Das neue Christentum

Christen-Comic

Thees Uhlmann behauptete in einem Interview mal

Der Weg zur Hölle ist gepflastert mit Christdemokraten.

Einer meiner Lieblingssätze überhaupt. Ich würde ihn allerdings gerne erweitern. Ernster als KauderSöderStoiber in ihrer Stammtischigkeit und auch übrigens die an dieser und jener Klowand kolportierte Gefahr der Errichtung eines Kalifatsstaats durch erzmuslimische Eiferer sollten wir die aus den USA herüberschwappende Bedrohung durch fundamentalistische Christen, die nur noch wenig mit Demokratie am Hut haben, nehmen.

Protestantische Sekten waren seit jeher ein Machtfaktor in den Vereinigten Staaten, was in der Kolonialgeschichte begründet liegt. So richtig sakülar ging es dort nie zu, aber seit George Walker Bush entdeckte, dass man mit den so genannten christlichen Werten bei den Evangelikalen punkten und Präsidentschaftswahlen gewinnen kann, passiert in den USA genau das, was sie anderen Staaten vorwerfen: Die Grenzen zwischen Kirche und Religion verwischen. Bewegt man sich in den USA abseits der liberalen Hochburgen, hat man es als Atheist, gar als Hedonist offenbar schwer, ein gesellschaftliches Leben zu führen. Viele Bürger legen die Bibel wörtlich aus und sehen die Anschläge des 11. September als Vorzeichen der nahenden Apokalypse. Man kann davon ausgehen, dass in einer Gesellschaft, die sich so lange Zeit zu einem guten Teil über die Abgrenzung gegenüber einem gemeinsamen Feind (bzw. Feindbild), nämlich dem Kommunismus, definiert hat, mit dem Fall dieses Feindbilds ein weltanschauliches Vakuum entstand. Dieses Vakuum versuchen Myriaden von evangelikalen Missionaren mit psychologisch geschickt geschürter Endzeitstimmung, seit neuestem auch in Europa, auszufüllen. Um dieses Ziel zu erreichen, wird verstärkt auf Jugendliche abgezielt, dazu werden u.A. christlich-weichgespülte Versionen von popkulturellen Symbolen benutzt, Jesus als errettende Ikone verehrt und dennoch eine Bibelauslegung vermittelt, die wesentlich strenger noch als die katholische ist: Homosexualität ist Sünde, außerehelicher Sex auch, Abtreibung ist Mord.

Ein Produkt dieser Desäkularisierung insgesamt ist z.B. der Streit zwischen Darwinisten und Anhängern von kruden Schöpfungstheorien wie Intelligent Design. Die Diskussion darum ist überflüssig wie ein Kropf, aber dennoch haben es die Kreationisten geschafft, dass man sie wahrnimmt. Legitimitation wird der Theorie eines intelligenten Schöpfers Designers bereits dadurch verschafft, dass sich ernsthafte Wissenschaftler bemühen, sie zu widerlegen. Der Anteil der US-Amerikaner, die nicht mehr an Darwins Evolutionstheorie glaubt, steigt. Die Strategie zu dieser Entwicklung wurde von einer PR-Agentur geplant, deren Strategiepapier eher zufällig an die Öffentlichkeit gelang. Und nicht nur in den vereinigten Staaten, sondern auch an Schulen in Deutschland wird die Schöpfungsgeschichte im Biologieunterricht gelehrt.

Zuletzt habe ich mehrere gute Dokumentationen dazu gesehen:

Der Jesus-Faktor erzählt, wie George W. Bush „erweckt“ wurde und wie sein christlicher Radikalismus als Wegbereiter für äußert zweifelhafte politische Entscheidungen diente.

Von Göttern und Designern – Ein Glaubenskrieg erreicht Europa geht auf die Taktiken und die Denkfehler der Neokreationisten ein. Sie klärt darüber auf, dass die Intelligent Design-Anhänger wohlorganisiert sind, mit reichlich finanziellen Möglichkeiten agiert und auch in deutschen Parlamenten und Regierungen Symphatisanten sitzen.

Die Filme Jesus junge Garde – Die christliche Rechte und ihre Rekruten sowie Missionare im Gleichschritt erzählen von den Methoden, wie Jugendorganisationen sich die Orientierungs- und Perspektivlosigkeit von Heranwachsenden zu Nutze machen, um sie schamlos für finanzielle und Missionszwecke auszubeuten.

Alle genannten Dokus sind sehenswert. Falls jemand am Thema Interesse hat und sie ansehen will – obwohl sie gerade nicht im TV gezeigt werden – kann ich nur darauf verweisen, dass ich die kommenden GEZ-Gebühren auf Internet-PCs als moralische Legitimation für freie Bildung nehme *räusper*.

Es kann einem also tatsächlich Angst und Bange werden. Nicht etwa vor der Apokalypse, sondern vor genau den Typen, die einem an öffentlichen Plätzen auflauern und fragen, ob man sich denn schon einmal mit Jesus beschäftigt hätte. Ich rufe niemandem zum Atheismus auf, wohl aber alle zum Widerstand gegen allzu eifrige Bekehrungsversuche. Man möge mir die Boulevard-Vokabel verzeihen, aber Psychosekten bleiben Psychosekten, auch wenn bei ihnen Jesus als Popstar verehrt wird.

Zum Schluss der Verweis auf die unfreiwillig amüsanten, aber irgendwie auch creepy evankelikalen Comics von Jack Chick, aus denen auch der Auszug am Anfang des Artikels stammt. Anspieltips: Allah hatte keinen Sohn, und Der Schwächling („Great for Truckers and Bikers!“).

4 Kommentare

  1. Pingback: Hetero dank Jesus - Citronengras

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