Eine Anwältin und ein nacktes Kind auf einem Fahrrad in München

Fahrrad mit Kindersitz
Symbolbild: elecnix (cc)

Wer mich kennt weiß, dass ich eine naive, ja geradezu esoterische Sichtweise hinsichtlich der Rechte von Kindern pflege. Denn ich halte es für richtig, dass Kindern das Recht auf eine eigene Persönlichkeit zugestanden wird, mit allen Konsequenzen, ohne Gewalt psychischer und physischer Art.

Was mich gestern in dem Zusammenhang wirklich aufgeregt hat, war dieser Fall:

Mit blau angelaufenen Mundwinkeln sitzt ein 1 1/2 jähriges Mädchen nackt auf dem Kindersitz eines Fahrrades. Die Mutter, eine 32-jährige Rechtsanwältin aus Schwabing, radelte mit dem schlotternden Kind am letzten Montag bei windigen Wetterverhältnissen und 11 Grad Außentemperatur durch die Sandstraße, als sie einer Polizeistreife auffiel.

Den Polizisten erklärte die Juristin, dass sich ihre Tochter nichts anziehen lassen wollte. Da das Kind eigene Persönlichkeitsrechte habe, akzeptiere sie als Mutter dessen Wunsch. Außerdem meinte die 32-Jährige, sei es für das Kind nicht zu kalt, es sitze ja in ihrem Windschatten. Auf weitere Diskussionen wollte sie sich nicht einlassen.

Die Mutter wurde von den Beamten aufgefordert, ihrer nackten Tochter sofort Kleidung anzuziehen. Dieser Aufforderung kam sie ohne weiteren Widerspruch nach und zog dem Kind eine mitgeführte dicke Jacke über. Anschließend konnten Mutter und Kind die Fahrt fortsetzen. Die Beamten der Streife der Polizeiinspektion 42 (Neuhausen) erstellten eine Anzeige wegen Misshandlung von Schutzbefohlenen.

So weit, so furchtbar. Udo Vetter vom lawblog greift das Ereignis nun auf, zitiert einen kommentierten Gesetzestext zum Thema, erklärt indirekt wie albern der Vorwurf der Kindesmisshandlung sei und schließt mit dem Vorwurf, dass für die juristische Bearbeitung des Falls mal wieder unnötig Steuergelder verschwendet würden.

Dieser letzte Hinweis an sich ist schon zynisch. Es scheint dieser Tage obligat zu sein, den Hinweis auf volkswirtschaftliche Kosten in Kontexte einzubetten, in denen sie absolut nicht zu suchen haben. Okay, ich verstehe ja, dass Knete für viele unserer Mitmenschen der letzte verbliebene Schlüsselreiz für emotionale Reaktionen ist, aber den Anstand, diesen nicht zu triggern, wenn es um Menschenwürde und Kinderrechte geht (auch wenn der Sachverhalt hier durch den Tunnelblick der Juristerei gefiltert wird), sollte jemand, der sich nicht unbedingt als Boulevardblogger versteht, schon mitbringen.

Ein anderthalb Jahre altes Kind wird also nackt bei nicht gerade sommerlichen Temperaturen von seiner Mutter auf dem Fahrrad durch die Stadt kutschiert. Zunächst einmal sollte in der Betrachtung keine Relevanz besitzen, wie die Mutter sich rechtfertigt. Das Kind ist durch die Handlung der Mutter einer gesundheitlichen Gefahr ausgesetzt. Abstrus ist es, wenn lawblog-Kommentator Ben in Kommentar 13 meint[1], dass er selber bei 11 Grad Celsius noch im T-Shirt ins Büro radelt. Erstens ist er kein Kleinkind respektive Baby, zweitens wird ihm nur durch die Muskelbewegung warm. Es ist eine elterliche Pflicht, für das gesundheitliche Wohl des Kindes zu sorgen bzw. es nicht mutwillig zu gefährden. Im Sinne der Ausführungen, die Vetter zitiert,

Gesundheitsschädigung: “Böswillig ist diese Vernachlässigung, wenn sich jemand gegen die Pflicht aus schlechter Gesinnung, aus einem verwerflichen Beweggrund, zB Hass, Geiz, Eigennutz, Sadismus, auflehnt. … Bei der letzten Begehungsform muss sich der Vorsatz auch auf die Gesundheitsschädigung erstrecken; es genügt nicht, dass diese nur als objektive Folge der böswilligen Vernachlässigung der Sorgepflicht eingetreten ist.”[2]

finde ich einen Vorsatz durchaus gegeben. „Nur“ eine Vernachlässigung der Sorgepflicht wäre es gewesen, wenn das Kind aus eigenem kindlichen Antrieb nackt auf die Straße gekrabbelt wäre, aber die Mutter hat es mit hinausgenommen, also aktiv gehandelt. Über die Motive Sadismus und Hass maße ich mir nicht an zu spekulieren, das Motiv Eigennutz ist aber deutlich erkennbar: Die Mutter stellt das Wohl des Kindes auf massive Art hinter das eigene zurück. Sie verzichtet nicht auf das Außer-Haus-Gehen, sie zieht dem Kind nichts — gegen seinen Willen — an (dazu weiter unten noch etwas), sie lässt das Kind nicht unter der Obhut einer anderen Person daheim. Stattdessen wählt sie die einzige Option, die keine ist: Sie setzt das Kind nackt auf ihr Fahrrad. Welcher Grund es sein mag, aufgrund dessen die Mutter Haus verlassen will — ob es nun ein wichtiger Termin, ein privates Treffen oder was auch immer — sie stellt in einer Situation des Interessenkonflikts zwischen ihr und dem Kind das Wohl des Kindes nach hinten und nimmt billigend einen gesundheitlichen Schaden in Kauf.

Ein weiterer Faktor, der vom Gesetz eher nicht erfasst ist und auch in den meisten Kommentaren zu diesem Fall nicht berücksichtigt wurde, aber für mein Verständnis auch Misshandlung darstellt, ist der psychische Aspekt. Demütigung ist eine Form von Misshandlung. Auch wenn das Kleine die gesellschaftliche Norm „Scham“ noch nicht zu erfassen imstande ist, wird es doch die empörten, Unverständnis zeigenden, vielleicht auch belustigten Blicke der Passanten wahrgenommen haben. Bewusst oder unbewusst wird es diese frühkindliche Erfahrung speichern. Diese wird nachhaltige Auswirkungen auf die Psyche des heranwachsenden Menschen haben — ich wage zu behaupten, dass diese Erkenntnis entwicklungspsychologisch gesichert ist. Dazu kommt, dass sich die kindliche Wahrnehmung der Lebenswelt sich fundamental von der eines Erwachsenen unterscheidet. Für ein anderthalbjähriges Kleinkind ist die Mutter wichtigste Bezugsperson, Lehrerin, Schutz- und Lebensspenderin in einem. Sie ist unfehlbar, ihr ganzes Handeln auf das eigene Wohl gerichtet, denn ohne sie ist das Kind verloren. Von der Mutter in ihrer Funktion als Beschützerin nicht gehört, ja – enttäuscht zu werden ist für ein Kind nicht zu vergleichen wie wenn für einen Erwachsenen der Lieblingsfußballverein verliert — es ist die Erfahrung totaler Ablehnung der eigenen Befindlichkeit, eine Existenz bedrohende Gefahr, ein traumatischer Schock, der das Kind ohnmächtig (nicht im wörtlichen Sinne) werden lassen muss.

Gut möglich, dass das Kind in einigen Jahren, wenn es sich erinnert oder ihm von dem Ereignis erzählt wird, die Position der Mutter rechtfertigt („Es hat mir ja nicht geschadet“), ähnlich wie Menschen, die als Kind körperlich misshandelt werden, dazu neigen, die Angriffe auf ihre Integrität zu bagatellisieren. Das ist eine Abwehrreaktion für den als Kind nicht begreifbaren Bruch mit der elterlichen Schutzfunktion, ein psychoanalytisches Stichwort lautet Identifikation mit dem Aggressor :

In diesem Zusammenhang formulierte [Sándor Ferenczi] erstmals, dass die von den Kindern erlebte Angst und Hilflosigkeit sie zwinge, „sich selbst ganz vergessend sich mit dem Angreifer vollauf zu identifizieren“. Ferenczi zufolge ist das Kind erfüllt vom Wunsch nach zärtlichen, aber nicht nach sexuellen oder gewalttätigen Beziehungen zu den Erwachsenen. Solche Anmutungen übersteigen und überfordern die kindlichen Verständnis- und Verarbeitungsmöglichkeiten weitestgehend, was dazu führt, dass es einen Angreifer „introjiziert“, also in seiner (unbewussten) Phantasie in sich hineinnimmt, um ihn als äußere Realität zum Verschwinden zu bringen: Statt sich aktiv mit ihm auseinanderzusetzen, wozu es nicht fähig ist, macht es ihn zu einem fremden Teil seiner selbst, was bei wiederholten Gewalterfahrungen zu einer regelrechten Zerstückelung der Persönlichkeit (Ferenczi sagt „Atomisierung“) führen kann. Das überwältigte, emotional verwirrte Kind identifiziert sich dabei insbesondere mit den Schuldgefühlen des Angreifers; abgewehrt werden sie, indem es Hass entwickelt, der seinerseits aber wiederum Schuldgefühle beim Kind hervorruft und daher verdrängt und unbewusst gegen das eigene Selbst gewendet werden muss. So kommt es in der Folge beispielsweise häufig zu Depressionen, aber auch zu schweren Beziehungsstörungen und nach außen gerichteter Aggressivität, was zur Fortsetzung der Gewalt führt. (…)

Grundsätzlich gilt, dass eine Identifikation mit einem Aggressor als Abwehr gegenüber der Unfähigkeit des Opfers geschieht, einen Angriff auf die eigene körperliche und psychische Integrität zu verstehen und psychisch zu integrieren.

Zurück zum Fall. Grotesk wird es, wenn man weiß, welches Ziel die Mutter hatte. Das steht nicht in der Presseerklärung der Polizei, aber die Mutter hat sich dazu in einer Yahoo!-Newsgroup (Anmeldung erforderlich, lokaler Screenshot) geäußert. Ich gehe davon aus, dass die Wortmeldung authentisch ist.

[Name, offenbar von einer Freundin] und ich wollten heute gemütlich mit Kindern auf das Oktoberfest- da kam die Polizei. Mit Blaulicht wurde ich angehalten- weil mein Kind ([Name des Kinds], die 16 Monate alt ist) nackt hinten im Fahrradsitz saß.

Der Polizist stieg aus und kam mit den Worten: „Das ist Körperverletzung!“ auf
mich zu. Er will das Jugendamt verständigen. Ich sagte ihm, dass sie nichts anziehen wollte (gerade ganz extrem, noch nicht mal eine Unterhose, da bekommt sie die totale Krise, trotz ablenken, draußen anziehen und den ganzen anderen Tricks.) Er meinte: „Da müsse sie dann durch.“

usw.

Jetzt muss ich abwarten, ob sich das Jugendamt meldet.

Hat jemand von euch ähnliche Erfahrungen gemacht?

Gibt es Beweise, Studien etc., dass kleine Kinder ein anderes Temperatur empfinden
haben?

Auf das Oktoberfest hatte ich dann keine Lust mehr … 🙁

Die Mutter wollte mit ihrem nackten Kind, das noch nicht einmal anderthalb Jahre, sondern 16 Monate alt ist, Ende September zum Oktoberfest! Nach der polizeilichen Reaktion bedauert sie zudem, dass es mit der Festivität nicht mehr geklappt hat und sucht nach wissenschaftlich haltbaren Erkenntnissen, dass die Kälte dem Kind nichts ausmacht. Da fällt mir ernsthaft nichts mehr zu ein. Der Fairness halber muss erwähnt werden, dass die Mutter in einem anderen Newsgroup-Thread behauptet, dass es an diesem Tag sonnig bei 16°C gewesen sei und das Kind keine blauen Lippen gehabt habe. Mal abgesehen davon, dass es für mich keinen Grund gibt, an der Version der Polizei zu zweifeln, denke ich, dass es auch keinen Unterschied macht.

An dieser Stelle ein Blick auf den Entwicklungsstand eine 16 Monate alten Kindes .

Vielleicht kann Ihr Kind schon einen Finger an die Lippen halten und „pssst“ sagen. Verstecken spielen, mit Bauklötzen experimentieren und Spiele wie „Wo ist meine Nase?“ sind jetzt sehr beliebt. Beim Anziehen hilft Ihr Kleines mit. Und ungefähr um diese Zeit beginnt es sich für das Treppensteigen zu interessieren – auch wenn es noch einige Monate Hilfe beim herauf- und herunterklettern braucht.

