Das eiserne Kreuz mit dem inneren Reichsparteitag

Ich kannte die Redewendung nicht. Vielleicht kann sich der eine oder andere, der sich beim Stefan Niggemeier in den Kommentaren jetzt über die billige Empörungsrhetorik in „den Medien“ aufregt, mal drüber nachdenken, wie es ist, unverhofft und unfamiliär mit diesem Idiom, ausgerechnet bei einer Fußballübertragung zum ersten mal mit ihm konfrontiert zu werden. Ich zumindest habe aufgehorcht, mich gewundert, und – ja – auch ein wenig empört.

Nein, ich unterstelle der heftig blinzelnden ZDF-Tante nicht, dass sie eine BDMlerin mit Autobahnfaible und Mutterkreuz ist, aber etwas Bedacht bei der Wortwahl ist schon angebracht, wenn man weiß, dass da gerade 60 Millionen Augen an deinen Lippen hängen, zumal in einer meiner Meinung nach patriotisch überhitzten Stimmung (wenn auch nicht so schlimm wie vor vier Jahren). Wer kann denn dafür garantieren, dass es nicht Public Viewings in Mecklenburg oder sonstewo gab, wo die Leute den rechten Arm hoben, „Miro Heil“ riefen und bei der komischen Reichsparteitagsformulierung in Gelächter oder Applaus verfielen? Vielleicht bin es ja nur ich, aber ich habe durchaus mein Probleme damit, wenn jemand historisch fragwürdige Formulierungen, da gibt’s auch noch Sachen wie „bis zum Vergasen“ oder „Jedem das Seine“, dergestalt in seinen Alltagslingo injiziert. Es ist aber auch eine Kontextfrage, so ein Blatt wie die Titanic darf ja beispielsweise so ziemlich alles, und das ist auch richtig so. Auch die Stammleser meines Blogs wissen das ins rechte (im Sinne von „richtig“, sowas muss man ja auch dazusagen) Licht zu rücken, wenn ich hier Reichsparteitagskuriositäten bringe. Im gebührenfinanzierten Fernsehen, wo eben auch die 95 Prozent der Deutschen mitgucken, die gar keinen oder einen blöden Sinn für Humor haben, ist das aber einfach nicht angebracht. Ich bitte also um ein bisschen Differenzierung: Das war schon ein bisschen Gaga von der Moderatorin, aber mehr so Vogelzeig-Gaga und weniger Wir-fordern-eine-richtige-Entschuldigung-Gaga.

Neben dem ganzen Reizwortkram möchte ich aber auch nochmal darauf hinweisen, dass mir ein klein wenig übel wird, wenn Bela Rethy vor sich hinfabuliert, dass neben den „deutschen Tugenden“ solche „Leute wie Özil und Khedira“ dem Spiel eine „internationale Note“ verpassten. Das ist eine Aussage, die zwar zuvorderst keinem wehtut, aber hintenrum eben doch ein Indikator ist für den wenig spektakulären Alltagsrassismus. Özil wurde in Gelsenkirchen geboren, Khedira in Stuttgart.

8 Kommentare

  1. Schlimmer als solche Vergriffe in der Wortwahl (denn das ist menschlich) finde ich die allgegenwärtige übertriebene politische Korrektheit (denn die ist Absicht).

    Ansonsten bin ich derselben Meinung: Es hatte was Lustiges. Fertig. Bitte weitergehen.

  2. Es müsste Reaktionen zwischen „ist doch normal“ und „schmeisst sie raus!!!“ geben, zum Beispiel, dass sie die Wortwahl im Nachhinein ebenfalls nicht so klug findet und das nicht mehr vorkommt. Ja, sowas müsste man eigentlich mal machen. Oh, warte…

  3. Es ist jedenfalls mal tendenziell ein angenehm entspannter Beitrag hier.
    Was die Rücksichtnahme auf die unteren 95% der Bevölkerung angeht, habe ich aber Bedenken.
    Erstens, gerade weil wir hier ja über Bedacht bei der Wortwahl reden, schwingt da für mich einiges an Elitarismus mit, wenn man sagt: Hier bei uns kann man sowas machen, aber Fernsehzuschauer sind dafür zu doof.
    Zweitens, und viel wichtiger, lehne ich die Idee ab, man müsse sich bei öffentlichen Äußerungen ständig an den absurden Möglichkeiten orientieren, wie irgendein Dorftrottel das missverstehen könnte, was man sagt.
    Deutsche Moderatoren klingen sowieso schon hölzern genug, man muss ihnen nicht auch noch das letzte Stück Spontaneität austreiben, oder?

  4. Ich fand’s ja gerade nicht lustig. Und was meinst Du bitte damit, dass die politische Korrektheit, ein Begriff der übrigens spätestens vor 3 Jahren überstrapaziert war, „Absicht“ sei? Wem soll denn das nützen, dass jetzt alle auf der ZDF-Tante rumhacken?

  5. Ich meinte das: „…mehr so Vogelzeig-Gaga und weniger Wir-fordern-eine-richtige-Entschuldigung-Gaga.“ Okay, „lustig“ war dann ein Wortfehlgriff meinerseits.

