14 Kommentare

  1. Das ist doch nen Scherz oder?

    Mit Verlaub, aber selten habe ich so einen (wenn auch in Ansätzen vielleicht „gut gemeinten“ und) gefährlichen Unsinn gelesen.
    Der Text von „Nordstern“ (nomen est omen?) strotzt ja geradezu vor blinder Wut.

    Ein paar echte Oberhammer:

    „Als die Nazis an die Macht kamen, war er zwar
    nicht begeistert von ihnen, aber froh, dass es allen (irgendwie)
    wieder besser ging.“

    Allen ging`s irgendwie besser als die Nazis an die Macht kamen???

    „Die Engländer haben ihn dann 1944 einkassiert und
    anscheinend recht anständig behandelt. Hätte er sich vorher gegenüber
    der belgischen Zivilbevölkerung irgendetwas geleistet gehabt, hätten
    sie ihn bei der Gelegenheit gleich an die nächste Wand gestellt!“

    Was geht denn jetzt ab? Was denn „geleistet vor der belgischen Zivilbevölkerung?“ Nen Kippenautomaten aufgebrochen? Oder nen paar Frauen und Kinder erschossen? Oder was?
    Sowieso! Diese Engländer! Deutsche Hilfspolizisten im freundlich besetzten Belgien an die Wand stellen… (mal so am Rande: Die allermeisten deutschen Verbrecher gegen die Menschlichkeit im 2. WK sind nicht einfach „an die Wand“ gestellt worden. Geschweige denn jemals auch nur in irgendeiner Form zur Rechenschaft gezogen worden.)

    „Süddeutschland hat er als fremde Heimat nie besonders
    gemocht und die Vertriebenverbände (aber vor allem seinen „Freund“
    Adenauer) hat er allesamt für Heuchler und alte Nazis gehalten.“

    Haarsträubend! Adenauer ein alter Nazi? Was geht ab?

    „Den Osten haben wir von unseren
    windigsten Politikern abwickeln und ruinieren lassen und (noch für
    längere Zeit) zu einem zweitklassigen Arbeitslosenreservoir und
    Niedriglohnghetto degradiert.“

    Tja, da war die DDR wohl besser. Gut, die paar politischen Gefangenen, die Flüchtlinge, die erschossen wurden, die Totalüberwachung von auffälligen Abweichlern; aber abgesehen davon und nen paar anderen Dingen war`s ja doch ziemlich prima.

    „Die
    Quittung für den Irrsinn dieses Krebsgeschwürs namens Kapitalismus,
    jener wirklich Letzten aller totalitären Ideologien, werden wir wohl
    noch alle erleben dürfen. Wenn uns nicht vorher noch ein Atomkrieg
    den Garaus macht. Die Amis geben sich bereits grösste Mühe!“

    Der Kapitalismus ist ein Wirtschaftssystem, keine totalitäre Ideologie! (Totalitär sind in erster Linie Nazi-Deutschland und die SU unter Stalin (vorallem nach dem 2. Weltkrieg).
    Ich bin absolut kein Freund des Kapitalismus, aber einen solchen Blödsinn habe ich echt lange nicht gelesen.
    Und dass die Amerikaner sich die größte Mühe machen, uns mit einem Atomkrieg den Garaus zu machen – wie kommt man auf so einen Unsinn?

    Fazit: Neben völkischem Gedankengut und der Romantisierung der DDR spricht für mich ein ziemlicher Menschenhass aus dem Artikel. Insgesamt: Totaler Schwachsinn.

    „Was auch immer der Politik das Gehirn aufgefressen hat, die
    Wirtschaft hat sie offensichtlich damit angesteckt!“

    Naja wohl eher dem Autor..

  2. Man du liest anscheinend kein Heiseforum oder Foren, Blogs überhaupt.

    Dieser Text gibt die Erfahrungen eines heute 40Jährigen wieder, der sein Erlebtes in feiner Distanz wunderbar versteht in Worte zu packen.. Auf was er sicherlich nicht geachtet hat ist politische Korrektheit, um Dummköpfe (Verzeihung) wie dich nicht zu verwirren.

