Eine Geschichte vom Verfall und dessen Zerstörung

Brauerei Fenster

Ich halte mich für keinen sonderlich fortschrittfeindlichen Menschen. Alte Zöpfe müssen manchmal ab, egal ob es sich um Aspekte des Lebenslaufes, Computersachen, Freunde oder, äh – Frisuren handelt. Trotzdem weinte jüngst mein Herz, als ich der Tatsache gewahr wurde, dass diese herrliche Ruine an der Ecke Kochhann- /Richard-Sorge-Straße abgerissen wurde. Klar, die übrigen rostroten Mauern der einstigen Patzenhofer-Brauerei Friedrichshöhe erfüllten keine moderne Effizienzkriterien. Und doch war es ein Ort mit Daseinsberechtigung. Ein bißchen außer der Zeit, Stockenten schwammen im ehemaligen Keller, welchen Regenwasser in einen kleinen Teich verwandelt hatte. Hier war Raum für einige großartige Sprühereien, mit denen sich die Jugend ihrer Beweglichkeit, ihres Muts und ihrer Kreativität versicherte. Sommers kampierten Schausteller auf der Wiese vor der Ruine und veranstalten einen Zirkus. Wusste man nichts davon, war man überrascht, mitten in der Stadt plötzlich auf Dromedare, Lamas und Ponys zu treffen, die der üppigen Vegetation ihrem von der Natur vorgesehen Zweck zuführten. Ein Zaun sollte das Areal unzugänglich machen, aber irgendwer fasste sich immer ein Herz und schuf eine Lücke, durch die man hineinschlüpfen konnte. Als ich das erste Mal durch den Zaun ging, war ich sehr überrascht über die unbekannte Perspektive, die ich von hier hatte. Dort Friedhof, dort Multiplex, da Neubausiedlung, da Altbauviertel und hier jene verwilderte Ecke, in der Geschichte und Chaos, der verwesende Fortschritt von einst und die Rückeroberungsstrategie der Natur aufeinandertrafen. Das ist jetzt vorbei.

Der Wert dieser Ruine (ein Foto von ihr hat es sogar in den Wikipedia-Eintrag „Ruine“ geschafft hat) war mehr als ihre Verwertbarkeit. Orte wie dieser geben einem Viertel Gesicht und Seele. Auch den unperfekten Aspekten Platz einzuräumen, das macht Berlin aus. Aber in letzter Zeit habe ich das Gefühl, dass der Korpsgeist der Nutzenmaximierer und New-New-Age-Ästheten auch in der Städteplanung Überhand gewinnt, Berlin mehr und mehr „vermüncht“.

Ein Ort kann wohl kaum ein Begleiter sein und so schätzte ich ihn bewusst nie so, wie es ihm gebürte. Erst jetzt, da er weg ist, sich der Besitzer der freien Fläche die Hände reibt und hier vermutlich ein 27stöckiges Bürogebäude zu bauen plant, wird mir bewusst, dass ich ihn vermissen werde.

Dromedar an der alten Brauerei

Graffiti an der Brauerei

Brauerei, andere Perspektive

Brauerei Ruine

Aussparung

20 Kommentare

  1. Ich liebe solche Ruinen. Da geht mir immer mein Herz auf. Hier gibt es sowas leider überhaupt nicht. Alles so sauber und aufgeräumt. Bis vor einem Jahr gab es wohl einen Teil des „Hafens“ *lol*, der trotz des Status als Industriedenkmal von der EnBw als Eigentümerin des Geländes freigeräumt wurde, weil da was neues hin soll. Aber ansonsten… Ich glaube Berlin hat da anderen Städten einiges voraus.

  2. Ruinen sind die Verlierer der Konsumgesellschaft… was nicht geplant ist, dessen gestalterischer Wert kann auch nicht anerkannt werden. Ein Sieg der Technokraten über die Emotion.

  3. Ich hab das zufällig Samstagnacht entdeckt. Ick dacht ick kiek nich richtig. Da ist ja einfach nichts mehr!
    Erst hab ich nur die Bagger und Matschhaufen gesehen, und dachte: Frechheit, zerwühlt da wer die schöne Wiese. Bis ich realisierte, dass die einfach die alte Brauerei zerschlagen haben, hat’s dann noch gedauert.
    Fassungslos: Ich.
    Als ich vor ein paar Jahren nach Friedrichshain gezogen bin, hab ich mich nicht zuletzt wegen solcher – ich nenn’s mal – magischen Orte so rasch hier eingelebt. Inmitten all des Fortschritts hie und da ein Stück Geschichte und die Ahnung wie Berlin einmal ausgesehen haben muss, als es noch nicht so ausufernd bebaut war.
    Mir fehlt sie jetzt schon, denn die Ruine ist fester Anlaufpunkt vieler Spaziergänge gewesen, Ruhepol und Teil alternativer Sightseeing-Programme unter Freunden.