Ich weiß nicht, ob die Aktion der Mutter nun eine sadistische Strafe war oder einfach nur ideologisch verbrämte Gedankenlosigkeit — die Mutter behauptete, nur den Wunsch des Kindes zu erfüllen — die später zur Rechtfertigung intellektualisiert wurde. Eine angenehme Vorstellung ist beides nicht. Sowohl mancher dogmatische Verfechter der autoritären wie auch der antiautoritären Erziehung dürften ihr dennoch Beifall spenden. Erstere für die hochheilige Konsequenz, die die Mutter erzieherisch hat walten lassen, die anderen für die vermeintliche Rücksichtnahme auf die Wünsche des Kindes. Beide haben Unrecht.

Ich bin der Meinung, dass Menschen und ganz besonders Kinder so gut wie gar nicht in der Lage sind, aus Strafen zu lernen. Die einzige Möglichkeit, etwas durch Strafe zu lernen besteht darin, ihren Willen zu brechen. Gebrochene Willen sind das Fundament totalitärer Gesellschaften, das muss nicht mal gesondert erwähnt werden. Das Argument, den Willen des Kindes mit dieser Schlotterfahrt zu respektieren und es so mit den Konsequenzen des eigenen Handelns zu konfrontieren, halte ich aber auch für Mumpitz. Ein Kind von 16 Monaten mag zwar einen eigenen Willen besitzen, aber noch lange nicht die Möglichkeit, Konsequenzen des eigenen Handelns abzusetzen. Das Kind hat selbstverständlich ein Kälteempfinden, ist sogar wesentlich empfindlicher als ein Erwachsener, kann aber kaum äußern, wie unkomfortabel die Situation für es ist. Sowohl, weil ihm die verbalen Mittel fehlen, als auch, weil es emotional perplex ist von der, läppisch ausgedrückt, Kaltschnäuzigkeit der Mutter.

Es muss auch die Frage gestattet sein, warum sich das Kind anfangs überhaupt nicht anziehen ließ. Ich gehe davon aus, dass das der Ausdruck eines Protests ist, ein passiver Widerstand. Auch bei einem Kleinkind dürfte der Wunsch, sich ungeschützt der Kälte auszusetzen nicht aus dem Nichts kommen. Vielleicht ahnte es, dass es unter Menschen geht, ihm gefiel die Situation beim letzten Mal nicht (vielleicht waren beide zuvor auch schon einmal zwischen lärmenden und bierseligen Menschen auf der „Wiesn“?) und wollte zum Ausdruck bringen, dass es mit der Mutter lieber alleine geblieben wäre? Noch einmal aus dem Entwicklungsstand des 16 Monate alten Kindes:

Manchmal wird Ihr Kleinkind von Gefühlen überwältigt und bekommt einen Wutanfall oder Koller. Ihr Kind kann seine Tränen nicht einfach so stoppen – denken Sie daran, dass es nur einen Weg kennt, Dampf abzulassen. Im Gegensatz zu Ihnen kann es die Wut nicht im Fitnessstudio abbauen. Wenn es also zum Koller kommt, dann seien Sie geduldig und wenden Sie sich Ihrem Kind zu. Bieten Sie ihm Trost an oder lassen Sie es in Ruhe – je nachdem, was Ihr Kind gerade braucht.

Ein so junges Kind kann sich nicht argumentativ zur Wehr setzen, die einzige Möglichkeit, Unmut auszudrücken, ist sich zu verweigern und so an die Empathie der Mutter zu appellieren. Ich bin der festen Überzeugung, dass ein Kind nicht aus dem Nichts heraus „bockt“, „trotzt“ oder „zickt“. Schon solche Formulierungen lassen mir die Hutschnur platzen, denn sie sprechen dem Kind die Menschlichkeit und Autonomie ab. Solche Worte implizieren, dass das Kind aus einer naturgegebenen Boshaftigkeit gegenüber den Eltern agiert. Dass dieses Bild massiv in den Medien gefördert wird (etwa „BILD“: Warum unsere Kinder zu Tyrannen werden), ist meinem Verständnis nach eine Art kollektiver Gewissenserleichterung dafür, dass für den Kinderhass in unserer Gesellschaft und ein Rattenschwanz preußischer und nationalsozialistischer Erziehungsideale (vgl. Sigrid Chamberlain, Alice Miller), den wir immer noch mitschleppen, uns als maßgeblichen Einflussfaktor des sozialen Handelns in unserer Gesellschaft aber viel zu selten bewusst machen.

Wie erzieht dann man ein Kind zu einem reifen Menschen? Ich weiß es nicht genau, bin ja schließlich noch kein Vater, aber ich denke, man muss ihnen ein positives Beispiel vorleben. Kinder lernen am besten durch Imitation, nicht nur von konkreten Handlungsweisen, sondern auch Offenheit, Neugier, Werte usw. Ein so kleiner Mensch braucht Hilfe und Unterstützung, Verlässlichkeit und Liebe, in jeder Lebenssituation. Man muss Kindern zugestehen, Fehler zu machen, ihnen dabei aber sanft den richtigen Weg weisen, zumal wir in einer komplexen Welt leben, die von der heißen Herdplatte bis zum Straßenverkehr eine Menge an „unnatürlichen“ Gefahren kennt. Das Konfrontation mit den Konsequenzen eigenen Handelns und dem Kind Autonomie zuzugestehen sind gute Prinzipien, aber man sollte als Elternteil darauf achten, dabei Augenmaß zu behalten. Als Elternteil aus einer Genervtheit heraus im Sinne von Laissez-faire die Aufgabe des Kindschutzes zu vernachlässigen und Grenzen, welches das kleine Lebewesen instinktiv auf Belastung testet, nicht zu ziehen ist genauso verantwortungslos wie es mit sinnlosen und willkürlichen Grenzen zur Subordinanz zu erziehen. Mitunter habe ich das Gefühl, dass es oft in Wirklichkeit die Eltern sind, die ihre Überforderung und Überlastung an den Kindern ausagieren und somit diejenigen sind, die „trotzen“. Wir müssen uns mehr Gedanken machen.

[vielen Dank für Recherche und Diskussion an meine Liebste, S.]

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  2. zitiert nach Vetter in: Schönke/Schröder, Strafgesetzbuch, Kommentierung zu § 225 StGB [zurück]

51 Kommentare

  1. Meine Güte! Das Kind ist nicht einmal 1,5 Jahre alt!
    Entweder man schafft es, das Kind anzuziehen oder man muss eben zu Hause bleiben. Den Besuch eines Festes über das Wohl des Kindes zu stellen, finde ich ganz schön heftig.

    Klar haben Eltern häufig mit solchen Problemen zu kämpfen.
    Irgendwann finden auch kleine Kleinkinder raus, welche Hebel sie wo ansetzen müssen, um ihre eigenen Interessen gegen die der anderen durchzusetzen.

    Ein Beispiel:
    Mein Sohn hatte auch mal rausgefunden, dass man ja unbedingt Schuhe anziehen muss, um nach draussen zu gehen (er war da ungefähr 3 Jahre alt). Er wollte nicht nach draussen, also weigerte er sich, seine Stiefelchen anzuziehen. Ganz schön schlau! Ich habe ihm dann gesagt: „Dann gehst Du eben ohne!“ und er musste so mit – zumindest, bis wir vor der Tür waren. Da habe ich ihn noch mal gefragt und er wollte die (natürlich von mir mitgenommenen Stiefel) doch gerne anziehen.
    Gut – das war hoch gepokert von mir. Wäre er stur geblieben, hätte ich ein Problem gehabt, denn ich will ja nicht, dass er kalte Füße kriegt. Aber man lernt auch mit der Zeit, sein Kind ein bisschen einzuschätzen.

    Aber sowas … ich finde es schon richtig, dass die Polizei eingeschritten ist. Sonst hätte es wieder geheissen: „Die Polizei schaut weg …!“

  2. Die Argumentation von U. Vetter kann ich ebenfalls nicht nachvollziehen. Mal abgesehen davon, dass es 11 Grad einfach zu kalt sind, um ein Kleinkind nackt durch die Gegend zu fahren und Kinder in dem Alter, wie erwähnt, die Konsequenzen ihres Handelns noch nicht absehen können, finde ich, dass du dich in deinem Text teilweise etwas verrennst.
    Ich glaube nicht, dass das Kind irgendwelche psychischen Spätfolgen, vor allem in Bezug auf die Blicke der Passanten, davontragen wird. Vermutlich wird es sich als Erwachsener gar nicht mehr an den Vorfall erinnern und die Geschichte nur noch aus Erzählungen kennen.

  3. @ Hein:
    Erinnern ist nicht gleich erinnern.

    Als Freud beispielsweise erstmals postulierte, dass sich die meisten geistigen Prozesse, die unser alltägliches Verhalten bestimmen, unbewusst vollziehen, wurde er verspottet. Heute dagegen findet sich kaum mehr ein Neurowissenschaftler, der bestreitet, dass unbewusste geistige Prozesse nicht nur real, sondern auch äußerst wichtig sind.

    Hinweise darauf mehrten sich erstmals in den fünfziger Jahren. Damals stellten die Neuropsychologen fest, dass Patienten mit schadhaftem Hippocampus zwar unfähig sind, sich an ihre Erfahrungen und Erlebnisse bewusst zu erinnern, dass sie aber ganz offensichtlich hochgradig von ihnen beeinflusst sind. Der Schluss war unausweichlich: Einige Gedächtnissysteme des Gehirns verarbeiten Information „implizit“ – also unbewusst.

    Als besonders bedeutsam haben sich jene unbewussten Mechanismen erwiesen, die das emotionale Lernen vermitteln. So wissen wir inzwischen, dass Wahrnehmungen entlang subkortikaler und damit unbewusster Nervenbahnen bis in jene tieferen Hirnstrukturen gelangen können, in denen Furcht entsteht. Erlebnisse können deshalb heftige emotionale Reaktionen in uns wecken, ohne dass wir wüssten, warum wir fühlen, wie wir fühlen.

    Besonders interessant ist die Tatsache, dass der Hippocampus in den ersten beiden Lebensjahren funktionell noch nicht gereift ist. Dies liefert uns eine neurologische Erklärung für ein Phänomen, das Freud „infantile Amnesie“ nannte: Frühkindliche Erinnerungen werden ausschließlich vom impliziten (unbewussten) Gedächtnis gespeichert. Sie werden deshalb nicht bewusst erinnert – und können dennoch unser späteres Leben maßgeblich überschatten. Die meisten Entwicklungsbiologen haben sich deshalb die traditionelle Freudsche Vorstellung zu Eigen gemacht, der zufolge frühkindliche Erfahrungen das Netzwerk der Nerven in unserem Gehirn knüpfen und auf diese Weise maßgeblich unsere zukünftige Persönlichkeit und seelische Gesundheit prägen – obwohl wir uns ihrer nicht erinnern.

    Mark Solms zur heutigen Rezeption von Freud, SPON, 1.11.2003

  4. Naja, dann müsstest Du als Elter ja in ständiger Panik leben, Dein Kind zu traumatisieren! Evtl. kann auch ein falsches, missverstandenes Wort schlimme Folgen haben …

    Natürlich ist dass, was diese Frau da gemacht hat, falsch und schlecht und es ist in meinen Augen durchaus richtig, wenn die Behörden da einschreiten.

    Viele schlimme Erlebnisse (die jeder Mensch nun mal durchleiden muss) werden ja auch von anderen überlagert. Man sollte zwar versuchen, sie zu vermeiden, aber man kann sie auch nicht verhindern.

  5. Naja, dann müsstest Du als Elter ja in ständiger Panik leben, Dein Kind zu traumatisieren!

    Das ist das falscheste, was man tun kann. Aber ich habe auch nicht behauptet, dass an jeder Ecke ein Trauma lauert. Die Quintessenz meines Eintrags, das möchte ich nochmal betonen, ist: Eltern müssen ihren Kindern Freiräume lassen, dürfen sie aber auch nicht unnötigen, oder wie in diesem Fall willentlich in Kauf genommenen, Gefahren aussetzen. Der Grat zwischen der nötigen Freiheit und der nötigen Sicherheit, die man dem Kind angedeihen lässt ist ein schmaler und ihn zu finden in meinen Augen ganz sicher eine der schwierigsten Aufgaben, die Eltern haben, unbenommen. Klar, jeder macht Fehler, das kann man aber auch dem Kind mitteilen.

    Evtl. kann auch ein falsches, missverstandenes Wort schlimme Folgen haben …

    Missverständnisse lassen sich aufklären.

    Viele schlimme Erlebnisse (die jeder Mensch nun mal durchleiden muss) werden ja auch von anderen überlagert. Man sollte zwar versuchen, sie zu vermeiden, aber man kann sie auch nicht verhindern.