    Es ist dir vielleicht nicht aufgefallen, aber deine ersten beiden Punkte zitiert er eigentlich seinen Großvater, und wie ich vermute, wahrheitsgetreu. Mein Großvater zB erzählt relativ ähnlich. Er ist 1923 geboren und kannte von seinen Eltern noch die Hyperinflation. Damals ging es ihnen schlecht. Dann kam 1930 die Weltwirtschaftskrise und zunehmende politische Destabilisierung Deutschlands. Damals ging es ihnen wieder schlecht. Dann kam Hitler und ein (weltweiter!) Wirtschaftsaufschwung, die politsche Lage stabilisierte sich wieder, den Leuten ging es besser.

    Dass Juden verfolgt und die ganze Gesellschaft von den Nazis vereinnahmt wurde fand mein Opa auch nicht so toll, aber er war zu feige seine Stimme zu erheben und ist mitgelaufen. In einem totalitären Staat war es ihm auch zu raten. Ich denke diesem Urgroßvater erging es ähnlich. Ich glaube auch nicht, dass deine Vorfahren alle Stauffenbergs und Scholls waren. Was ist also an der Darstellung im Text falsch?

    Die Engländer haben bei Entnazifierungsmaßnahmen (zum Teil!) hart durchgegriffen, es zumindest angedroht. Was am Ende daraus geworden ist, wissen wir. Sein Urgroßvater fasste das wahrscheinlich als eine Art Persilschein auf, was es letztendlich auch war. Mein Großvater behauptet auch, er habe im Krieg niemanden etwas zu leide getan. Der Urgroßvater im Text spricht nicht über den Krieg, was ich mal als Indiz nehme, dass er auch seine Sünden hat. aber das ist eine Interpretation.

    Adenauer ein Nazi, das steht nicht im Text. ich gehe eher davon aus, dass der Urgroßvater ein eingefleischter Sozi war.

    Dass bei der Wiedervereinigung schwere Fehler begangen wurden ist heutzutage Allgemeingut, man kann es jeden Monat an den Arbeitslosenzahlen ablesen. Dass er die DDR gut fand, steht nicht im Text, eher das Gegenteil. („Und „drüben“, im Osten, musste man zum Glück ja auch nicht leben“)

    Die Quittung für den Kapitalismus heißt heutzutage vorallem die Verelendung Afrikas, was noch kommt, kann ich nicht sagen. Da darf jeder seine eigene Meinung haben. Ich finde die Meinung im Text übertrieben, aber diskutierbar. Schließlich ist Kapitalismus keine heilige Kuh, was in hundert Jahren damit ist, kann keiner sagen.

    Atomkrieg der Amis -> siehe Kubakrise, kalter Krieg. Eigentlich haben wir es zweimal den Sowjets zu verdanken, dass es nicht schlimmer kam.

    Ist irgendwie beängstigend, dass man inzwischen Texte erklären muss, damit niemand falsche Schlüsse zieht. Lies am besten den Text noch mal durch.

  3. Sauerei, dass hier keine Absätze gehn, naja dann muss man eben so durch den Text finden…

  4. Das ist doch nen Scherz oder? Mit Verlaub, aber selten habe ich so einen (wenn auch in Ansätzen vielleicht “gut gemeinten” und) gefährlichen Unsinn gelesen.

    Fand ich jetzt ehrlich gesagt nicht.

    Der Text von “Nordstern” (nomen est omen?) strotzt ja geradezu vor blinder Wut.

    Fand ich auch nicht. „Nordstern“ ist nach wie vor eine gängige Bezeichnung für a) den Polarstern und b) Leute die aus dem Norden Deutschlands kommen. Da muss man schon sehr unguten Willens sein, daraus eine Nazi-Konnotation abzuleiten.

    Allen ging`s irgendwie besser als die Nazis an die Macht kamen???

    Sicher nicht allen, natürlich nicht. Auch hier gilt mal wieder das maloXP’sche Unschärfe-Formulierungs-Axiom: Was falsch verstanden werden kann, wird falsch verstanden, wenn der falsch verstehende gewillt ist, falsch zu verstehen. a) Der Text gibt die Sicht des Urgroßvaters wieder. b) Die Nazis profitierten ganz sicher von den Folgen der Weltwirtschaftskrise und der Massenarbeitslosigkeit. Die rasche Bekämpfung dieser, mit Hitlers Autobahn-Aktionismus etwa, hielt sie in den ersten Jahren im Sattel.

