Frankreichs Jugend und die deutschen Medien

Da liegt man gemütlich in der Badewanne, denkt an nichts Böses, hört die Bundesliga-Konferenz, Bochum – Braunschweig 4:0, jipieh! Und dann kommen die Nachrichten.

Etwa eine Million Menschen hatten sich gestern (in Frankreich, d.Verf.) nach Gewerkschaftsangaben an den landesweiten Kundgebungen beteiligt. Die Proteste richteten sich gegen die von der Regierung geplante Lockerung des Kündigungsschutzes für Berufsanfänger. (nachzulesen auf inforadio.de)

Lockerung des Kündigungsschutzes? Mir geht der Hut hoch! Es handelt sich um eine Abschaffung!

Frisch abgetrocknet und an den Rechner gesetzt. Mal sehen, was die anderen Massenmedien so absondern.

Spiegel Online beschäftigt sich mit dem neuen Zusammenhalt der französischen Gewerkschaften, mit den taktischen Optionen Villepins in Hinsicht auf die Präsidentschaftswahlwahl und der Unmöglichkeit, die französischen Bürger von der „Notwendigkeit von Reformen“ zu überzeugen. Sämtliche erdenklichen Aspekte dieses Themenkomplexes also. Nur die Motive der Millionen, die demonstrieren, werden in der „Analyse“ (Selbstbezeichnung SpOn) außen vor gelassen. Lediglich eine Inkohärenz ihrer Interessen, mit Ausnahme ihres „Dagegenseins“, wird festgestellt und eine Entschuldigung der „Unreformierbarkeit“ im taktisch unklugen Vorgehen Villepins sowie der historisch institutionalisierten französischen Protestkultur gefunden. Hm. Ich prognostiziere: Demnächst kommen die Demonstranten und ihre Anliegen, auch im SPIEGEL, noch schlechter weg. Auf’s „Blaming“ und „Bashing“ versteht man sich da ja gut.

Die Welt beschränkt sich in ihrer Berichterstattung überwiegend auf die ausgiebige Schilderung der „Krawalle“.

Interessant, was die Bild-Online-Redaktion zu sagen hat: nichts! Ich suchte die gesamte Start- und Newsseite ab, blieb an einigen Titten und bunt bebilderten Unterschichtskatastrophen hängen, zu CPE jedoch kein Wort. Ich gab „politik“ in die interne Suche ein, aber ausser der Erkentniss, dass der Internetauftritt der INSM bei den Suchergebnissen („Sponsored Link“) an erster Stelle steht – nichts. Ganz so schnell wollte ich jedoch noch nicht aufgeben. So suchte ich nach „frankreich“. Heureka! Ein Ergebnis. Jedoch sofortige Enttäuschung: Mir wird auf der vermeintlichen Artikelseite zwar der übliche BILD-Müll offeriert, aber nix zu den Protesten. Unerwünschter Inhalt vielleicht? Ein Schelm wer böses dabei denkt… Das sind sicher nur technische Störungen.

Merkwürdiges Suchergebnis bei bild.t-online.de

Nächste Station: Die Webseite der ZDF-heute-Nachrichten. Unter dem Titel Gewerkschaft droht nach Protesten mit Generalstreik wird dem Leser direkt mal das Bild von Magnesiumfackeln werfenden Autonomen entgegengeschmettert, damit er weiss, womit er’s zu tun hat. Ansonsten bewegt sich die tendentiöse Berichterstattung im normalen Rahmen von überwiegend auf die Nennung von Verletztenzahlen und Sachschäden fixierter Meinungsmache.
Bemerkenswert höchstens: Das ZDF befragt einen Experten.

„Eine radikale Veränderung bedeutet das Gesetz nicht“, sagt Wolfgang Neumann vom Deutsch-Französischen-Institut in Ludwigsburg zu heute.de. Die Ursachen für die Proteste lägen tiefer. „Die Arbeitswelt ändert sich und die jungen Leute spüren das. Sie werden es in Zukunft nicht einfach haben und sie befürchten, dass der so genannte Ersteinstellungsvertrag nur der Anfang ist und eine Reihe von Lockerungen nach sich zieht.“

Nach etwas Recherchearbeit eine Überraschung: Wolfgang Neumann ist kein offizieller INSM-Botschafter! Lässt man aber den Blick über seine Veröffentlichungen schweifen, ereilt einem schon der Anflug einer Ahnung, wes Geistes Kind der Herr ist.
Berichterstattung in der „seriösen“ Tagespresse: Süddeutsche, Zeit und FAZ: Variationen ein und derselben dpa-Meldung. Im Preis inbegriffen: historisch-selbststilisierendes Rumgewichse von Daniel Cohn-Bendit. Würg.

Kontextfremd frage ich mal in den Raum: Ist Deutschland noch zu retten? Zumindest, was das Ausmaß der markt(schrei)liberalen Medien in Deutschland angeht, offenbar nicht. Okay, immerhin gibt es ja noch die Bloggerszene und alternativen, kritischen Journalismus (wie die hervorragenden NachDenkSeiten von Albrecht Müller oder die, manchmal etwas kruden, aber oft auch hervorragenden Artikel eines G. Wisnewski. Nur leider kratzen diese Angebote leider nicht mal am Mainstream. Immerhin, die taz beweist, dass man sie doch manchmal lesen kann und die Berliner Zeitung, wie so oft, dass sie chronisch unterschätzt wird.

Nicht ganz, aber irgendwie doch passend: Ein Essay von Werner Schlegel zur Abschreibementalität in den deutschen Redaktionen, auch im Vergleich zur Situation in Frankreich. Doch Pierre Bourdieu hat vor Jahren selbst die französische Presse für exakt die gleichen Zustände kritisiert.

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