    „Schlechte“ Ereignisse, die wirklich jeder erlebt, und Ereignisse, die Traumata auslösen, haben eine unterschiedliche Qualität. Letztere können ganz sicher nicht so einfach „kompensiert“ werden. Ich möchte auch noch einmal betonen, dass ein solches Erlebnis (und wer weiß, was es da in der Geschichte des Kindes noch gab) für den Erlebnishorizont eines 16 Monate alten Kindes eine ganz andere Bedeutung als nach unserer erwachsenen Auffassung hat. Für einige von uns klingt das vielleicht albern, aber ein Kind ist seinen Eltern vollständig ausgeliefert. Der Großteil seines Denkens und seines Vertrauens richtet sich auf sie. Wenn dieses Vertrauen enttäuscht wird, ist das in der Wahrnehmung des Kleinen keine Bagatelle, sondern eine Katastrophe.

  6. @Frank

    Schon richtig, aber du setzt voraus, dass es für das Kind, vom frieren mal abgesehen, eine aversive Situation war, bzw. das Kind abschätzige Blicke auch als solche wahrnimmt. Das möchte ich bezweifeln.
    Klar ist natürlich, dass wir durch jegliche Erfahrung auch geprägt werden.

  7. @Hein:

    Okay, mag sein, dass ich mich da etwas weit aus dem Fenster lehne. Weiß ich nicht, ob das Kind es wirklich so wahrnimmt.

  8. Danke! Danke für diesen tollen Beitrag! Es gibt noch vernünftige Menschen in unserer Gesellschaft, die in der Lage sind Kinder als das zu sehen was sie sind, als Kinder! Hier war ich nicht zum letzten Mal 😉

  9. Irgendwie kommt es mir merkwürdig vor, wenn du von Scham und psychologischer Nachwirkung des Kindes sprichst und dann diesen spezifischen Fall so sehr in den Vordergrund stellst.

    Wenn das Kind einmal erwachsen werden sollte und sich über diesen Fall informieren möchte, kann man dann darüber überhaupt in der Öffentlichkeit debattieren ohne die gleiche oder wenigstens eine ähnliche Scham hervorzurufen?

    Ansonsten kann ich der Argumentation gut folgen und verstehe die Problematik.

  10. Henry, die Scham entsteht nicht aus der Debatte, sondern aus der originären Demütigung. Ich habe diesen Fall gewählt, weil er mir „gerade recht“ kam, hätte genausogut etwa über „Hundeleinen“ für Kinder schreiben können oder einige andere persönliche Beobachtungen, die ich gemacht habe.

    Freilich besteht immer die Gefahr einer medialen Hetzjagd, aber so etwas liegt mir fern. Die Geschichte hier war zum Zeitpunkt, als ich anfing zu schreiben (gestern Abend) schon auf diversen Pressewebsites und bei SpOn zu lesen. Ich dürfte mit meinem Artikel das Leid des Kindes wohl kaum mehren. Möglich, dass der Fall morgen von der „Bild“ aufgegriffen wird und mit den riesengroßen Buchstaben „Rabenmutter“ illustriert wird. Dafür, wie abartig unsere Medien sind, kann ich aber nichts.

    Ich finde es aber auch wichtig dass ein gesellschaftlicher Diskurs über das Leid vieler Kinder in ihren Familienstrukturen stattfindet. Es gilt noch bei viel zu vielen Eltern als probates Erziehungsmittel, den Willen der Kinder zu brechen. Gerade solche Erfahrungen werden, wenn sie unreflektiert bleiben, an folgende Generationen tradiert. Wie soll man die Rechte von Kindern verbessern, wenn man nicht darüber redet und Beispiele nennt?

  11. Diese Frau benötigt Hilfe in der Erziehung ihres Kindes und einige andere die in dieser unerzogenen Yahooliste schreiben auch. Da ist Arbeit für ein ganzes Jugendamt!

    Elphaba

  12. @Frank:
    Die Missverständnisse lassen sich nur aufklären, wenn sie wahrgenommen werden. Ich kann mich da an Dinge aus meiner Kindheit erinnern …

    Im Prinzip gebe ich Dir natürlich recht, aber man weiss nie vorher, was für ein Kind ein Trauma sein wird und was nicht. Ich plädiere da für eine entspannte Betrachtungsweise. Wobei natürlich – wie schon gesagt – die Aktion dieser Frau unter aller Sau war.

    Mit dem Brechen des Willens ist das echt so eine Sache. Ich als Vater sehe immer diesen Widerstreit zwischen den Interessen und dem Willen des Kindes, die Möglichkeiten des Kindes, Dinge selbst zu bestimmen usw. und den Zwängen des Lebens. Auch können Kinder bestimmte Dinge noch nicht selbst entscheiden. Das müssen dann die Eltern übernehmen. Dummerweise müssen sie das des öfteren _gegen_ den Willen des Kindes tun.

  13. @ ELPHABA:

    Mir sind einige von denen auch etwas zu durch. Meine Freundin weist mich gerade darauf hin, dass es in der Liste einen Thread gab, in der einige Mutter Verständnis dazu äußerten, dass wenn ein Kind sich die Zähne nicht putzen wolle, man es gewähren ließ. Motto: „Loch im Zahn, aber frei im Kopf“. Es sind wohl aber auch nicht alle so.

  14. @ Flusskiesel:

    Hi Flusskiesel. Klar, alltägliche Konflikte gibt es (siehe Beispiel mit dem Zähneputzen einen Kommentar weiter oben). Mit „Willen brechen“ meinte ich, dem Kind als Ganzes und für immer Unterordnung zu oktroyieren. Es so mit Willkür, Hass und Gewalt zu triezen, dass es irgendwann resigniert und unhinterfragt alles tut, was man von ihm verlangt.

  15. Jedenfalls sind das dieselben Menschen, die Homeschooling befürworten und durchsetzen wollen und es sind dieselben Menschen, die Impfungen ablehnen, die Vorsorgeuntersuchungen für Kinder als übergriffig, respektlos dem Kinde gegenüber sehen und von diesen fernbleiben wollen. Es sind dieselben, die sich im Internet in geschlossenen, moderierten/zensierten Diskussionslisten ihre Verschwörungstheorien präsentieren (z.B. dass die „Pharmalobby“ durch Impfungen dafür sorgt, dass die Menschen krankwerden, um ihnen dann ihre Produkte verkaufen zu können), dieselben, die es ihren Kindern überlassen, ab wann sie andere Nahrung als Muttermilch zu sich nehmen wollen (und schwere Mangelerscheinungen in Kauf nehmen), dieselben, die die Schulfähigkeitsuntersuchungen ablehnen und sich in ihren „Geheimlisten“ darüber austauschen, wie man sich dieser „staatlichen Gängelei“ entziehen kann …. usw….
    Nicht alle schnüren das ganze Paket an alternativem Schwachfug, aber es scheinen immer mehr zu werden.

    Allen scheint aber gemeinsam zu sein, dass sie an einem Grübelzwang leiden. Ihnen geht eine gewisse Leichtigkeit des Seins völlig ab. Jeder Pups muss „hinterfragt“ werden.

  16. @ Fusselammund:

    Um der Fairness Genüge zu tun muss ich dich darauf hinweisen, dass deine Meinungsäußerung eine ähnliche Militanz aufweist wie du sie den Müttern mit ihrem „alternativen Schwachfug“ vorwirfst.

    Gegen abgeschlossene Foren und Listen im Web ist meiner Meinung nach überhaupt nichts einzuwenden. Diese Yahoo-Group war sogar mehr oder minder öffentlich.

    Zum Thema Pharmalobby: Ich kann mir gut vorstellen, dass manche Impfungen unnötig sind, ebenso wie der Einsatz von Antibiotika oder Medikamenten in vielen Situationen. Ich bin da nicht dogmatisch, aber habe für mich selber die Entscheidung getroffen, im Zweifel kein Medikament zu nehmen. Falls wir mal Kinder haben, werden wir es sicher ähnlich handhaben. Dass die Pharmalobby enormen Einfluss auf unser Gesundheitssystem hat und jährlich dutzende Milliarden Euro unrechtmäßig verdient, würde ich nicht bestreiten. Sehr hübsch beschreibt das Georg Schramm. Nicht täuschen lassen, das ist zwar Kabarett, aber alles wahr.

    Thema Muttermilch: Die Evolution hätte es ganz schön dämlich eingerichtet, wenn die natürliche Zusammensetzung nicht alle wichtigen Nährstoffe für ein Neugeborenes enthielte. Ob Babybrei von HiPP & Co da so viel gesünder sind, wage ich zu bezweifeln. Zu den psychischen Implikationen des verfrühten Abstillens sei dir das oben verlinkte Buch von Sigrid Chamberlain empfohlen. Ich denke, ein Kind weiß instinktiv ganz gut, wann es an der Zeit ist, sich von der Brust zu lösen.

    Das Schulsystem: ist von vorne bis hinten verdorben. „Illegales“ Homeschooling kann eine Alternative sein, wenn die Eltern es gut machen. Dieses Projekt etwa klang sehr gut.

    Reflektion: hat noch niemandem geschadet. Ich bin ganz allgemein der Auffassung, dass man das Kindeswohl nicht an irgendwelchen ideologischen Dogmen aufhängen sollte. Die „Unerzogen“-Mütter haben durchaus in einigen Punkten recht, während mir andere Aspekte ganz schön verblendet scheinen.

  17. Copy and paste: Sorry, ich gebe hier mal meinen Comment aus der AZ zur Diskussion… so steht er auch dort zum „frierenden Kind“!

    Werden Kinder in dieser Entwicklungsphase emotional vernachlässigt, sterben die Gehirnzellen ab. (Allan Schore, der Einstein der Neurologen!). Ergebnis: Dauerhafter Kognitionsdefekt und schwere Disorder im Right Brain. Ergebnis: So ein Mensch denkt ausschliesslich visuell ohne Context und die liebe AZ scheint „visuelle Redakteure“ im Portfolio zu haben, die wahrscheinlich wissen, dass die AZ- Zielgruppe „visuell liest!“ Wer zeigt eigentlich all die Eltern an, die für den Gehirnzellentot ihrer Kinder verantwortlich sind? Tip an die Redaktion: „schaltet mal eure linke Gehirnhälfte ein und berichtet doch lieber mal über „geistige Disorder bei Kindern durch kommunikationsgestörte Eltern“, deren selective Wahrnehmung auf Sensationsstorys einen IQ von 79 vermuten lassen. Bei 11 Grad sterben keine Gehirnzellen ab und lt. google ist das ein Fahrtweg von 3 km, wobei – um beim Thema zu bleiben – es sich natürlich optisch besser macht ein frierendes Kind (dem kein geistiger Schaden zugefügt wird) abzulichten – um Auflagen stabil zu halten – anstatt mal emotional instabile Eltern auf die Titelseite zu bringen, die die Gehirnzellen ihrer Kinder „töten!“ Die Qualität der Eltern/Kind-Kommunikation entscheidet über das Gehirnwachstum des Kindes… und allein das sollte ja schon Grund sein, dass die AZ-Kommunikations-Experten (?) vielleicht mal darüber berichten! Nützt ja nichts wenn man Kognitionsgestörten als weiter ihre „visuelle Weisheit“ lässt und die das sogar mit „Entwicklungs-Psychologie“ vs. „Kindererziehung“ verwechseln.

  18. @ think-twice:

    Ich musste deinen Kommentar dreimal lesen, um ihn zu verstehen. Aber ich gebe dir Recht, denn viel schwerwiegender als die Kälte, die das Kind auf dem Fahrrad hat hinnehmen müssen ist meines Erachtens das Kommunikationsdefizit zwischen Kind und Mutter, das dort geherrscht haben muss. Ich denke auch, dass so etwas, wenn es gehäuft vorkommt, langfristig psychische und neurologische Folgen haben kann.

  19. Ach, sorry, der letzte Kommentarversuch ist mir einfach im Netz abhanden gekommen.

    Quintessenz war jedenfalls, dass ich ziemlich sauer reagiert habe auf dein „… Ich weiß es nicht genau, bin ja schließlich noch kein Vater,…“

    Da sollte man sich seeeeehr genau überlegen, welche guten Ratschläge man verteilt!

    Ich muss mich noch mit dem Vater meiner Tochter (13 Monate) darüber unterhalten, wie wir gehandelt hätten. Ich glaube nicht, dass ich mit ihr nackt rausgegangen wäre. ABER: Mir ist das Verhalten der Mutter allemal lieber, als wenn sie ihre Tochter gewaltsam dazu zwingt, sich anziehen zu lassen. Oder dann den ganzen Nachmittag mit ihr zu Hause sitzt und sie psychisch spüren lässt, dass sie ihr den Tag versaut hat.

    Habt ihr mal überlegt, wie es der Mutter geht? Möglicherweise war dieser Oktoberfestausflug, das einzige bisschen Freizeit, dass sie seit Tagen gehabt hätte? Vielleicht hat sie schon den ganzen Tag mit ihrer Tochter gespielt, ihr Essen gekocht, sie schon dreimal umgezogen, weil die Kleine sich bekleckert hat …

    Vielleicht war es auch nicht so und sie ist ein verantwortungsloses Weibsbild.

