Ein Preis für Henryk M. Broder

Der Focus-Chefhelmut hat ein Markwort gesprochen:

„Broder ist ein Ludwig Börne von heute: ein freier Geist, der leidenschaftlich und feurig schreibt, oft polemisch und ohne Rücksicht auf ‚political correctness‘, aber immer unabhängig und überraschend“ (Zitat: Zeit Online von gestern).

Broder erhält den mit 20.000 Euro dotierten Ludwig-Börne-Preis, der einzige Juror war eben jener Helmut Markwort.

Wie überraschend dieser – seit jüngstem auch Prometheus-Preisträger – in der Tat seine journalistische Arbeit gestaltet, zeigt sich beispielhaft in seinen Erzeugnissen der letzten Wochen. Mag man zu seinem Buch stehen, wie man will – die einen nennen es die Wahrheit, ich nenne es Volksverhetzung – aber jemandem aus einem Übersetzungsfehler heraus Holocaustleugnung zu unterstellen, und das auch nach Hinweis nicht zurückzunehmen… Kein guter Stil.

Genauso stillos ist übrigens, statt auf Recherche (die einen guten Journalisten ausmacht) auf unseriöse Informationen zu setzen, die spinnerte Hetzblogs in die Welt setzen. Eh das in der Versenkung verschwindet, kram‘ ich einfach nochmal den Kommentar hervor, den ich unter einen Artikel bei Stefan Niggemeier anlässlich eines gleichsam merkwürdigen Tagesspiegel-Kommentars schrieb:



Interessant, dass gerade H.M. Broder sich darüber beklagt, dass jeder seinen Müll im Web ablassen könne. Er bedient sich selbst in seinen alarmistischen Warnungen vor einem nebulösen islamischen Kulturimperialismus gerne aus dem reichhaltigen Fundus an Dolchstoßlegenden bekannter islamophob-rechtsextremer Blogs wie PI.

Ein Beispiel: PI bringt eine Story, nach der in Oberösterreich zwei islamische Mütter gegen die Verwendung von Pluszeichen protestieren, weil sie dem christlichen Kreuz ähneln. Dabei beruft sich PI auf eine ominöse Pressemeldung, die drei Kilometer gegen den Wind als Ente zu enttarnen ist. Offenbar eine Kolumne, keine Detailangaben zu Ort oder Zeit, drei Ausrufezeichen zur Untermauerung einer Aussage und vor allem: Trotz intensiver Suchmaschinenrecherche findet man keine weiteren Quellen außer den einschlägigen PI-treuen Weblogs und Foren, die diese Nachricht genüßlich ausschlachten. Zumindest darf man also Zweifel an dem Wahrheitsgehalt der Meldung haben. Und was macht Henryk M. Broder? Bedient seine Klientel, indem er dieses hübsche Geschichtchen in einem – wohl als Polemik verstanden wissen wollenden – SpOn-Artikel als Beispiel für die islamische/islamistische (Broder macht da eher selten einen Unterschied) Unterminierung unserer Kultur einbaut – zu Ehren des Spiegel-Geburtstages.

Wasser predigen und Wein saufen. Das sind meiner Meinung nach die Momente, in denen sich der klassische Journalismus selber auffrisst.


Wenn man genauer nachforscht, findet man gewiss viele weitere Beispiele für die Inkompetenz Broders. Über die merkwürdigen Prozesse, die er so führt, verliere ich hier mal keine Worte. Eine Auflistung markanter Begriffe und Formulierungen, die jener in seinen Polemiken ins Feld führte, gab es übrigens bei Wolfgang Moser, ist jetzt jedoch geschützter Bereich. Ältere Versionen der Seite lassen sich jedoch bei archive.org und per Google-Cache einsehen. Aufschlussreich.

Polemik als Stilmittel ist wahrhaft überwertet. Und es gibt auch bessere Journalisten hierzulande. Ernsthaft.

3 Kommentare

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