Das Drama der beknackten Übersetzung

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Ich ärgere mich schon seit einiger Zeit über die wachsende Anzahl von Unternehmen, die ihre Übersetzungen „crowdsourcen“. Meint: Von der Menge der Menschen übersetzen lassen, die den Dienst nutzen und ihn gerne in ihrer Sprache haben möchten. Das sieht normalerweise so aus, dass Nutzer mit einem irgendwie in die Webseite integrierten System Vorschläge für die Übersetzung einiger Strings, also Wort- und Textfetzen machen können. Alle Nutzer stimmen dann darüber ab, welche Übersetzung am besten ist scheint, und — zack, die Bohne — hat man im Nu das ganze Portal übersetzt.

Twitter praktiziert das, Facebook praktiziert das, WordPress macht das, sehr viele andere Webdienste machen das so. Die Vorteile der auf die graue Masse abgewälzten Arbeit sind unbestreitbar: Es kostet nichts und in dem Moment, in dem ein neues Feature auf den Server geschoben wird, hat man quasi schon das passende Wording für alle Weltsprachen von Kisuaheli bis Klingonisch in der Tasche. Nicht übersetzte Sachen belässt man auf der Seite einfach in Englisch, so lange bis sich einer der User erbarmt und übersetzt. Es gibt dabei jedoch auch ein dickes fettes Problem:

Was Friseure können, können nur Friseure. Genauso verhält es sich mit der Übersetzerei. Ich habe mir zumindest ein paar Monate meine Sporen in dem Metier verdient, übrigens ohne auch nur im Ansatz ein guter Übersetzer geworden zu sein. Man kann Übersetzerei sogar studieren. Kasi Knaxi dabei sind eben, dass der ach-so-weisen Masse einerseits das nötige Sprachgefühl für Ausgangs- und Zielsprache fehlt, andererseits, dass Lieschen Müller denkt, eine gute Übersetzung müsse eins-zu-eins erfolgen.

Um das mal am ein einem Beispiel zu illustrieren: Auf der Startseite von Facebook steht folgender Satz:

Facebook helps you connect and share with the people in your life.

In der deutschen Version heißt es

Facebook ermöglicht es dir, mit den Menschen in deinem Leben in Verbindung zu treten und Inhalte mit diesen zu teilen.

Ein Satz von signifikanter Sperrig- und abgrundtiefer Hässlichkeit. Wenn man bedenkt, dass die Startseite von Facebook in Deutschland — grob geschätzt — eine Milliarde mal im Jahr aufgerufen wird, ist es schon sehr fahrlässig, hier mit Müllhaldendeutsch um sich zu werfen. Eine kleine Kritik der Sprachvernunft, in vier Punkten:

  • Im Allgemeinen verwendest du im Deutschen eine allgemeine statt einer direkten Ansprache, was historisch — vermute ich — mit der Unsicherheit bei der Entscheidung zwischen dem vornehmen „Sie“ und dem freundschaftlichen „Du“ zu erklären ist. Hast du’s gemerkt? Es klingt komisch, wenn ich dich im Deutschen direkt anspreche. Facebook macht das aber. Es strömen übrigens immer mehr Senioren zu Facebook, findest du die Vorstellung nicht auch befremdlich, dass Herrschaften jenseits der 70 von einer Webseite angekumpelt werden? Wie dem auch sei, „Man“ statt „Du“ ist in einer nicht an eine bestimmte Person gerichteten Aussage meist besser. Werbung und Marketing mögen da immerhin eine Ausnahme sein. Das ist aber auch furchtbar — man denke an IKEA („Danke, dass du deine Kinder aus dem Småland später auch wieder abholst!“).
  • Hilfsverbenkonstruktionen wie „to enable someone to“, „to allow for something“ oder „to help someone to do something“ klingen, direkt übersetzt, immer etwas hakelig: „X ermöglicht es dir, Y zu tun.“ Im Deutschen geht man die kürzere Route und sagt einfach „Mit X kann man Y“. Eine der wenigen Gelegenheiten, bei der sich die deutsche Zunge mal etwas sparsamer als die englische erweist.
  • „Inhalte teilen“ sagt kein Mensch im Alltag, das ist Socialmediaconsultingdeutsch. Gedanken mitteilen, meinetwegen Fotos posten oder etwas metamäßiger „in Kontakt bleiben“ klingt viel schöner und hat deutlich mehr RL-Bezug.
  • Ich will hier ja nicht auf Kleinigkeiten herumreiten, aber das Demonstrativpronomen „und Inhalte mit diesen zu teilen“, wobei sich „diesen“ auf die Menschen bezieht, klingt eindeutig zu unfluffig für einen pfiffig hingerotzt wirken sollenden Werbeclaim.

