Ende eines Straßenbahnfahrers

Es gäbe Längen drin, hat man mir gesagt. Egal. Hier mal wieder etwas aus dem Prosakeller, verfasst für unseren quietschfidelen Literaturzirkel. Ja genau.

Bananen. Nichts sonst.
Bild: arte_molto_brutta_2 (cc)

Herr Schlonzendorff betrat das Wartezimmer. Die Poster an der Wand zeigten diverse Ausprägungen gängiger Hautkrankheiten, wie er irritiert zur Kenntnis nahm. Dies musste wohl dem morbiden Humor des Herrn Doktor geschuldet sein. Jemand, der Facharzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten war, musste schließlich einen morbiden Humor haben. Oder geistesgestört sein.

Das Wartezimmer war voll mit abblätternden Gestalten, zumeist bereits optisch als verrentet klassifizierbar. Her Schlonzendorff seufzte, meldete sein Eintreffen bei der Schwester und setzte sich. Warten. „Herr Schlonzendorff – bitte Kabine 4!“ Die Wartezimmerkraft hatte eine Art, das R im Wort „Herr“ zu rollen, es war eine Pracht. „Sicher wegen der Gewöhnung“, dachte er, griff sich zwischen die Beine, nahm den dort stehenden Rucksack aus Nappaleder und machte sich auf den Weg in besagte Kabine 4.

Trocken warf ihm der Arzt den Nachnamen zur Begrüßung hin. „Rogalla. Wo drückt denn der Schuh?“ Mit einer Mischung aus Erwartungsfreude und terminstressbedingter Eile schaute Hautarzt Doktor Rogalla Herrn Schlonzendorff an.

„Es ist nicht direkt der Schuh, Herr Doktor. Ich weiß nicht so recht, wo ich anfangen soll.“ Herr Schlonzendorff genierte sich.

„Na – nun mal nicht so schüchtern, der Herr. Ich kann ihnen versichern – was es auch sei – ich habe in dieser Praxis schon pikantere Herausforderungen in Dingen der Haut und des Geschlechts gemeistert. Zwanzig Jahre Berufserfahrung, mehr muss ich nicht sagen.“ Zwar beruhigte Herrn Schlonzendorff die fachliche Kompetenz, die der Mediziner demonstrierte, jedoch fühlte er sogleich erneut eingeschüchtert – zu selbstbewusste Menschen machten ihn nämlich ebenfalls nervös. Herr Schlonzendorff schwieg für eine Weile. „Nun“, er hob erneut an, „ich zeige es ihnen am besten direkt“. Der Patient setzte sich auf, löste seinen Gürtel und ließ seine Hochwasserhose herunter, nicht ohne sich dabei der Situation angemessen sonderbar zu fühlen.

„Was haben wir denn da?“ Der Arzt inspizierte fachkundig Schlonzendorffs linken Oberschenkel. „Nässender Ausschlag über eine Fläche von schätzungsweise vierzig, vielleicht fünfzig Quadratzentimeter. Mutmaßlich starker Juckreiz. Stimmt doch, oder?“ Herr Schlonzendorff nickte. „Juckt schon schlimm.“ „Das Kind werden wir gewiss geschaukelt bekommen. Sind bei ihnen Allergien bekannt?“ „Nein“. Er hatte keine Lust, die Geschichte mit dem Gesichtsausschlag hervorzukramen, den er kurz nach dem Störfall im Kernkraftwerk von Tschernobyl stets dann bekam, wenn er Tomaten gegessen hatte. „Schauen Sie, Herr Schlöndorff -“ „Schlonzendorff.“ „Verzeihung – Herr Schlonzendorff, natürlich. Nässende Ausschläge fallen in der Regel nicht vom Himmel.“ Unwillkürlich fragte sich Schlonzendorff, ob der Doktor solche abenteuerlichen Bilder häufig in seine Ansprachen einfließen zu lassen pflegte. „Es gibt immer eine Ursache“, sprach Rogalla weiter. „Meistens handelt es sich um Lebensmittel. Was essen Sie denn so?“ „Bananen“, gab Herr Schlonzendorff wahrheitsgemäß zu Protokoll. „Ja wie – Bananen. Und außerdem?“ „Nicht sonst, Herr Doktor. Ich esse nur Bananen“.