    “Die Engländer haben ihn dann 1944 einkassiert und anscheinend recht anständig behandelt. Hätte er sich vorher gegenüber der belgischen Zivilbevölkerung irgendetwas geleistet gehabt, hätten sie ihn bei der Gelegenheit gleich an die nächste Wand gestellt!”

    Was geht denn jetzt ab? Was denn “geleistet vor der belgischen Zivilbevölkerung?” Nen Kippenautomaten aufgebrochen? Oder nen paar Frauen und Kinder erschossen? Oder was?

    So etwas, ja. Egal was. Geh mal ein paar Jahre in den Krieg und komm als voll gesellschaftsfähiger Mensch wieder nach Hause, respektive in Kriegsgefangenschaft. Ehemalige Wehrmachtssoldaten wurden in US-amerikanischer und britischer Kriegsgefangenschaft in der Tat wesentlich besser behandelt als in russischer. So gab es durchaus eine Art Resozialisierungsgedanken, nach ein, zwei Jahren Arbeit auf Gütern oder Farmen und „gutem Betragen“ durften sie oft nach Haus. Das und nichts anderes meint der Autor.

    (mal so am Rande: Die allermeisten deutschen Verbrecher gegen die Menschlichkeit im 2. WK sind nicht einfach “an die Wand” gestellt worden. Geschweige denn jemals auch nur in irgendeiner Form zur Rechenschaft gezogen worden.)

    Was ist dein Problem, er bestreitet das doch gar nicht?

    Haarsträubend! Adenauer ein alter Nazi? Was geht ab?

    Nun, da wende dich mal an den seit 25 Jahren toten Großvater des Autors, der das hier lediglich in indirekter Rede wiedergibt.

    “Den Osten haben wir von unseren
    windigsten Politikern abwickeln und ruinieren lassen und (noch für
    längere Zeit) zu einem zweitklassigen Arbeitslosenreservoir und
    Niedriglohnghetto degradiert.”

    Tja, da war die DDR wohl besser. Gut, die paar politischen Gefangenen, die Flüchtlinge, die erschossen wurden, die Totalüberwachung von auffälligen Abweichlern; aber abgesehen davon und nen paar anderen Dingen war`s ja doch ziemlich prima.

    Auch das bestreitet er nicht. Die gefühlte Lebensqualität in den meisten Teilen der DDR ist heute in der Tat (noch) schlechter als damals. Kohl & Co haben nach der Wende mit Treuhand, falschen Versprechen und unbedachten Gesetzen der Wirtschaftskriminalität (v.A. im Immobiliensektor) enormen Vorschub geleistet und die Landwirtschaft größtenteils vernichtet. Soll man sich darüber etwa nicht ärgern, nur weil vorher ein anderes Unrecht geherrscht hat?

    Quittung für den Irrsinn dieses Krebsgeschwürs namens Kapitalismus,
    jener wirklich Letzten aller totalitären Ideologien, werden wir wohl
    noch alle erleben dürfen. Wenn uns nicht vorher noch ein Atomkrieg
    den Garaus macht. Die Amis geben sich bereits grösste Mühe!

    Der Kapitalismus ist ein Wirtschaftssystem, keine totalitäre Ideologie! (Totalitär sind in erster Linie Nazi-Deutschland und die SU unter Stalin (vorallem nach dem 2. Weltkrieg).
    Ich bin absolut kein Freund des Kapitalismus, aber einen solchen Blödsinn habe ich echt lange nicht gelesen.

    Ist hart formuliert, aber der Kapitalismus verliert immer mehr sein menschliches Anlitz: Unser ganzes Leben ist durchökonomisiert, der Effizienzwahn durchpflügt unser Leben, multinationale Konzerne sind zur Ausbeutungsmaschinerie verkommen, Organisationen wie Weltbank und WTO stützen das, genau wie die großen Parteien, die fast alle den libertären Ruf nach „schlankem Staat“, „mehr Wettbewerb“ und „mehr Eigenverantwortung“ jauchzend bejahen. Mit Totalitarismus würde ich es auch nicht umschreiben, aber als Metapher geht das m.E. klar.