    Wahrscheinlich kacken die da jetzt luxuriöse und geistlose Betonkästen hin, die gebraucht werden, damit aus dem kaputten Friedrichshain ein echtes Top-Viertel wird.
    Wie passend: Wikipedia zeigt zum Eintrag Gentrification auch gleich ein Bild von Friedrichshain. Na, dann sind wir jetzt wohl wirklich dran. Kotz.

  4. Ach, nein, das würde ich nicht sagen. Nicht so. (Natürlich bin ich jung, jünger, aber hey, alles ist relativ – nein, Konsumgesellschaft stimmt da schon. Ist auch älter als ich. So alt wie die Neubauten).

  5. Die Konsumgesellschaft u.a. hier im Ruhrpott erklärt fast jede stillgelegte Industrieanlage zum „Industriedenkmal“.

    Gehörten die Taliban, Roten Khmer, Roten Garden etc. dann auch zur Konsumgesellschaft?

    (Link zu den „Einstürzenden Neubauten“
    wieder entfernt)

    Pax

  6. Ich als Fan subversiver Elemente unserer Reißbrettwelt kann die Trauer um diesen Verlust gut nachvollziehen, war doch ein ähnliches Ex-Gebäude Abenteuerspielpatz meiner Kindheit und später dann ein erstklassiges Versteck um heimlich zu rauchen — bis die Bagger anrückten.

    Wo ist das Kondolenzbuch?

  7. @ Sebastian:
    Noch!

    @ Simon Columbus:
    Ja.

    @ Lotta:
    Hast recht. Bei uns an der Ecke wird ja auch gerade das dritte Youth Hostel innert 500 Metern errichtet. Dazu jede Menge kleiner StartUp-Büros in der Mühsamstraße. Schätze, die mies besuchten Bars in der Karl-Marx-Allee sind in zwei Jahren richtig gut besucht. Da rollt sie an, die Gentrification. Seufz.

    @ corax:
    Simon Columbus hat zumindest teil-recht. Wenn ich diese Seite richtig deute, wurde das Gebäude erst 1990 abgerissen. Ein Teil steht auch noch, da ist jetzt ein obskures Kulturzentrum drin.

    Dass es auch den Sozialisten um städtebauliche Erneuerung im Sinne der modernistischer Hegemonie ging, sieht man u.A. am Palast der Republik und der Karl-Marx-/ früher Stalin-Allee. Und hey, ich mag die Baudenkmäler im Pott. Das Bergbaumuseum in Bochum, die Zechen Carl und Zollverein werden ja alle auch noch genutzt, wenn auch nicht im ursprünglichen Sinn. 🙂

    btw: Bist du eigentlich der corax, der auch immer in diversen Serienforen rumflirrt?

    @ Simon: Gibt keins. Die paar Kondolierenden würden höchstens eine Seite füllen.

  8. absoluter hammer die bilder!

    ist das mit dem „vermünchen“ eigentlich bereits so akut? denn sonst würde auch noch die letzte deutsche grosstadt für mich infällig werden, als ort, wo ich mir mein leben sehr gut vorstellen könnte.

    überall die selbe negativ-entwicklung. ein untergang der untergrund-kultur.

    mfg

  9. Danke für das Bilder-Lob. Ich leg vielleicht mal ein Album dafür an.

    Ja also die Entwicklung ist unübersehbar. Mal sehen, in welche Richtung sich das entwickelt. Es sind auf jeden Falls schon sehr viele Freiburger hier, die das Konsum- und „Poardy“-Niveau heben. 🙁 Siehe auch mein Prenzlberg-Artikel von neulich.

  10. Wer in diesem speziellen Fall die Brauerei oder jetzt Ruine abreisst, spielt doch gar keine Rolle (für mich). Mich nervt es wenn für jeden Sachverhalt irgendein Schlagwort reingehauen wird, dass gerade PC (also Mitte rechts bis links) ist. Bricht ein Damm bei uns: „Klimaerwärmung“ beim Waldbrand: „Treibhauseffekt“, Probleme auf dem Arbeitsmarkt?: „Globalisierung“ Lebst du korrekt? „Ich hab jetzt Ökostrom“ blabla.

