Ein Skandal der keiner ist

Ein Skandal kann in den meisten Fällen nur durch die Medien erschaffen werden. Was, wenn der Skandal aber die Medien betrifft? Wenn die Ungeheuerlichkeit schon zum gewöhnlichen Agieren in dieser Sphäre gilt? Die Idiotie, die dahinter steht ist eine von uns erschaffene. Wir sind willige Konsumenten, weil wir es sein sollen – aber auch wollen. Ich möchte hier nicht falsch verstanden werden: Konsum ist gut und wichtig, er erhält unsere Gesellschaft am Leben – selbst wenn die durch den Konsum gestillten Bedürfnisse künstlich erschaffene, gar sinnlose sind. Spräche ich anders, ich tät’s mit gespaltener Zunge. Es geht mir aber um etwas anderes.

Und worum? Um das Fernsehen. Um Sabine Christiansen. Ich habe mir ihre Sendung von gestern nicht angeschaut, 3,8 Millionen andere Menschen aber. Gestern nacht noch las ich einen Artikel aus Quirinus‘ Demokratie und Alltag. Dort hieß es:

Welche Art von Sozialstaat wollen wir? Über diese und andere Fragen, so heißt es in diversen Programmankündigungen, diskutiert Sabine Christiansen heute abend mit ihren Gästen. Und das sind: Wolfgang Clement (Ehem. Wirtschafts- und Arbeitsminister, SPD), Markus Söder (CSU-Generalsekretär), Klaus Wiesehügel (Vorsitzender IG BAU), Lucy Redler (WASG), Hans-Ulrich Jörges (Leiter Hauptstadtbüro STERN).

Ich bin fast kollabiert. Warum setzt man neben drei selbstgerechte „Macher“, die richtig tief in den Lobbynetzwerken und -hinterzimmern stecken (übrigens genau wie Frau Christiansen), aber auch für ihre populistische Rhetorik bekannt sind,

  • einen Gewerkschaftsboss ohne großen Einfluss, aber mit reichlich Loyalitätskonflikten (Arbeitnehmer vs. SPD-Realpolitik)
  • und eine radikale Trotzkistin, die gerade erst aus ihrem Parteivorstand ausgeschlossen wurde und obendrein auch noch gut aussieht – was eine Frau in der Politik schon mal von vornherein disqualifiziert (Ist-, nicht Soll-Zustand, für mich-falsch-verstehen-wollende).

In solch einer Sendung kann es doch gar keinen diskursiven Schlagabtausch gegeben haben. Wie viele der 3,8 Millionen werden denn realisiert haben, worum es hier eigentlich ging? Um Manipulation. Die Meinung der Mehrheit wird nunmal durch die Massenmedien geprägt. Gerade die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten genießen immer noch den Ruf, seriöse Informationen neutral aufzubereiten. Nun, wer das glaubt, den weiß ich leider enttäuschen zu müssen.

Da gab es zum Beispiel eine Sendung von Beckmann am 20. März diesen Jahres, in der Norbert Blüm als Verfechter der gesetzlichen Rentenversicherung eingeladen war. Ins Auge stach dabei die Feindseligkeit, mit der der Moderator den ehemaligen Arbeitsminister anging, ihn immer wieder unterbrach und persönlich wurde. Auch ein anderer Gast, die B-Promi-Voyeurine Nina Ruge, argumentierte gegen Blüm. Später wurde bekannt, dass Ruge und Beckmann Werbeverträge mit der privaten Versicherungswirtschaft hatten.

Nun geriet Beckmann danach stark in die Kritik und musste versprechen, in Zukunft seine Werbeverträge offenzulegen. Aber was wäre nun, wenn das kein Einzelfall gewesen wäre? Wenn tatsächlich wirtschaftliche Interessenvertreter alles nur mögliche Unternehmen würden, um gutgläubige Bürger auf ihre Seite zu ziehen, ihnen ihre Weltsicht aufzuzwingen? Dem eigenen Profit zuliebe?

Da gibt es z.B die INSM, in der sich genau solche Menschen zusammenfinden und Werbeleute engagieren, um bestimmte Botschaften unterbewusst (z.B. in Polit-Talks oder Daily Soaps) auszusenden: Weniger Staat, mehr Freiheit und Eigenverantwortung. Kurz: Reformen. So nennt sich Sozialabbau nämlich im Neusprech der Lobbyisten und der Medien, ihren willigen Erfüllungsgehilfen. Und: ja, es gibt auch in den Medien Lichtblicke. Etwa Monitor und Zapp, die genau diesen Machenschaften nachgespürt haben. Das kann man sich auch online ansehen. Wenn man sich damit beschäftigt, ahnt man ansatzweise, welche informellen Verbindungen und Netzwerke ohne Verträge, Protokolle und Vereinsnamen zwischen Politik und Medien es noch geben mag. Sehr erhellend war in dem Zusammenhang die Dokumentation Strippenzieher und Hinterzimmer – Meinungsmacher im Berliner Medienzirkus von Thomas Leif. Leider gibt’s die nicht zum Streamen, aber wenn irgendwie/-wo die Möglichkeit besteht – anschauen.

Zum Schluß der Verweis auf einen Artikel, der einen Blick von außen und alter Schule auf den Journalismus in Deutschland markiert. Der Schweizer Journalist Frank A. Meyer in der Frankfurter Rundschau: Küssen sie mal einen Bildschirm (24.05.2006)

Doch es gibt noch ein weiteres Netz, das uns gefangen hält. Ein intimeres: Wir (die Journalisten – Anm. d. Bloggenden) bewegen uns mehr und mehr und am liebsten untereinander. Neben dem Arbeits-Bildschirm ist die Medienszene unsere engere, unsere enge Heimat geworden. Wir sind auf dem besten Weg, eine Kaste zu werden. Und die eherne Regel jeder Kaste heißt: Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus. (…)

Und dennoch ergeben sich ob so vieler verständlicher Gemeinsamkeiten auch fatale Gemeinsamkeiten: Zum Beispiel ganz plötzlich und ganz ohne böse Absicht ein Mainstream in der Einschätzung von Politik oder Wirtschaft, von Politikern und Unternehmern, von Parteien und Verbänden und Gewerkschaften. Gesellschaftliche Entwicklungen werden plötzlich, ohne böse Absicht, von den führenden Medien, von den Stimmungs- und Meinungsmachern unter den Journalisten sehr, sehr ähnlich gesehen – fatal ähnlich.

2 Kommentare

  1. TITLE: Tut gut, mal sowas zu hören.
    Danke! Tut wirklich gut, sowas mal zu hören. Und so herrlich differenziert und selbstkritisch!

    Ich hab bei Christiansen auch das Gefühl, dass da wirklich immer die gleichen sitzen. Die Themen, die Fragen, die Stimmung gleichen sich. Ich frage mich, wo da noch die Kontroverse ist.
    Und diese ganzen Schäfchen im Publikum, allgemeiner, die ganzen Schäfchen in der Medienlandschaft (deren milieubegrenztem Blick sich leider die wenigsten bewusst sind). Im Moment fühlt man sich schon ganz schön allein, wenn man darauf einen kritischen Blick hat.
    Und dass sowas wie die INSM wirklich so unterschwellig und unwidersprochen die politischen Ansichten weiter Bevölkerungsteile (mit-)prägen kann ist wirklich verdammt denkwürdig und traurig.

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