Auch sonst ist der Facebook-Satz nicht toll, aber das liegt auch schon am dämlichen englischen Original. Wenn die Leute doch im eigenen Leben sind, warum muss man sich mit denen dann noch verbinden?

Ein stringbasiertes Übersetzungssystem, in dem Texte nur fetzenweise übersetzt werden, ist das nächste Problem. Sätze und Wörter werden von den wohlmeinenden, aber schlecht agierenden Freiwilligenscharen aus ihren Kontexten gerissen. Stell dir vor, du bist freiwilliger Übersetzer für eine Open Source-Software und du wirst nach einer passenden Übersetzung für die Phrase „Enter“ gefragt. Ist damit die Enter-Taste gemeint? Soll es „Tritt ein“ heißen? Oder etwas anderes? Das ist nicht immer aus dem Kontext ersichtlich, genausowenig, ob das Wort auch zwei Sätze früher genauso übersetzt wurde. Okay, das Beispiel klingt vielleicht ein wenig profan, ist aber tatsächlich eine ernsthafte Herausforderung. Ein professioneller Übersetzer versucht, mit Translation Memory-Software und dem sklavischen Einhalten von vorher festgelegten Style Guides, dies zu verhindern.

Jetzt hätte ich in diesem Minirant doch glatt vergessen, worauf ich eigentlich hinauswollte. In einem Blogeintrag auf vilepickle.com wird darauf verwiesen, dass die Südafrikaner mehrheitlich die Facebook-Profiloption „I’m interested in“ mit den Optionen „men“ und „women“ anders verstehen als die US-Amerikaner. Während die Noramerikaner wohl eher Hintergedanken ans Schnackseln haben — da zeigt sich mal wieder, Klischeekeule raus, die Vergangenheit Facebooks als College-Netzwerk — denkt der Südafrikaner ganz unschuldig, er würde gefragt, mit welchen Gendern er befreundet sein möchte, kreuzt beides an und macht den Amerikaner denken, er sei bisexuell. Missverständnisse in der internationalen Diplomatie sind da vorprogrammiert. Okay, das hat zwar nichts direkt mit Übersetzungen zu tun, denn in Südafrika wird natürlich auch Englisch gesprochen, aber mit der Tatsache, dass es kulturelle Feinheiten gibt, die beachtet werden sollten, wenn man mit einem sozialen Webdienst international an den Start geht.

Und deswegen sollte man auch Übersetzungen doch bitte jemanden machen lassen, der sich in beiden Sprachen und seinem Fach gut auskennt. Das kostet nur ein paar hundert Euro, macht aber einen gewaltigen Unterschied, selbst wenn er nur unterbewusst wahrgenommen wird. Denn, liebe Leute von Twitter, Facebook und Konsorten, Übersetzungsprofis ermöglichen es euch und euren Nutzern, mit Menschen aus der ganzen Welt in Kontakt zu treten und Inhalte zu teilen, ohne dass von diesen Missverständnisse erzeugt werden. Dazu ist der Quatsch schließlich da.

15 Kommentare

  1. wenn ich das richtig verstehe, hat aber das südafrikanische problem gar nicht so viel zu tun mit der übersetzung, weil (zumindest einige) südafrikaner auch englischsprachig sind. oder!?

    trotzdem hast du natürlich recht, auch wenn es mir persönlich nicht so seltsam vorgekommen ist. (wahrscheinlich haben meine freunde noch schlechteres deutsch, und deshalb bin ich schon über richtige satzstellung erfreut…)

    und: macht google translate das eigentlich auch? das würde nämlich erklären, wieso „Kylie Minogue“ rauskommt, wenn man „justin bieber“ aus dem dänischen ins englische übersetzt…

  2. Du hast natürlich recht, Matze. Ich hatte beim Schreiben des Artikels noch im Hinterkopf, dass ich das in meinem argumentativen Brückenschlag noch deutlich machen wollte, angesichts der fortgeschrittenen Stunde ist mir das aber entglitten. F7U12. Jetzt habe ich das mal noch etwas genauer reingeschrieben.

  3. Also wenn Facebooks beknackte Übersetzungen dazu beitragen, dass wir uns in Deutschland in Richtung „du“ statt „man“ oder „sie“ bewegen, dann kann ich damit gut leben 🙂

    Ansonsten hast du natürlich völlig recht, sehr schöner Artikel.