Ein veritabler Ausdruck der Verblüffung nahm die Mimik des Doktors in Beschlag. „Was?“ Der Doktor spie wenig dezent einige Speicheltropfen auf den Schreibtisch, während er sprach. „Sie essen nichts weiter als Bananen?“ „Richtig.“ „Kein Toastbrot, keine Bratwurst, kein Porree, kein Seelachs? Sie wollen mich wohl verkohlen!“ „Nein. Ich mag nichts anderes, nur Bananen“. Herr Schlonzendorff setzte sich wieder auf die Patientenliege mit der Ganzkörperserviette. „Also so etwas Bescheuertes habe ich ja noch nie gehört. Sind ja schon eher ein hagerer Type, aber das… Nee.“ Herr Schlonzendorff bekam den Drang, sich zu rechtfertigen: „Aber wenn ich es ihnen doch sage, Herr Doktor. Es stimmt, Bananen und nichts anderes. Ich habe es mir vor 21 Jahren angewöhnt. Bin Straßenbahnfahrer, da schäle ich mir oft zwischendurch eine. So eine Banane schmeckt mir gut und sie gibt mir die Kraft, die ich für meinen harten Beruf benötige. Wissen Sie, das ist auf jeden Fall besser als diese Knoppers und Bifis, die meine Kollegen zwischendurch immer verdrücken. Ich gehe in sieben Monaten in Rente, vielleicht werde ich dann mal etwas anderes probieren.“

Doktor Rogalla hob nun seinerseits zu einem längeren Monolog über die Wichtigkeit ausgewogener Ernährung, die Qualität eines guten Steaks und die Tatsache an, dass er in seiner Laufbahn noch nie von etwas derart abstrusem gehört habe wie einer Person, die sich nur von Bananen ernähre. Doch Herr Schlonzendorff interessierte sich dafür nicht und hörte weg. Stattdessen stellte er sich vor, mit seiner Tram durch die Straßen zu gondeln, eine frisch geschälte goldgelbe Südfrucht in der Hand. Schlonzendorff nickte zustimmend, obgleich innerlich abwesend. Er bekam Hunger.

„Und deshalb ist es unerlässlich, dass Sie ihre Nahrungsmittelbandbreite erweitern und vorerst auf Bananen verzichten, Her Schlöndorff. Ansonsten wird dieser Ausschlag von ihrem gesamten Körper Besitz ergreifen. Keine Bananen, ist das klar?“ Die letzten Worte waren wie eine kalte Dusche für Schlonzendorff, er war jetzt wieder voll da. Benommen murmelte er etwas Zustimmendes und bekam den Eindruck, dass sich die Wände der Kabine auf ihn zubewegten. Er bekam keine Luft mehr, musste raus, nur raus hier! „Ich wird dann mal, danke Herr Doktor.“ Schlonzendorffs Stimme bebte. Ruckartig stand er auf und eilte aus dem Raum. „Herr Schlöndorff, ihr Jackett!“ Schlonzendorff wollte nicht umkehren. Auch die Krankenkassenkarte, die die Sprechstundenhilfe noch haben musste, war ihm herzlich egal. So schnell wie ihm möglich war, ging er aus der Praxis, stolperte die Treppenstufen hinunter, verließ das Haus und machte erst luftholenderweise Halt, als die Hautarztpraxis nicht mehr in Sichtweite war.

Was sollte er tun? Schlonzendorffs Beziehung zu Bananen war symbiotisch, weit mehr als in dem Maß, wie andere Menschen ihr Essen zu schätzen wussten. Er liebte Bananen, er konnte nicht ohne sie. Ohne Bananen kam ihm der Tag öd vor und leer. Und doch ängstigte ihn die Vorstellung, in den Spiegel zu sehen und unter all den Pusteln sein Gesicht nicht mehr zu erkennen. Herr Schlonzendorff wusste, er musste einen Entschluss fällen – in aller Konsequenz. Es ging ja um seine Gesundheit! Als er so über das Problem nachdachte, erinnerte er sich eines Sinnspruches, den seine sicher längst verstorbene Lehrerin für Deutsch und Mathematik oft sagte, damals in den Fünfzigern: „Lieben heißt loslassen können!“. Schlonzendorff hieb sich mit der Faust auf die flache Hand: Er musste sich trennen. Wenn Bananen eine Gefahr für seine Gesundheit darstellten, musste er auf sie verzichten, ein für allemal. Auch wenn es wehtat.

