgendwann da und denkt: Das ist aber schlecht. Das soll eine Neuigkeit sein? Das stimmt ja gar nicht. Informieren die mich nur bei diesem Thema so schlecht oder ist das auch bei den Sachen so, wo ich ich nicht die zur Überprüfung notwendige Informationsbasis als Vergleichsgröße habe? Informationskanäle werden spezifischer, die Informationsbreite vergrößert sich für die Menschen, die dazu gewillt sind, sich auf die Suche nach den jeweiligen Kanälen zu machen. Die Qualitätspresse hingegen verschmälert ihre Redaktionen und greift immer stärker auf Agenturcontent zurück bzw. schlimmstenfalls auf vorformulierte Propagandaschnipsel . Ich kann mir gut vorstellen, dass in den Print-Redaktionen starke Muffensausen herrschen, aus Angst, dass immer mehr Leser nach „online“ abwandern, die Meinungsmacherkompetenz gar den Redaktionen klammheimlich aberkennen und sich selbst zubilligen. Das Wühlen in der großen Kiste der Denunziation, um zumindest den Status Quo zu verteidigen, wäre in diesem Fall eine nachvollziehbare Aktion.

Das ist aber gar nicht nötig. Menschen lesen Blogs und Zeitungen. Parallel, beides aus unterschiedlichen Gründen. Blogs und Citizen Journalism werden Zeitungen nicht ersetzen. Warum? Blogs sind chaotisch, Blogs sehen scheiße aus, Blogs sind voller Quatsch, Blogs kriegen keinen die Martwirtschaft gottgleich anpreisenden Roland Koch vor die Sprechmuschel (und das ist auch gut so). Solange die Zeitungen Kontakte und Recherchemittel besitzen, ihre Schreiberlinge bezahlen, eigene Spezialisierungen, Korrespondenten und Experten haben, ihre Qualitätsversprechen zu halten in der Lage sind, seriös wirken und auch in der S-Bahn lesbar sind, solange sie mich auch mal auf ein Thema hinweisen, von dem ich gar nicht wusste, dass es mich interessiert, schlicht weil es sich auf einer Seite mit zwei anderen interessanten Artikeln befindet, und nicht zuletzt: Solange Millionen Menschen überhaupt kein Problem damit haben, sich tagtäglich wissentlich durch das Schmierblatt mit den vier Buchstaben belügen zu lassen — solange wird es auch einen Markt für mediokre Printmedien geben.

  1. Der Autor dieser Zeilen glaubt übrigens die „offizielle“ Version, erkennt aber einige Ungereimtheiten und den fehlenden politischen Willen zur Aufklärung an. Das nur am Rande. [zurück]

4 Kommentare

  1. Ich lese seit ich blogge keine Zeitungen mehr. Warum? Weil sie unzuverlässig, ungeordnet und wenig informativ sind. Also all den Gründen, die häufig gerade „den“ Blogs vorgeworfen werden. Die aber, im Gegensatz zu „den“ Printmedien, wenigstens noch Diversität darstellen – ich kann also selbst auswählen, was ich lese, werde nicht zum dpa-Konsum gezwungen.

  2. Pingback: Nur mein Standpunkt » links for 2007-12-29

  3. Das ist auf jeden Fall der beste Artikel, den ich zu diesem Thema bisher gelesen habe. Großes Lob an den Autor! Die Kernpunkte der Analyse erscheinen mir richtig.

    Zu Simon Columbus:

    Also Blogs die zuverlässiger, geordneter und informativer als die Süddeutsche, FAZ oder Zeit sind müsstest du mir zeigen. Ich halte es ganz allgemein für sehr bedenklich seine Quellen zu sehr zu beschränken, da sonst die Möglichkeit der Überprüfung vermittelter Inhalte nicht besteht.

    Informationen zu erhalten und dadurch zur eigenen Meinungsbildung befähigt zu werden, kann ich mir ohne eine normale Zeitung zu lesen kaum vorstellen. Darüber hinaus habe ich eine Abneigung gegen langes Lesen am Bildschirm, aber das ist wohl eher ein persönliches Problem.

    Ich kenne mich in der Blogospähre nicht so gut aus. Von daher kann mein Urteil, dass der hier produzierte Inhalt Printmedien in absehbarer Zeit nicht ersetzen kann, auch falsch sein.

  4. Pingback: Besinnliche Feiertage II: Blogs

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