Handkerchief

Handkerchief ist eine dieser englischen Vokabeln, die ich – einmal gehört – nicht mehr vergessen habe. Obschon ich kein Schnupftuch in meinem Besitz weiß (von den einmal benutzbaren abgesehen), würde ich nie und niemals nie vergessen, was dieses Wort bedeutet.


Peter Handke ist einer dieser Intellektuellen, von denen ich ständig höre und nie etwas lese. Serbien spukt im Kopf und der Himmel über Berlin, aber so richtig konkret wird’s nie. Wenn dieser also jetzt (als enger Vertrauter von Slobodan Milosevic!) plötzlich meint, sich ein öffentliches Urteil über GraSS‘ GeständniSS (diese Wortwitze bitte als Reminiszenz an den Zeitgeist werten) erlauben zu dürfen, kann man durchaus auf die Frage kommen, woher der Mann dieses Maß an Selbstgerechtigkeit nimmt. Selbstgerichtigkeit ist nun auch das Urteil, welches er Grass angedeihen lässt. „50 Jahre“ davon nämlich. Und weiter: „Sogar ein Zwölfjähriger muss spüren: Wenn ein anderes Volk als schlecht hingestellt wird, ist diese Ideologie grundböse“, so Handke. Simpel und genial.
Bloß… *Meld*Fingerschnipp*FragendGuck*: Wenn es doch so einfach ist, warum hat’s denn dann seinerzeit keine Sau „gespürt“? Ganz klar: Handke, Ende ’42 geboren, konnte seine Moralvorstellungen erst mit Erlangung der Sprachfähigkeit nach Kriegsende äußern. Zu schade…

5 Kommentare

  1. „…einer dieser Intellektuellen, von denen ich ständig höre und nie etwas lese…“

    Den Satz werde ich mir merken!

    Handke merkt selber nicht, wie „ein Volk“ als „schlecht hingestellt“ wurde, bzw. übelster Völkermord begangen wurde. Auch in Serbien gab es KZs und das ist keine 10 Jahre her.

  2. TITLE: KZs
    gabs wohl eher nicht im Jugoslawien-Krieg. Natürlich sind da auch fürchterliche Kriegsverbrechen begangen worden, allerdings nicht in jenem Ausmaß und auch nicht so zentral gesteuert wie im Zweiten Weltkrieg von den Deutschen.
    Daher Vorsicht mit Nazivergleichen.

  3. Nicht in diesem Ausmaß, stimmt. Es gab aber Gefangenenlager, die diesen gleich kamen. Die gezogene Paralelle ist aber kein Vergleich von mir gewesen. Ich wollte nur darauf hinaus, das Handke Grass für eine mangelnde Erkenntnis anklagt, die er selber jetzt noch nicht besitzt.

    Der Völkermord und die Vertreibung in Jugoslawien gab es nicht nur im dem kurzen „Befreiungskampf“ den man hier Jugoslawien-Krieg nennt.
    Die serbische Armee hat aber systematisch ganze Dörfer ausgerottet, wie ich von einem ehemaligen Mitarbeiter weis, dessen Bruder und Vater einfach an die Wand gestellt und erschossen wurden.

  4. Mit Handke ist es wie mit Biermann – bei dem sind die Songs gut und die Anmoderationen und die Interviews grottenschlecht. Handke sollte man auch nur lesen. Die Bücher. Die Theaterstücke. Aber um Gotteswillen nicht die Interviews. Und nicht verfolgen was der Mensch persönlich macht. Persönlich war auch Picasso ein Oberarschloch (fragt nur Dora Maar), künstlerisch der Wahnsinn. Der Literaturschaffende Handke ist eine Ausnahmeerscheinung. Der Mensch ist unter aller Sau. Für Außenstehende allemal.

  5. @ Markus, Anakin: Das Problem ist die Begrifflichkeit „KZ“, also Konzentrationslager. Ich wundere mich, dass er überhaupt noch „PC“ ist, schließlich heißt die Reichskristallnacht heute ja auch Reichspogromnacht. KZ ist die Abkürzung eines bedeutungsschwangeren Euphemismus und deswegen imho schwierig in anderen Kontexten als dem Nationalsozialistischen (auch so’n Wort) zu verwenden. Andererseits: Wie soll man das sonst nennen? Gulag vielleicht… Vergleichen darf man aber. Historisch ist die Ausrottung von Menschen aufgrund von Ethnie, Religion oder anderer Merkmale leider nicht singulär, auch wenn bei den Nazis die wohl krasseste Ausprägung einer ideologischen Fundierung stattfand. Ein so entstandenes individuelles Leid bleibt nunmal Leid, da ist es nunmal auch kein Trost, dass bei einem anderen Völkermord die Opferzahl viel höher war. Und auf dieser Ebene darf Markus diesen Vergleich ziehen, weil es nichts weiter ist als Mitgefühl.

    @ sven_k: Ah, okay. Hast Du eine Empfehlung?

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