Gedankensprünge

Sie fährt an. Früher gab es, bevor die Türen schlossen, Töne: a – c – a oder so. Heute halten es die Berliner Verkehrsbetriebe für sinnvoll, die scratchenden Jugendlichen von ihrer Leidenschaft abzubringen, indem sie große Jungmännertorsen nebst Kopf an die Scheibe klebt – grün! – die erhobenen Zeigefingers anmahnen, die Sachbeschädigungen hätten die hohen Ticketpreise zu verantworten. Und das sei „voll extrem uncool“. Aha. Man kann sich vorstellen, wie ein Mittvierziger mit Schnauzbart in exakt der Werbeagentur, der die Berliner S-Bahn seit Äonen die Treue hält, erdacht und in die Wege geleitet hat. Im festen Glauben daran, dass es keinen besseren Weg gäbe, an die Vernunft der randalierenden Subkultur „Jugend“ zu appellieren und dass das ihre Sprache sei.


Nachträgliche Einfügung: Missi dokumentierte das jüngst, wenn auch in rot.

Allein, diese unsagbar provinzielle Denke versperrt mit dem was sie hervorbringt die Sicht nach draussen noch stärker als das mehr oder minder dilletantisch Gekratzte. Das sorgt nämlich manchmal für nette Lichtbrechungseffekte. Im Stern war neulich eine Fotostrecke aus Nordkorea. Die haben da ein paar ausrangierte U-Bahn-Waggons aus Berlin hingeliefert. Auf einem Foto sah man einen. Ohne Werbung freilich („That you may have life and live it to the full. That is Jesus‘ promise to you.“, „Learn English a better way“), aber mit einem original Berliner Scratching. Wenn das kein Grund dafür ist, weiß ich auch nicht.

Es rumpelt, es schweigt. Vergeblich versuche ich, meinen Ellbogen auf der unteren Fensterkante abzulegen. Damit denkt es sich eigentlich leichter. Mein Blick schweift und trifft den der Frau, die mir gegenübersitzt. Ich denke, das könnte meine Mutter sein. Was sie denkt, weiß ich nicht. Dass die Blicke zweier sich im Öffentlichen Personennahverkehr gegenüber Sitzenden (SIÖPNVGS) treffen, ist leider ebenso unumgänglich wie schnell vergessen. Und doch fühle ich mich immer kurz ertappt dabei. Denn das aneinander Vorbeischauen ist eine stille Übereinkunft der Fahrenden, einander nicht die flüchtige Illusion des Alleinseins zu nehmen. Nur man selber und die eigenen Gedanken, der Rest ist Kulisse – so beschwerlich der Berufsverkehr sein mag. So ein Blickkontakt kann vieles zerstören. Sie weiss jetzt nämlich, dass ich weiss, dass sie existiert. Und andersrum. Schnellschnell, vergessen. Woanders hingucken! Auf frischer tat ertappt. Irgendein Musiksendungsmoderator im Fernsehen erzählte vor einigen Jahren in einer Anmoderation, die niederländische Boygroup Caught in the Act müsste auf Italienisch „In Flagranti“ heißen.

Damit sich Robinson auf der Fahrt ins Büro, zur Uni oder der Schule nicht unverhofft mit der Existenz anderer sich konstituierender Subjekte Menschen – dem Freitag, der das gleiche Inseldasein als Schicksal tragt – konfrontiert sieht, will sich konzentriert mit etwas beschäftigt sein. Leider bietet die S-Bahn noch kein Berliner Fenster, in das man apathisch starren kann, also muss der Ausblick aus dem anderen, dem zerscratchteren, reichen. Bloß darf man sich darauf auch schon wieder so stark konzentrieren, dass einem nicht auffällt, dass man des Gegenübers Spiegelbild die ganze Zeit anstarrt. Oder bin ich bloß paranoid? Apropos: Diesen Hit von Black Sabbath haben ja mal die Scheitelschwestern Cindy und Bert gecovert . Mit Musik geht die Reproduktion der Isolation auch gut. Oder einer Zeitung. Oder beidem. Im Ostteil wird die Berliner gelesen, die Unterschicht liest den Kurier. Im Westen sind es Tagesspiegel / B.Z. Die Bild ist hier und da überall vertreten, in Grunewald und in Zehlendorf häufiger die Morgenpost. Immer mehr jüngere Fahrgäste halten eine Welt Kompakt in Händen. Würg. Springer übernimmt die Berliner S-Bahn-Apathie. Wenn’s schon nicht mit Pro Sieben geklappt hat… immerhin lesen die Leute überhaupt. Denke ich an meine Zeit im Ruhrgebiet zurück, fällt mir ein, dass dort nie jemand las. Oder täuschen mich meine Erinnerungen? S-Bahnhof Bellevue. Welke Anordnungen von Kränzen und Blumen zeugen vom Tod eines jungen Paars, das hier neulich vor die Bahn fiel. Ob Unfall oder Absicht, wird ungeklärt bleiben. Ich kannte die beiden flüchtig. Sie war 24, er 22. Seltsam, wenn jemand stirbt, der so jung ist. Ich bin 23.

Sommers riecht es in der S-Bahn schlecht. Die Menschen, die Enge, der Schweiss. Im Winter auch, aber nicht so oft und nicht so schlimm. Dafür brennt einem manchmal der Hintern. Wenn’s draussen kalt ist, machen sie die Sitzheizungen an. Fünfzig, sechzig Grad, direkt unter deinem Platz, aber Du bist froh, dass Du sitzen kannst. Kinder schreien. Potentielle Sachbeschädiger spielen sich gegenseitig blechern vorgetragene Ghettopoesie auf ihren Mobiltelefonen vor. Die Bahn hält an, der dritte Verkäufer einer Obdachlosenzeitschrift innerhalb kurzer Zeit steigt ein. Der erste war freundlich, der zweite aggressiv-resigniert. Dieser hier ist betrunken aber immerhin kann man ihn ignorieren. Schwieriger ist das mit den Musikanten, ihren Quetschkommoden und ihren Coffee-to-go-Bechern, die sie jedem entgegenfordern. Das mag für Touristen irgendwie romantisch sein, aber ich fahre diesen Weg beinahe täglich. Musik nervt, die ich mir nicht ausdrücklich zu hören wünsche. Der Straßenfeger ist eine gute Zeitung, die Motz kann man auch manchmal lesen. In Bochum gab es BoDo. Das steht für Bochum und Dortmund. In der Kortumstraße rief einer immer „Boooo-Do! Zeitungfürdieobdachlosen“. Betonung jeweils auf der letzten Silbe. Ob’s den noch gibt? Das letzte Mal war ich vor vier Jahren da. Komische Zeit, damals.

Als ich ankomme, falte ich die Zeitung zusammen und nehme die Kopfhörer herunter. Oh, diese Ohrwurmslogans: Ein Lied der Band Tocotronic kommt mir in den Sinn.

Ich bin ganz sicher schonmal hiergewesen, doch ich weiß nicht mehr, wann. Es muss die Zeit gewesen sein, in der alles begann.

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