Der Pfennigmann

Eine etwas merkwürdige Geschichte aus meinem Archiv, die ich nicht als Kapitalismuskritik verstanden wissen will, sondern als klassischen Entwicklungsroman. Viel Freude damit.

Prrrrple Hair

Ich bin Einkäufer. „Das bin ich auch!“, mögen Sie jetzt vielleicht sagen, aber ich meine etwas anderes als Ihre wöchentlich stattfindenden Konsumschlachteplatten im Diskont um die Ecke. Ich bin Chefeinkäufer der regionalen Filialen einer Pfennigmarktkette. Sie wissen schon… Diese Geschäfte, in denen überwiegend Ramsch für wenig Geld feilgeboten wird. Sachen die keiner wirklich braucht aus Läden, in denen die Kassierinnen gleichzeitig die Putzfrau ist und deren Verkaufsräume nach einer Mischung aus billigem Holz und den Lösungsmitteldämpfen chinesischen Plastiks riechen. „Radikal reduzierte Restposten“ steht bei uns an den Schaufenstern, „Wir sind die Allerbilligsten!“ und „Jetzt: der Schnäppchenholocaust“. Na gut, das letzte habe ich erfunden, wird’s aber sicher irgendwann geben.

Als Chefeinkäufer bin ich viel unterwegs. Ich kaufe die Waren in Großhandelsmengen ein und versuche, einen möglichst günstigen Preis für das Zeug heraus zu handeln. Ich habe da leichtes Spiel, denn wir kaufen überwiegend von bankrotten Unternehmern an. Egal ob Großhändler, Zwischenhändler, Importeur oder Fabrikbesitzer: Wenn ich zu Besuch komme, ist der Zug abgefahren. Ich weiß das, meine Verhandlungspartner wissen das. Weil der Kuckuck nur an der Bürotüre klebt, aber nicht an der Lagereinfahrt, bin ich dank eines weiten Felds an Informanten zumeist der erste Besucher des bankrotten Unternehmers, nach dem Gerichtsvollzieher. Was mit den paar Kröten geschieht, die der Armselige für seine Kitschgartenzwerge, Sandkastenschaufeln oder Sandwichtoaster bekommt, ist mir egal.

Eigentlich bin ich ganz zufrieden mit meinem Job. Das heißt: Ich mag ihn nicht, aber ich hasse ihn auch nicht. Das was ich tue, ist das was ich kann: Autofahren und flennende Leute bequatschen. Ja genau, ich sehe fast täglich gestandene Geschäftsmänner weinen. Das ist der Zeitpunk, an dem man den besten Preis für die liegengebliebene Ware heraushandeln kann. Und das tue ich, ohne schlechtes Gewissen. Mit der Zeit stumpft man ab gegenüber der Verzweiflung, die man ständig zu sehen bekommt. Abstumpfen tut man aber in jedem Job, auch als Journalist, Hautarzt, Dönerbudenheini oder sonstwas. So sehe ich das, ist meine Meinung. Immerhin kaufe ich denen ihr Zeug ab, wenn’s schon keiner sonst tut, ein bisschen guter Samariter bin ich also doch.

Warum ich Ihnen das erzähle? Nun, mir ist neulich etwas passiert, bei dem ich am Sinn meines Berufs zu zweifeln begann. Nein, das hatte nichts mit Moral zu tun, eher mit einer fehlerhaften Einschätzung meinerseits.

Ich bekam einen Anruf, dass eine Chemiefabrik in Sachsen zumacht. Haartönung stellten die her. Ich stieg sofort ins Auto – bunte Haare kommen gut an in unserer Hauptzielgruppe. Dort angekommen sprach ich mit dem ansässigen Manager. Das übliche Geleier: Traditionsbetrieb, die Haarfarbe von denen galt zu Ostzeiten als Luxusgut, Übernahme durch die „Drecksbonzen“ aus dem Westen, jetzt fallen gelassen wie eine heiße Kartoffel usf. Ich bot mich als Retter in der Not an und nach einigem Feilschen kamen wir überein, dass ich die restlichen Fabrikationsmenge, insgesamt 4 Paletten fertig verpackter Haartönung Rostrot/Mahagoni a 200 KG zum Preis von 960 Euro übernahm. Unter normalen Umständen ein gutes Geschäft. Haartönung verdirbt nicht, den Dreck hätten wir auch in fünf Jahren noch verkauft bekommen. Handschlag drauf (in meiner Branche unterzeichnet man keine Verträge) und ich ließ das Zeug von schnauzbärtigen sächsischen Familienvätern, demnächst arbeitslos, auf die Ladefläche meines prähistorischen Ford Transit laden.

