Hitler 2

ahma_hitler

Die neu gewählte Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, hat die Bundesregierung und die deutsche Justiz aufgefordert, schärfer gegen den iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad vorzugehen. «Für mich ist dieser Mann ein zweiter Hitler», sagte Knobloch der «Bild»-Zeitung. Ahmadinedschad leugnet den Holocaust, was in Deutschland strafbar ist.

Netzeitung.de: Knobloch vergleicht Irans Präsidenten mit Hitler (08.06.2006)

Frau Knobloch, also bitte. Was ist denn mit Stalin, Pinochet, Ceauşescu, Milosevic, und so weiter? Wenn schon, denn schon. Es wird Zeit, dass sich ein Zentralrat der Hitler-Nachfolge-Definition gründet, damit ich nicht mit mir hadern muss, ob Ahmadinedschad jetzt der zweite, fünfte oder siebzehnte Hitler ist.

Nee, jetzt mal im Ernst: Manche Taten sollte man nicht miteinander aufwiegen, gerade wenn man beansprucht, eine moralische Instanz zu sein. Sonst macht man sich lächerlich und sägt am Ast, auf dem man sitzt.

(Nein, ich bin weder Geschichtsrevisionist noch Ahmadinedschad-Gutfinder.)

7 Kommentare

  1. Also erstens beansprucht Frau Knobloch ganz und garnicht „eine moralische Instanz“ zu sein. Das ist eher etwas, was das Amt als Zentralrätin der Juden in Deutschland einfach so mit sich bringt.
    Zweitens ist Ahmadinedschad definitiv mit den Äußerungen, die er von sich gibt („Israel von der Landkarte auslöschen“), in seinem Antisemitismus mit den Nazis zu vergleichen. Wer sich jetzt erdreistet, Ahmadis Aussagen zu verharmlosen, der hätte wohl auch die Aussagen eines Hitlers verharmlost (trotz des schicken Bartes, der damals Mode war)!

    Verärgert
    DeinVaterLuke

  2. beansprucht Frau Knobloch ganz und garnicht „eine moralische Instanz“ zu sein. Das ist eher etwas, was das Amt als Zentralrätin der Juden in Deutschland einfach so mit sich bringt.

    Ich habe sie nicht als Person kritisiert, sondern eine Aussage, die sie in ihrer Funktion getätigt hat. Habe ich einen anderen Eindruck erweckt? Und wenn jemand in seiner Funktion als moralische Instanz als eine der ersten Amtshandlungen der anderen großen moralischen Instanz, nämlich der BILD, ein Interview gibt, finde ich eine gewisses Quentchen an satirischer Betrachtungsweise gerechtfertigt.

    Zweitens ist Ahmadinedschad definitiv mit den Äußerungen, die er von sich gibt („Israel von der Landkarte auslöschen“), in seinem Antisemitismus mit den Nazis zu vergleichen. Wer sich jetzt erdreistet, Ahmadis Aussagen zu verharmlosen, der hätte wohl auch die Aussagen eines Hitlers verharmlost (trotz des schicken Bartes, der damals Mode war)!

    Was denkst Du, will Ahmadinedschad mit seinen Worten erreichen? Provozieren und Polarisieren. Bis jetzt sind nur Worte gefallen. Ob er Taten folgen lässt, wissen wir nicht. Der Mann hat eine nationalistische Profilneurose und das ist, was ihn gefährlich macht. Kein Widerspruch – wehret den Anfängen. Aber Ahmadinedschad hat nicht mehrere Millionen Menschen ermordet, eine Maschinerie und Infrastruktur dafür geschaffen.

    Wenn Charlotte Knobloch auf so einer Ebene argumentiert – und diese ist nicht nur vereinfachend, sondern populistisch – begibt sie sich in ihrer Wortwahl beinahe auf Ahmadinedschads Niveau herab. Nicht nur das – sie wertet ihn in seinem fanatischen Wahn auf und relativiert Hitlers Taten. Ohne explizit darzustellen, was den Iraner mit dem Bart gefährlich macht (das bestreitet kein denkender Mensch) und woher das kommt, was für Lieschen Müller vielleicht mal wichtig wäre zu wissen.

    Dazu kommt eine lange Tradition an Hitlervergleichen und Nazi-Parallelziehungen in Deutschland. Diese haben leider beinahe stets den Effekt jegliche inhaltliche Diskussion abzuwürgen. Glaub mir, ich wünschte es wäre anders, aber es ist leider so: Wenn ständig jemand mit dem unbeschreiblich Unfassbaren winkt, wird das unbeschreiblich Unfassbare erschreckend schnell profan.

    Um’s nochmal zu sagen:

    Nein, ich bin weder Geschichtsrevisionist noch Ahmadinedschad-Gutfinder.

    Übrigens auch kein Antisemit.

