Bücherstock

Soeren Onez warf mir jüngst ein sogenanntes Stöckchen zu. Und auch, wenn ich so etwas öffentlich immer verurteile, wegen des Schneeballsystems und so, finde ich so Stöcke klammheimlich ja doch ganz nett. Durch den fest gesteckten Rahmen der vorgegebenen Fragen bieten sie einen Rahmen und Ventil für die zwangsweise in Konflikt stehenden zentralen Fragen des Bloggens: Die nach der Privatsphäre („Wieviel gebe ich von mir preis?“) und der nach der Eitelkeit („Wie stelle ich mich so dar, dass der Leser denkt, ich sei eine arschcoole Sau?“), aus der man ja durchaus auch Motivation schöpft. Darum pfeife ich jetzt mal die Kredibilität und beantworte einige Fragen nach Literatur. Zwei davon erfinde ich frech hinzu, weil ich sie interessant finde. Los also.

Was wäre das Leben ohne Lesen?
Einfacher. Man wüsste ja über nix Bescheid.

Gebunden oder Taschenbuch?
Taschenbücher. Ich lese oft unterwegs. Unhandliche, massive Einbände sind mir zu schwer und wirken so protzig. Ich saß neulich in der S-Bahn mal einem älteren Herrn gegenüber, der wirkte so gediegen-würdevoll und hielt völlig exaltiert ein ca. 2 KG schweres Buch in die Höhe – ähnlich wie ein Kellner sein Tablett – und las darin. Der war bestimmt FAZ-Literaturkritiker! Das Buch war von einem Ledereinband umhüllt, weswegen ich den Titel nicht erkannte, aber gewiss war es die Autobiographie von Joachim Fest oder etwas ähnlich furchtbares.

Amazon oder Buchhandel?
Beides. Im Buchhandel stöbere ich gerne, während ich das unkomplizierte Bestellen, den Gebrauchtmarkt und die Lesermeinungen bei Amazon gut finde.

Lesezeichen oder Eselsohr?
Meistens Eselsohr.

Ordnen nach Autor, Titel oder ungeordnet?
Ungeordnet und überall rumliegend.

Behalten, wegwerfen oder verkaufen?
Nun, mitunter landen miese Werke auch schonmal im Müll. Das wird richtig zelebriert in unserem Haushalt. Die guten werden behalten, bis sich die Regale wölben. Bookcrossing ist eine Alternative, über die man mal nachdenken sollte.

Schutzumschlag behalten oder wegwerfen?
Ein heikles Thema! Meine Liebste nimmt sie zum Lesen stets ab und wirft sie in der Gegend rum, während ich dazu tendiere, sie dranzulassen. Tip: Ernste Beziehungskrisen lassen sich am besten mit Taschenbüchern umschiffen.

Mit Schutzumschlag lesen oder ohne?
siehe letzte Frage

Kurzgeschichten oder Roman?
Die Dichothomie der Fragestellung nervt. Ich kann sowohl bei viele hundert Seiten umfassenden Epen Freude empfinden als auch den Kleinoden aus Max Goldts Werk, die aufgrund des kolumnenhaften Charakters selten länger als 10 Seiten sind.

Harry Potter oder Lemony Snicket?
Weder noch.

Aufhören, wenn man müde ist, oder wenn das Kapitel zu Ende ist?
Wenn man müde ist.

„Die Nacht war dunkel und stürmisch“ oder „Es war einmal“?
Komische Frage. Ich entscheide mich für ersteres, wobei der Anfang eines Buches eigentlich egal ist, wenn der Rest gut ist. Aber ich lese sowieso mehr Sachbücher, die fangen mit sowas nicht an.

Kaufen oder leihen?
Ich schaue gerade die tolle Serie „Battlestar Galactica“. In einer Szene gibt es ein Gespräch zwischen Commander Adama und der Präsidentin. Sinngemäß zitiert:
Sie: Ich werde ihnen das Buch nicht so schnell zurückgeben können, ich habe ein schneckenhaft langsames Lesetempo.
Er: Ich schenke es ihnen.
(Sie: schaut verdutzt)
Er: Verleihe nie ein Buch!
Und recht hat er, der Commander. Die Dinger kriegt man ja doch nie zurück. Wobei ich noch Leihe nie ein Buch! anfügen würde. Einmal musste ich knapp 100 Euro an die örtliche Bibliothek zahlen, weil ich eine Rückgabe immer wieder verplant hatte. Kaufen wäre in dem Fall billiger gewesen.

Neu oder gebraucht?
Gebraucht. Ich lege nicht so viel wert auf Repräsentativwert im Bücherregal und dank Amazons Gebrauchtmarkt werden einem alte Bücher ja nachgeworfen. Ganz besonders toll dabei: Taschenbuchcover aus den späten Siebzigern.

Kaufentscheidung: Bestsellerliste, Rezension, Empfehlung oder Stöbern?
Nein, Ja, Ja, Ja.

Geschlossenes Ende oder Cliffhanger?
Offene Enden gehen ja mal gar nicht! Find ich auch am Real Life nervig.

Morgens, mittags oder nachts lesen?
Wenn Zeit ist.

Einzelband oder Serie?
Da ich annehme, dass mit Serie hier so etwas wie Harry Potter gemeint ist, kann ich dazu nichts sagen. Das einzige, was ich in der Art je gelesen habe, war mit 13, 14 die ganze Stiege an DSA-Romanen. Die fand ich richtig toll damals. Aber sonst…? Einzelband.

Lieblingsserie?
s.o.

