Essen aus Plastik, Frauen aus Lehm

Heute kommt uns die Lebensmittelfotografie der 50er Jahre ja eher etwas weird vor. Ganz klar, vor fünfeinviertel Dekaden gab es noch keine digitale Bildbearbeitung — wenn man im Kochbuch das Foto eines Schnitzels zeigte, dann war die Panade dieses Schnitzels eben noch nicht von dieser realitätsfernen Goldbräune, wie sie heute auf jeder Industrie-Cordon Bleu-Packung zu sehen, aber in der Realität nie zu erbraten ist. Ich wage zu behaupten, dass das alleinige Bild eines Nahrungsmittels in den wenigsten Fällen Hunger oder Appetit wecken kann. Wirkliches kulinarisches Verlangen erweckt erst die Kombination aus einem leeren Magen, und einem verführerischen Geruch. Das Bild ist gar nicht so wichtig, es sollte höchstens unaufdringlich sein und mit netten Garnierungen versehen. Okay, bei Schokoriegeln kommt noch das Marketing hinzu. Jedenfalls ist eine Dose Ravioli eher banal, ein Porzellanteller Ravioli mit nachgeröteter Soße und geschmackvoll am Tellerrand drapiertem Zitronenscheibchen und/oder einem Zweig Petersilie macht etwas mehr her. Hunger kriegt man davon vielleicht nicht, aber ein bereits vorher existentes Loch[1] im Bauch wird dank postmoderner Illustration auch nicht durch plötzlich auftretende Übelkeit beseitigt.

Halten wir also fest: Lebensmittelfotos sind ein wenig wie Celine Dion. Ein unverfälschtes Foto, egal ob jetzt von der Hungerlatte oder der Speckschwarte, würde bei dem Scheiß-Zeitgeist wohl niemanden so vom Hocker reißen, dass er das Produkt, ob CD oder Schwarte, kauft. Aber es gibt ja Photoshop und damit die Möglichkeit, alles aussehen zu lassen, als ob es aus Plastik sei. Ja, auch Celine Dion. Oder Filme, deren DVD-Cover Scarlett Johansson aus Plastik nachbilden. Na gut, Johansson sieht auch in echt aus wie Plastik, aber dieses bemerkenswerte Cover (das dritte von oben) modelliert sie aus Lehm. Sowas kaufen die Leute, da wissen sie, was sie haben: Nicht die abtörnende Realität, sondern seidige Glätte, intensive Farben und hohe Kontraste. Oder Lehm. Kann irgendein Leser meiner Darstellung noch folgen? Ich glaube nicht. Ich wollte ja eigentlich nur schön auf die ehrenwerte Aktion des Künstlerkollektivs PUNDO 3000 verweisen, die die Packungsmotive von Lebensmitteln mit ihren realen Pendants vergleichen [via digital tools]. Ich empfehle, zum Betrachten der Fotos Celine Dion zu hören. Schauder.

PUNDO 3000: Exquisa Snack-Vergleich
Noch harmlos: Der Exquisa Snack, dazu “All By Myself”

  1. Die Metaphysiker unter uns dürfen gerne im Kommentarbereich ausdiskutieren, ob ein Loch überhaupt existieren kann — schließlich ist ein Loch ja nicht etwas sondern das Fehlen von etwas. Ich selbst nehme das nicht so genau und finde, dass es Löcher durchaus gibt und sie können klasse aussehen. [zurück]

8 Kommentare

  1. den gedanken über die überlegenheit von gerüchen über die bilder teile ich so nicht. dazu ist der mensch zu reizgeleitet. ein sekundärer stimulus, wie z.B. das absolut realitätsferne bild eines nahrungsmittels kann sogar die illusion eines geruchs schaffen. das weiß, wer häufig mit leerem magen einkaufen geht. und bei “english winegum” reicht beizeiten allein die erwähnung des namens um mir das wasser im munde zusammenlaufen zu lassen. wir menschen sind ja irgendwie doch nur tiere, nur dass wir unser verhalten im nachhinein mit sinn versehen und so in den rang von handeln heben können.

