Berliner Rand

„Berliner Rand“ ist eine Dokumentation über Jugendliche aus Berlin, die zum Teil jenseits der Elendsgrenze existieren.

Ich möchte hier gar nicht mit Inhaltsangaben und halbseidenen Analysen herumlavieren, sondern nur zwei Aspekte hereinbringen, die in den lobenden Besprechungen der Doku vom Tisch gefallen sind.

Das eine ist die Tatsache, dass der Film durchaus suggestiv war. Vielleicht nicht so, wie eine dieser Krawalldokus auf die Privatsendern, die in erster Linie dem Zweck dienen, dass sich die Zielgruppe dessen versichern kann, dass es immer noch asozialeren Pöbel als sie selbst gibt. Aber trotzdem führt der Film die Jugendlichen vor, zeigt sie in Momenten der Unsicherheit, der Scham und auch der Dummheit. Die in der vorliegenden Form 112 Minuten lange Film wären mit angemessener Dezenz und einer Laufzeit von vielleicht einer Stunde etwas pietätvoller geraten. Als positives Gegenbeispiel sei der wundervolle Film Prinzessinnenbad genannt, der das Leben dreier heranwachsenden Mädchen in Neukölln im Rahmen einer Milieustudie zeigt — ohne, dass darin die Protagonistinnen ihr Gesicht verlieren.

Das andere ist die Tatsache, dass mir der Film streckenweise wie eine Werbeveranstaltung für die Arche vorkam. Es gibt mehrere Dokus dieser Art, die die christliche Wohltätigkeitsorganisation in einem geradezu gleißend hellen Licht darstellen. Die positive Schilderung der Arche mag auf der einen Seite berechtigt sein, denn die Organisation nimmt sich der Kinder und Jungendlichen an, um die sich sonst keiner kümmert. Auf der anderen Seite scheint die Philantropie des Arche-Konzepts jedoch nicht vollständig in sich selbst begründet. Selbst aus dem vollständig unkritischen Dokumentarfilm „Berliner Rand“ kann der Zuschauer ableiten, dass hier Kinder und Jugendliche mit dem christlichen Glauben indoktriniert werden. Und zwar solche, die glaubensmäßig weder vorgeprägt sind, noch das Hinterfragen mit der Muttermilch eingesogen haben. Betrachtet man die Organisation Arche genauer, bestätigt sich das.

Aus diesen zwei Gründen fand ich den Film ärgerlich. Natürlich, es ist wichtig das das Elend der Welt aufzugreifen, zu dokumentieren und denen zu zeigen, die es sonst nicht im Blickfeld haben (zum Beispiel mich). Wenn mich ein solches Dokument aber ärgerlicher über den Film als über die Misstände zurücklässt, die er ex- oder implizit anprangert, hat dieses Dokument seinen Zweck verfehlt.


Berliner Rand: Die Doku von 2010 kann noch bis Freitag bei Arte+7 angesehen werden.

11 Kommentare

  1. Die Arche ist mir auch schonmal unangenehm aufgefallen, ich weiß nicht, was ich von denen halten soll. Vielleicht finde ich ja noch die Zeit für den Film. Wenn er es schafft, dich zum Bloggen zu bewegen, muss er ja zumindest mal bemerkenswert sein.

  2. Ausnehmend furchtbar fand ich auch noch diese Heinis von der betreuten Jugend-WG.
    Schon wie die den armen Volkmar-Kevin begrüßt haben, nachdem er als 16jähriger gerade in dem vollen Bewusstsein, dass seine Eltern sich einen Scheiß für ihn interessieren, von Zuhause ausgezogen ist.
    „Hier ziehste sofort die Schuhe aus! Das sind die Regeln!“
    Und später als dieser hilflose Lulatsch putzen soll; jede seiner linkischen Bewegungen und kleinlaut trotzigen Äußerungen schreit: „Bitte helft mir, ich hab das doch nie gelernt!“
    Aber alles was die Betreuer machen, ist sich lustig, ihn vorführen und ausschimpfen.
    Oder als er sein Zeugnis erhält; niemand zeigt Verständnis und Anerkennung für seine Leistungen, die ordentlich waren, vor allem in Anbetracht der krassen Zeit, die er hinter sich hat.
    Nein, die reiten drauf herum, dass er zu langsam sei, die anderen ja so viel besser als er. Das Einzige, was ihm Spaß macht und ein bisschen Hoffnung erlaubt, das Modeln, wird ihm hämisch unter die Nase gerieben.
    Was für Riesen-Rhinozerosse!

    Wahrscheinlich haben sie Kevin nach seinen schlimmen Fahrradunfällen auch noch geschimpft und erklärt das er aber ja nicht klagen soll, wenn’s wehtut, weil er ja selbst Schuld sei.