    Aber bitte, erstmal selber in den Schuhen stecken und dann kommentieren! Oder einfach mal Hilfe anbieten, bei Freunden mit Kindern, denn es ist NICHT so EINFACH wie man vorher denkt!

  20. Hi Frank,

    Danke für deine schnelle response und ich sehe eben, dass man Videos verlinken kann. Gut so, weil NeuroScience & Communication vs. Gehirnentwicklung bei Kindern ist in USA Thema Nr. 1 – und frierende Kinder garantiert nicht! Ich bin übrigens Marketing & Kommunikationsfachmann (habe Tochter! :-))) und habe so einigen „Psycho-Weltstars“ versprochen Aufklärungsarbeit zu machen was „Kindererziehung“ betrifft. Lange Rede kurzer Sinn… hier das (mein) Video…

    … tja, und Songs sind auch dabei, damit die graue Theorie nicht langweilig wird : – ))) Mein Highlight: der Facebook-Spot… du lachts DICH weg… glaube Minute 27… und dieser David Brooks… (Jay Leno: Brooks said god love Bush) ist auch dabei… wobei… aufgemerkt… wissenschaftlich die Sache etwas komplexer ist als in diesem „early childhood“ Unterhaltungs-Video :)))

    OkiDoki
    liebe Grüsse an alle.

  21. Liebe DiskutantInnen, kleiner Hinweis in eigener Sache: ich bin gerade außer Haus. Bitte wundert euch nicht, wenn Kommentare erst heute Nacht oder morgen freigeschaltet und beantwortet werden.

  22. Hallo Frank,

    eigentlich wollte ich dich und deinen Blog unter die Kategorie „Noch so ein Idiot, der ungefragt schluckt und sich stammtischreif aufregt“ abheften, aber dann habe ich mich doch näher mit deinem Blog beschäftigt.
    Die anderen Artikel, vor allem deine kritische Einstellung gegenüber Überwachung etc. lassen mich hoffen, das mit dir doch zu reden ist und so versuch ich es mal:
    Ehrlich gesagt versteh ich dein Reaktion nicht ganz, finde sie im Gegenteil extrem widersprüchlich:
    Du schreibst: „… Denn ich halte es für richtig, dass Kindern das Recht auf eine eigene Persönlichkeit zugestanden wird, mit allen Konsequenzen, ohne Gewalt psychischer und physischer Art. …“
    Und regst dich dann furchtbar auf, wenn jemand genau das und zwar auch genau so konsequent macht. Ich muss dir zugute halten, dass du versucht hast, dir jenseits der eigentlichen kurzen Meldung ein etwas differenzierteres Bild zu verschaffen. Nur scheint da die grundsätzliche Frage für dich bereits beantwortet gewesen zu sein: „Wie ging es dem Kind?“
    Für dich steht außer Frage, dass es dem Kind unmöglich gut gegangen sein kann. Ein 16 Monate altes Kind kann sich unmöglich wohl fühlen, wenn es bei Temperaturen, die du für zu kalt hältst, unbekleidet auf einem Fahrradsitz sitzt.
    Da diese Frage für dich ja klar ist, hörst du auf zu denken und interpretierst alle weiteren Anmerkungen / Einwände nur in diese eine Richtung.
    Versuchs mal, auch wenn es schwer fällt und nimm mal für einen kleinen Moment an, dass es der Kleinen auf dem Fahrradsitz einfach richtig gut ging. Sie war unterwegs mit ihrer Mutter, nachdem sie ihr Persönlichkeit ausleben durfte und eben nicht gegen ihren Willen (am besten noch mit nem Klaps auf den Po, wie in einigen Kommentaren vorgeschlagen) dazu gezwungen wurde, die ihr zur Zeit extrem unangenehme Kleidung anzuziehen. Klar, langsam wird’s kalt, aber aus Erfahrung weiß sie, dass ihre Mutter in dem Moment, in dem sie klar macht, dass es ihr jetzt unangenehm wird, anhalten und sie anziehen wird. Also, warum sich Sorgen machen?
    Schau dir doch mal an, wie unbefangen kleine Kinder mit ihrer Nacktheit umgehen, das Schamgefühl kommt viel später. Probleme haben damit immer nur irgendwelche Erwachsenen, die mit ihrer eigenen Sexualität nicht zu Rande kommen.
    So und jetzt sieh dir die ganze Situation nochmal an und lies deinen Artikel und insbesondere auch den lawblog und die Kommentare von ben nochmal, unter der Prämisse, dass es dem Kind gut ging!
    Ich habe den Eindruck, jeder Mensch hat irgendwelche Überzeugungen, die er unhinterfragt mit sich herumschleppt und die es ihm schwer machen, einige Situationen auch mal anders zu sehen.
    Vollkommen unverständlich finde ich jedoch, dass du die Aussage der Polizisten nicht bereit bist zu hinterfragen und ihr offensichtlich mehr Wahrheitsgehalt zugestehst, als der Aussage der Mutter, wenn du dich gleichzeitig (na gut, einige Blogeinträge früher) zu Recht darüber aufregst, wie in Deutschland zur Zeit mit der Argumentationskeule „Terrorismusverdacht“ jede Menge Grundrechte außer Kraft gesetzt werden und Polizisten! Leute terrorisieren, die fremdländisch aussehen oder in ihrer Korrespondenz die falschen Worte verwenden.
    Aber das ist ja was anderes. Hier geht es ja um das „Kindeswohl“ (noch so eine moderne Argumentationskeule).
    Und die Kinder sind ja das Wichtigste. Die müssen wir schützen. Mit aller Gewalt dazu bringen, das zu tun, was WIR für richtig halten, da sie ja unmöglich für sich selber denken oder entscheiden können.

  23. Hui, hier wird ja ein Artikel über meine Grundschule verlinkt (Die Kinder vom Körnerwall).

    Den Artikel habe ich aus Zeitmangel nur überflogen.
    Allerdings wollte ich anmerken, dass ich den Kommentaren, die sich gegen die Unerzogen-Mailingliste wenden, nicht nachvollziehen kann.
    Dass die „normale“ Erziehung nicht zu positiven Ergebnissen führt, ist an unserer Gesellschaft doch wunderbar abzusehen, also kann das wohl kaum richtig sein. Was ich an Erfahrungsberichten in der Unerzogen-Mailingliste gelesen habe, sagt aus, dass deren Umgang mit den Kindern sehr wohl zu positiven Ergebnissen sowohl für die Kinder als auch für die Eltern führt. Trotzdem wird hier nur gegen die Methoden argumentiert, ohne dass man überhaupt den Ergebnissen eines Blickes würdigt. Diese Denkweise ist für mich absolut nicht nachvollziehbar, aber vielleicht kommt das ja durch falsche Erziehung…

  24. Du hälst also die Gesellschaft für verkommen (Verallgemeinerung Nr. 1), daran ist die Erziehung schuld (Verallgemeinerung Nr. 2) und aufgrund einiger Erfahrungsberichte hältst Du die Form der „Unerziehung“ für die Überlegenere (Verallgemeinerung Nr. 3). Tschuldigung, geht es vielleicht auch eine Nummer kleiner?

    Ich habe keine Ahnung, wie man Kinder erzieht (andererseits war ich jahrelang Kind, ha), aber eines ist mir schonmal sicher: Sobald sich ein Weg der Erziehung ideologisch so weit gefestigt hat, dass man ihm einen Namen überstülpen kann, ist er schonmal unten durch bei mir. Ich mach mal die Palin: Life happens. Man sollte da schon sehr flexibel sein – im Bewusstsein, dass hier einiges schiefgehen kann und wird. Natürlich mit Grundsätzen, die jedoch immer mal wieder zu hinterfragen sind. Irgendwann zu glauben, den Stein der Weisen gefunden zu haben (zum Beispiel kompromisslos das Kind seine Erfahrung inkl. ALLER Konsequenzen machen zu lassen), stinkt nach Bequemlichkeit, sich intensiv auseinanderzusetzen. Es ist ehrenvoll, dem Kind keine Grenzen setzen zu wollen, aber das Leben setzt Grenzen, und die muss man dem Kind manchmal wohl auch zeigen.

  25. Pingback: Mögliches Einsatzgebiet für die Bundeswehr ist die ganze Welt | F!XMBR

  26. @Frank
    Gefällt mir sehr gut, der Artikel. Das Beste, was ich bisher zum Thema gelesen hab.
    Aber ach, gerade vermisse ich behaupte.es! Wirtschaftskrise, sieben Jahre Afghanistan-Einsatz, Haider wird zum neuen Hanns Martin Schleyer und Anwältinnen mit nackten Kleinkindern radeln auf die Wiesn – was täten wir behaupten…

    @Fusselammund
    Oh, ich muss gestehen, ich finde es großartig wenn viel reflektiert wird. Ich kann auch nicht sehen, dass es zwangsläufig der „Leichtigkeit des Seins“ abträglich ist. Verrennen kann man sich im Straight-geradeaus-Handeln genauso wie im Hinterfragen. Das kommt immer auf den jeweiligen Menschen an.
    Und: Gerade im Umgang mit Kindern ist es besonders wichtig zu reflektieren, da dort immer auch unbewusste Prozesse aus der eigenen Kindheit reinspielen und so die Gefahr besteht Probleme transgenerational weiterzugeben. Dahingehend gibt es in Deutschland durchaus Defizite.
    Vor zwei Jahren zeigte sich das z.B. mal wieder sehr deutlich, als Bernhard Bueb im Feuilleton und bei der überwältigenden Mehrheit der Deutschen Begeisterungsstürme auslöste. Dass Buebs Denke dabei nicht weit von Johanna Haarer entfernt ist, zeigen u.a. folgende Zitate:

    Als einziges Mittel, sich der Macht und der Autorität der Eltern zu erwehren, setzen Babys das Schreien ein. Wenn das Baby durch Schreien zur Unzeit Ansprüche anmeldet, sollten seine Eltern ihre rechtmäßige Macht nutzen und gelassen reagieren. (…) Es bedarf einigen Standvermögens von Eltern, nicht gleich liebend hinzuzuspringen, auch wenn das Verhalten als kleine ‚Tyrannei‘ zu erkennen ist.

    Jede Generation von Babys gleiche einem Einfall von Barbaren, hat Sigmund Freud einmal festgestellt. Ihnen mangelt es an Kultur, Einsichtsfähigkeit und Disziplin. Zu ihrer Kultivierung bedarf es einer klaren Autorität und der Bereitschaft, Unterordnung zu fordern.

    Auch wenn ich mir so widerliche Formate wie z.B. „Teenager außer Kontrolle“ angucke, wird mir ganz anders. Da werden unverhohlen sadistische Erzieher dazu abgestellt verwirrte, verzweifelte, oft suchtkranke Jugendliche vor der gesamten Fernsehnation zu demütigen und zu brechen. – Ich kann mich nicht erinnern, dass es irgendwelche Öffentlichkeitswirksame Kritik an dieser Pranger-Sendung gegeben hat. Hingegen war dieser Schund für den dt. Fernsehpreis nominiert! Na, holla die Waldfee, schade dass Reich-Ranicki nicht konkreter geworden ist…
    Da machen mir ein paar übertrieben gutmeinde Mütter, die stellenweise über’s Ziel hinausschießen mögen, weit weniger Sorgen, sie sind nämlich die Ausnahme und haben außerdem noch die bewusste Absicht zum Kindeswohl zu handeln. Das gut gemeint eben nicht zwangsläufig gut ist und auch die edelsten Ziele von Unerfahrenheit, intellektueller Abwehr und unbewussten Prozessen torpediert werden können steht auf einem anderen Blatt.
    Da tut eine differenzierte Sicht der Dinge immer ganz gut. Du vermengst in deinem Kommentar alles mögliche, dadurch erhälst du zwar ein starkes Feindbild, übersiehst aber, dass es Abstufungen und Graubereiche gibt. Es mag vereinzelt Mütter geben, die einem Abziehbild deiner Aufzählung gleichen, aber die Regel werden sie nicht sein. Sieht man z.B. drüben bei Elphaba wo eine Userin namens Laura besonnen und höflich die Sicht einer unerzogen-Mutter darstellt und zur Diskussion bereit ist. Wohingegen Elphaba sich durch die Art ihrer Beiträge m.E. selber disqualifiziert.
    Allgemein bin ich der Ansicht, Dogmatismus hat noch jedem geschadet. Du und Elphaba, ihr tretet genauso verbohrt auf, wie jene Mütter, die ihre Kinder verwahrlosen lassen und sich hinter dem Gedankenkonstrukt verschanzen, ihre Kinder würden sich frei und selbstbestimmt entwickeln. Besonders das Zitat aus der unerzogen-Gruppe „Lieber Löcher in den Zähnen, aber dafür den Kopf frei“ stößt mich ab – als ob Zähneputzen jemals so traumatisch wirken könnte, wie es Zahnschmerzen und grauenhafte Zahnarzterfahrungen tun oder die Erfahrung, dass die Eltern nicht verhindert haben, dass man schreckliche Schmerzen leidet.