    PC als Begriff ist „überstrapaziert“? Das wiederum verstehe ich nicht ganz, es hat sich nichts daran geändert, dass Leute unreflektiert PC-Euphemismen verwenden, nur, um sich besser zu fühlen, um einem gesellschaftlichen Erwartungsdruck gerecht zu werden. Kritik daran ist imo weiterhin angebracht, und wenn der Begriff dabei strapaziert wird, dass es kracht.

    Und zum letzten Punkt: PC ist Absicht, weil sie bewusst so formuliert wird. Da ich sie für kategorisch schlecht halte, finde ich schon diese Absicht scheiße. Das im Gegensatz zu einem (für mich) belanglosen Fehler einer Moderatorin. Es war live, hat sie sich halt verhaspelt. Es war keine Kritik an Dir persönlich.

  6. Ich stelle mir vor, wie die Dame da steht und denkt: „Mmmhokay, es gucken grad ganz viele Leute zu. Die sehen mich alle. Und hören alle was ich sage. Was darf ich jetzt auf jeden Fall _nicht_ sagen…? Ach ja, Papas liebste Redewendung mit dem ‚inneren Reichsparteitag‘, das sag ich besser nicht.“ – Und schon war’s passiert.

    Ich kannte diese Redewendung nicht und ich finde Redewendungen, die ihren Ursprung eindeutig in der NS-Zeit haben, so überflüssig wie einen Kropf.
    Wenn Menschen derartiges heute noch verwenden, besonders so als spontaner Einfall, „im Eifer der Halbzeitpause“, das lässt mE schon tief blicken. Derlei Sprüche kennt und gebraucht man nur, wenn man entweder mit deren unkritischem Gebrauch aufgewachsen ist oder sie heimlich toll findet.
    Ich unterstelle der Dame mal ersteres ist der Fall.

    Nichtsdestotrotz finde ich das „Wir wollen aber eine richtige Entschuldigung“-Gesumme jetzt auch unsinnig. Sie hat ja niemanden verletzt. Allerdings glaube ich die meisten finden ihren Lapsus auch nicht weiter schlimm.

    @Clemens
    Ich denke Frank spielt damit auf die islamophobe Rassisten-Bande an, die fabuliert politische Korrektheit sei der Untergang des Abendlandes.

  7. Hmm, muß mal meine Gedanken und Worte sortieren.
    Ich habe auch aufgehorcht, bissel gezuckt und dachte „jups, was hat sie denn da gesagt?“ Das wird wieder Ärger geben und was soll das überhaupt bedeuten?! Mir war diese Redewendung auch nicht geläufig und nach dem ich nach geschlagen habe, war auch nicht wirklich viel schlauer.
    Ich finde das jetzt auch nicht weiter schlimm, jedenfalls nicht so schlimm das das ein Thema sein muß, es war unüberlegt und unpassend in der breiten Öffentlichkeit. Denn ich sehe nicht das die Rechten Spaken, sich gerne die WM anschauen, denn da spielt eine Deutsche National Elf, die Multiklutrelle Wurzel hat. Für die Rechten ist diese Mannschaft eine Schande, für mich eine freude.
    Bei der letzten WM als es um den 3. Platz ging und sich viele Menschen auf dem Ku’damm freuten, lief einer mit einer Reichskriegsflagge über die Straße, der ziemlich nieder geschlagen aussah, denn er konnte sich überhaupt nicht freuen unter all denen die die Schwarz/Rot/Goldene Flagge erhoben,die für Demokratie, Freiheit und Multikluturelle Lebensweise steht. Und versteht mich nicht falsch, ich lehen jeglichen Nationalstolz ab, das ist nur was für Menschen die kein Selbstvertrauen besitzen und sich irgendwie besser fühlen müssen, weil andere (zu denen sie dazu gehören wollen) etwas geleistet haben.

    Und alle begriffe die nun von den Nazi im dritten Reich Pervertiert wurden, nun aus unseren Wortschatz zu streichen, führt für mich, in den Wahnsinn. Das erinnert mich an die Sendung bei JBK mit Eva Hermann und dem Stichwort Autobahn, als im Studio viele aufschreckten, dabei wurden diese Schnellstraßen schon zu Weimarer Zeiten gebaut.

    Ich sehe es wie Clemens Gleich, bitte
    weiter gehen hier gibt es nüscht zu sehen.

    @Liebe Lotta,
    Ich benutze immer wieder mal solche Worte/Redewendungen – wieso weiß ich auch nicht so recht – um zu schocken, menschen erstarren zu lassen, dem „schwarzen Humor“ zu frönen, andere zu enttarnen. Ich weiß nicht wieso. Aber nein, du kannst nicht wegen einzelner Aussagen auf die Gesamte Person schließen. Menschen sind mehr als nur die Summe ihrer einzeln Teile. Ich habe mich ausgiebig mit unserer Geschichte beschäftigt und finde gewisse sowas nicht toll. Ich bin selbst jemand,im rahmen des möglichen, Aktiv gegen Nazi vorgeht.
    Das wäre auch zu leicht Menschen so zu enttarnen.

  8. Endlich ein ausgewogener und durchdachter Kommentar zu dem Unsinn. Meine spontane Reaktion auf den Satz war exakt die gleiche. Die vollständige Relativierung, auch gern mit Hinweis auf den eigentlich das Regime verspottenden Ursprung, finde ich nämlich genauso blöde wie das Gezeter und Nazi-Fingergezeige.

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