  2. Passend dazu auch irgendwie dieser 12 Jahre alte Hamburger, ein Bild bei dem mir wirklich schlecht wird. Wegen der Vorstellung, jemand beisst aus Versehen herzhaft rein, weil er noch gut aussieht. Wuäh.

    “Nun sie sich einer diesen mickrigen Burger an.” – Bill Foster, Falling Down

  3. ich teile bzgl. des geruchs die meinung mit walter: bei mir reicht echt ein bild, von mir aus auch eine fernseh-reportage, um mir bei gewissen speisen das wasser im mund zusammenlaufenzulassen. da ist es ziemlich egal, ob ich schon was gegessen habe, mein gehirn sagt dann, ich könnte doch noch. in manchen dingen bin ich einfach gestrickt. :-)

    zweitens, zu dem loch (hrhr): studiert hab ich es nicht, aber ich denke, ein loch gibt es gleichzeitig genauso wenig/genauso viel, wie es die realität gibt. niemand sagt uns, ob das alles echt ist, was wir sehen, weil wir nur eine bestimmte sichtweise haben (kein infrarot, kein sonar, keine nachtsicht, usw.). der begriff “loch” ist einfach eine bezeichnung, mit der der mensch was anfangen kann, es erleichtert das überleben und das verstehen durch kommunikation. so ein stuss, ich sollte politiker werden. ;-)

    grüße,

  4. “ich teile bzgl. des geruchs die meinung mit walter: bei mir reicht echt ein bild, von mir aus auch eine fernseh-reportage, um mir bei gewissen speisen das wasser im mund zusammenlaufenzulassen. da ist es ziemlich egal, ob ich schon was gegessen habe, mein gehirn sagt dann, ich könnte doch noch. in manchen dingen bin ich einfach gestrickt.”

    Ja, die Sendung Galileo hat diesen Effekt perfektioniert und nutzt ihn sehr geschickt zur Platzierung von Schleichwerbung für Schokoriegel und Tiefkühlpizzen – widerlich, aber es funktioniert, bei mir ja auch oft genug.

  5. @Walther: Vielleicht hast du recht und ich vertu mich da. Meines Erachtens sind die Packungsaufdrücke jedoch selten wirklich appetitlich, allerhöchstens wirken sie in Verbindung mit einem leeren Magen und dann ist da so ein Bild eben ein Schlüsselreiz. Das hier

    wir menschen sind ja irgendwie doch nur tiere, nur dass wir unser verhalten im nachhinein mit sinn versehen und so in den rang von handeln heben können.

    finde ich, ist nicht wahr. Ganz so un-sinnig und triebgesteuert ist unser Handeln ja nu auch wieder nicht. Aber um den Naturzustand kloppen sich die Philosophen ja auch schon ein paar Jahrtausende.

    @ Seb: Der Hamburger-Link war irgendwie “broken”. Schicke ihn doch nochmal, ich editier den dann rein. Ich muss aber sagen, dass ich den Zerfall von Lebensmitteln irgendwie beruhigend finde. In diesem Video wird gezeigt, dass Pommes von McDonalds nicht den Weg alles Zeitlichen gehen. Creepy!

    @ Cipha: Hihi, du solltest wirklich Politiker werden. Da könntest du zum Beispiel das Loch im Jahreshaushalt einfach wegdiskutieren.

  6. bestwellnesscon...ther-earth.aspx

    Genau das ist es ja: Der Burger sieht aus wie eben gekauft. Das finde ich widerlicher als einen Gammelburger. Garnicht mal, weil es viel über die “frischen” Burger aussagt, die man kauft, sondern weil sich automatisch der Gedanke einschleicht, jemand beisst in diesen alten Burger.

  7. meine mutter hätte sich bestimmt gefreut wenn alle lebensmittel in meinem schulranzen sich früher so verhalten hätten.
    @frank: etwas polemisch, gebe ich zu. das mit dem sinn und dessen beschaffenheit ist eine umfangreiche frage, die vielleicht nicht in einer kommentarsektion in abwesenheit von bier geklärt werden kann. würde sich aber imho an anderer stelle durchaus lohnen.

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