    Und dass die Amerikaner sich die größte Mühe machen, uns mit einem Atomkrieg den Garaus zu machen – wie kommt man auf so einen Unsinn?

    Die Vereinigten Staaten von Amerika geben einen „fuck“ auf den Kernwaffensperrvertrag und entwickeln neue nukleare Technologien. Deswegen kann man auf so einen Unsinn kommen. Musst auch sehen, dass der Typ ein paar Jahre älter ist und die Atomwaffenparanoia wesentlich näher mitbekommen hat als unsere Generation.

    Fazit: Neben völkischem Gedankengut und der Romantisierung der DDR spricht für mich ein ziemlicher Menschenhass aus dem Artikel.

    Also das habe ich da jetzt samt und sonders wirklich nicht herausgelesen.

  5. @ Stefan: Sorry, irgendwas stimmt mit dem CSS nicht, weswegen Zeilenumbrüche in den Kommentaren immer so komisch sind. Ich werd mal demnächst schauen, ob ich’s hinbekomme.

    Kleiner unkommentierter Nachtrag. Zum Thema Adenauer schreibt Nordstern hier:

    Der sass 1932 mit im Reichstag und hat brav für seine Zentrumspartei gestimmt, dass Hitler Reichskanzler werden konnte. „In zwei Monaten haben wir Hitler in die Ecke gedrückt, dass er quietscht!“
    Und 1938 hat sich der feine Herr dann auch noch einmal ausdrücklich in einem Brief um die Parteimitgliedschaft der NSDAP beworben. Aber dort hat man ihm nicht getraut und abgelehnt.
    Wirklich unbelastet waren in der Hinsicht eigentlich nur die „vaterlandslosen Gesellen“ von der SPD (z.B. Brandt) und natürlich die „bösen“ Kommunisten. Aber denen hat dann Stalin zum grössten Teil den Garaus gemacht.

  6. Naja sagen wir es mal so: Einen echten Altnazi hätten die Amerikaner sicher nicht an die Regierung gelassen. ich halte es für wahrscheinlich, dass er viel getan hat um seine Haut zu retten (Schließlich steht man in einem totalitären Staat mit einem Bein im Grab, wenn man nur etwas kritisch ist). Auch war er nicht irgendein Ottonormalbürger, sondern politisch bekannt und „vorbelastet“. Möchte mich da jetzt aber auch nicht zum Adenauerbiograf aufschwingen.

  7. Schwieriges Thema. Ich nehme Adenauer ab, dass er zu Hitlerzeiten tatsächlich Systemfeind war – es gibt etliche Tagebucheinträge und Briefe aus der Zeit, die das belegen. Sein Parteiantrag dürfte purer Überlebenswille gewesen sein, dass er als Centrumsmitglied für Hitler gestimmt hat – naja, heute wird auch einige Scheiße von Leuten gestützt, von denen man das nicht erwartet, allein wegen des Fraktionszwangs. Dass er in der Nachkriegszeit Nazis in Amt und Würden berufen hat, war zum Teil unumgänglich, denn es gab nur wenig bürokratisch geschultes Personal sonst.

    Das ist das eine. Das heißt aber nicht, dass man Adenauers ganzes Schaffen unter der Sicht, dass er Gegner der Nazis gewesen war, bewerten sollte. Da kamen gegen Schluß ja einige Hämmer, wie die Kommunistenverfolgung zeigt. Da kann übrigens Ralph Giordano ein Liedchen von singen.

  8. Malte, lesen wir den selben Artikel?

    In den Augen des Autors und anscheinend auch von Euch (MaloXP und Stefan) war die DDR besser für die Menschen im heutigen Ostteil der BRD und die Amerikaner ohnehin schon immer Kriegstreiber.
    Eine solche Sicht verhindert eine ernstzunehmende Kritik am System. Außerdem sind solche Ansichten – tut mir leid: konervativ bis braun.

