Ein Wort mit drei „ei“

Zeitgeistscheiß.

krankenhaus-am-friedrichshain

Was das ist, erfuhren wir den Tag vor gestern am eigenen Leib. Meine Freundin war seit einiger Zeit invalid und ließ sich von mir zur Arztpraxis begleiten. So inkompetent wie die dort Niedergelassene konnten die halbwegs alarmierenden Laborergebnisse (die Leukozyten schienen eine wilde Sause zu feiern) gar nicht sein; sie wurde, nein – wir wurden ins Krankenhaus gegenüber geschickt. Es stellte sich ein Warten ein. Nach der 16 kam die 17 zur 18 eine 19, schließlich die 20. Mehr als drei dieser Stunden dauerte meiner geliebten Dame die Kanüle, die allen Neuankömmlingen in der Notaufnahme, anscheinend als Standardprozedere, in die Ader gelegt wird. Das jedenfalls, was in dieser Zeit passierte, passierte nur den anderen, aber viel war das auch nicht. Ich ging zur Arbeit und kam zurück. Ich kaufte Hühnersuppe in der Dose und kam zurück. Irgendwann fragte S. bei den dortigen Autoritäten nach ihrem zu erwartenden Schicksal, das Sitzfleisch sei mager, die strukturelle Armbeugenintegrität rar. Die Schwester konnte auch nicht sagen, wann’s denn soweit sei. Viele Notfälle in der Inneren gäb’s, alles ist sehr beschäftigt. Mag sein, dachte ich bei mir, es sieht aber doch nach normalem Tagesbetrieb aus?

Weil ich mal in einem anderen Krankenhaus gearbeitet hatte, beantwortete ich mir die Frage gleich selbst. Plötzlich nämlich mussten vor nicht allzu langer Zeit Krankenhäuser, anstatt die Kranken zu heilen, Gewinn machen. Und das erste, was dieser neu gegründete große Verein in Berlin machte war, die aus wirtschaftsweiser Sicht unrentablen Rettungsstellen zu beschneiden: weniger Personal, Nachtschließungen, auch kompletter Wegfall. Herrlich sicher für denjenigen, der sich beim Brotschneiden in den Finger schneidet, beim Sport den Meniskus anreißt oder am Ende eines langen Falles den Arm bricht, am Empfang gesagt zu bekommen. Nee, wir können sie gerade nicht behandeln. Bitte fahren sie in das Hospital zwei Kilometer weiter in nordöstlicher Richtung. Haben sie bitte Verständnis, mein Arbeitgeber muss wirtschaftlicher werden. Gespart wurde überall, auch auf der Station, auf der ich meinen Zivildienst verrichtete. Ich sah die beste Pflegekraft der Station im Medikamentenkabuff weinen, weil sie es war, die nur den Zeitvertrag statt einer Festanstellung hatte und wegrationalisiert wurde. Ich hörte von Ärzten, die 36 Stunden-Schichten zu verrichten hatten und von Patienten, die aufgrund von müdem, anderweitig beschäftigtem oder inkompetentem Personal starben. Ich las, solcherlei wäre alltäglich. Jener Berliner Krankenhauskonzern Vivantes immerhin schreibt heute schwarze Zahlen, die Bettenauslastung wurde erhöht, die durchschnittliche Verweildauer eines Patienten, der jetzt Klient genannt wird, halbiert (vielleicht weil er früher stirbt?) – so gehört sich das! Das ist Zeitgeistscheiß.

In gewisser Weise paradox, dass ich just in dieser sich endlos dahinquälenden Ära der Warterei auf einen Artikel in der Zeitung stieß, nachdem die ebenso auf „Gesundsanierung“ getrimmte und mit einem genauso beknackten Namen gesegnete Hamburger Krankenhausbetriebszusammenrottung Asklepios die Stadtfinanzen ordentlich in die Bredouille bringt: Privatisierung kostet Hamburg eine Milliarde – Stadt muss wieder 2000 Klinikmitarbeiter anstellen. Kann auch passieren sowas. Klar rufen jetzt die Wirtschaftsliberalen, das sei die Schuld der Gewerkschaften und Betriebsräte, dass in einem Privatisierungspapier Klauseln zum Wiedereintritt der Angestellten in den öffentlichen Dienst stehen. Ja nun, würde ich denen entgegnen – Krankenversorgung ist eben ein öffentlicher Dienst und er sollte nichts anderes sein. Absurd für mich die Vorstellung, einer wolle auf dem Rücken kranker, schmerzgeplagter und siechender Leute Profite herausschlagen (mal abgesehen von virtuellen Variationen des Themas). Mal hypothetisch gefragt: Wenn so ein Monster von einem Klinikkonzern pleite geht, wohin gehen dann die Leute, wenn sie krank sind? Können die letzten verbliebenen Kircheneinrichtungen das auffangen? Wo ist die Konkurrenz, richtet der Markt wirklich alles? Ich prophezeie mal, dass der OP-Tourismus in die östlichen Nachbarländer stark zunehmen wird. Vielleicht gibt es ja auch demnächst Krankenkassen, die tschechische Katheter und ungarische Bypässe in ihren Leistungskatalog aufnehmen?