Lieblingsbuch, von dem noch nie jemand gehört hat?
Franz Fühmann: „Die dampfenden Hälse der Pferde im Turm von Babel“ . Ein tolles Buch! Da steckt so viel Liebe, Sprachgefühl, Witz, Philosophie und lustiger Ostkram („Kulturbundschulungskursunlust“) drin, hat mich als Kind nachhaltig und bis heute beeindruckt. Das sollte jeder Linguistik-, Germanistik und Philosophiestudent mal gelesen haben. Es ist auch so abgefahren und man kann darin stöbern wie auf einem Dachboden, der vollgestellt ist mit altem Kram. Ach, was sag‘ ich – jeder sollte es lesen.
Und noch eines. Wally Lamb: „Früh am morgen beginnt die Nacht“ . Sehr dicht erzählte US-amerikanische Familiengeschichte. Nicht so autistisch wie der ganze andere Kram. Hat mich vollkommen gefesselt, das Buch.

Dein Lieblings-Kinderbuch?
Die Pippi Langstrumpf-Bücher und Tom Sawyer. „Krabat“ von Ottfried Preußler war auch sehr spannend. Da gibt es einige, die ich noch lebhaft in Erinnerung habe. Wohl nicht zuletzt deshalb, weil ich sie heute auch manchmal noch lese.

Welches Buch wird deiner Meinung nach vollkommen überschätzt?
Ha! Diesen Hype um Bernhard Schlincks „Vorleser“ konnte ich nie nachvollziehen. Auch Gaaders „Sofies Welt“ fand ich total öde. Okay, ich war 12 oder 13 damals, vielleicht würde es mir heute besser gefallen. Und Lobo/Friebes „Wir nennen es Arbeit“ im letzten Jahr – das fand ich einfach bloß mittelmäßig.

Bestes bzw. Lieblingsbuch, das du letztes Jahr gelesen hast?
Nasrin Alavi: „Wir sind der Iran; Aufstand gegen die Mullahs – Die junge iranische Weblog-Szene“. Ich glaube, gegenständlicher als anhand von Einträgen junger Blogger kann man die iranische Gesellschaft nicht beschreiben. Und man versteht wirklich etwas durch dieses Buch. Interessant und wichtig fand ich auch Norman Finkelsteins „Antisemitismus als politische Waffe“ , das man selbstredend mit kritischer Distanz lesen sollte.

Welches Buch liest du gegenwärtig?
Angelika Schrobsdorff: „Jerusalem war immer eine schwere Adresse“. Dazu gibt es eine kleine Geschichte. Nachdem ich durch Zufall auf ein hochinteressantes Interview mit ihr stieß (und es hier kurz erwähnte), besorgte sich meine Freundin das obige Buch. Die Frau Schrobsdorff nun war eine richtige Entdeckung. Sie hat eine unheimlich interessante Biografie und versteht es, aus jener wunderbar und nah zu erzählen. Meine Liebste also bestellte sich peu a peu die gesamte Bibliographie und so fiel auch einiges auf mich ab. Wir lesen uns nämlich häufig gegenseitig vor, beim Kochen etwa, vor dem Einschlafen und beim Autorennen fahren am Computer. Davon abgesehen lese ich natürlich auch allein. Wenn auch nicht immer beständig und weniger als früher. Das liegt am Studieren und am Internet, aber das nur am Rande. Zum immer mal wieder zur Hand nehmen empfehle ich an dieser Stelle (der Rahmen ist eh schon gesprengt) Peterlichts dadaistische Materialismuskritik „Wir werden siegen“. Das wäre ein Buch für dich, .markus . 😉 Ich tipp demnächst mal was ab daraus.

Absolutes Lieblingsbuch aller Zeiten?
Das ist schwer. Da möchte ich keines spezifisch nennen. Die obig genannten sollten da ausreichen… Ach nee, „Dinosaurier“ von David Norman ist das stärkste Dino-Buch meiner Jugend gewesen. Und ich habe einige gelesen. Gab Zeiten, da kannte ich das fast auswendig. Das steht auf jeden Fall in den Top Ten.


Weitergeworfen wird das Stöckli an .markus, Timon und die Silent Diva. Ich bin gespannt, ob’s ankommt.

6 Kommentare

  1. Deine Kinderbucherinnerungen sind ja wirklich die absoluten Klassiker… erstaunlich.

    Und die 100 €uro Bibliotheksgebühr waren hoffentlich für ein wirklich gutes Buch fällig… für die Summe muss man schon was geboten bekommen!

    Übrigens, „Sofies Welt“ kannst du nochmal probieren 😉 Man hat ein halbes Jahrzehnt auf mich eingeredet, ich solle es lesen – und am Ende war es tatsächlich interessant.

  2. Nee, die Gebühr war für „Huckleberry Finn“. Ganz schön hartes Buch, hat der olle Longhorne Clemens meines Wissens in einem Zustand tiefster Depression verfasst. Ich hab’s weder als Kind noch seinerzeit (vor drei Jahren oder so) geschafft, das komplett zu lesen. Sofies Welt… Naja. Als Einstieg in die Philosophie ist auch das dünne Reclam-Bändchen „Was bedeutet das alles?“ von Thomas Nagel zu empfehlen. War ausnahmsweise mal gute Seminarlektüre. 🙂

  3. Pingback: blog.argwohnheim » .bücher und ich, ein stock

  4. Hab mir das Buch mal bestellt, danke. Dadaistische Materialismuskritik ist ganz nach meinem Geschmack 🙂

  5. Pingback: blog.argwohnheim » .wenn ich nicht hier bin, bin ich auf dem sonnendeck

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