    Gruppen, die alternative und mitunter extreme Ansichten vertreten, gibt’s übrigens in vielen Bereichen; Politik, Finanzwesen, Psychologie, Kindererziehung, Religion – wat weeß icke – das gehört halt in Meinungsfreien Ländern dazu. Und dass es abgeschlossene Forenbereiche gibt, muss nicht zwangsläufig auf dunkle Geheimnisse schließen lassen. Nicht jeder Foren-Admin hat die Konstitution, wie z.B. Dietmar Näher im politischkorrekt-Forum, sich den ganzen beleidigenden Rotz durchzulesen und wegzustecken.
    Und dass die Militanz bei weiten nicht nur auf Seiten der unerzogen-Mütter zu finden ist, zeigen ja beliebige Kommentarsektionen zum Thema sehr deutlich. Ich finde es zwar falsch und nicht zu rechtfertigen, dass eine Mutter mit ihrem 16 Monate alten, nackten Kind zum Oktoberfest radelt, aber ich finde die Hetze, die man z.B. bei Welt.de in den Kommentaren findet, um ein Vielfaches schlimmer. Da handelt nicht ein einziger Mensch falsch, da ergehen sich Unmengen in ideologischer Verbrämung und selbstgerechter Beschimpfungslust.

    Um einen Punkt aus deiner Liste aufzugreifen: Homeschooling steht zwar für mich bzw. meine Kinder nicht zur Debatte, da mir weder die Isolation von Kindern, noch die Gefahr der Indoktrinierung und Weltfremdheit gefällt. Das hindert mich aber keineswegs daran auch die Schwächen der Öffentlich Schulen und die Stärken von Homeschooling anzuerkennen.
    Frank hat ja bereits auf eine ganz elementare Schwäche Öffentlicher Schulen hingewiesen, Projekte wie Media Smart, die gerade in Zeiten, da öffentliche Mittel eingespart werden ein großes Problem sind, zeigen einen weiteren Schwachpunkt sehr deutlich. Marode Schulhäuser, unzureichende Unterrichtsmaterialien, überforderte Lehrer, zu große Klassen, Mobbing, unfairer Leistungsdruck usw. werfen ebenfalls kein gutes Licht auf unsere Bildungsanstalten. Hingegen kann bei Homeschooling individuell gefördert werden, man kann die Kinder vor staatlicher Propaganda schützen, wenn Mobbing auftritt ist es leichter einzuschreiten, ohne Leistungsdruck ist es für Kinder einfacher ihre eigenen Stärken zu entwickeln und auszubauen.

    @think-twice

    Wer zeigt eigentlich all die Eltern an, die für den Gehirnzellentot ihrer Kinder verantwortlich sind?

    Gute Frage!
    Allerdings verstehe ich nicht ganz – oder ich verstehe dich einfach miss – wie du darauf kommst, dass, nur weil Frieren keinen messbaren geistigen Schaden hinterlässt, ein adäquater Zustand für ein 16 Monate altes Kleinstkind ist?
    Und du kennst die besagte Mutter persönlich oder woher weißt du, wo genau in Schwabingen sie wohnt?

    @topic
    Ich kann in keiner Weise nachvollziehen, was Eltern dazu bewegt mit ihren Kindern Massenbesäufnisse zur Freizeitgestaltung aufzusuchen. Da bin ich dann mal dogmatisch. 😉 Daher wäre mein Verständnis für eine Mutter die ihr Kleinkind mit zum Oktoberfest nimmt eh gering. Dass sie aber dann auch noch auf die Idee kommt es nackt mitzunehmen und das auch noch bei herbstlichen Temperaturen – das finde ich schon haarsträubend.

    Ich halte es für unabdingbar auf die Wünsche und Bedürfnisse von Kindern einzugehen, sie zu respektieren und gleichberechtigt mit ihnen umzugehen. Gleichberechtigt meint nach meiner Definition aber nicht, dass ich ihnen Entscheidungen abverlange, die nicht altersgemäß sind.
    Ein 16 Monate altes Kind kann wissen ob es bekleidet sein will oder nicht. Unbenommen.
    Aber es kann nicht wissen, dass es Menschen gibt, die sexuelle Erregung dabei empfinden, es nackt zu sehen. Es kann nicht wissen, dass die Mutter rechtliche Probleme bekommen kann, wegen seiner Weigerung Kleidung zu tragen, es weiß nicht, welche Folgen aus solchen rechtlichen Problemen resultieren, ebenso wenig dass Nacktheit in einer Gesellschaft von Bekleideten als Provokation oder Ärgernis aufgefasst wird. Es weiß nicht, dass Verkühlung bei einem schwachen Immunsystem zu Erkrankungen führen kann, auch nicht, dass es in Deutschland in den letzten Jahren ein großes Medienecho über Fälle verwahrloster, misshandelter Kinder gegeben hat und natürlich auch nicht, dass sein unbekleideter Anblick an einem Herbsttag, der allgemein als kühl empfunden wird, bei einem Polizisten Assoziationen auslösen kann, mit eben jenen Fällen von Vernachlässigung.
    Die Mutter kann das sehr wohl wissen.
    Und mit 16 Monaten ist es einfach noch so, dass die Eltern auf eine Weise für Kinder sorgen müssen, die an manchen Stellen als Beschneidung der kindlichen Freiheit gewertet werden kann, aber ein ganz natürlicher Fürsorgeprozess ist.
    Dass diese Fürsorge in unserer Kultur oft von Erwachsenen für Manipulation und Unterdrückung des Kindes ausgenutzt wurde und wird, lässt für mich dennoch nicht die radikale Verneinung dieser Fürsorge zu. Es ist eine Gratwanderung und man sollte seine Handlungen reflektieren, dabei immer die Gefühle des Kindes ernst nehmen – aber aus meiner eigenen Erfahrung weiß ich, dass nichts gutes dabei herauskommt, wenn Eltern ihre Kinder vollkommen grenzenlos auswachsen lassen. Ich finde den unerzogen-Ansatz gar nicht so verkehrt, aber von einigen wird er mir zu dogmatisch und selbstgerecht ausgelegt.

  27. @Querdenker
    Mag sein, dass es der Kleinen tatsächlich nicht kalt war und erstmal gut gefiel. Allerdings wäre ihr während der Fahrt kalt geworden, hätte das auch nicht sofort gelöstwerden können: Die Mutter müsste erst an den Straßenrand fahren, die Sachen auspacken, beginnen es der Kleinen überzuziehen – das dauert mindestens fünf bis zehn Minuten und Kinder haben ein viel längeres Zeitempfinden als Erwachsene. Vielleicht wäre sie währenddessen von irgendetwas aufgehalten worden, beispielsweise durch schimpfende Passanten oder Polizisten. 😉 Das wäre insgesamt sicher ein häßliches Erlebnis für die Kleine gewesen, das mit Leichtigkeit hätte vermieden werden können. Im Übrigen konnte die Mutter während der Fahrt ihre Tochter nicht Blick haben, es war ihr also unmöglich auf erste, subtile Anzeichen von Kälte zu reagieren.
    Und wenn sich die Kleine weiterhin geweigert hätte Kleidung zu tragen, wie soll man sich den Aufenthalt auf dem Oktoberfest mit einem nackten 16 Monate altem Mädchen vorstellen? Was wollte die Mutter da überhaupt? Biertrinken hoffentlich nicht. Ihr nacktes Kind auf ein Karusell setzen?
    Man kann doch nicht ernsthaft davon ausgehen, dass man in unserer Gesellschaft einen schönen Herbstnachmittag mit einem nackten Kleinkind auf einem massenhaft besuchten Bierfest verbringt!

    Querdenker, du fragts ob man sich denn gar nicht vorstellen könne, dass der Kleinen nicht kalt war.
    In der Tat tue ich mich schwer damit. Und es gibt ja nicht nur den von dir bemerkten Fall, dass die Kleine eben ein anderes Kälteempfinden hat, es gibt auch den Fall, dass Kinder nicht spüren können, wie sie sich fühlen. Man kann auskühlen ohne Kälte zu empfinden. Bei psychisch kranken Kindern ist das z.B. oft der Fall. Womit ich nicht unterstellen will, dass die Kleine psychisch krank ist, aber das solltet ihr von der unerzogen-Gruppe auch bedenken. So weit ich bei euch in der Mailingliste gelesen habe, hat sich die betreffende Mutter so gut wie gar nicht zu dem Verhalten, Empfinden ihrer Tochter geäußert. Das macht mich durchaus stuzig. Ich habe nirgendwo die Sätze gelesen: „Sie wollte unbedingt zum Oktoberfest.“ und „Meine Tochter hatte richtig Spaß dabei und war vergnügt!“
    Das wurde von euch dort hinein interpretiert, mehr nicht. Insofern, ja ich finde es kritikabel, dass die Polizei wenig zur psychischen Verfassung des Kindes angemerkt hat, ebenso fragwürdig finde ich aber, dass die Mutter nichts weiter dazu schrieb.
    Und dass weder Polizeibericht noch der Bericht der Mutter der Wahrheit entsprechen ist für mich klar. Natürlich haben beide ein Interesse daran die Dinge jeweils für ihre Version einzuspannen. Die Wahrheit liegt mit Sicherheit dazwischen.

    Was mich an dem unerzogen-Ansatz stört, ist u.a. die Sache, dass ihr der Meinung zu seien scheint, Konflikte müssen unbedingt vermieden werden. Das Kind darf keinerlei Frustrationen erfahren. Ihr beruft euch auf natürliche, freie Entwicklung, klammert aber die wichtigen Frustmomente völlig aus. Alles so harmonisch wie möglich, notfalls übernimmt das Kind die Führung. Das halte ich für falsch und unnatürlich. Konflikte, Frustrationen, Wut sind wichtig für die Entwicklung. Sie ergeben sich zwangsläufig aus dem Zusammenleben und sind per se nicht schlimm. Schlimm werden sie nur, wenn sie verleugnet werden.
    Ich bin dafür die Hierarchien so klein wie möglich zu halten und wenn mein Kind frustriert ist, bin ich da und nehme seine Gefühle ernst, fühle mit ihm. Aber in einer Eltern-Kind-Beziehung gibt es nunmal eine Ordnung, die Eltern haben Lebenserfahrung, die das Kind natürlicherweise nicht haben kann und es verlässt sich darauf, dass die Eltern – bis zu einem gewissen Alter in bestimmten Situationen – zu seinem Besten entscheiden. Und empathische Eltern tun das auch. Das ist natürlich!

    Ich bin nicht der Ansicht, dass Kinder destruktiv sind oder nicht wissen können, was gefährlich ist und was sie fühlen. Freiwillig begibt sich keiner in Gefahr oder will frieren. Es gibt aber unbewusste Prozesse und Erwartungshaltungen (oder Befürchtungen) der Eltern die das Kind bei aller Liebe negativ beeinflussen können. In Haushalten in denen Eltern alle Gefahren vermeiden wollen und überbesorgt sind, passieren nach meinem Wissen die meisten Unfälle.
    Auch die Kinder von unerzogen-Eltern können diesen Einflüssen ihrer Eltern ausgesetzt sein. Also woher wisst ihr so sicher, dass die Kleine da nicht etwas für ihre Mutter ausargiert hat? In eurer Liste wurde sofort Solidarität mit der Mutter bekundet und an einigen Stellen sogar dazu aufgerufen, ihr Tun ja nicht zu hinterfragen. An die Frage: „Wie ging es deiner Kleinen?“ kann ich mich nicht erinnern.
    Das finde ich gefährlich. Es gibt nämlich nicht nur die Möglichkeit, dass die Kleine nackt sein wollte, sondern ebenso jene, dass sie ihrer Mutter mit der Weigerung Kleidung zu tragen etwas mitteilen wollte. Darauf ist Frank in seinem Artikel ja gut eingegangen.
    Und wenn man schon das Experiment „Ab wann wird meinem nackten Kleinkind bei herbstlichen Temperaturen kalt“ machen will, sollte man eine Situation wählen, in der alle mütterlichen Antennen auf das Kind gerichtet sind und man nicht, vom Kind abgewandt, mit dem Verkehr beschäft ist.

    Übrigens finde ich es schon recht frech von dir, Frank hier Stammtisch-Parolen vorzuwerfen, nur weil er eine andere Meinung als du vertritt. Ich finde seinen Artikel differenziert und argumentativ. Er verweist sogar auf die Gegendarstellung der Mutter.
    Stammtisch ist so etwas:

    interessant zu sehen wie wenig man in der Birne haben kann und es reicht doch um in Deutschland Anwalt zu werden !!!!!!!!

    oder:

    Ich glaube, das ist sonne Kinderrechte-müssen-ins-Grundgesetz-Tante.
    Dann setzen Kinder ihre Rechte durch und die Erwachsenen stehlen sich aus der Verantwortung. Dass sie Juristin ist, passt wie die Faust auf’s Auge.