So kam es, dass Herr Schlonzendorff Wochen später ausgemergelt in seinem Bett gefunden wurde. Verhungert. Der Verzicht auf die Bananen hatte einen zu großen Schmerz über die Trennung von seiner einzigen wirklichen Leidenschaft mit sich gebracht, als dass er sich eine Ausweichnahrung hätte suchen können. Viele seiner Kollegen nahmen an der Beerdigungszeremonie teil. Und während diese beim Leichenschmaus bereits über Ursachen von Schlonzendorffs allgemein als viel zu früh empfundenen Tod spekulierten, wurde zum Dessert ein Bananensplit mit viel Schokostreuseln gereicht. Allein seinen Hautausschlag war Schlonzendorff trotz des heroischen Verzichts in den letzten Wochen seines Lebens nicht losgeworden. Wie auch? Die Ursache für den Hautausschlag war ein aggressiver Schimmelpilz gewesen, der sich in Schlonzendorffs jahrzehntealter Bettmatratze eingenistet hatte. Sich von der Matratze zu trennen, wäre Herrn Schlonzendorff sicher ungleich leichter gefallen.

4 Kommentare

  1. Wenn die Ernährung durch Bananen für Herrn Schlonzendorff symbiotisch war: was hatten die Bananen davon?

    Ich finde es jedenfalls gut, dass Du auf diese Weise dein Bananentrauma aufarbeitest. Ich habe auch eines: in der 6., wenn nicht gar 7. Klasse veranstalteten wir eine Party im Schulkeller. Es wurde allerhand Süßkram und Cola dargereicht und für Musik sollten auch die Schüler sorgen. Während die cooleren von uns bereits Dancefloor vom Feinsten mitbrachten, schleppte mein bester Freund und Anker eine Kassette an, die seine Mutter ihm mitgegeben hatte: „Alles Banane – das sind die Hits für Kids“. Noch heute höre ich das Lachen der anderen in meinen Träumen. Naja. Wenigstens hagelte es keine Aus- oder andere schläge.

    (Ach, fyi: ich sehe grade, dass Du immer noch fleissg bei Gulli schreibst, der delicioius-feed hat lange nichts mehr geliefert.)

    (Bzw. vergiss es, ist ja doch schon älter. Jetzt aber: tschüss)

  2. Aus Kafkas „Ein Hungerkünstler“:

    »Da sieh mal einer«, sagte der Aufseher, »warum kannst du denn nicht anders?« »Weil ich«, sagte der Hungerkünstler, hob das Köpfchen ein wenig und sprach mit wie zum Kuß gespitzten Lippen gerade in das Ohr des Aufsehers hinein, damit nichts verlorenginge, »weil ich nicht die Speise finden konnte, die mir schmeckt. Hätte ich sie gefunden, glaube mir, ich hätte kein Aufsehen gemacht und mich vollgegessen wie du und alle.« Das waren die letzten Worte, aber noch in seinen gebrochenen Augen war die feste, wenn auch nicht mehr stolze Überzeugung, daß er weiterhungere.

  3. @Walter: Da hat er gut abgekupfert bei mir, der Herr Kafka.

    @Ralf: Demnächst, ja. An anderem Orte.

    @Sebastian: Symbiotisch war die Chose, weil die Banane an sich ja auch nach einem Zweck im Leben sucht. Einfach nur rumexistieren und irgendwann braun und matschig werden, schließlich das Elend des Vergammelns – wer will das schon? Alles Banane kenne ich auch, den Titelsong habe ich noch heute im Ohr. Für Gulli schreibe ich nicht mehr, ich muss mich hier in meiner Onlinerepräsentanz mal updaten und die bis auf wenige Ausnahmen ja sowieso desinteressierte Welt mal über meine neuesten Karrierepläne informieren. Ha, ich larmoyanter Aufschneider!

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