Die Mädchenliteratur und ich

Hey, dachte ich, wie komm ich denn zu der Ehre? Auf den Internetseiten zweier Zeitschriften für die pubertierende Jugend, namentlich denen von „Yam!“ und „Mädchen“, fand sich ein Artikel, beiderseits gleichen Inhalts, der mich verlinkte. Er thematisierte die „Bloggermania“, jenen „neue(n) Trend im Web“, wie fetzig[1] das sei und toll. Dabei wurde Citronengras neben zwei mittelmäßigen und einem guten anderen als Lieblingsblog von Denise (20) angegeben, „die selbst eine coole Page hat“ und Tips („Ich mag witzige Alltagsituationen“) zum Schreiben eines Webblogs (sic!) feilbot. Das alles fänd‘ ich ja noch halbwegs schmeichelhaft, wenn… Ja – wenn da nicht ein störendes Detail wäre. Yam! und Mädchen werden vom Axel-Springer-Verlag vertrieben und mit diesem Pack will ich nun absolut überhaupt nichts zu tun haben.

Lasst mich ausholen. Ich war nämlich schonmal in so einem Jugendblatt drin. Das ist schon ewig her. Die Bekannte einer Freundin kannte Hanna[2], die als freie Autorin für die „Young Miss“ (kein Springer-Blatt) tätig war und gerade für einen großen Artikel auf der Suche nach einem Jungen war, der aus seiner Sicht etwas zum Thema Liebeskummer erzählen konnte. Die Wahl fiel auf mich und ich traf mich mit Hanna. Ihr erzählte ich in anderthalb Stunden die Geschichte meines Leids mit M., die ich zu Oberstufenzeiten unerhört anhimmelte und die es dabei nicht ungeschickt zustande brachte, mich hochfrequent zwischen Betrübnis und Hoffnung pendeln zu lassen. Es hat ja jeder so seine Geschichten. Es fand noch eine Fotosession statt und einige Wochen passierte gar nichts. Der Artikel, der dann irgendwann veröffentlicht wurde (ich wurde nicht informiert, geschweige denn, dass ich ein Belegexemplar bekommen hätte), spottete jeder Beschreibung.

Young Miss

Aus meiner mit Leidenschaft und Grabesstimme vorgetragenen Leidensgeschichte wurde ein Pamphlet flach wie Friesland, nach dem Gusto „Ja, Jungs sind exakt so, wie ihr sie euch vorstellt: Anstatt großartig über Probleme zu reden, mampfen sie lieber Burger bei Mäckes. Sie sind ja auch so hilflos in solchen Dingen.“ Alles falsch, das hatte ich so nie gesagt! Na gut, dass sie die Aussage „Ich war total bekifft, da schrieb ich ihr merkwürdige Weltraum-Liebeslyrik und schickte den Brief blöderweise auch noch ab“ so nicht ins Heft übernehmen konnte und durch „Aus einer verrückten Laune heraus schrieb ich ihr ein Liebesgedicht“ ersetzte, dafür habe ich angesichts der Zielgruppe volles Verständnis. Aber der Rest. ABER DER REST! Okay, ich fand das natürlich auch halbwegs cool damals, von zehntausenden Mädels bemitleidet zu werden und ich mochte auch Hanna ganz gern, so dass ich ihr diese Kürzungen, Verflachungen und inhaltlichen Verdrehungen verzieh. Nur – und jetzt kommt der Grund, warum ich das hier überhaupt erzähle – hatte sie mir beim Interview von ihrer Karriere erzählt und wie sie eine gute Zeitlang in der Redaktion von „Bild“ gejobbt hatte. Sie wisse schon, was ich jetzt denke, meinte sie damals, Boulevard und Gossenjournalismus. Aber dort lerne man, wie das eben läuft im Geschäft. Mir war das damals, als blutjunges Büblein, eine wichtige Lektion, die ich am eigenen Leib erfahren hatte: Trau den Medien nicht. Nur weil das da schwarz auf weiß steht, muss es noch lange nicht stimmen (siehe z.B auch hier). Hinter den gleißend strahlenden Fassaden des Journalistenberufs stehen oft Schluffitum, Desinteresse, Machtgeilheit und/oder Verantwortungslosigkeit.