    Genau diese irrsinnige politische Einordnung, die je nach Belieben des Kritikers von „linke Sau“ bis „rechtes Schwein“ wechselt, prangert Nordstern ja an. Ideologien sind heute nur noch politische Begrifflichkeiten um jemanden polemisch zu diffamieren.

  9. @ Malte
    Ich habe schon lange nicht mehr einen Text gelesen, der so vor Verblendung und Borniertheit troff, wie dein obiger Beitrag.
    Ich will mich gar nicht groß in die Diskussion einmischen, aber für dich hätte ich ein paar Buchtipps. Ich hoffe du kennst die Bücher noch nicht.
    Als erstes und ganz Allgemein ist es sicherlich nicht das Schlechteste „Die Unfähigkeit zu Trauern“ von Alexander und Margarete Mitscherlich zu lesen. Hier findet sich eine sehr gute Zusammenfassung und kritische Auseinandersetzung mit dem Buch.
    „Die Unfähigkeit zu trauern“ ist zwar vor 40 Jahren, als es erschien, ein Meilenstein gewesen, doch heute natürlich fachlich teilweise überholt und sollte auch – wie jedes Buch – kritisch gelesen werden. Trotzdem als Zustandsbeschreibung der Deutschen Gesellschaft 20 Jahre nach der Nazizeit, sehr interessant zu lesen. Und wenn man in der Lage zur Abstraktion ist, finden sich auch für unsere heutige Gesellschaft Bezugspunkte.

    Da du dich zwar als „bestimmt kein Freund des Kapitalismus“ gerierst, aber ihn dann doch so schlecht nicht finden kannst, empfehle ich dir von Arno Gruen Der Wahnsinn der Normalität – Realismus als Krankheit zu lesen. Herr Gruen ist einer der brillantesten Denker unserer Zeit, was nicht zuletzt an seiner immensen Erfahrung und seinem Fachwissen liegt, aber seine wirkliche Stärke erwächst aus seiner ideologiefreien Betrachtungsweise.

    Abschließend zum Thema „Im Westen war alles besser!“ vs. „Im Osten war nicht alles schlecht…“ möchte ich dir Die Reise nach Sofia von Angelika Schrobsdorff ans Herz legen.
    Kurz zur Vorgeschichte: Angelika Schrobsdorff (übrigens auch ein Mensch, der sich nie von Ideologien hat verblenden lassen) musste als Halbjüdin mit ihrer Mutter und ihrer Schwester 1938 nach Bulgarien fliehen, lebte dort jahrelang und verbrachte auch das Kriegsende in Sofia. Sie selber konnte durch die Heirat mit einem Amerikaner dem Leben hinter dem Eisernen Vorhang entgehen, ihre Schwester nicht.
    Ende der 1970er, sie lebt als Schriftstellerin in Paris und Israel, bricht sie zu einem Besuch ihrer Jugendfreundinnen nach Sofia auf. Dies ist der Ausgangspunkt für ihre Betrachtungen über Ost und West. Sehr empfehlenswert um mal einen Eindruck der damaligen Realität zu bekommen.

  10. Angesichts des Artikels und Eurer Kommentare bin ich ziemlich fassungslos.
    Durch die Unexaktheit und Polemik (Beleidigungen wie „Tory-Faschisten“ u.a.) führt der Artikel gerade dazu, dass eine (eigentlich berechtigte und in meinen Augen unbedingt notwendige) tatsächliche Kapitalismuskritik verschleiert wird (s.u.). Schuld an allem ist nach dem Autor u.a. die „Politik, der das Gehirn aufgefressen wurde“. Wie unsachlich geht es eigentlich noch?
    Ich habe das massive Problem mit dem Artikel, dass in meinen Augen die Nazizeit relativiert wird, und auch (wobei das weniger schlimm ist) die DDR-Zeit.
    Ich habe den Eindruck, dass in den Augen des Autors und anscheinend auch von Euch (MaloXP und Stefan) die DDR besser für die Menschen im heutigen Ostteil der BRD war und die Amerikaner ohnehin schon immer Kriegstreiber.
    Solche Sichtweisen verhindert eine ernstzunehmende Kritik am kapitalistischem System. Der Kapitalismus ist nicht schlecht, weil z.B. irgendwelchen Politikern „das Gehirn weggefressen wurde“; sondern weil er ein Produktionssystem darstellt, in denen die einen ihre Arbeitskraft verkaufen müssen und die anderen über diese Arbeitskräfte verfügen, und somit Ausbeutung zwangsläufig ständig stattfindet.
    Zu Adenauer:
    Adenauer wäre im KZ fast ums Leben gekommen. Sein ganzes späteres Leben hat er in erster Linie dem Antinazismus gewidmet.
    Ich habe leider keine Zeit mehr im Moment an dieser Stelle viel weiter zu kommentieren und finde es traurig, das anscheinend so wenige hier sehen können, was mein Problem mit dem Artikel ist.