    Die Konsumgesellschaft ist die einzige die Altes bewahrt (natürlich nicht alles), die Pyramiden wurden wegen des Tourimus in Afrika vom Sand und in Amerika von der Vegetation befreit. Wer baut denn Museen und kennt Denkmalschutz?
    Naturvölkern ist es völlig fremd Altes zu erhalten. Und alle Sozialisten, ob links oder rechts, haben immer versucht erst einmal alles komplett in Asche zu legen und dann neu anzufangen. In Berlin erst Adolf und dann der Dachdecker, bloß hatten beide nicht genug Geld und Leute für die angedachte Umsetzung.
    Und in alten Kirchen wurden Steine verbaut die früher zu Tempeln gehörten.
    Kurzum: Ich kenne überhaupt keine Gesellschaftsform außer der Konsumgesellschaft die altes teilweise bewahrt.

    Industriedenkmäler sind ja was schönes, Zeche Carl etc ist klasse. Aber wenn hier jeder Kamin jeder Kühlturm und jede rostige Lore zum Denkmal erklärt wird, kriegt man den Eindruck dass da jemand Entsorgungskosten sparen will, irgendwann ist es ja mal gut.
    Achso, der „schnelle Brüter“ in Kalkar ist jetzt ein Freizeitpark was ihn vorm Abriss bewahrt. 😉

    Serienforen? Ne, eher weniger, wird wohl ein anderer sein.

    Glück auf!

  11. Konsumgesellschaft hin oder her… diese Ruine hatte offensichtlich viele Nutzen (gehe ich jetzt mal von den Beschreibungen her aus), weswegen das schon gar nichts mehr mit der Frage zu tun hat, ob man Altes erhalten soll oder nicht, da es sich nicht in dem Sinne um was „altes“ handelt, dass es einfach nur rumsteht und nur begutachtet werden kann (wobei selbst das ein Nutzen sein kann).

  12. @ corax:

    Die Konsumgesellschaft bewahrt nicht, sie konserviert. Sicher hat das positive Ergebnisse – aber ist es auch zukunftsgewandt? Es besteht die Gefahr, sich in der Verherrlichung des Vergangenen zu verlieren, weil das gegenwärtige Sein nicht mehr wahrgenommen werden kann. Eigentlich seltsam, da Konsum auf gegenwärtig schließen ließe – aber eben das ist diese Gesellschaft nicht: Sie verherrlicht die Vergangenheit und fürchtet die Zukunft. Die Industriedenkmäler des Ruhrgebiets sind ein gutes Beispiel dafür.

  13. Simon

    Die Konsumgesellschaft bewahrt nicht, sie konserviert.

    Und ich schwitze nicht, ich transpiriere. 🙂

    Erklär du mir ruhig die Welt. Glück auf!

  14. @malo
    Oh, hör mir uff mit den Kaschemmen. Sollen die ruhig alle schön pleite gehen, diese eiskalten Glaskästen mit den viereckigen Ledermöbeln.
    Überhaupt ist es mir unbegreiflich was diese Vernarrtheit in schaukastenartige Einrichtungen angeht. Gleichgültig ob ich an einer Bar von Start-Ups für Start-Ups lang laufe oder an so einem Bürochen, überall hocken in Schluffigkeit konservierte „Kreative“ und stellen sich und ihr iBook aus.

    Zur Ruine nochmal: Über das Backsteingerippe hinaus hatte sich dort ein Biotop entwickelt, auf dem Füchse, wilde Katzen, Nager und Enten lebten, Berge von Pflanzen wuchern konnten wie sie wollten und die Luft inmitten Berlins alter Industriebrachen so gut war wie auf dem Lande.
    Insofern kann ich mich Myrddin nur anschließen.

  15. @ corax

    Bewahren und Konservieren sind eben nicht das selbe – denn konservieren heißt „haltbar machen“. Und eben das meinte ich – die Veränderung zugunsten der Nutzung, die zwar scheinbar erhält, aber gleichzeitig zweckentfremdend und, soweit man das sagen kann, entseelend auf das Objekt wirkt. Es entsteht Fassade – oder ist ein Industriedenkmal noch mehr als eine Erinnerung?

  16. Konservierer beten die Asche an, Bewahrer halten das Feuer am Brennen. Frei aus dem Lehrbuch „JU für Anfänger“ 🙂

  17. @ Simon Columbus: Aber das kreide ich ja unter anderem an. Dass die Existenz dieser Fläche wie die von allen Dingen zweckgebunden sein muss. Ich finde das traurig, dass etwas nicht einfach mal nur sein kann. Zumal es um eine Großstadt geht, die zwar mit Erholungsflächen (Zweck: Erholung) halbwegs gut ausstaffiert, aber eben nicht mit Wildnis (im Sinne von wild gewachsenen Strukturen) gesegnet ist. Fragt mal eure Eltern, in deren Jugend gab’s wesentlich mehr solcher Orte.

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