  28. „Ich bin der Meinung, dass Menschen und ganz besonders Kinder so gut wie gar nicht in der Lage sind, aus Strafen zu lernen. Die einzige Möglichkeit, etwas durch Strafe zu lernen besteht darin, ihren Willen zu brechen.“

    Strafe ? hier hat das Kind die Change eigene Erfahrung zu sammeln und zu lernen in wie weit handeln und Konsequenz zusammen hängen. Klar, man hätte das Kind mit Gewalt anziehen können. Das wäre besser ? Das die Mutter ihre Fürsorge nicht außer Acht gelassen hat beweist Sie ja mit dem mitführen von Kleidung. Und scheinbar ließ sich das Kind ja, von der Erkenntnis beflügelt „draußen ist kalt“ ja doch problemlos anziehen.
    PS: auch mein Sohn rennt schon mal leicht bekleidet durch die Gegend. Ich werde Ihn nicht dazu zwingen sich anzuziehen. Wenn Ihm kalt ist kommt er ganz alleine drauf ! Erst wenn ich wirklich Angst um die Gesundheit meines Kindes habe setz ich mich über Sein Wunsch hinweg. Aber wie zieht man ein Kind ohne Gewalt an wenn es partout nicht will ? Stundenlang diskutieren ?
    Nein ich verurteile die Mutter nicht; nicht ohne alle Fakten zu kennen.

  29. @Arbeitgeberverbände
    Ich fange mal mit dem Ende deines Kommentars an. Es liegt mir fern, Frank Stammtisch-Parolen vorzuwerfen, ich schrieb nur, dass das mein erster Impuls war, nachdem ich seinen Artikel überflogen hatte. Ich habe mich aber überzeugen lassen, dass dem nicht so ist (gründliches lesen war dabei extrem hilfreich ;). Tut mir leid, wenn das nicht deutlich genug rüberkam.
    Nun zum Rest:
    Es dauert maximal 2 Minuten, ein Kind anzuziehen das angezogen werden will und nicht 5 – 10 Minuten.
    Des weiteren sind mir eindeutig zu viele Konjunktive in deiner Argumentation.
    Du schreibst: „… Das wäre insgesamt sicher ein hässliches Erlebnis für die Kleine gewesen, das mit Leichtigkeit hätte vermieden werden können. …“
    Wie bitte schön, hätte die Situation den „mit Leichtigkeit vermieden“ werden können? Genau darum geht es doch. Das Kind wollte nicht angezogen werden! Und um hier mal wieder den Bezug zum Eintrag von Frank herzustellen: „… Es muss auch die Frage gestattet sein, warum sich das Kind anfangs überhaupt nicht anziehen ließ. Ich gehe davon aus, dass das der Ausdruck eines Protests ist, ein passiver Widerstand. …“
    Ist es denn so unvorstellbar, das ein Kind sich nicht anziehen will. Einfach nur so, ohne Hintergedanken, Protest oder Widerstand sondern als Ausdruck eines eigenen Bedürfnisses? Weil es für sich selber entscheiden kann und auch darf?
    Zurück zur „Leichtigkeit der Vermeidung“. Es hätte zwei Möglichkeiten gegeben:
    1. die Kleine gegen ihren Willen anziehen
    2. nicht losgehen
    und beides sind sicher keine leichten Versionen.
    Des weiteren werden in der Diskussion mehrere „Erziehungs“ Ansätze wild gemischt, der Mutter unterstellt und immer ihr zu Ungunsten ausgelegt.
    Einerseits geht sie zu wenig auf ihr Kind ein, dass mit ihrem „Protest“ gegen das Anziehen auf ein ganz anderes Defizit hinweisen will.
    Dann geht sie wieder zu viel auf ihr Kind ein, in dem sie notwendige Grenzen nicht setzt und es gewähren lässt und nicht anzieht.
    Oder sie setzt Grenzen, indem sie dem armen kleinen Kind ganz brutal die Konsequenzen seiner Bockerei vor Augen führt.
    Dann macht sie „Experimente“ (wann wird dem Kind kalt).
    Aber immer ist es falsch!
    (Randbemerkung: Ich unterstelle dir hier nicht alle der oben aufgeführten Unterstellungen, einige habe ich woanders gelesen)
    Nur die Möglichkeit, dass es (bis zum Eintreffen der Polizei) allen Beteiligten gut ging, diese Möglichkeit wird kategorisch ausgeschlossen.
    Und glaube mir, ein 16 Monate altes Kind, dem unwohl (weil kalt) ist, kann das sehr wohl so deutlich äußern, dass es wahrzunehmen ist, auch ohne das man es die ganze Zeit anstarrt.
    Zur Frage ob es der Kleinen gut ging: Was erwartest Du? Ein eidestattliche Versicherung, der Mutter?
    Ich zitiere mal den Blogeintrag von Frank:

    Der Fairness halber muss erwähnt werden, dass die Mutter in einem anderen Newsgroup-Thread behauptet, dass es an diesem Tag sonnig bei 16°C gewesen sei und das Kind keine blauen Lippen gehabt habe. Mal abgesehen davon, dass es für mich keinen Grund gibt, an der Version der Polizei zu zweifeln, denke ich, dass es auch keinen Unterschied macht.

    Im Gegensatz zu Frank gibt es für mich keinen Grund an der Version der Mutter zu zweifeln.
    Zu guter Letzt noch eine Anmerkung zu deinem Verständnis des „Unerzogen“ Ansatzes:
    Niemand den ich kenne, und der einen der vielen „unerzogen“-Ansätze versucht zu leben (den unerzogen Ansatz gibt es nämlich nicht) ist der Meinung, dass Kinder grenzenlos und ohne Frustrationen aufwachsen sollen. Zur Lektüre über den Unterschied von defensiven und aggressiven Grenzen empfehle ich:
    „http://de.wikipedia.org/wiki/Antipädagogik#Grenzen__und_Verbote“
    sowie dort unter Weblinks aufgeführten Quellen.
    Und da du schon auf die Unsitte des „Mein Kind darf keinen Gefahren ausgesetzt sein“ zu sprechen kamst, noch ein Link:
    5 dangerous things you should let your kids do“
    So long…

  30. Ein schöner und ziemlich ausgewogener Beitrag (bin über Google hierhergekommen) zu einem Vorfall, der mich merkwürdig stark berührt hat.
    Nicht ganz verstanden habe ich die Einwände gegen Michael Winterhoffs Buch. Zugegeben, die Blöd-Zeitung ist kein gutes Forum. Ich habe dieses Buch aber mit großem Intresse gelesen. Es ist sehr fundiert und in keiner Weise kinderhasserisch. Winterhoff hat sich seine Erkenntnisse ja nicht ausgedacht, sie stammen aus seinen Erfahrungen, die er in der Praxis gesammelt hat. Ich würde das nicht derart verteufeln.
    Bezeichnenderweise steht er mit seinen Thesen den „Nichterziehern“ (wobei ja auch „Nichterziehung“ Erziehung ist) diametral gegenüber, geht er doch davon aus, dass eine allzu gleichberechtigte Eltern-Kind-Beziehung Kinder überfordert, ihrer Entwicklung nicht angemessen ist und ihre Persönlichkeit schädigt.
    Ich weiß nicht, wer nun Recht hat, denke aber durchaus, dass man nicht zu einseitig erziehen sollte. Und, dass man auch mal Fehler machen darf als Eltern.

  31. „Du hälst also die Gesellschaft für verkommen (Verallgemeinerung Nr. 1)“
    Wie willst Du die Gesellschaft nicht verallgemeinernd beschreiben. Insgesamt betrachtet ist unsere Gesellschaft auf Werten wie Rücksichtslosigkeit, Gleichgültigkeit, Egoismus und Aggression aufgebaut.

    „Daran ist die Erziehung schuld (Verallgemeinerung Nr. 2)“
    Ich habe nicht von Schuld gesprochen. Dass die Erziehung aber einen großen Verantwortungsteil daran mitträgt ist jawohl kaum von der Hand zu weisen.

    „und aufgrund einiger Erfahrungsberichte hältst Du die Form der “Unerziehung” für die Überlegenere (Verallgemeinerung Nr. 3).“
    Das habe ich so auch nicht gesagt. Ich habe nur gesagt, dass die klassische „Erziehungsmethode“ ganz offensichtlich nicht funktioniert und wollte damit sagen, dass Alternativen durchaus Beachtung finden sollten. Und ansonsten finde ich durchaus, dass positive Ergebnisse durchaus mehr aussagen als irgendwelches intellektuelles Geschwafel über Methoden. Das Leben ist nunmal Praxis und keine Theorie.

    „Es ist ehrenvoll, dem Kind keine Grenzen setzen zu wollen, aber das Leben setzt Grenzen, und die muss man dem Kind manchmal wohl auch zeigen.“
    Das kommt davon, wenn man Anti-Pädagogik mit Laissez-Faire gleichsetzt. Dabei ist gerade der Unterschied, dass bei Anti-Pädagogik (ich bin auch dagegen so etwas in irgendwelche Begriffe zu klassifizieren, aber diese Begriffe gibt es nun mal und erleichtern es jetzt doch auch ein wenig) sehr wohl Grenzen gesetzt werden, allerdings nur defensive Grenzen und keine aggressiven, welche einen Menschen nur verrückt machen.

  32. Als Vater einer sechzehn Monate alte Tochter und langjähriger Leser dieses Blogs darf ich mal zusammenfassen: Es täte dieser Gesellschaft gut, gäbe es mehr Eltern, die wie Frank fühlen und denken.

  33. Hey Frank – ich habe neulich den Trackback gesehen und bin erst jetzt zum Lesen gekommen. Ein schöner Text, der viel Wahres und Wichtiges enthält. Zum Beispiel, dass so eine Erfahrung psychische Folgen haben kann, die man sich als außenstehender Erwachsener überhaupt nicht vorstellen kann, und dass diese Folgen auf die Mutter-Kind-Beziehung in diesem Moment zurückgehen und nicht in erster Linie auf irgendwelche Blicke von Passanten oder den kühlen Wind.

    Man muss sich allerdings auch im Klaren darüber sein, dass man es aus der Ferne nicht mit Sicherheit sagen kann. Wenn Querdenker oben sagt, vielleicht ging es dem Kind ja ganz gut, ist das nicht von der Hand zu weisen. Man müsste mehr über das Geschehen und vor allem über diese konkrete Mutter-Kind-Beziehung wissen, um das einschätzen zu können.

    Etwas unklar ist mir, wie das Grenzen setzen, das du ja für nötig hältst, so ganz ohne Strafen vor sich gehen soll – manchmal bekommt man es halt erst später mit, wenn das Kind (oder meinetwegen seine Katze) schon im Brunnen ist. Wie zieht man nachträglich eine Grenze?

    Mir scheint dieses „Nichterziehen“ als Leitlinie wie eine Selbsttäuschung. Man kann nicht nicht kommunizieren, am wenigsten in einer emotional so bedeutsamen Beziehung. Symbolisch ausgedrückt: Jemanden anzuschweigen ist auch Interaktion, und die kann viel brutaler sein als ihn anzuschreien.

    Selbst als Erwachsener würde man sich doch fragen, was das für ein Freund sein soll, der kommentarlos zusieht, wie jemand ins offene Messer läuft, in welcher Form auch immer. Ein guter Freund versetzt demjenigen dann einen Arschtritt. Es ist überhaupt nichts Schlimmes daran, jemandem zu zeigen, dass man sauer ist oder ein bestimmtes Verhalten des anderen scheiße findet oder sagt: is nich. Schlimm ist die Botschaft: Eigentlich bist du mir egal, oder, besonders für ein Kind: Ich bin nicht für dich verantwortlich.

    Ich sehe heute das Problem, dass viele Eltern sich aus welchen Gründen auch immer nicht trauen, fest aufzutreten, Grenzen zu setzen, nein zu sagen. Wer sich vornimmt, sein Kind bewusst nicht zu erziehen (was genaugenommen gar nicht möglich ist, siehe oben), sollte meiner Meinung nach die Augen offen halten, dass dieses Vorhaben nicht zur Rechtfertigung oder Verkleidung von Untätigkeit oder emotionaler Unfähigkeit verkommt. Ein Kind braucht einfach eine klare Ansage. Wie soll ein weitgehend ohnmächtiges, abhängiges Wesen sich fühlen, wenn die Starken und Mächtigen um es herum, zu denen es aufschaut, sagen, ich habe auch keine Ahnung, wo oben und unten ist?

