Ein Interview und eine Umfrage auf jesus.de

[Hinweis:] Dieser Beitrag war ursprünglich im “Watchblog Islamophobie” erschienen, welches mittlerweile eingestellt worden ist. Ich habe den Artikel in mein privates Blog gespiegelt, damit er nicht verloren geht. –Der Admin, Januar 2008

Dass die Angst vor einer kulturellen Infiltration der wie auch immer gearteten deutschen/ europäischen/ westlichen Kultur durch den Islam ein hanebüchenes, aber sich immer weiter verbreitendes Angstszenario ist, scheint eine aktuelle Umfrage auf der großen christlichen Webcommunity jesus.de zu beweisen, im Rückgriff auf ein Interview mit dem mittlerweile verstorbenen Soziologen Karl Otto Hondrich, in dem der Befragte folgende Annahmen als gegeben vertritt:

  • Die jeweils homogene Kultur von Deutschen gegenüber in Deutschland lebenden Türken verlaufen entlang einer ethnisch-religiösen Grenzen, deren Durchlässigkeit abnehme.
  • Muslime vermehrten sich in „numerischem Ansturm“, die einheimische Mehrheits leide unter Geburtenrückgang.
  • Die deutsche Mehrheitskultur sei jedoch vor islamischer Majorisierung gefeit, kraft der „Attraktivität und Potenz der abendländischen Lebensformen“. Deutsche Kultur sei „kollektive Identität“ und besitze eine „enorme Beharrungskraft“ gegenüber Zersetzungsversuchen nicht näher benannter „kleiner Gruppen“.
  • In der Annäherung von Türken und Deutschen würden auch die kulturellen Unterschiede deutlicher.

Im Grunde muss man dazu nicht viel sagen. Die Einstellung Hondrichs war von kulturalistischem Denken geprägt. Eine definierte Mehrheitskultur sei zentraler Sinnstifter für das Individuum und speise sich aus nationalen Eigenheiten (bspw. die viel zitierten, aber fast nie näher definierten „Werte“). Sie habe sich vor Fremdeinflüssen zu schützen. Zahlenmäßig werde sie zwar in die Bredouille gebracht, aber sie ist aufgrund des „Heimvorteils“ einfach stärker. Das Grundverhältnis zwischen Mehrheit und Einwanderern sei also das des Konflikts. Zusammengefasst: Man muss sich keine Sorgen wegen türkischer Einwanderer machen. Dies allerdings nicht, weil von ihnen keine Gefahr droht, sondern weil die Kultur der deutschen (wahlweise: „des Westens“) überlegen ist. Folgendes Zitat illustriert Hondrichs Meinung ebenfalls:

Solange demokratische Politik auf Mehrheitsentscheidungen beruht, muss sie der Mehrheit die Sicherheit geben, dass sie das Heft in der Hand behält, dass sie trotz Einwanderung Mehrheit bleibt und dass ihre kollektiven Gefühle, Interessen und Werte Vorrang genießen. (zitiert nach Wikipedia, 5.8.2007)

Am Rande: Einen guten Überblick über das Denken Hondrichs gibt ein ZEIT-Artikel von 2004.

jesusdescreenshot
[Bildausriss: jesus.de]

Genannte jesus.de-Umfrage nun ist leider ein Lehrstück in Sachen Manipulation.

Das neben der Fragestellung plazierte Bild dreier aus erhöhter Position, von hinten fotografierter, muslimischer Mütter mit Kopftuch und Kind ist bereits auf symbolischer Ebene stark suggestiv. Es impliziert: Wir, die Besseren (erhöhte Position der Kamera), werden von der unbekannten (keine Gesichter der Abgebildeten) differenten (Kopftücher) und schlechten (Frauen scheinen sich nicht um das Kind zu kümmern) Kultur durch Überfremdung (Kind) bedroht. Das mag sich möglicherweise albern anhören, aber durch Wiederholung der immer gleichen Klischees, durch unterbewusste Wirkungen und vor allem die besondere Wirkung von Bildern funktioniert Manipulation auch in den Massenmedien. Besonders in der Islam-Berichterstattung wird nur in Ausnahmefällen mit vorteilhaften bzw. neutralen Bebilderungen gearbeitet.