  11. Anmerkung für alle: Malte bat mich, mir seinen von mir gelöschten Text erneut zu schicken, damit er ihn „entschärfen“ kann. Der vorige Kommentar ist diese Fassung.

    Hier relativiert niemand etwas. Nazi-Terror und SED-Regime waren in historische Kontexte eingebettet. Es gab externe Faktoren, die sie befördert haben, es gab Ursachen für totalitäre Regimes und es gab unzählige Individualbiographien in diesen Zeiten – Opfer wie Täter, aber auch viele dazwischen. Zum Beispiel unpolitische Menschen, die durch ihr Schweigen die Politik der/des Herrschenden mittrugen. Oder Menschen, die durch das System in eine Rolle gepresst wurden, obwohl sie ideell ganz woanders standen. Niemals sollte man die Unmenschlichkeit auf das System festnageln, man spaltet damit nur die – nein, nicht Schuld – sondern Verantwortung ab, das es sich nicht wiederholen möge. Geschichte ist kein Götze, man darf und muss versuchen, sie zu erfassen (verstehen wird man sie nie), ohne Vor-Urteil. Wenn Du dich diesen Perspektiven verstellst und auf die in der Politik übliche Art gleich Empörung und Verharmlosung rufst, bist Du zwar auf der „korrekten“, da nicht kritisierbaren Seite – du verweigerst dich aber grundsätzlich den Erkenntnissen, die etwa eine Betrachtung von Einzelschicksalen (wie in verlinktem Text) mit sich bringt. Die man abstrahieren kann und auf die Gegenwart anwenden, um zu prüfen ob wir wieder Gefahr laufen, in diese Richtung abzudriften. Es gibt Gründe für die Schlamassel. Ein SS-Mann war nicht Nazi, weil er Deutscher, ein Stasi-Spitzel nicht ein solcher, weil er Sozialist war. Sie wurden so, weil bestimmte Teile ihrer Persönlichkeit vernichtet wurden. Die zum mitfühlenden Denken etwa. Es sind Menschen, die böse Systeme schaffen oder gute Systeme ins Böse verkehren und so ist es auch mit dem Kapitalismus. Es sind aber auch Menschen, die sich dem verweigern können, diesen Schwarz-Weiß/Freund-Feind-Schemata, diesen Allgemeinplatz-Erkenntnissen, dieser Gleichsetzung von System, Nation, Ideologie und Individuum, die beruhigend einfach ist und gleichsam dumm.

    Malte, vor unserer Ausreise Anfang 1989 fand meine Mutter heraus, dass wir abgehört und unsere Briefe geöffnet wurden. Gespräche mit ihren Freunden führte sie daheim nur, wenn das Radio lief aus Angst vor Wanzen. Trotz dieser direkten Auswirkungen des Systems DDR sehe ich die Arbeitslosigkeit, den Rechtsradikalismus, die Situation in den neuen Ländern als verheerend an. Das zu vergleichen, da auf dem zweidimensionalen Kontinuum eine Einteilung in besser und schlechter vorzunehmen, ist der blanke Hohn. Es gibt sie nämlich wirklich: Menschen, denen es in der einen oder anderen Hinsicht heute schlechter geht als in der DDR vor zwanzig Jahren. Wie kann die Realität Verharmlosung des SED-Regimes sein? Woher nimmst Du dir das Recht, die DDR auf die SED zu reduzieren? Die Annahme, Y ist gut, weil X damals eben schlecht war, funktioniert nicht und ist unglaublich gefährlich – in jeder Hinsicht. Vor allem dann, wenn sich emsige Apostel daran machen, aus dem Distinktionsautomatismus unhinterfragbare Feindbilder zu machen. Dann nämlich wiederholt sich Geschichte.