    P.S.@Die Arbeitgeberverbände: Sehr tröstlich, dass ich nicht der einzige bin, der behaupte.es vermisst. Was haben wir damals behauptet! 😉

  34. Hallo Sebastian,

    du schriebst:

    „Mir scheint dieses “Nichterziehen” als Leitlinie wie eine Selbsttäuschung. Man kann nicht nicht kommunizieren, am wenigsten in einer emotional so bedeutsamen Beziehung. Symbolisch ausgedrückt: Jemanden anzuschweigen ist auch Interaktion, und die kann viel brutaler sein als ihn anzuschreien.“

    Wenn es dich interessiert, dann schau dir doch mal die beiden Links an:

    http://kraetzae.de/erziehung/erziehen_ist_gemein/

    und

    http://www.urbia.de/topics/article?id=9628

    MfG

  35. Pingback: Mer han ja keine Zeit - Citronengras

  36. @ Sebastian

    Cooooooooler Text! 5 stars! Ich komme ja aus der Branche: „Man kann nicht nicht kommunizieren“ : -)))) und schon bei dem Text musste ich schmunzeln : – ))) Noch besser jedoch der Text: „anschweigen ist schlimmer als anschreien!“ Richtig, wobei… Achtung…. man sich diesen Text mal auf der Zunge zergehen lassen soll:

    „Gerhard Roth betont die revolutionäre Einsicht der Neurowissenschaften, die besagen, dass Kommunikation und Interaktion in der Kindheit das Gehirn oft in minutenschnelle formen. Der Unterschied zeigte sich dabei im Hippocampus, einer Gehirnregion, die für Gedächtnis- und Lernvorgänge des Menschen von Bedeutung ist. Wichtige Erbinformationen in dessen Zellen waren bei vernachlässigten Kindern vs. affektgestörten Eltern stillgelegt und mit molekularen Schlössern versehen: Methylgruppen verhinderten das Ablesen der Gene. Dieser Befund erklärt, warum der Hippocampus bei diesen Kindern unterentwickelt bleibt.“

    Ergebnis IQ 79 – wissenschaftich erwiesen!

    Die Neurologen formulieren das so: „Kein Wunder wenn auf der PISA-Liste Deutschland auf dem letzten Platz steht“, …nachzuweisen auch dadurch, dass Deutschland die 11-Grad völlig zusammenhanglos sieht… logo, weil IQ 79 denkt visuell ohne Context… und abgestorbene Gehirnzellen durch 11 Grad gibt‘s nicht… und auch die Polizisten haben nicht begriffen worum es der „Dame“ „neurobiologisch“ ging! Im Gegenteil, die Polizei hat dem Kind Stress „Affekte“ versetzt… wodurch Gehirnzellen „Traumas“ bekommen… und…

    …der Freud-Preis ging 2006 an Fonagy für: „Affectregulierung, Mentalisierung und Entwicklung des Selbst!“ Wer keine Kognitionsstörung hat, wird zwei und zwei zusammenzählen können… ???? und natürlich geht es bei Fonagy um psychische Affekte… und nichts anderes hat die Polizei (mit Blaulicht) dem Kind versetzt… und damit die Entwicklung des Selbst (beim Kind) massiv missbraucht vs. dessen Gehirnzellen „nachweislich“ geschädigt. Ausserdem hatte das Kind nicht gefroren… das sind alles Falschmeldung von Autisten… (es hat gesungen – bis die Polizei kam!!!) und ausserdem schreien Kinder wenn es ihnen „körperlich“ schlecht geht!

    …und so liest sich der deutsche Gesetzestext über Misshandlung: „….wer durch böswillige „Vernachlässigung“ seiner Pflicht, für sie (Kind) zu sorgen, sie an der Gesundheit schädigt, wird mit Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu zehn Jahren bestraft.“

    Für alle unter IQ 79 – once again – Roth – Gehirnzellentot durch „psychische“ Vernachlässigung – (zweiter Absatz oben) vs. psychischer Stress durch Polizei… anders formuliert – eine 11-Grad Kühlschrankmutter (emotionstotes Monster) schadet dem Kind „nachweislich“ mehr… und Fonagys Buch hat so Headlines wie: „Kind führt – Mutter folgt“… und solange ein Kind nicht „einfriert“ führt Kind… und – once again – vor allem „schreit, heult“ jedes Kind, wenn es ihm „körperlich“ schlecht geht!

    Das Kind stand durch die Polizei (mit Blaulicht) unter „Schock“ und wie jeder weis, lässt sich dann alles mit einem machen… sogar anziehen… und nichtmal das hat die Polizei vs. IQ 79 begriffen! So gesehen liefern die sich selbst die Beweise dass sie dem Kind “Affecte“ versetzt haben! Mit Freud-Preis-Träger Fonagy im Rücken (incl. Roth) würde der Prozess völlig anders ausgehen… als die ALLE jetzt noch denken – und ich sag da nur… viel Spass beim Nachdenken : – )))))

    PS: Fonagy hat leider abgesagt im Deutschen Fernsehen über neueste „Entwicklungspsychologie“ zu berichten (er kennt den Fall)… aber vielleicht lesen ja hier einige EXPERTEN mit… denen es gut tun würde ihren Verstand mal überprüfen zu lassen!

    PS: 5 + 6 = 11 …und jetzt fragt mich glatt Franks Commentabteilung: „OH, AHH… das rechnen war wohl zu schwer“ und da wundere ich mich nicht das BRD auf dem letzten Platz bei PISA ist, wenn sogar Computer zu blöde zum rechnen sind : – ))) :-))) Auch der 6. Versuch hat nicht geklappt!!! Typisch Deutsch: nix dazu lernen wollen : )))) bzw. können (IQ 79) !!! Siehe Pisa bzw. WordPress für Dummies…

    …bzw. diese „dumme Gelaber“ dieser Heidrun Kaspar – Vorsitzende Deutscher Kinderschutzbund München e.V. – über obigen Fall.

  37. Think-twice, wieviel IQ braucht es eigentlich um seine Meinung in VERSTÄNDLICHE Worte zu kleiden?
    (Bei ~11° vorzugsweise warme Worte!)

  38. @ olaf

    : – ))) RICHTIG! Wenn A mit B kommuniziert und B versteht A nicht, dann liegt der Fehler bei A weil er nicht so kommuniziert dass B ihn versteht! Was verstehst du denn nicht ?
    : – )

  39. Ganz einfach: ich verstehe nicht was Du mit Deinem Text sagen willst. Ist es jetzt bei 11 Grad warm genug für eine nackte Fahrradtour? An alle die das so sehen: Bitte macht mal den Selbstversuch! Es ist in meinen Augen keine Missachtung der Rechte des Kindes ihm bei solchen Temperaturen was überzuziehen, oder halt meinetwegen nackt zuhause zu bleiben.
    Und wenn B nicht versteht was A sagen will ist es selbstverständlich EINE Möglichkeit, dass A sich nicht klar genug ausgedrückt hat! Kein Grund mich dafür auszulachen.

  40. @ olaf.

    Quatschi… das war kein Auslachen, sondern „ironisch“ gemeint. Schriftliche Kommunikation birgt ja auch so seine Tücken… (Missverständnisse)… wobei ich mich nach wie vor frage warum 6 + 5 nicht 11 ist (siehe Spamschutz)… aber egal, die 11 Grad sind in der Story sekundär… unabhängig davon dass das Kind NICHT ! gefroren hat! Diese Persönlichkeitsrechte sind unter dem Begriff „Mentalisierung/Entwicklung des Selbst“ zu verstehen… und wer Fonagy nicht kennt, sieht natürlich alles verkehrt! Sag ich mal so… einfach… weil einfacher kann man es nicht ausdrücken! Ausserdem muss ich bis 12 Uhr zur Post… also wenig Zeit!

    Okidoki

  41. Also bei – bis jetzt 45 Kommentaren – kann ich mich jetzt auch nicht mehr enthalten- obwohl fast alles gesagt scheint- aber eben nur scheint.

    1. Hat schon jemand den Fahrtwind erwähnt? Die Standtemperatur, der Wärmeschutzmantel im Ruhezustand und die eindeutige Abkühlung bei Gegenwind und Bewegung?
    Ich habe meinen Sohn auch schon mal im Winter nackt mitrausgenommen,weil er sich nicht anziehen ließ,und ich einfach dachte, was sollen wir beide einen Konflikt austragen, der eindeutig eine Sache zwischen dem Winter und ihm ist?
    Ich fühlte mich nur als ausführendes Organ,
    für mein Kind zu sorgen hatte ich, also warme Klamotten einpacken, FALLS ihm doch kalt wird und er seine Meinung ändert.
    Weil losgehen war nicht das Problem…
    Allerdings bin ich nicht auf die Idee gekommen, ihn auch noch auf´s Fahrrad zu setzen. Nach 10 Schritten bot ich ihm die erste Socke und er nahm dankbar an und wir hatten kein bißchen Stress-
    sehr einvernehmliche Lösung.
    Außerdem stand ich viel besser da als vorher, ich war nämlich die Rettung und nicht die, die ihm ihren Willen aufzwingt.

    Und egal, was diese Mutter bewegt hat, das geht denn doch zu weit.

    2. Die Fürsorge, Kinder vor Fehlern und Schaden zu bewahren im Hinblick auf den Zwang, Zähne zu putzen.
    Also Zahngesundheit hat immer noch in erster Linie mit Ernährung, Säure und Vererbung zu tun.
    Anzunehmen, daß Kinder, die Zähne putzen, dies auch so tun, wie jeder Zahnputzkurs vorschreibt, nährt wohl die Illusion der Eltern, der Fürsorge genüge zu tun.

    3. Man sollte Kinder nicht unterschätzen in ihrer Leidensfähigkeit. Sie verleugnen Leid ja nicht und können es deshalb als zum Leben gehörend akzeptieren und angemessen verarbeiten, ein Trauma wird es erst, wenn die Bezugspersonen dies nicht zulassen können, weil sie Schmerz nicht ertragen und somit von den Kindern erwarten, diesen zu negieren und „es ist doch gar nicht so schlimm“- Spiele zu spielen. Dann muss das Kind seinen Schmerz verleugnen und somit sich selbst.
    Da fängt das Übel an.


    Naja, und die Story von der armen alleinerziehenden Mutter, die jetzt echt mal aufs Fest will, weil sie vereinsamt und überlastet ist-
    sorry, aber daran ist das Kind ja nun nicht Schuld…
    Ich sehe tatsächlich eher ihre Bösartigkeit, diese „Du wirst schon sehen, was Du davon hast, selbst Schuld“-Mentalität ist gehässig und hat mit Mutterliebe und Fürsorge nichts zu tun.

    Wie ich das gehasst habe..

    „Pass auf, Du fällst gleich hin“
    „Pass auf, Du fällst gleich hin“
    „Pass auf, Du fällst gleich hin“

    Das Kind fällt hin und weint.

    „Siehste, hab ich Dir doch gesagt, da bist Du selber schuld, jetzt stell dich nicht so an, sooo schlimm ist es ja gar nicht“

    Irgendwie destruktiv, aber weit verbreitet…

  42. @Querdenker
    Das Anziehen dauert zwei Minuten; das Reagieren der Mutter, Anhalten, Absteigen, Fahrradständer aufstellen, Sachen auspacken und Anziehen wird insgesamt einige Minuten länger dauern.
    Ja, natürlich ist es ein Experiment mit seinem nackten Kleinkind im beginnenden Herbst durch die München zu radeln – nicht alleine wegen der dort ansässigen Bayern. Mutter und Tochter können damit auch noch nicht allzu vielen Erfahrungen gemacht haben, schon alleine deshalb, weil das Kind gerade erst seinen zweiten Herbst erlebt und der Herbst noch nicht weit fortgeschritten war. Und wenn man möchte, dass das Kind draußen sein eigenes Kälteempfinden erforschen kann, sehe ich – wie bereits erwähnt – überhaupt keinen Grund, warum man dazu eine Radfahrt durch die Stadt wählen muss und nicht ein Umfeld, das weniger öffentlich ist, in dem man schneller auf das Kind reagieren kann und derweil mit ihm in direkten Kontakt steht.

    Nur weil jemand bewusst ein besonders aufgeklärtes/empathisches/respektvolles (Nicht)Erziehungskonzept verfolgt, bedeutet das leider keineswegs, dass er seine tollen Theorien auch im Umgang mit dem Kind umsetzen kann bzw. diese Theorien überhaupt eine gesunde Entwicklung ermöglichen (siehe Antiautoritäre Erziehung). Ich habe schon einige Mütter erlebt, die mir großartige Ansichten über den Umgang mit Kindern erzählten, sich ihren Kindern gegenüber aber kaltherzig, desinteressiert oder bevormundend verhielten – den Müttern selbst fiel das gar nicht auf.

