Generation G

Es gibt sie ja tatsächlich: Anhäufungen bestimmter Motive und Phänomene, Ideen und Schicksale in bestimmten Gruppen von Menschen. Weil das aber immer nur Teile, Bruchstücke einer Gesellschaft sind, teilen pfiffige Soziologen die Gesellschaft in Klassen, Schichten, Subkulturen, Milieus oder ähnliches ein. Wobei die Kriterien variieren und stets betont wird, dass es sich um Modelle, also künstlich geschaffene Einteilungen handelt. Je nachdem, was ausgesagt werden soll, eignet sich das eine Modell besser als das andere.

Generationen hingegen sind überbewertet. In keiner Epoche der Menschheitsgeschichte gab es charakterliche Eigenheiten, die den meisten Neugeborenen in einem Zeitraum von zwanzig, fünfundzwanzig Jahren gemein waren. Da sind bestimmte Moden, Zwänge und Ideen – was der Zeitgeist eben so hervorbringt. Die kann man aber guten Gewissens ebenso Dekaden oder anderen Zeitraumeinteilungen zurechnen. Am besten lässt man es aber.

Nun kann man von den Medien nicht unbedingt wissenschaftliche Methoden oder Begriffe verlangen. Dennoch machen sie es sich häufig ein wenig zu einfach. Verallgemeinernde Schlagwörter für Partikularphänomene der Güteklasse „Generation Praktikum„, „9/11„, „Milchkaffee„, „Golf“, „Zuversicht„, „Depri„, „X“ und viele andere mehr machen die Runde. Man denkt, man steht im Wald bei all den Generationszuweisungen*. Ganz schön oberflächlich, diagnostiziere ich despektierlich und störe mich nicht weiter dran.

Die Kategorisierungsaffinität einiger geht aber noch weiter. Ohne es Generation zu nennen, packen viele, ich sag jetzt mal: Magazine, und deren Leser die gesellschaftlich wirkenden Kräfte der Anti-Vietnamkriegs-Bewegung, des Feminismus, der antiautoritären Erziehung, des Hinterfragens der Eltern in eine Schublade und versehen es mit einem unheilvollen Etikett:

Welche ja auch an allem Schuld seien. Am internationalen Terror, der Jugend von heute, der demographischen Krise, dem Reformstau und überhaupt:

Die 68er. Endlose Diskussionen über Theorie und Praxis der Weltrevolution. Beziehungskisten. Alternde Hippies, die bei BAPs „Verdamp lang her“ feuchte Augen kriegten. Frauen, die immer noch ohne BH herumliefen und Alice Schwarzers „Emma“ lasen. Körnerfresser und Betroffenheitsapostel. Selbstdrehende RAF-Sympathisanten. Grüne mit Strickzeug. Langhaarzottel mit Flusenpullover.
[SPON en passant im Artikel über den TEMPO-Relaunch;
(Angenehmer hingegen Christian Rickens Betrachtungen zum Feindbild ’68 )]

Stimmt alles nicht. Das was wir heute als die 68er-Bewegung so negativ glorifizieren, war damals mitnichten Mainstream und kann uns deswegen auch gar nicht so sehr bis heute prägen – auch nicht in der Antithese als heutige Gegenbewegung(en). Dass die oben zitierten Bilder bloß Klischees sind, weiß ich, ohne damals dabei gewesen sein zu müssen. Abstraktion von Wissen ist angeblich die Fähigkeit, die den Menschen vom Tiere unterscheidet. Und das geht so: Ich schaue mir „heute“ an (die Zeit, nicht die Sendung) und wie verschiedenartig die Meinungsbilder, Einstellungen bei den Menschen sind. Die einen mögen dieses, z.B. Sushi, und mögen jenes nicht, z.B. den Sozialstaat. Im gleichen Haus, direkt nebenan, wohnt einer, der ist genauso alt, gleiches Geschlecht, ähnliches Einkommen. Bei dem ist es umgekehrt: Sushi bäh! Sozialstaat hmmm… Heute, kannste drauf wetten, ruft irgendein Schreiberling die „Generation Sushi“ aus, sobald Sushi kein Nischenphänomen mehr ist. Spontan gegoogeltgibt’s tatsächlich. Und das, obwohl die Mehrheit (vermute ich mal in den Raum) gar kein Sushi mag!

Sind wir doch mal ehrlich, vor vierzig Jahren kann es so anders nicht gewesen sein. Okay, vielleicht kannten die wenigsten damals Sushi, aber setzt man stattdessen antiautoritäre Erziehung ein, wird auch ein Schuh draus. Als Massenphänomen wird’s die nicht gegeben haben, weswegen sie auch schlecht als Sündenbock für irgendein Phänomen, z.B. die Disziplinlosigkeit von Schülern in Problemgebieten, taugt (auch wenn uns diese Pseudo-Erkenntnis ständig einzuimpfen versucht wird).

Was ist mit heute? Wie wird die Journaille in 40 Jahren auf uns heute blicken? Sind wir die „Generation Reform“? Oder „Generation WTC“, die vom 11. September Massentraumatisierten? Wird bei uns eine Abkehr von idealistischen Zielen und ein konservativer Rollback diagnostiziert werden, wie ihn sich zum Beispiel der Slogan „Neue Bodenständigkeit“ eines jungen literarischen Weblogs zu Eigen macht? Macht „Web 2.0“ so viel mit uns, dass es uns einst schlagwortartig benennen wird? Oder sind wir gar die Generation „Düstere Vorahnung“ am Vorabend des 3. Weltkriegs und diverser schwerer Umweltkatastrophen? Ich weiß nicht, was da unser harret. Ich weiß aber soviel, dass die Verallgemeinerung frech und der Name albern sein wird.

 

Sushi-Foto: Blue Lotus (cc)


* Genauso verhält es sich übrigens mit der sogenannten „Volkskrankheit“, am besten noch mit dem Suffix „Nr. 1“: Depressionen, Rückenschmerzen, Diabetes, Kopfweh, Krebs – alles schonmal dagewesen. Generation Volkskrankheit!

2 Kommentare

  1. TITLE: Die Neue Bodenständigkeit
    Der Titel unseres Blogs drückt eher die Einfachheit unseres bloggens aus. Keine Bilder, oder Videos – nur Texte.
    Die Ursuppe. Das Schreiben. Weg vom Gadget-, Plugin-, AddOn-, social-bookmarks-BUHEI.
    Dabei sind wir mitnichten konservativ.
    Einen Diskurs darüber zu führen scheint natürlich gesellschaftlich sinnvoll, fand aber in der Neo-Spießer Debatte wahrscheinlich schon seinen intellektuellen Höhepunkt.
    Und der war sehr niedrig.
    Dennoch und natürlich: Lesen lohnt.

    Mit lieben Grüßen
    Mathias Richel

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