Leider erwies sich nach den ersten Abverkäufen, dass die Ware nicht ganz einwandfrei war und die Fabrik im Sächsischen nicht ganz ohne Grund wegrationalisiert worden war. Das angebliche Rostrot/Mahagoni verwandelte sich nur ein paar Stunden nach der Anwendung nämlich in ein grell leuchtendes Lila. Braun war zwar zu erkennen, vor allem bei blonder Grundierung, aber in Verbindung mit dem Lila ergab sich eine äußerst unnatürliche, irgendwie grotesk wirkende Farbkombination. Ich sah das Foto einer empörten Kundin und weiß nicht, ob mich die Haarfarbe oder der nach Vergeltung schreiende Gesichtsausdruck stärker erblassen ließ.

Meine Firma steht in Deutschland ganz gut da. Der Markt ist allerdings stark umkämpft, man muss der schnellste im Einkauf sein und knapp die Verkaufspreis kalkulieren, da fällt so ein knapper Tausender schon ins Gewicht. Mein Chef interessiert sich im Grunde wenig für die „Basis“, aber bei Malheurs wie diesem schaltet er sich ein. Er rief mich an, in dem Moment, als er von der Tönungsgeschichte erfuhr und in einer minutenlangen Tirade wurde ich teils mit Kraftausdrücken belegt, die selbst ich nicht kannte. Tenor des cholerischen Ausbruchs: Ich könnte doch nicht Waren einkaufen, die ich nicht selbst ausprobiert hätte. (Haha, der hat Ahnung! Soll ich mir das Zeug etwa vor Ort in die Haare schmieren?) Ferner könnte ich zukünftig den Sprit für meinen Dienstwagen selbst bezahlen, wenn ich das Problem nicht wieder in den Griff bekäme.

Scheiße, und nun? Mit dem Hörer in der Hand blickte ich mich ratlos um. Der Chef hatte mir angedeutet, dass mein Job nicht so sicher sei, wie ich vielleicht annahm. Na toll, der Tag war gelaufen.

Ich war gedrückter Stimmung. Irgendwann beschloss ich, mich an eine alte Freundin zu wenden, Jenny, die manchmal auf mich den Eindruck machte, ein Diplom in Lebensweisheit zu haben. Ferner könnte sie mir auch als Fachkundige zur Seite stehen. Jenny war Angestellte in einem Friseurladen in einer recht noblen Gegend in Berlin. Wobei nobel hieß, dass sich bei Ihr hin und wieder „Patienten“, (sie nannte sie mit Absicht nicht „Kunden“) aus der riesigen Kaste der B-Prominenz einfand. Wir kannten uns schon fünf oder sechs Jahre, ohne dass etwas gelaufen wäre und telefonierten trotzdem regelmäßig. Wobei ich mich manchmal des Gefühls nicht erwehren konnte, dass sie mehr aus Mitleid als aus Interesse an meiner Person mit mir redete.

Wir trafen uns in einer dieser öden Szenebars, die grundsätzlich mit gedämpft rotem Licht beleuchtet waren und Kruder und Dorfmeister die oberflächlichen Gespräche mit ihrer unendlichen Litanei aus verkrampft entspannten Easy Listening-Pop hinterlegten. Ich schilderte ihr die Situation, in der ich mich befand.

„Du könntest mir ein paar von den Dingern abnehmen. Vielleicht findet sich ja das eine oder andere Ömchen, das mal ‚was Freches‘ für ihre Haarpracht will.“

„Das Problem ist nicht die Farbe,“ Sie nippte an ihrem zweiten Caipi, „es ist der Ansatz“.

„Hä?“ Ich war verwirrt.

