Henryk M. Broder und der Unsinn vom Einknicken

Ein höchst informativer Artikel über Henryk M. Broders jüngstes Buch „Hurra, wir kapitulieren – Von der Lust am Einknicken“, seine pathologischen Ängste vor dem Islam, Brodersche Hetzrhetorik und einen sich ausbreitenden neuen Rassismus. Knut Mellenthin in der „jungen Welt“: Psychologische Kriegsführung (17.1.2006)

Ein Potpourri wahrer oder erfundener Einzelfälle mit geringem Informationsgehalt addiert sich zu zwei generellen Botschaften: 1. Moslems sind ignorant und intolerant. 2. Wir lassen uns von den Moslems viel zuviel gefallen. Gleich zu Beginn seines Buches schreibt Broder, es gehe »um 1,5 Milliarden Moslems in aller Welt, die chronisch zum Beleidigtsein und unvorhersehbaren Reaktionen neigen« (S. 13). »Unvorhersehbare Reaktionen« meint im Kontext, da ist gar kein Zweifel möglich, alle Arten von Gewalttätigkeit, bis hin zum Terrorismus. – Wie muß es im Kopf eines Menschen aussehen, der 1,5 Milliarden Individuen exakt dieselben Eigenschaften zuschreibt? Menschen völlig unterschiedlicher Kulturen, zwischen denen es riesige Unterschiede auch in religiöser Hinsicht gibt. So weit wie Broder in diesem Punkt gehen selbst ganz wilde Rassisten in der Regel nicht. Und weit und breit kein guter Freund, kein professionell arbeitender Verlagslektor, der dem Autor im eigenen Interesse zur Mäßigung geraten hätte?

Henryk M. Broder ist Vordenker einer neuen Rechten. Libertäre, Neoconnards und die antideutsche „Linke“ verehren ihn kultisch. Es ist absehbar, dass die Kritik aus dieser Ecke in der deutschen Blogosphäre vor allem aussagen wird, dass die junge Welt kommunistisch und der Autor Antisemit seien.

Zum ersten Vorwurf möchte ich bereits jetzt einwenden, dass die jW – im Gegensatz bspw. zum „Neuen Deutschland“ – den „Absprung geschafft“ hat. Der rote Faden, der sich durch das von mir sehr gern gelesene Blatt zieht, ist der Humanismus und Emphatie, keine dogmatische Ideologie, vor allem kein McCarthysches Zerrbild davon. Die jW vertritt häufig Meinungen, die dem Zeitgeist nicht entsprechen und gerade deswegen umso wichtiger sind (dass das nicht für jeden Relevanzkriterien sind, versteht sich). Und Knut Mellenthin, der Autor, dürfte als Verfasser der umfangreichen Tag-für-Tag-Chronologie des Holocaust einen schlechten Antisemiten abgeben.

Schön übrigens auch zu sehen, wenn Journalisten Weblogs lesen, Informationen aber dennoch selbst überprüfen. Das ist durchaus kein Standard.

4 Kommentare

  1. Border war mir zwar noch nie sympathisch, das beschriebene Buch von ihm sprengt aber ja wohl mal jegliches, was er sich noch an intellektueller Integrität in den Augen einiger bewahrt haben mag.
    Mich kotzt diese Islamophobie auch wahnsinnig an. Es ist augenscheinlich halt immer einfacher, schwarz-weiß zu denken und klare Feindbilder zu schaffen, als sich mit einer komplexen Realität auseinanderzusetzten, in der es natürlich auch islamistische Fanatiker gibt, in der aber die große Mehrheit der Muslime gibt, die wie andere Menschen auch einfach in Frieden und Wohlstand leben möchten.

  2. „…tisch“.

    Quellen brauch ich da nicht, mein empirischer Blick reicht. 😉

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