Blauäugigkeit und Dialogversuche

Blue Eyed: Cover

Jane Elliot, ehemalige Lehrerin aus dem Mittelwesten der USA, führt seit über 20 Jahren einen engagierten Kampf gegen Vorurteile, Ignoranz und Rassismus in ihrer Gesellschaft. Was sie nach dem Tode von Martin Luther King jun. 1968 mit ihren Schülern begann, praktiziert sie heute mit Lehrern, Studenten, Feuerwehrleuten oder ganzen Belegschaften. In Workshops teilt sie die Menschen nach einem willkürlichen körperlichen Merkmal ein in BLAUÄUGIGE und BRAUNÄUGIGE. Letztere erklärt sie für besser und intelligenter und stattet sie mit Privilegien aus, die sie den Blauäugigen, die sie als schlecht, minderwertig und dümmer abqualifiziert, nicht gewährt. Viele Weiße erspüren hier zum ersten Mal das Gefühl, zu denen zu gehören, die nie gewinnen können, und so behandelt zu werden, wie die Gesellschaft Frauen behandelt, Farbige behandelt oder Menschen, die körperlich abweichend sind. Innerhalb von 15 Minuten schafft Jane Elliot einen Mikrokosmos unserer Gesellschaft mit allen Phänomenen und Gefühlen, die auch in der Realität aufscheinen. Ähnlich wie bei dem berühmt-berüchtigten Milgram-Experiment können sich selbst Teilnehmer, die voll über die „Spielregeln“ informiert sind, nicht ihrer Rolle entziehen. Aus dem Spiel wird grausame Realität, die einige Teilnehmer in unvorhergesehene Gefühlstiefen stürzt… (amazon.de)

Dieser Film hat bei uns an der Uni Tradition. Blue Eyed – Blauäugig (Gerüchten zufolge soll es ihn auch auf Google Video geben) wird den zweitsemestrigen Studenten der Politik- und Sozialwissenschaften Jahr für Jahr im Methodentraining zum Analysieren verabreicht. Ich mag ihn trotzdem.

Zwei Dinge kann man dem Film und den zugrunde liegenden Veranstaltungen (die auch in Deutschland stattfinden) sehr zugute halten:

Erstens stellen sie die Mechanismen von Ausgrenzung gut dar, sind für Teilnehmer und Zuschauer unmittelbar erfahrbar. Durch die direkte Konfrontation mit den emotionalen Konsequenzen beim Gegenüber haben selbst notorische „Ausgrenzer“ (so bei ihr nicht bereits sämtliche Emphatie versiegt ist) einen Erkenntnisgewinn.

Der andere Grund, warum Blue-Eyed toll ist, ist der dass die Augenfarbe als Kriterium der Ausgrenzung so herrlich absurd ist, dass man die Idiotie von Rassismen straight into the Gosch’n gerammt bekommt. Klar — Hautfarbe, Ethnie, Religion, sozialer Status und so weiter sind im Prinzip genauso dämlich, aber sie erfüllen eine soziale Funktion, indem sie Hierarchien begründen. Außerdem besteht, greift man eine vorhandene Gruppe mit Ausgrenzungsgeschichte auf, immer die Gefahr dass man aufgrund der vermeintlichen Evidenz just dieser Stereotype für manchen Experimentteilnehmer auf Granit beißt. Wohl niemanden dürfte so unvorbereitet gut auf den Vorwurf zu sprechen sein, dass das eigene Denken von Vorurteilen zerfurcht ist. Natürlich haben wir die alle. Der „Blue-Eyed“-Moderatorin gelingt das Husarenstück, die in jedem vorhandenen, aber völlig verschiedenen Stereotypen über die Abstraktion der Ausgrenzung aufgrund von blauen Augen sichtbar zu machen.

Um die Kernprobleme, nämlich die Konstruktion von „Anders“-heit, einer Identität als Gruppe aufgrund von Ausgrenzung und der Abwertung der anderen mal in die Symbolik des Films zu übersetzen: Wer sein Leben lang mit keiner anderen „Wahrheit“ konfrontiert wurde, als die dass Blauäugige Untermenschen seien, Arbeitsplätze besetzten und z.B. stänken (womit früher vielleicht Internierung und Zwangsarbeit von Blauäugigen rechtfertigt wurden), der wird nicht nur später Probleme haben, diese Vorstellungen abzulegen, sondern stattdessen früher oder später auch seine subjektive Realität den Stereotypen anpassen: Sollte demjenigen wirklich mal ein stinkender Blauäugiger begegnen, wird jene Bestätigung des Stereotyps in der Wahrnehmung tausendmal mehr Gewicht haben als jede Begegnung mit wohlduftenden Blauäugigen. Auf dem Nicht-Blauäugig-Sein (homolog zu: Nicht-stinkend) lässt sich dann auch noch prima eine eigene Gruppen-Identität fußen und eine Aufwertung des Selbstwerts.