„Das Problem ist nicht die Farbe. Ich erklär’s dir.“

„Na da bin ich aber mal gespannt.“

„Pass auf. Hättest Du vor fünf Jahren geglaubt, dass Leggings, Schulterpolster und Achtzigerjahre-Frisuren jemals wieder in Mode kommen?“

„Naja…“

„Eben. Natürlich nicht. Mode, mein Bester…“ Jenny holte Luft, „Mode ist wiederkehrender Zeitgeist, stets leicht variierend, aber ästhetisch nur in den seltensten Fällen erhaben. Was gut aussieht, bestimmen nicht die Götter noch die Professoren. Es sind die Sterne und Sternchen und deren individueller Geschmack. Individualität ist die Kernformel. Paris Hilton trägt hautenge Jeans, die Gazetten und Journale wittern Trends, die Modeketten nehmen Röhrenjeans in ihr Sortiment, alle laufen mit engen Hosen herum, Paris fühlt sich nicht mehr individuell und sucht sich etwas neues Abwegiges zum Auftragen. So beginnt der Kreis von Neuem, es endet einfach nie, es findet überall statt, selbst in den Kreisen der Alternativen und Individualisten. Schau dich mal auf dem Kilimandscharo um, zwei Drittel aller Bergsteiger haben Rucksäcke von Jack Wolfskin. Das ist es, worauf ich hinauswill: Individualität ist ein Trugschluss“.

„Schon klar, aber was hat das…“

„Man kann es manipulieren, Andreas. Es ist wirklich einfach. Und das werde ich dir beweisen.“

„Was du nicht sagst“.

Und sie bewies es mir. Zwei Tage später tönte Jenny eine Telenovela-Nebendarstellerin mit meiner Haarfarbe. Am nächsten Tag hatte sie die Weltranglistenneunundsechzigste im Damentennis unter ihrer Schere und machte auch ihr Haupt lila. Wie ich ihren Erzählungen entnahm, war es ganz einfach, die Prominenten von der obskuren Neuschattierung ihrer Haarpracht zu überzeugen. Als Friseurin besitzt man Autorität und muss nur etwas von „Trend“ und „Amerika“ murmeln, um jemanden für gewagte Experimente zu gewinnen. Jenny musste jedenfalls gar nicht viel mehr tun. Nach ein paar Tagen kam bereits eine Mittzwanzigerin aus der Medienbranche und fragte von sich aus nach dem neuen Ton. „Earth Curaçao“ hieß die Tönung plötzlich — sie wusste auch nicht, woher der Name stammte. Auf Jennys Rat hin ließ ich die Packungen umetikettieren und fing an, sie für das Doppelte zu verkaufen. Der Absatz stieg, nach zwei weiteren Wochen war mein Vorrat zu zwei Dritteln aufgebraucht. Da witterte ich meine Chance: Ich rief den Fabrikbesitzer an. Er wollte zuerst nicht mit mir reden, aus Angst dass ich ihm wegen des falschen Farbtons auf die Schliche gekommen sei. Nachdem ich ihm erklärt hatte, dass das zwar so sei, ich aber keinen Groll hegte, schlug ich ihm ein Joint Venture vor. Ich kündigte meinen Job. Mithilfe meines stattlichen Ersparten eröffneten wir die Fabrik wieder, freilich in kleinerem Rahmen, und stellten die Tönung in Serie her. Der Knüller war die neue Verpackung: Gänzlich in Weiß, mit Glanzlack überzogen und einem winzigen Schriftzug „EC“ wirkte es wie die Haartönungsverpackung gewordene Version eines Apple iPods.

Bis der Farbtrend „Earth Curaçao“ abebbte, vergingen noch fünf Monate, aber bis dahin hatten wir bereits ein beträchtliches Vermögen angehäuft. Danach beschloss ich, eine neue Karriere zu beginnen. Ich eröffnete ein Fachgeschäft für Luxusartikel. Auch hier drehte ich den Menschen Dinge an, die sie nicht benötigten. Aber die Gewinnspanne war höher.

Foto: Patrick Powers (cc)

4 Kommentare

  1. Moment mal, ist das jetzt passiert oder nicht? Ich bin verwirrt! Aber ich sicher mich mal ab…
    Wenn sie echt ist: Cool! Super Geschichte!
    Wenn sie erfunden ist: Cool! Super Geschichte! 🙂

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