    Kleines p.s.: Dass Adenauer im KZ saß, habe ich nicht gewußt. Aber „wäscht ihn das rein“ von den schlechten Dingen, die er später getan hat? Man sollte seine Machtversessenheit und Kommunistenfeindlichkeit freilich daraufhin überprüfen, ob man es in Beziehung zueinander setzen kann. Dazu fühle ich mich allerdings nicht berufen, das überlasse ich den Psychologen, soweit man ihn als historische Figur überhaupt noch analysieren kann.

  12. Um es vorweg zu sagen: ich kann die Position von Malte gut nachvollziehen, wenn auch sein Posting natürlich ein Frontalangriff auf Nordstern dastellt. Mir sind genau die selben Dinge durch den Kopf gegangen. Aber immerhin hat es ja für eine weitere Diskussion gesorgt.

    Natuerlich ist das was Nordstern schreibt, eine persönliche Perspektive und als solche muss sie wohl auch ganz und gar nicht politisch korrekt sein. Allerdings muss ich auch hier anmerken: lasst mal die Kirche im Dorf. Das, was da vor 90 Jahren im ersten Weltkrieg in Europa los war und was auch mein Großvater in Stalingrad (in WWII) erlebt hat (wo von er auch nur äusserst spärlich berichtet) ist weit von dem entfernt, was wir heute „ertragen“ muessen. Bei aller berechtigter Kritik an den (politischen, gesellschaftlichen) Verhältnissen heute, die richtig und wichtig ist, sind solche Sichtweisen letztlich nur Wasser auf die Mühlen der Kritisierten.

    Was mich am meisten verwundert hat, war die breite Zustimmung und das Beifallsklatschen im Heiseforum. Ein solcher Artikel wie von NOrdstern schreit nach Diskussion (insofern ist er sehr wertvoll). Im HeiseForum ist das aber kaum passiert. Dass lässt mich vermuten, dass dort eine sehr homogene Klientel (wertfrei) mitliest und sich bestätigt sieht. Man liest eben gerne, was man selber für richtig hält. Und das wäre wieder sehr, sehr traurig.

  13. So, nun will ich mich doch in die Diskussion einmischen… 😉
    Ich habe aus Nordsterns Text gelesen: Früher war schon alles schlecht und Nordstern war froh in unserer Zeit zu leben, aber mittlerweile sieht er uns auf dem besten Weg, dass unsere Zukunft schlimmer wird, als es früher (und da war es schon sehr schlimm) je war.
    Darüber hinaus hielt ich den Namen „Nordstern“ für eher kitschig daneben gegriffen, auf die „völkische“ Auslegung wäre ich nu nicht gekommen.
    Nicht zu vergessen, Nordsterns Text steht in Zusammenhang mit diesem Artikel und allem was dieser Beschluss nach sich zieht.

    Natürlich hängt am Kapitalismus eine Ideologie, nämlich die, dass sich nur der Stärkste durchsetzt.
    Das ist die Ideologie vom Erfolgszwang, die Magengeschwüre, Süchte, Depressionen, Schönheitsoperationen und Mobbing mit sich bringt.
    Die Ideologie, die vorschreibt, dass „nur wer arbeitet essen darf“. Und dass nur studieren kann, wer Geld hat. Und dass in der Kunst, z.B. beim Film nur noch produziert wird, was Gewinn bringt. – Woher kommt wohl die Schwemme von seichten Komödien und widerwärtigen Splatterfilme?
    Wenn man sehendes Auges durch unsere Welt spaziert, kann man Unmengen solcher Beispiele entdecken.
    Allein Worte wie Humankapital sind menschenverachtend und strotzen vor ideologischer Verblendung.