Grafik Ungleichwertigkeit
(Grafik : W. Heitmeyer / IKG Uni Bielefeld)

Ich verwende das Wort Rassismus etwas nachlässig. Das ist mir klar, denn in themennahen Diskursen geht es heute nicht mehr so häufig um „Rassen“. Einige Diskussionen, die ich in letzter Zeit dazu geführt habe, enthielten richtiggehende Wortklaubereien. Nun, eine gute Umschreibung für das, was ich meine ist „Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“. Leider ist das nicht eingängig genug, um in den aktiven Sprachwortschatz der Masse Einzug zu halten. Neben der Feststellung, dass auch Begriffe wie „Antisemitismus“, „Xeno-„, „Islamophobie“ etc. nie exakt umrissen sind und in ihrer Bedeutung in verschiedenen Gruppierungen umstritten, haben wir es hier doch mit verschiedenen Seiten derselben Medaille zu tun (siehe Grafik). Es ist ein Fortschritt, dass das gemeinhin anerkannt ist. Jemand, der einer Gruppe von Menschen mit der Intention, seine eigene armselige Existenz etwas aufzupolieren, degradiert, ihnen in Unkenntnis der Individuen negative Eigenschaften beimisst — egal ob aufgrund einer äußerlichen Eigenschaft, Religion, sexueller Orientierung, Geschlecht oder Staatsangehörigkeit — hat mit seinem Knick in der Denke ein etwas größeres Problem als ungenaue Formulierungen. Wenn das Potential zur Ausgrenzung da ist, bahnt es sich schon seinen Weg. Ein Beispiel: Zeitgeist und Gesellschaft sanktionieren antisemitische Tendenzen stark (und zu recht), also liegt der Gedanke nicht fern, dass sich mancher Blödian einfach eine andere Gruppe sucht, auf die er das Böse und Schlechte in der Welt projezieren kann. Eine, die zu bashen gerade en vogue ist. Obdachlose, Muslime und Hartz IV-Empfänger haben das zweifelhafte Vergnügen, in diesem Ranking momentan ganz oben zu stehen. Ob die Abwertung dieser Gruppen unterbewusste Prozesse sind, Ausdruck einer bei vielen Menschen vorhandenen emotionalen Notwendigkeit, sich selbst über andere zu stellen — ich weiß es nicht. Aber es ist deutlich zu erkennen und messbar, dass es so ist.

Wer mich kennt, weiß auf welche Subunkultur ich nicht zuletzt anspiele. Jene, meiner Meinung nach in der Tat: Rassisten, deren Nebelkerze „Religionskritik“, nicht zuletzt über Weblogs und Foren in die Welt posaunt, schon lange nicht mehr wirklich zündet. Denn einfach zu synonym werden dort Begriffe wie „Türke“, „Migrant“ und „Muslim“ in deren Jargon verwandt, zu verschwörungstheoretisch ist deren Rhetorik von Überfremdung und Unterwanderung, zu nah an ungeschminkt rechtsradikalem Gedankengut sind die Publikationen und die Quellen, auf die man sich beruft. Aber solange der Verfassungsschutz sich vom gleißend hell vorgeschobenen Prosemitismus in PIs Headergrafik beruhigen lässt (der eigentlich nur Solidarität mit Israels rechtsradikalen Hardlinern meint), ist ja alles fein.

Letzten Endes dürfte einem Schüler der Rütlischule egal sein, ob auf einer der grotesken Froschskulpturen vor seiner Lehranstalt jemand nun, wie wirklich geschehen, „Türken raus“ oder eher „Bekämpft die muslimische Weltverschwörung!“ schreibt. Ein türkischer Muslim spürt die Ablehnung, die ihm dabei entgegenschlägt so oder so. Und ich denke, dass auch der Sohn von eingewanderten Arabern weiß, dass er ebenfalls mit „Türken raus!“ gemeint ist. Der Alltag von in Deutschland lebenden Migranten und von Deutschen, die „fremd“ aussehen setzt sich aus vielen, vielen kleinen Mosaiksteinchen der Ausgrenzung zusammen. Die meisten von uns, die äußerlich der Norm entsprechen, habei nicht die geringste Vorstellung von dem Ausmaß. Worauf aber soll die viel geforderte Integrationsbereitschaft eigentlich fußen? Identifikation mit dem Aggressor?