    Ich schließe nicht kategorisch aus, dass bis zum Eintreffen der Polizei alle glücklich waren, aber ich nehme es auch nicht kategorisch an. Zudem kann ich kaum glauben, dass ein empfindsamer Mensch, der ein wenig mit den hiesigen gesellschaftlichen Gepflogenheiten vertraut ist, eine solche Fahrt ohne Nervosität erlebt. Daher nehme ich an die Mutter – so sie ihre Gefühle nicht verdrängt – dürfte zumindest angespannt gewesen sein.
    Ansonsten habe ich hier noch den Kommentar einer Mutter gefunden, dem ich mich nur anschließen kann:

    In dem Fall der Anwältin finde ich es bemerkenswert, dass die Mutter ihre Tochter wissentlich in ein Umfeld geführt hat, in dem die Nacktheit der Tochter und das Verhalten der Mutter auf Ablehnung stoßen werden. (Angeblich will sie doch nur das Beste für die Kleine?) Bayern, München, Schwabingen, Oktoberfest – alles keine Orte die bekannt für alternative Lebensweisen sind, aber für Konservativismus und (Klein)Bürgertum schon. Es wurde von der unerzogen-Seite immer wieder darauf hingewiesen die Tochter soll sich selbstbestimmt entfalten, sie solle ihre Nacktheit ohne Scham und als selbstverständlich und gut erleben – aber wie kann die Kleine das, wenn sie bewusst spüren muss, dass sie in der Öffentlichkeit auf Ablehnung und Befremden stößt? (Und ich nehme an das war und wird nicht die einzige Situation dieser Art sein, in die die Mutter ihre Tochter bringt.)
    Die Tochter konnte nicht wissen, dass ihre Nacktheit in unserer Gesellschaft provokativ, befremdlich oder verwahrlost wirkt, die Mutter hätte das bedenken müssen. Ich finde es auch falsch, dass die Mutter von einigen als Opfer und der Polizist als Täter dargestellt wird. Er hat nur reagiert, sie hingegen war es, die diese Situation aktiv herbeigeführt hat. Zudem sehe ich durchaus die Gefahr, dass sie ihre kleine Tochter (unbewusst) dazu instrumentalisiert gesellschaftliche Grenzen auszuloten.
    Ebenso falsch wie dem Kind zu signalisieren “Du bist verkehrt, alle anderen sind richtig” ist es ihm zu vermitteln “Alle anderen sind verkehrt, nur du/wir sind richtig”. Das kindliche Urvertrauen wird in beiden Fällen zerstört werden. Aber genau das tut man, wenn man sein Kind von frühester Kindheit an, in derart provokative Posen bringt.
    Und ich bin nicht davon überzeugt, dass die Kleine tatsächlich nackt sein wollte bzw. nicht gefroren hat, ich schließe es aber auch nicht mehr komplett aus, dennoch es gibt diese _eine_ Möglichkeit, darüber hinaus gibt es noch:
    – die Möglichkeit, dass sie unterbewussten “Befehlen” ihrer Mutter gehorcht
    – die Möglichkeit, dass sie unfähig ist ihre tatsächlichen Gefühle zu spüren
    – die Möglichkeit, dass sie daheim bleiben wollte und daher Kleidung verweigerte
    – die Möglichkeit, dass sie von ihrer Mutter endlich mal eine Reaktion auf ihr Verhalten bekommen wollte
    -die Möglichkeit, dass sie sich durch ein unangenehmes Erlebnis selbst strafen wollte…
    Warum wurden diese Optionen nicht auch reflektiert? Wenn ich mir die Beiträge bei euch vom Tag des Geschehens durchlese, hat die betreffende Mutter nicht einmal geschrieben, dass es ihrer Kleinen richtig gut ging, nur, dass die Kleine derzeit jede Kleidung, sogar die Unterhose verweigert. Dennoch kam nur wenig Kritik und überhaupt nicht die Frage vor, wie es der Tochter ging. Dabei geht es in eurer Gruppe doch eigentlich um das Kindeswohl und nicht um Bauchpinseleien der Eltern untereinander?!

    Im Zuge dieser Disskuission habe ich irgendwo von einer Mutter gelesen, die extrem stolz darauf war, dass ihr 4jähriger Sohn alles verneint, selbst das, was er eigentlich will – sie interpretiert das als autonomes Verhalten. Ein derart zwanghaftes Ab- bzw. Auflehnen finde ich vieles, autonom aber keinesfalls. Und für mich hat es etwas extrem Krampfhaftes, stolz darauf zu sein, von seinem Sohn dauernd Ablehnung zu erfahren.
    Und es verwundert mich auch, da doch von Antipädagogen viel mit dem Continuum Concept gearbeitet wird, aber wenn man Texte von Jean Liedloff liest, klingt immer wieder an, dass die Kinder der Yequana-Indianer samt und sonders kooperative, sogar folgsame Menschen waren, die im Vertrauen darauf lebten, dass ihre Eltern bzw. die Erwachsenen schon nichts Unrechtes von ihnen verlangen würden. Wenn ein solches Kind von seiner Mutter etwas angeboten bekommt, wird es das sicher nicht ablehnen, genauso wenig wie es Kleidung oder Körperpflege verneinen wird, wenn von seiner Mutter ausgeht, dass es gut ist.

  43. Jetzt wurde Anklage gegen die Mutter erhoben. Habe mich zu dieser Seite gegoogelt und möchte Frank meinen Respekt für diese differenzierte und vielseitig beleuchtende Stellungnahme zollen. Ich finde das Verhalten dieser Frau skandalös und ein Armutszeugnis für ihre Empathie- und Erziehungsfähigkeit. Und das als „gebildete“ Frau … Schrecklich, diese intellektuelle Kälte.

    Leider habe ich vor knapp 2 Monaten selber einen sehr ähnlichen Fall erlebt: Bei +1°C, Schneereste lagen noch am Straßenrand, die Bürgersteige waren feucht, es war nasskaltes Wetter und ca. 17 Uhr, lag ein etwa 2,5-jähriger Knabe, nur mit kurzem Pullover (!), Cordhose und Schuhen bekleidet, laut weinend auf dem Bürgersteig auf dem Rücken. Seine Mutter stand auf den Buggy gestützt daneben und schaute SEELENRUHIG auf das Kind hinunter! Ich traute meinen Augen nicht. Mehrere Passanten sprachen die Frau nacheinander an, dass das ein Ding der Unmöglichkeit sei, aber sie wehrte alle hochnäsig bis total aggressiv ab. Nach ca. 20 Minuten (! wie gesagt wurde die Frau in dieser Zeit fast durchgehend von irgendjemandem angesprochen, so dass ich mich zurückhielt) fragte schließlich auch ich die Frau, was eigentlich los sei; ihre Antwort: „Er will, dass ich ihm die Schuhe ausziehe.“ Dass ihn die Schuhe vielleicht drückten, darauf kam sie offenbar nicht, sie fasste es als reinen Trotz oder Willkür des Kindes auf. Schließlich sprach ich das Kind direkt an, worauf es kurz mit dem Schreien und Wälzen aufhörte. Da reagierte die Mutter stark abwehrend: „Ich will nicht, dass Sie mit meinem Kind sprechen!“ Es war offensichtlich, dass sie einen Machtkampf ausfocht – den nur der Kleine verlieren konnte, und das nicht nur auf Kosten seiner Gesundheit, sondern auch seiner Selbstachtung. Schließlich sagte ich zu ihr – zwar ruhig, aber bestimmt -, es handle sich um Kindesmisshandlung, und wenn sie das jetzt nicht sofort beende, müsste ich die Polizei rufen. Interessanterweise spürte anscheinend der Junge meine Entschlossenheit oder kannte schon den Sinn des Wortes „Polizei“, denn plötzlich stand er weinend auf und wandte sich zur Mutter; diese begriff, dass ihre Lage riskant wurde, gab auf, nahm das Kind und ging davon.

    Auch diese Mutter hatte statt Empathie und Verantwortungsgefühl offensichtlich nur die fixe Idee im Kopf, der Kleine müsse seine schlechte Erfahrung machen und sie müsse ihn so lange gewähren und leiden lassen, bis er irgendwann mal aufgibt. Dass er sich auf dem eiskalten Boden und der mangelnden Bekleidung den Tod hätte holen können – was JEDER außer ihr sah! – war offenbar jenseits ihrer Wahrnehmungsfähigkeit.
    Wer weiß, ob der Junge nicht anschließend eine schwere Erkältung hatte?! Oder eine Lungenentzündung? Da wird sich die Mutter dann sicher sehr leid getan haben. 🙁
    Das war m.E. körperliche und psychische Misshandlung – und sicher leider weder die erste noch die letzte an diesem Kind. 🙁 Was soll aus so einem Kind werden?! Vielleicht auch ein Amokläufer …?!
    Wer weiß denn, was den späteren Jugendlichen als kleines Kind widerfahren ist …? Gerade WEIL sich diese Kinder nicht mehr an diese sehr früheren Geschehnisse erinnern können, wirken diese SO verheerend auf das ganze spätere Leben. Das ist nachgewiesen und sollte auf keinen Fall bagatellisiert werden!

    Das Ganze fand übrigens in einem der reichsten Wohnviertel Deutschlands statt. Die – deutsche – Mutter machte einen wohlsituierten Eindruck und erwähnte selbstbewusst-überheblich einem anderen Passanten gegenüber, dass sie auch schon im Ausland gelebt habe (und daher die Welt kenne). Also, genau wie die Rechtsanwaltsmutter, soziale Oberschicht. Emotionale Unterschicht – meine Meinung.

  44. Jetzt ist ein Jahr ins Land gegangen und ich habe Verschiedenes zu diesem Thema gelesen. Bevor die Spekulationen und auch die Aussagen der betroffenen Mutter ins Bodenlose schießen, will ich mal „auflösen“ und Fakten beisteuern:

    Das Thermometer des Dienstwagens (Neuwagen der Fa. BMW) zeigte 11° C, der Wind war so stark, daß die Krawatte auf ungefähr „8 oder 9 Uhr“ hing. Das heißt, daß der sog. Fröstelfaktor, also die auf der Haut wahrgenommene Temperatur, die gemessenen 11° noch deutlich niedriger erscheinen ließ. Fakt ist weiter, daß die gesamten Lippen blau waren und zwei dicke Rotzglocken unter den Nasenlöchern bis in den Mund reichten (für Nicht-Bayern: Rotzglocken = Stränge dicken Rotzes 🙂 )

    Daß in der Tat – anders, als mancherorts in sogenannten „Rechtsforen“ diskutiert – § 225 StGB einschlägig ist, ist selbigem (inkl. der Kommentierung durch Tröndle / Fischer) zu entnehmen. Der Blogschreiber, der diesen Tatbestand in Frage gestellt hatte, mag der ein oder anderen Vorlesung in Sachen Juristerei ferngeblieben sein, denn die StA München I sah das genau so… 😉

  45. Basierend auf einem kleinen Ausschnitt aus dem Leben einer Mutter mit ihrem Kind findet auf dieser Webseite eine Menge Projektion statt: von intellektueller kalter Mutter bis hilfloser anti-autoritaere Weichei-Mammi.
    Ein paar Jahrzehnte Erziehungsdebatte angewandt auf ein naktes Kind im Fahrradsitz.

    Jetzt kommt auf den Teppich. Ein paar Minuten nakt bei 11 grad sind nicht lebensgefaehrlich, auch dass man davon Erkaeltung kriegt ist eher ein (deutscher) Volksglauben als wissenschaftliche Erkenntnis. Diese Mutter hat mal experimentiert wie sie mit einem Kleinkind umgehen kann, das mit Haenden und Fuessen um sich schlaegt und weint als wuerde die Welt zusammenbrechen, nur weil es einfach nicht angezogen werden will (ein haeufiges Alltagsproblem).

    Nakt auf’s Fahrrad war sicher nicht die beste Methode, aber sie hatte ja die Kleidung mit, um jederzeit dem Kind was anzuziehen, z.B. wenn es sich durch den Szenenwechsel etwas beruhigt hat. (Pragmatischer Tip: wenn’s partout nicht geht mit dem Anziehen, dann einfach eine Decke drum.)

    Zweifelsohne ist die Intention des Autors berechtigt. Was viele Eltern mit Kindern machen ist herzzerbrechend. Zum Beispiel: Viele halten es fuer richtig, und populaere Ratgeber ermutigen dazu, unter dem Vorwand der Unabhaengigkeitserziehung: Saeuglinge alleine schlafen lassen und ihr Weinen nach Naehe und Nahrung ignorieren.
    Aber das sieht ja die Polizei nicht.

  46. …dazu ist jedoch anzumerken, daß die Mutter das bereits öfters praktiziert hat und meinte, daß ihr in den öffentlichen Verkehrsmitteln dabei von den Leuten Unverständnis entgegen schlug. Das ist aber auch eine intolerante Gesellschaft…

    Das, was sie mit sich führte, um das schnatternde Kind zu wärmen, war eine blaue Strickjacke – mehr nicht. Weiter ist die gefühlte Temperatur eine ganz andere, wenn ein steter Wind bläst. Aber jetzt kümmert sich um die Mutter das Jugendamt…

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