Die Fragestellung lautet nicht minder suggestiv

Islam – Angst vor »Majorisierung«?

Der im Januar verstorbene Frankfurter Soziologe Karl Otto Hondrich hat die Angst davor, im eigenen Kulturkreis von der Stimmenmehrheit einer fremden Kultur überstimmt zu werden, als eine Grundangst von Gesellschaften bezeichnet. Mit Blick auf das Zusammenleben von Deutschen und Türken zeigte er sich dennoch gelassen, dass die vorherrschende Kultur unseres Landes sich als Lebensform durchsetze.

Haben Sie Angst vor einer muslimischen Stimmenmehrheit?

Mal abgesehen davon, dass die Fragestellung munter die „Gefahren“ kultureller Einflussnahme, an die Hondrich glaubte, mit der legitimen Einflussnahme über den demokratisch-parlamentarischen Weg durchmischt, reproduziert sie inhaltlich bereits oben genannte Thesen Hondrichs als gegeben. Die Überschrift mag das manipulative Element verdeutlichen. Wenn man Boulevardjournalismus analysiert, stößt man schnell auf die Methode, Aussagen als Frage zu formulieren. Das geschieht auch hier. Diese Methode dient dem Zweck, einerseits juristisch/ moralisch abzusichern und eine Quasi-Distanz zur Aussage herzustellen, um andererseits jener Aussage, die völlig aus der Luft gegriffen oder von Interessengruppen kolportiert sein kann, eine gewisse Berechtigung zu verleihen. Hier also: Es existiert Angst vor islamischer „Majorisierung“ und diese Angst besitzt (für einige Menschen, darunter auch Wissenschaftler) Berechtigung .

Die Tatsache, dass hier auf einen Wissenschaftler verwiesen wird, stellt zusätzlich den Eindruck einer Expertenmeinung her. Die typische Zeitungsaussage „Wissenschaftler haben herausgefunden, dass…“ ist im Prinzip das gleiche. Sie unterschlägt, dass wohl nur die wenigsten Theorien und Aussagen auch in der wissenschaftlichen Sphäre gänzlich unumstritten sind, ganz besonders in den sozialwissenschaftlichen Disziplinen. Es gibt eben nicht die Meinung der Wissenschaft, denn Wissenschaft ist Diskurs – Argumentation, Beweis und Prüfung.

Erwähnt werden muss jedoch auch, dass sich der Fragesteller im Mittelteil einen rhetorischen Fauxpas erlaubt, denn die Formulierung „hat die Angst davor“ ist im Sinne der Suggestion fatal, impliziert sie doch ein emotional-irrationales und damit unwissenschaftliches Element in den Aussagen des Soziologen.

Die Anwendungen von Homologien, also Gleichsetzungen von Sachverhalten, die auf unterschiedlichen Ebenen liegen und jeweils Teil eines bipolaren Gegensatzes sind, ist ein zusätzliches Mittel zur Verschleierungen von Rassismus und zur Vereinfachung der Sachverhalte. Beispielhaft aus dem aktuellen Diskurs:

türkisch – deutsch
islamisch – christlich
kriminell – rechtschaffen
Ausländer – hier geboren
Fundamentalismus – Weltliche Orientiertheit
fremd – vertraut
Zuwanderung – Mehrheitskultur
Scharia – Rechtstaat
Barbarei – westliche Werte
dumm – klug
Ghettoisierung – Wohnflucht
Schmarotzer – Steuerzahler
Angst einflößend – Vertrauen erweckend
Angreifer – Verteidiger
Terrorismus – Angst vor Terror