Wieviel ist die „Islamkritik“ von PI und Co wert, wenn sie nicht die grundlegende Intention einer jeden Kritik beinhaltet? Den Willen zur Überzeugung des / der Kritisierten um letzten Endes Konsens zu schaffen oder zumindest den Kompromiss zu suchen? Anders gesagt: PI & Co bieten neben Ausländer raus keine Lösungen für die unzweifelhaft vorhandenen Probleme von bzw. mit Migranten in Deutschland. Wozu auch? Die Intention von PI und den berüchtigten Kommentatoren ist zu spalten, zu polarisieren, zu eskalieren. Denn nur die Eskalation, sichert die eigene Existenzberechtigung, die Selbsterhöhung über die „barbarische Hirtenkultur“, die „Ziegenficker“ und „Kameltreiber“ aus den „Anatolischen Bergdörfern“, die mit „Taqqiya“ versuchen, die Schari’a von Bönningstedt bis Sindelfingen durchzusetzen. Die gerade in diesen Kreisen als Gutmenschenmethodik in Verruf geratene Vokabel „Dialog“ hingegen beschreibt die einzig mögliche konstruktive Art, etwas zu verbessern. Und wie bei ganz konkreter Kommunikation gibt es auch beim „kulturellen“ Dialog ein paar Grundvoraussetzungen. Das Fehlen von störenden Zwischenrufern, die destruktive Absichten hegen (oder zumindest der Versuch, sie zu ignorieren). Wille und Bereitschaft, die andere Seite zu verstehen. Und natürlich auch jenes Quentchen an Empathie, welches beispielhaft in den Blue-Eyed-Seminaren zu Tage gefördert wird.

7 Kommentare

  1. Ich nehme an, Frank wollte es einfach nicht so direkt sagen 😉

    Der Film ist übrigens wirklich gut, ich habe ihn gesehen, weil er hier vor langer Zeit mal in den Kommentaren empfohlen wurde. Am Anfang war mir Jane Elliot unfassbar unsympathisch, weil mir die Strenge, mit der sie den Typen in der ersten Szene abkanzelt, überzogen vorkam. Aber obwohl eigentlich von Beginn an klar ist, worauf sie hinaus will, bringt der Film immer wieder unglaubliche „Wow“-Effekte, und am Ende ist sie einem wirklich sympathisch.

    Warum konstruktive Kritik und Dialoge in den einschlägigen Kreisen negativ behaftet ist und als Gutmenschelei abgetan wird, weiss ich allerdings nicht. Politisch inkorrent (hm) gesagt, vielleicht sind sie einfach zu dumm für Dialoge und wissen das, deswegen muss halt die Keule her. Oder, eigentlich genau so schlimm, sie haben wirklich richtige Angst.

  2. Inzwischen hab ich es auch gesehen.
    Ich steh noch unter dem Einfluss.
    Was diese Frau da seit den Siebzigern tut, ist unglaublich wertvoll. Dass das weitestgehend unbeachtet vonstatten geht, sagt viel aus über das gesellschaftliche Wertesystem.
    Primaten sind’s nicht.

  3. @ Sebastian:

    Warum konstruktive Kritik und Dialoge in den einschlägigen Kreisen negativ behaftet ist und als Gutmenschelei abgetan wird, weiss ich allerdings nicht. Politisch inkorrent (hm) gesagt, vielleicht sind sie einfach zu dumm für Dialoge und wissen das, deswegen muss halt die Keule her. Oder, eigentlich genau so schlimm, sie haben wirklich richtige Angst.

    Naja, ich glaube nicht dass diese Kreise die Menschenfeindlichkeit erschaffen. Eher dienen sie als Sammelbecken für die, die bereits so eingestellt sind und als Verstärker/ Bündler des Hasses.

    Ich nehm dem PI-Publikum ja auch wirklich ab, dass sie wirklich davon überzeugt sind. Und das sind nicht alles deintellektualisierte Idioten. Der eigentlich Defekt bei denen, was sich auch in der Häme gegenüber Dialog und Verständnis zeigt, ist eine Sozialisierung, die Emotionen und Mitgefühl als Schwäche auf ewig in ihre Köpfe eingebrannt hat.

    @ EuRo: Cool, dass du ihn gesehen hast. Sollten viel mehr Leute den Film schauen, er ist — im positiven Sinn — eine richtiggehende Kopfwäsche.

  4. Pingback: Dauerfeuer Verarsche » Blog Archive » Jemand Rassist?

  5. Pingback: Aus der Mitte - Citronengras

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.