    Aber leider habe ich bisher fast nur Jugendarbeiter dieser Art kennengelernt. Der Job scheint eine starke Anziehung auf Leute auszuüben, die sich gerne auf Kosten Schwächerer profilieren.

  3. Fun Fact: Als ich in der Videothek gearbeitet hatte, waren die zwei Sozialarbeiter-Typen Kunden von mir. Davon ab: Man kann ja noch hoffen, dass die beiden sich nur als „ultralocker“ darstellen wollten, weil eine Kamera dabei war. Es besteht natürlich Anlass zu der Befürchtung, dass dem nicht so ist.

  4. Ultralocker? Wann waren die denn so drauf? Oder meinste, sich lustig machen, über ungeliebte Jugendliche ohne Perspektive, läuft bei denen unter „ultralocker“?
    Und da war ja auch noch diese Frau, Typ eher biederes Hausmütterchen, ob die sich drum schert, beim Zuschauer als ultralocker durchzugehen? Ick weeß ja nich.

  5. Pingback: Schlechter als ihr Ruf | Ratlosigkeit und Katzen

  6. Die Sozialarbeiter der JWG Sturmlocke haben aber dazu beigetragen, dass Kevin seinen erweiterten Hauptschulabschluss schafft, weiterhin eine Ausbildung in einem Betrieb macht und das Modeln war ja von der Arche organisiert und danach hatte er keine echte Lust mehr auf Schule und daher sehe ich die Reaktion der Sozialarbeiter eher positiv.
    Komisch- wenn die angeblich so scheisse und ultracool sind- wieso hat er eine Zukunft für sich aufgebaut?
    Nur weil er dem Floh des Models nicht mehr verfolgt hat?
    Ich habe Respekt von diesen beiden Sozialarbeitern, dadurch hat Kevin eine Perspektive erhalten und….seinen Weg gefunden

  7. ups krass- dass mein positiver komentar gelöscht wurde- nur weil ich die sozialpädagogische Arbeit mit kevin ganz ok fand- naja- er hat zumindestens seinen weg gefunden und wenn hier nur negativ geschrieben werden darf- auch eine beeinflussung-
    im übrigen war kevin bei einem alternativen träger untergebracht, der wohl wenig mit der kirche zu tun hat- also keine werbung nur für die ARCHE-
    und wenn über ein jahr gedreht wird- schneidet die regie sicher viel raus und da gab es bestimmt auch schöne tage für kevin in der wg von kappe

  8. Ich gebe Ihnen Recht, die Arche wird viel zu unkritisch behandelt. Das betrifft die Medien insgesamt. Ich verstehe nicht, wieso keine der großen Zeitschriften und TV-Sendungen die mitschwingenden Intentionen dieser Organisation hinterfragt. Dabei ist es wirklich offensichtlich. Der Doku Berlin Rand muss man, im Gegensatz zu gängigen Berichterstattung zur Arche, zumindest zu Gute halten, dass bei ihr der aufmerksame Zuschauer wenigstens eine Ahnung dieser Intentionen bekommen kann. Wenn dies auch nicht kommentiert wird, so kommen einen zumindest die peppigen Jesus-Mutmachlieder des öfteren zu Gehör. Dabei handelt es sich nicht um eine Ausnahme und es wird auch nicht den Rest des Tages Bravo Hits gehört.
    Ich frage mich schon seit einigen Jahren, warum diese mitschwingenden Intentionen nicht von größeren Formaten in ihrer Berichterstattung zu dieser Organisation hinterfragt werden.

  9. @ schlawurst/leiderso: Nix gelöscht. Dieses Blog liegt etwas brach, weshalb ich aufgelaufene Kommentare nur gelegentlich freischalte. Zuzetzt war ich im Urlaub, da kann sich schon mal etwas stauen.

    Der Ansatz meiner Kritik war im übrigen nicht der, dass ich in irgendeiner Form anzweifle, dass die beiden Sozialarbeiter den Jungen nicht optimal in die Maschinerie der ökonomischen Verwertbarkeit einführten (man verzeihe mir die vornehme Umschreibung für die nicht minder menschenverachtende, aber alltagskonforme Floskel „auf den Arbeitsmarkt vorbereiten“). Das kann ich aus meiner Couchperspektive eher schlecht beurteilen. Mir ist bloß aufgefallen, wie gleichzeitig herablassend und pseudo-ankumpelnd die beiden Berufsjugendlichen mit einem aufgrund seiner Vorgeschichte sichtlich verstörten und eingeschüchterten jungen Mann umgingen. Meines Erachtens sollten sich gerade Sozialarbeiter nicht wie die Axt im Walde aufführen, wenn es um psychologisch angeknackste Jugendliche geht.