  4. Ich bin zwar noch lange nicht im Seniorenalter, aber auf diese ungefragte Duzerei allenthalben reagiere ich inzwischen zunehmend aggressiver. Im Offline-Leben sieze ich penetrant zurück, bis es auch der letzte berufsjugendliche Mittvierziger, Applestoremitarbeiter und die letzte Marktforschungsschnepfe schnallt. Kann man doof oder spiessig finden, klar. Aber da es sich fast immer um Leute handelt, die mir etwas verkaufen wollen, kann ich mein Geld auch dorthin tragen, wo ich höflicher behandelt werde.
    Die AAL-Methode des crowdsourcing finde ich noch okay bei ehrenamtlichen oder open source Projekten wie WordPress.org. Bei kommerziellen Seiten wie Facebook ist das unmöglich (und noch ein Grund, den Laden nur eklig zu finden).

  5. Wer will denn mit aller Gewalt das Verb „ausrollen“ im Zusammenhang mit Android in die deutsche Sprache integrieren?

  6. Das penetrante Duzen finde ich (Jahrgang 68) auch nervig, klingt schnell nach pseudo-kuscheliger IKEA-Familie. Den zitierten gar gräßlichen Facebook-Claim finde ich aus noch anderen Gründen komplett erbärmlich: Weshalb sollte ich ein soziales Netzwerk benötigen, um „mit den Menschen in meinem Leben in Verbindung treten“ zu können? Entweder es sind „Menschen in meinem Leben“, und dann treffe ich sie, umarme sie, erzähle ihnen was Wichtiges, schreibe ihnen Briefe oder Emails, rufe sie an etc. und trinke ein Glas Wein mit ihnen. ODER es sind eben jene „Menschen in meinem Online-Leben“, mit denen ich kaum oder nie Kontakt habe, aber dank Facebook stets und unfreiwillig über deren momentane Befindlichkeit (inklusive aller intimer Details wie Verdauungsstörungen, Partnerschaftskatastrophen und Job-Desaster) informiert bin.
    Der Anspruch, den Facebook da formuliert, dass man nämlich nur durch deren Angebot mit den nahen Mitmenschen auch im tatsächlichen und echten Kontakt bleiben kann, finde ich ganz fürchterlich eklig!

  7. Du sprichst mir aus dem Herzen.
    Ich ärgere mich auch immer wieder, wenn milliardenschwer börsenbewertete Unternehmen an den paar Kröten für eine professionelle Übersetzung sparen. Man sollte seinem Produkt doch soviel Liebe zukommen lassen, dass es in allen angebotenen Sprachen professionell daherkommt. Google ist meiner Meinung nach genauso holprig.
    Wo möglich folge ich immer dem Tipp von eldersign und benutze lieber die Englische Version.

  8. @kki also zum thema ekel sollte man als ärtzelobbyistin den ball ganz flach halten.

  9. Das Desaster fängt vor allem schon bei der deutschen Sprache an. Das allein wäre ja nicht besonders schlimm, wenn nicht gerade die, die sich besonders berufen fühlen, meist überhaupt keinen Schimmer haben von der eigenen Sprache. Wenn ich z.B. in die deutsche Wikipedia reinschaue, kräuseln sich jedesmal die Fußnägel.

  10. Ich finde ganz schlimm das man sich zwischen „Du“ und „Sie“ entscheiden muss. Ist, zumindest in meinem Fall, beides nicht optimal. Deshalb versuche ich die direkte Ansprache möglichst immer zu vermeiden. Das ist aber auch krampfig.

    Meine Besucher sind wohl erstmal eher zwischen 10 und 40 und eher netzaffin. Das spricht fürs „Du“. Allerdings gibt es auch sehr viele Menschen die das „Du“ gar nicht mögen, natürlich auch jüngere. Die verschreckt man dann leider. Persönlich ist es mir eigentlich egal.

    Das ist ja leider eine Frage die polarisiert und noch dazu kann es keinen guten Kompromiss geben! Oder hat wer einen?

  11. @Westernworld Magst Du das näher erläutern, warum Du mich als Ärztelobbyistin titulierst, oder wirfst Du einfach mal so mit komplett an den Haaren herbeigezogenen Beleidigungen um Dich? Wann und wo habe ich Deiner Ansicht nach Ärztelobbyismus betrieben?

  12. @Abfallkalendersebastian: Erwischt. Es gibt aber auch kein wirklich gutes deutsches Wort dafür. Verteilung?

    @The Personalist: Der Text behandelte ja keine Anglizismen, die finde ich ich nämlich okay und als Stilmittel sogar oft ganz brauchbar.

    @Westernworld: Das mit dem Ärztelobbyismus verstehe ich auch nicht so ganz. Erläutere!

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