Zum Schluss ein Appell: Liebe „Yam!“- und „Mädchen“-Leserinnen, falls ihr das hier lest, tut mir einen Gefallen. Kauft „Popcorn“ oder „Bravo“, „Girl“ oder meinetwegen auch die „Young Miss“, wenn ihr euch schon mit seichter Boy-meets-Girl-Prosa betäuben wollt, mit von oben herab verordneter Zementierung solcher Geschlechtsrollenklischees von Anpreisung und Maskierung wie sie nur im Beauty-Tips-Segment solcher Zeitschriften beherrscht werden und der Erziehung zu seelenlosen Konsumzombies dank marktschreierischer Stülpung jenes kapitalistischen Zuckergusses über die Welt, der als Moden oder Trends bezeichnet wird – aber verzichtet in Zukunft auf Erzeugnisse des Axel-Springer-Verlags.

Warum das? Nun, dieses Eitergeschwür von einem Verlagshaus verdient meiner Meinung nach sein Geld zu einem nicht unerheblichen Anteil mit Lug und Trug, mit unterirdisch mieser Recherche, mit Kampagnenjournalismus und erfundenen Geschichten, mit Rufmord und Sündenbocksuche, erzreaktionärem Effet und der Vermischung von Werbung und Inhalt, mit Sex & Crime und Appellen an die niedersten Instinkte im Menschen. Neben den, wie ich finde, Krebsgeschwüren unter den Tageszeitungen – hier in Berlin allein vier: „Bild“, „Welt“, „Berliner Morgenpost“ und „B.Z.“ – vertreibt Springer auch allerlei Fachgeblätt wie „Auto Bild“, „Sport Bild“, „Computer Bild“ usw., die im Vergleich zu anderen Blättern gleicher Sparte – so weit ich es beurteilen kann – auch fachlich einfach schlecht sind. Meines Erachtens ist alles, was aus diesem Verlagshaus kommt, böse. Deswegen meine Bitte: Verweigert dem System Axel-Springer eure Unterstützung, bildet euch eure Meinung selber. Lest nicht mehr die „Yam!“, die „Popcorn“ und auch nicht die „Mädchen“, denn auch wenn die genauso gut oder schlecht sind wie andere Blätter in diesem Genre, sollte man im Zweifel immer gegen Springer sein. Wenn ihr euch für Blogs interessiert, dann werft mal einen Blick ins BILDblog, das sich täglich mit den kleinen Flunkereien und den großen Lügen der Bild-„Zeitung“ auseinandersetzt. Lest mal beim Stefan Niggemeier ein paar lustigste Gegendarstellungen aus der „BZ“. Lest mal nach, wer die Herren Dutschke und Ohnesorg waren. Oder schaut euch an, wie die Leute beim „axel springer youth mediahouse“ die „Markenaffinität“ der „Young Consumers“ erhöhen wollen. Richtig, diese schmierigen Herrschaften reden darüber, wie sie euch dazu bringen können, möglichst viel Geld für unnützen Schrott auszugeben. Und finden sich geil dabei.

P.S.:
üben
Das üben wir aber nochmal: Bei der Zweitverwertung ist den „Mädchen“-Heinis entgangen, dass die Selbstanpreisung per URL im Text modifiziert gehört.

  1. Das Wort „fetzig“ habe ich hier absichtlich eingefügt, denn ich gehe steil auf abgegriffene Wendungen der Jugendsprache. Im Prinzip machen auch diese Zeitschriften nix anderes – das wiedergeben, wovon die Redakteure glauben, es sei modern, ohne Rücksicht darauf, dass ein Begriff der Jugendsprache in dem Moment obsolet ist, da mehr als drei Erwachsene ihn in ihren aktiven Wortschatz eingemeinden. Dann schon lieber altmodisch, aber dazu stehen. [zurück]
  2. Name geändert [zurück]