    Und ja tatsächlich fanden die meisten Deutschen, dass es ihnen „besser“ ging, als Hitler an die Macht kam, wirtschaftlich und auch was das Selbstwertgefühl betraf. Man war wieder wer, nämlich Angehöriger der „überlegenen Rasse“.
    Dass das eigene Gut-gehen für Juden, Kommunisten und andere Qualen und sogar den Tod bedeutet hat, wurde selten reflektiert, eher jubelnd begrüßt. Selbsterhöhung geht ja schlecht, ohne Erniedrigung von andern. Und wenn man mit der Nase auf Greueltaten und KZs gestoßen wurde, hat man im Allgemeinen weggeguckt oder trotzig gemeint, das sei ganz richtig so.
    Wie man nun aus Nordsterns Text lesen kann, dass er/sie selber heute der Meinung sei, unter den Nazis wäre es besser geworden, ist mir schleierhaft.

    Hätte es während der Shoa die Überwachungsmöglichkeiten von heute gegeben, wäre niemand dem Terrorregime entkommen.
    Hätte Nazi-Deutschland die Waffen gehabt, die die USA heute besitzen und trotzdem weiter aufrüsten, wäre unser Planet unbewohnbar geworden.
    Woher sollten wir die verblendete Arroganz nehmen, so zu tun, als wüssten wir, dass unsere gesellschaftliche Realität nie wieder so barbarisch wird, wie sie es zu Nazizeiten war?
    Ich sehe in der Tat mehr Bestrebungen hin zur Barbarei als zum respektvollen, menschenwürdigen Miteinander.

    Allerdings geht die größte Bedrohung eines Atomangriffs von dem Land aus, das im Besitz der meisten Atomwaffen ist und sogar plant „präventiv“ solche einzusetzen.
    Um mutwilligem Missverstehen vorzubeugen: Indem ich sage, ich finde die Atomwaffen der USA besorgniserregend, sage ich nicht, dass ich die von Russland oder anderen Ländern weniger schlimm finde.

    Menschen, die in der DDR chancenlos waren, überwacht wurden und eingesperrt, leiden heute sehr häufig unter Harzt IV, Gesellschaftlicher Verachtung und Behördenwillkür. Nichts von beidem ist besser, beides ist unerträglich.
    Heute können Ostdeutsche zwar theoretisch in ferne Länder reisen und sicher ist alleine das Wissen um diese Freiheit schön. Nur die Ironie, dass die ehemals Eingesperrten in der totalen „Freiheit“ unseres kapitalistischen Systems nicht weit kommen, weil sie kein Geld haben, dürfte viele verbittern.

    Auch die heroische Verklärung Adenauers, finde ich befremdlich. Dass er sich gegen den unmenschlichen Naziterror gewehrt hat, ist ihm anzurechnen, aber das bedeutet nicht, dass er sich allgemein gegen Unmenschlichkeit oder Antisemitismus verwahrt hat.
    Z.B. brach unter Adenauer eine Hetzjagd auf Kommunisten los, die schon von den Nazis verfolgt und in KZs interniert worden waren. Richter sprachen Recht, die sich noch ein paar Jahre zuvor mit Überzeugung auf die Rassengesetze gestützt hatten und Adenauer ließ sein Kanzleramt von Hans Globke leiten, der maßgelich an den Nürnberger Rassengesetzen mitgewirkt hatte. Adenauer wusste das alles und fand es offenbar gut so.

    Nach deiner Interpretation, Malte, dürfte mein Beitrag „konservativ bis braun“ sein. Zumindest unterscheidet er sich kaum von den Diskussionsbeiträgen die du so beschimpft hast.
    Glaubst du allen ernstes der Macher von diesem Blog ist „braun“?
    Solche Totschlag-Verurteilungen sollte man mit Bedacht verwenden. Durch inflationären Gebrauch leiert die tatsächliche Bedeutung eines Wortes aus. Darüber hinaus rückt es denjenigen, der mit solche Totschlag-Argumenten hausieren geht, in eine Ecke, in der es offenbar nicht viele gute Argumente geben kann. Andernfalls müsste er ja nicht mit solchen Hämmern um sich schlagen.

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