Meine Freundin jedenfalls hielt das trotz kapitalistischer Führung absolut klientenfeindliche Krankenhaus Friedrichshain nicht länger aus und insistierte, man möge ihr doch die kräftig schmerzende und sämtliches Beugen des linken Armes unterdrückende Nadel aus der Ader ziehen, damit sie gehen könne. Das Warten mit dem Ding im Arm, degradiert auf die innere Bitte um die Gunst der Aufmerksamkeit, diese ingesamt völlig autistische Situation war schlimmer als die Beschwerden. Die Schwester starrte sie an, wahlweise als ob die Klientin vom Mond sei, oder als ob ihr gerade vorgehalten wurde, sie selbst sei vom Mond. Sie zog ihr das Ding im Stehen, obwohl direkt nebenan eine Kabine frei war, wortlos und brutal. Meiner Freundin geht es immerhin heute besser, eine weniger überforderte Praxisärztin konnte helfen. Einzig das Hämatom an der inneren Armebeuge links erinnert an die Zeit in diesem Raum in der Notaufnahme. Es ist königsblau mit grünem Rand und lila Tupfen und hat in etwa die Form der Türkei.

10 Kommentare

  1. Tja, die Einsparungen…

    Ich hab‘ mal ungefähr ’ne halbe Stunde auf einem Bein stehend in Krankenhaus verbracht – weil der zum anderen gehörende Fuß verbrühterweise unter dem Wasserhahn hing. Theoretisch hätte mich das völlig unbeschäftigte Helferlein dort auch verarzten können – wollte aber oder durfte sogar aber nicht. Nun gut, später kam ich dann doch zu einer Behandlung – die erstmal aus zwanzig weiteren Minuten Wasserhahn in einem anderen Zimmer bestand, bevor mir ein Verband angelegt wurde und schließlich eine Schmerztablette bekam. Die letzte.

    Ja, wir alle lieben sie, die Krankenhäuser und Arztpraxen… ich frag mich nur, warum ich – außer in akuten Notfällen – immer den Homöopathen kontaktiere…

  2. Mir hat der Arzt in der Notaufnahme gesagt, das an der Schulter sei wohl eine Zerrung und ich soll mich nicht so anstellen, so schlimm könnten die Schmerzen wohl nicht sein. Ging ich also weiter arbeiten und arbeitete mit links. Zwei Wochen und viele endlose Nächte später hatte ich einen selbst organisierten MRT-Termin, bei dem ein Ausriss der Sehne aus dem Schulterblatt festgestellt wurde. Nochmal zwei Wochen später wurde dann endlich operiert. Die Schulter wird nimmer wie früher.
    Wer spart da wessen Geld? Warum?

  3. Ich bin tatsächlich überzeugt, dass das eine oder andere europäische Land in Zukunft eine Spezialisierung auf Gesundheit vornehmen wird, und dann tatsächlich „Ich muss mal nach Tschecharien (oder Belgänien)“ zum Synonym wird für „Ich brauch einen Arzt“. Da wird man dann bezahlbare Leistungen erhalten, freundliches Personal und kompetente Ärzte aus aller Herren Länder.

  4. Ich denke „wird“ kann man getrost durch „tut“ ersetzen. Wenn ich mir die Entwicklung an den östlichen Grenzen so anschauen, so haben die bald mehr Praxen wie wir Apotheken in Deutschland.

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  6. In Ungarn gab/gibt es z.B schon ein florierendes Zahnarztgewerbe für deutsche Kundschaft, btw.

  7. Ich weiß, das ist nicht der Kern des Problems; Pflegekräfte machen eine harte Arbeit unter miesen Bedingungen – aber ich glaube, es täte Schwestern wie der erwähnten gut, wenn sie mal jemand auf den Pott setzt. Ich finde das unmöglich, wenn Bedienstete der Gesundheitsbranche so tun, als dürfte man keine Bedürfnisse haben oder gar äußern, weil man keine medizinische Ausbildung hat. Was wissen Sie denn? Wer sind Sie überhaupt, Sie Würstchen? Sie haben dankbar zu sein, daß wir überhaupt mit Ihnen reden! Furchtbar.

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