Der Imperator

Trotzdem man es gar nicht will, erlebt man ja dann doch immer etwas beim S-Bahn-Pendeln zwischen Potsdam und Berlin. Heute nachmittag etwa: Ich steige Griebnitzsee ein. Mir schräg gegenüber sitzt ein alter Mann, Mitte 70 vielleicht, mit Ledertasche und Gehstock. Schlank, sommerlich gekleidet, es ist ja auch heiß. Obwohl er eine Sonnenbrille trägt, entziffere ich seine Mimik als verkniffen, düster gar. Ich schaue nicht hin – macht man ja auch nicht. Nachdem wir einige Minuten schweigend in den Berliner Südwesten hineinzuckeln, reißt mich all of a sudden eine Melodei aus dem Sinnen über meinen antikapitalistischen Lyrikband: Düüdüüdüdüdü Düüdüdü Düüdüdü… Der Imperial March aus Star Wars, allerdings etwa 27 Oktaven zu hoch, auf dem monophonen Instrumentarium eines uralten Nokia-Handys. Auf höchster Lautstärke! Irritiert schaue ich den alten Mann an. Es scheint einen Moment zu dauern, bis er die Geräuschkulisse bemerkt. Vielleicht macht ihn auch mein Blick erst darauf aufmerksam? Ich vermeine schon, einen deutlichen Hörsturz bei mir festzustellen, als der alte Mann beschließt, endlich ranzugehen.

„Ja bitte?“ bellt er ins Telefon. „Nee, ick binnoch unterwegs… Ick hab doch jesagt, sollst ma nich anrufen, wennick unterwegs bin!“ Aha, es ist ihm peinlich. „Menschenskinder. Nee, det dauert noch, bis ick da bin… Ick leg‘ jetz uff“ knurrt der Opi zur Verabschiedung dem Gesprächspartner entgegen, bevor er umständlich die Taste zum Beenden des Gesprächs betätigt und deutlich vernehmbare Fäkalausdrücke vor sich hinmurmelt. Ich stelle mir Fragen, die ich sogleich innerlich mit „Es ist das Alter“ beantworte, vertiefe mich in mein Buch, lasse die Hitze auf mich wirken und vergesse das Ereignis.

Und plötzlich, einige Minuten später, ertönt der Imperialmarsch erneut. Diesmal kann den Mann auch mein Blick nicht überreden, ranzugehen. Stoisch blickt er einen nicht existenten Punkt an der Sitzrückwand neben mir an und für einen kurzen Moment ist der Groll, der in ihm tobt, spürbar. Gut, dass er die Sonnenbrille aufhat, denke ich, bei der Trockenheit könnten die Funken, die aus seinen Augen sprühen, durchaus Brände verursachen.

Etwa in der Mitte des zweiten Durchgangs verstummt die Melodie. Ich nehme zur Kenntnis, dass ich nicht der einzige Fahrgast bin, den das zu erleichtern scheint. Wir sind jetzt am Bahnhof Zoo und der alte Mann stapft aus der Bahn. Die Leute sind schon ein komisches Volk, denke ich, während der nächste Freak bereits einsteigt.

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