Bedrohungen

Die (Britische, d. Übers.) Außenministerin Margaret Beckett erklärte gegenüber der BBC, dass das Ziehen einer Verknüpfung zwischen Regierungspolitik und Terrorbedrohung der ’schwerstmögliche Fehler‘ wäre. Solche Ansichten seien „Teil einer gestörten Weltsicht, einer gestörten Sicht des Lebens. Lassen sie uns die Schuld da suchen, wo sie hingehört: Bei Menschen, die ausschließlich unschuldiges Leben nehmen wollen.“ *

The Guardian: Beckett weist Verknüpfung zwischen Außenpolitik und Terrorismus zurück (Beckett rejects link between foreign policy and terrorism), 13. August 2006.


In Gefahr: Unsere Freiheit
(Installation, Foto: switch_1010)

Dieses Zitat als Reaktion auf den Brief der muslimischen Communities in Großbritannien ist bezeichnend. Bis dato war die offizielle Begründung für die Frage, warum „die“ „das“ denn machen, also die Terroristen Selbstmordattentate verüben, der Hass, der heilige. Sie hassen uns einfach. Für unsere Freiheit.

Das konnte man so hinnehmen, musste man aber nicht. Hatte man bis dato an öffentlicher Stelle angezweifelt, dass die Gründe von Terroranschlägen solch einfach gelagerte sind, wurde man lediglich von den üblichen Gossenpolemikern als Gutmensch oder Terroristenversteher beschimpft. Nun aber hat die Himmelsrichtung der Meinungsfreiheit in seiner Anti-Terror-Rhetorik eine neue Qualität erlangt: Nun werde ich nämlich auch von staatlicher Seite als geisteskrank tituliert, wenn ich äußere, dass ideologisch verbrämte (verzweifelte) Menschen furchtbare Dinge tun als Antwort auf nicht minder ideologisch verbrämte furchtbare Dinge, die Staaten vollbringen – die aber legitim sind, eben weil es „nur“ Staaten sind.

Kurze Unterbrechung. Das Wahrheitsministerium informiert über den Televisor.

Emphatie ist gefährlich! Wer versucht, sein Gegenüber oder den islamistischen Gegner zu verstehen, riskiert die innere Sicherheit und Ordnung des Landes. Die Bombardierungen Afghanistans, der Krieg im Irak und die Zerstörung des Libanon waren notwendige Akte der Selbstverteidigung. Ein Zusammenhang zwischen diesen und den Terroranschlägen ist nicht zu sehen. Die sind böse, wir verteidigen uns nur.

Die Überwachungskameras, die zentrale Speicherung der aus der Bibliothek ausgeliehenen Bücher und die Protokollierung der Orte, an denen sie mit ihrem Auto gewesen sind, dient ihrer eigenen Sicherheit! Bitte melden sie verdächtige Umtriebe in Bekanntenkreis, am Arbeitsplatz und der Familie. Es dient der Verteidigung der Freiheit und dem Kampf gegen den Hass.

Terror ist nur solange irrational, wie keine Auseinandersetzung mit den Ursachen stattfindet. Nur so kann er seine dämonische Wirkung, nämlich Angst, behaupten. Was wir kennen, macht uns keine Angst und kann bekämpft werden.

Freilich wissen das die Machthaber. Eine kluge und reflektierte Bevölkerung jedoch ist das größte Übel, welches es für dieses geben könnte: Wenn Menschen erkennen, dass Länder wie, lass es Schweden sein, aus gutem Grund nicht angegriffen werden, könnte ja die eigene Unfehlbarkeit in Frage gestellt werden. Und der Verlust der eigenen Autorität, bei den nächsten Wahlen vielleicht sogar der Macht wäre viel schlimmer als das eine oder andere kollaterale Opfer.

Ich möchte es mal ganz deutlich ausdrücken: Die Vereinigten Staaten, das Vereinigte Königreich und Israel verhalten sich aussenpolitisch momentan so dumm wie es gar nicht dümmer geht. Mit ein wenig gesundem Menschenverstand erkennt man, dass das Weltbild der El-Qaida (Al-Kaida?) nur gestärkt wird durch Denkverbote und Beschneidungen der Bürgerrechte, durch rücksichtsloses Bombardieren und Töten unschuldiger Menschen und die vorbehaltlose Unterstützung israelischen Staatsterrors**.

Terror – sicher – furchtbare Sache. Aber sind die hier verlorenen Menschenleben mehr wert als die unzähligen namenlosen, im Rahmen so genannter Verteidigungsaktionen westlicher Staaten getöteten?



* (…) Foreign Secretary Margaret Beckett told the BBC that drawing a link between government policy and the terror threat would be the ‚gravest possible error‘. She said such suggestions were ‚part of a distorted view of the world, a distorted view of life. Let’s put the blame where it belongs: with people who only want to take innocent lives.‘

** Zu dieser Formulierung, die mir sicher harsche Kritik einbringen wird, habe ich mich durch die aktuellen Ereignisse, aber auch durch den hervorragenden Film Peace, Propaganda and the Promised Land inspirieren lassen.

1 Kommentar

  1. Ich denke, die Vereinigten Staaten und Israel verhalten sich im Gegenteil sehr rational, was ihre Interessen betrifft. Sie wollen polarisieren und nicht deeskalieren. Sie wollen den Graben zwischen dem Islam und ihren Gesellschaften so vertiefen, dass sich irgendwann jeder entscheiden muss. Sogar gemäßigte Schichten werden dadurch gezwungen, in diesem Konflikt Partei zu ergreifen. Das Ziel ist meiner Meinung nach so etwas wie eine Endlösung (keinerlei dumme Assoziationen bitte!) zu Ungunsten des Islams. Die Frage, die ich mir stelle ist, wie stark die Religiosität tatsächlich eine Rolle spielt. Wie immer wird sie wohl nur ein Instrument sein.

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