Der Piratenpartei-Diskurs in der deutschen Blogosphäre

Piratenpartei Logofindet mit folgendem Freud’schen Vertipper von Jeriko seinen Höhepunkt:

Seit heute wird aber ein Mitglied der Piratenpartei, dass sich in der Vergangenheit mehrmals kritisch zum Holocaust geäußert hat, unter der Prämisse der absoluten Meinungsfreiheit verteidigt.

Ansonsten finde ich die Diskussion überzogen. Warum? In einer Menschenansammlung von 30 Leuten findet sich mit gegen 1 tendierender Wahrscheinlichkeit ein Idiot. Und wer Dinge von sich gibt wie

Solange der Holocaust als gesetzlich vorgeschriebene Tatsache existiert, sehe ich keine Möglichkeit, diesen neutral zu beschreiben. Zur Erinnerung an vergangene Zeiten. Es gab auch mal andere Doktrinen, z. B. die „Tatsache“, dass die Erde eine Scheibe sei. Diese Doktrin unterscheidet sich von der Holocaust-Doktrin im wesentlichen durch folgende Punkte: 1.) Heute existiert diese Doktrin nicht mehr, daraus folgend konnte 2.) offen darüber diskutiert werden, und Nachforschungen angestellt werden, und daraus folgt 3.) dass festgestellt wurde, dass diese Doktrin schlicht falsch war. Soviel zum Thema Neutralität.

ist ganz offensichtlich ein Idiot. Mal abgesehen, dass Bodo Thiesen den Holocaust relativiert, indem er ihn als diskutabel markiert und damit den üblichen Verschwörungsschrott aus der kackbraunen Ecke hervorkramt — ist der Vergleich auch einfach sachlich Blödsinn. Seit wann folgt denn die Widerlegung einer allgemein unhinterfragt als wahr angenommenen These auf ihre Umstürzung? Laberalarm.

Trotzdem empfinde ich auch die Gegenseite als streckenweise ziemlich undifferenziert. Ohne Herrn Thiesen verteidigen wollen — ein Zitat, das den Satz

Die Verfolgung [der Juden] war ein Verbrechen und jeder einzelne Mensch, der verfolgt und getötet wurde, war einer zu viel.

enthält, zusammenzufassen mit

In seinem Pamphlet […] gibt eralso zu, dass er nicht an den Holocaust glaubt, auch wenn er das in viele Worte packt.

ist einfach mal falsch und denkbar schlechter Stil. Besser wäre gewesen, den Platz, den das Zeter-und-Mordio- und Die-Piratenpartei-ist-unwählbar-geworden-Gebrüll im Folgenden einnimmt, dafür zu nutzen, sich etwas näher mit der zitierten Passage auseinanderzusetzen und aufzuzeigen, warum es sich hier nur um Lippenbekenntnisse handelt.

Ich für meinen Teil habe dazu keine Lust, weil mich das ständige Gebrüll in den Medien zu jedem Naziskandal längst abgestumpft hat und meine Meinung dazu im Satz „Traurig, dass es solche Vollhorste immer noch gibt, aber die hysterischen Schnappreflexe darauf unterstützen deren verqueres alle-gegen-mich-Selbstbild, zumindest auf indirekte Weise“ destilliert werden kann. Der Partei vorzuwerfen, sie toleriere durch die Bank einen Holocaustleugner in ihren Reihen, halte ich für ein ganz schön dickes Ding und ziemlich beleidigend.

Ich als Sympathisant, aber Nicht-Mitglied kann der Piratenpartei nur raten, auf diejenige basisdemokratische Weise mit Herrn Thiesen umzugehen, die sie sich auf die Fahne geschrieben haben: Mit einem Parteiausschlussverfahren, bei dem alle Parteimitglieder abstimmen dürfen — und den Herrn bitte mit 90%+X per goldenem Arschtritt aus der ehrenwerten Riege rauszukanten. Wenn das nicht der Fall sein sollte, dann kann man immer noch über die Partei als ganzes herziehen. Und das sogar mit gutem Gewissen.