Geschmacksstreitigkeiten rewarmed

Kevin

Wollten wir nicht eigentlich
Gegen das hier sein?
Mir geht es gut. Wem geht es besser?
(Nur mal so im Allgemeinen)

Nein, bei näherer Betrachtung finde ich es keine Generationenfrage mehr, ob man die Musik von Clickclickdecker gut findet oder nicht. Da gibt es andere Faktoren. Es mag mit dem Anspruch zusammenhängen, den man an Musik hat, situative Assoziationen, den Kontext, in der man sie hört, transportierte Attitüde, präferierte Stimmung und all solche Aspekte. Das ist es ja, was Geschmacksfragen ausmacht. So weit, so profan – aber Konzerte sind eine andere Spurrille. Gerade wenn man eine Band, einen Künstler noch nicht mal aus der Konserve kennt, fällt es in den meisten Fällen schwer, Texte zu verstehen (allein akustisch), geschweige denn sie zu interpretieren. Für die einen, die jede Zeile kennen mag gerade das der geilste Mitgröhlgrund oder ein besonderer Moment sein, was für den anderen piefige Mitnahme von Rock’n’Roll-Standards oder ungelungenes Zitat von $BandX / $KünstlerY ist. Man kann nicht einschätzen, wie das, was man sieht, von Platte umgesetzt und repräsentiert ist. Es gibt Ausnahmen, aber sind wir doch mal ehrlich – in der Regel ist es so, dass wenn sich die Synapsen zwischen mir und dem Song noch nicht gebildet haben, Musiker mit noch so einem Ausnahmetalent da stehen können – bei mir kommt wenig an. Da ist das sich-deplaziert-fühlen inmitten der Masse derer, denen das Gehörte sichtlich etwas bedeutet völlig verständlich – wie die sprichwörtliche Fussili-Nudel inmitten eines Meeres von Farfalle geht’s mir da. Und gerade deswegen finde ich Johnnys Urteil über genannten Künstler verständlich, aber vorschnell.

Kevin Hamann ist ClickClickDecker und bestimmt ein prima Kerl, mit dem man einige Biere bei netten Gesprächen konsumieren kann. Er hat schon sehr viel Musik in seinem Leben gemacht und viele Texte geschrieben, Mädchenherzen fliegen ihm zu, sagt man, und seine Mitmusiker lächeln auf der Bühne so zufrieden, dass man ihre gute Behandlung durch den Chef vermuten kann. Beim Besuch seiner Website jedoch warnt der aktuelle Albumtitel „Nichts für Ungut“ schonmal vor, und Songs wie „Wenn man alles verliert“, „Sozialer Brennpunkt Ich“, „Ich kenne meine Schwächen“, „Wer erklärt mir wie das hier funktioniert“ usw. usf. bestätigen die Vermutung, dass wir uns im popdeutschen Jugendzimmer mit Klappschrankbett befinden, dort, wo Charakter mit Selbstmitleid verwechselt wird und die Antwort auf alle Fragen „Ich weiß auch nicht“ lautet.

Ein Blick in die Presseinformation zum neuen Album macht die Sache nicht besser: „(…) es geht um Feigheit, Müdigkeit, Resignation und dergleichen Grundlagen des Daseins (…)“. Meine Fresse. Wie alt ist der Mann? 14? Oder 83?

Man könnte einwenden, dass Clickclickdecker bei all dem transportierten Herzschmerz in seinen Liedern trotzdem eine hörbar selbstironische Note trägt. Wenn man schon die Auflistung von Songtitel als Qualitätkriterium ins Feld führt, dürfte doch eigentlich auch Platz für „Wer hat mir auf die Schuhe gekotzt?“ sein.

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(Freier Download, von hier stibitzt, Text)

Klar – auch da geht es um Resignation. Aber auf einer anderen Ebene kann man das Lied auch als Rückführung von Kettcars „Im Taxi Weinen“ ins Konkrete verstehen (ich bin nicht deprimiert, ich bin duhn) oder (hoffentlich trägt mich jetzt das dünne Eis der Interpretation noch) als frustrierte Absage an die ewiggleiche nächtliche Reflexattitüde, die man wahlweise Punk oder Rock’n’Roll nennen mag, aber nix weiter ist als die Verherrlichung eines typisch hedonistischen Selbstzerstörungsdrangs. Was ist überhaupt schlimm an „Feigheit, Müdigkeit, Resignation“? Ja toll, Emo, haha. War das nicht immer schon ein Quell für herausragende Musik? Allzu whigfieldesk waren auch die Doors, Nirvana oder Radiohead nicht. Warum überhaupt Presseinfos, wenn Du den um den’s geht direkt vor dir siehst?

Clickclickdecker macht Musik, mit der ich mich identifizieren kann. Um ehrlich zu sein – für einen Musiker mit deutschen Texten ist das ungleich schwieriger, weil da hört man ja auch mal genauer hin. Der Typ schreibt tatsache tolle Texte, ich finde sogar, er ist eine große Hoffnung für die deutsche Indieszene, nachdem man ja von Kettcar gar nix mehr hört, Tomte von den Feuilletonisten viel zu freundlich eingeseift wurden und Tocotronic klug, aber lange nicht mehr so direkt musizieren. Auf Platte gibt es mehr Elektrogefrickel, auf Notwist wird in Rezensionen sicher auch mal verwiesen. Man gebe ihm und seinen Nebenprojekten eine Schangse. Und ich hoffe, beim nächsten Mal, wenn ich ihn sehe, ist das Konzert doppelt so lang.


(YouTube-Direktlink: Immerhin beabsichtigt)