Auch wenn Islamophobe dies verneinen würden, wird die Grenze zwischen „denen“ und „uns“ in Rede und Wahrnehmung zumeist entlang des Bindestrichs zwischen diesen Gegensatzpaare gezogen. Vereinfachend sind diese Homologien, weil sie „Ausreißer“ in Wahrnehmung und Denken kaum zulassen bzw. ausklammern, wie etwa einen gut integrierten Türken der eine Menge Steuern zahlt, muslimische Verbände, die sich von Gewalt im Rahmen ihrer Religion distanzieren oder die Tatsache, dass Frauen in manchen fundamentalchristlichen Sekten ebenso unterdrückt werden und ein Kopftuch tragen müssen. Zur Verschleierung von Rassismus benutzt werden kann die Homologie, indem der taktisch versierte Islamophobiker Aussagen vermeidet, die rassistisch konnotiert sind („Ausländer nehmen Deutschen die Arbeitsplätze weg!“, „Überfremdung“), sondern stattdessen auf eine andere Ebene der Homologie wechselt, seine Meinung pseudo-islamkritisch verhüllt, dabei aber natürlich pauschalisierend in seiner gruppenbezogenen Wertung verharrt („Moslems wollen sich nicht integrieren!“, „Einführung der Scharia“ drohe). Man kann sagen, dass der Islam bzw. muslimische Mitbürger willkommene Opfer für das Potential an rassistischen Projektionen einiger Bürger, Politiker und Medienschaffenden sind.

Zurück zur Umfrage auf jesus.de: Die Antwortsoptionen, und das sollte auch dem ungeübten Betrachter ins Auge fallen, weisen gewisse Lücken auf.

Bild
(Stand der Ergebnisse: 6.8.2007)

Mit Ausnahme der letzten Option (die Raum für alles lässt) gehen auch die Antworten grundsätzlich davon aus, dass Karl Otto Hondrich recht hatte. Die einzige Möglichkeit der Integration sei Assimilation in die Mehrheitsgesellschaft, kulturelle Koexistenz, gegenseitige Beeinflussung, gar Vermischung sei unerwünscht und unmöglich. Auf die praktizierte Art wird ein Konsens simuliert, der auch Argumentationslieferant für Rechte und Neurechte sein kann. Die Ergebnisse der Umfrage fallen absehbar aus.

Ich hätte an dieser Umfrage nicht teilgenommen. Um es einmal deutlich zu sagen: In meinen Augen hätte, wenn die Umfrage wirklich an (vielleicht nicht im sozialwissenschaftlichen Sinn, zumindest jedoch auf gewöhnlichem massenmedialen Niveau) repräsentativen Meinungsbildern interessiert gewesen, zumindest noch die Möglichkeit bestanden, eine oder zwei Optionen zu wählen wie

  • Ich bin mit der Meinung Hondrichs nicht einverstanden. Ich denke nicht, dass ein friedliches Zusammenleben nur unter der Prämisse von Kulturkampf oder kultureller Hegemonie möglich sind. Dass sich Kulturen gegenseitig beeinflussen ist keine Gefahr, sondern ein Automatismus. Auch wenn der Begriff heute oft verhöhnt wird, glaube ich an die Kultur bereichernde Kraft von Menschen, die einander einst fremd waren.

oder

  • Wir sind kulturell äußerst stark US-amerikanisch geprägt. Ich habe nichts dagegen, nur: Konsequenterweise müssten die Verteidiger der deutschen Mehrheitskultur hier genauso lautstark protestieren.

oder

  • Ich halte Hondrichs Begriff von Kultur für überbewertet im Angesicht der individualisierten Gesellschaft. Mich verbindet in Sachen Lebensart, Geschmack und Ausdrucksweise wesentlich mehr mit meinem Arbeitskollegen, der zufällig türkischstämmig ist als mit meinem urdeutschen Nachbarn (der, der immer so laut die Volksmusiksendungen im TV guckt, dass man es im ganzen Mietshaus hören kann). Auch mein Sohn definiert sich eher als Hip Hopper, der gegen Techno-Fans eingestellt ist, denn als Deutscher, der gegen Türken kämpft. Was soll also dieser Unsinn?

Etwas beruhigend ist, dass im Forum von jesus.de trotz des Ergebnisses und trotz einiger der üblichen islamophoben Stimmen sehr kritisch über die Umfrage diskutiert wird.

1 Kommentar

  1. Pingback: Adieu, Watchblog - Citronengras

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