    Versöhnliche Worte zum Schluss:

    „Adolf Hitler, dem sein Bart, // ist von ganz besondrer Art, // Kinder, da ist etwas faul, // so ein kleiner Bart, und so ein großes Maul.“

    Bertolt Brecht, Alfabet, 1934, 1. Strophe

  3. Die BILD mag eine sehr bekloppte Zeitung sein, trotzdem ist sie die größte in Deutschland und also ein Medium, mit der sich ein großer Teil der („Unterschichten“-)Bevölkerung erreichen lässt. Ich finde es eigentlich gut, dass sich auch die BILD für den Zentralrat der Juden in Deutschland positiv interessiert.
    Sicherlich will Ahmadi provozieren und polarisieren. Da kenn ich aber noch jemanden; von dem genau das gleiche gesagt wurde und der auch nicht ernst genommen wurde, bis er letztlich seine Polemiken in die Tat um gesetzt hatte.
    Hitler war eben nicht der Teufel persönlich, er war ein Mensch, aber ein Wahnsinniger, ein Fanatiker; wie Ahmadinedschad das auch ist. Dies ist keine Relativierung der deutschen Greueltaten; das ist lediglich das Erkennen einer Paralelle zwischen den beiden Menschen, die definitiv gegeben ist.
    Ich kann nur wiederholen: Hitler wurde nicht ernstgenommen, Ahmadinedschad wird (zumindestens von vielen) nicht ernstgenommen; und das finde ich – unabhängig davon, ob Ahmadinedschad, wenn er es denn könnte, wirklich Bomben auf Israel schicken würde oder nicht – unerträglich. Das Problem ist, dass man sich nicht sicher sein kann. Und bei ständiger unverhohlen antisemitischer und menschenverachtender Polemik von Ahmadinedschad gehe ich halt von einem „worst case“-Szenario aus; nur so, um sicher zu sein.

  4. TITLE: Politically incorrect?
    Diese Diskussion verschwurbelt immer mehr. Man könnte einiges zu BILD und den Medien sagen, aber ich möchte die Diskussion mal ein bisschen „grounden“: Ich habe nicht behauptet, dass Ahmadinedschad ungefährlich ist. Der Artikel war satirisch gemeint und ich denke, das wirst Du auch bemerkt haben. Es ging mir auch nicht um Ahmadinedschad, sondern um Charlotte Knobloch.
    Vielleicht erinnerst Du Dich, dass ein inhaltlich wesentlich differenzierterer Vergleich mit Hitler, nämlich der von Hertha Däubler-Gmelin in Hinsicht auf Bush seinerzeit zu ihrer Absetzung führte:

    Bush will von seinen innenpolitischen Schwierigkeiten ablenken. Das ist eine beliebte Methode. Das hat auch Hitler schon gemacht.

    Herta Däubler-Gmelin, in einer Rede vor Betriebsräten, Tübingen, 18. September 2002

    Warum wird das eine zum Skandal, das andere nicht? Rhetorische Frage, die Antwort ist klar. Ich möchte mich dagegen wehren, dass ich einen Menschen nicht kritisieren darf, weil er „zufällig“ Jude ist. Ich habe keine Lust, mich dafür rechtfertigen zu müssen, wenn ich es doch tue. Etwas abstrahiert:

    Natürlich bin ich kein Rassist,
    vor meinem Kopf ist auch kein Brett
    Die meisten lesbischen schwarzen Behinderten
    sind alle furchtbar nett.
    Doch Ausnahmen wie diese
    schliesst die Regel ein.
    Auch lesbische schwarze Behinderte
    können ätzend sein!

    Funny van Dannen – Lesbische schwarze Behinderte

    Ich habe keine Lust, in diesem Schuldkomplex rumzumäandern und mir dadurch den Blick auf die Welt, wie sie ist, zu behindern. Ich möchte Israels Militärpolitik scheiße finden dürfen, ohne mir dafür gleich den Vorwurf Antisemitismus anhören zu müssen, denn das eine hat mit dem anderen nicht das geringste zu tun. Dennoch passiert genau das – ständig und reflexartig. Ich sehe das aber sowohl in deiner aufgebrachten Reaktion als auch – manchmal – an mir. Wenn in einer amerikanischen Comedysendung klischeehaft irgendetwas über „die“ Juden gesagt wird, zucke ich gedanklich instinktiv zusammen. Dabei ist es einfach völlig bescheuert, von einer Kollektivschuld der Deutschen (von heute!) zu reden, wenn man sich nicht als Deutsch in seiner Identität sieht. Das ist kein übertriebener Nationalismus, sondern im Gegenteil: Ich bin zwar hier geboren, habe aber weder was mit Gartenzwergen, noch mit Dirndln, Pünktlichkeit oder Hitler in der Konstruktion meiner Identität am Hut. Verstehste, was ich sagen will? Ich bin nicht Deutschland, ich bin ich – mit eigenen Gedanken und Meinungen. Geschichte ist dazu da, dass man aus ihr lernt, nicht um aus ihr Pauschalvorwürfe zu machen.

    Oje, doch weiter verschwurbelt. 😉

  5. TITLE: Political very incorrect!
    Dass der Bush-Hitler-Vergleich Däubler-Gmelins zum Skandal wird und der von Knobloch nicht, hängt doch damit zusammen, dass Ahmadinedschads Äußerungen („Israel von der Landkarte wischen“) im Gegensatz zu Bush eindeutig antisemitisch sind.
    Dass Frau Knobloch Jüdin ist, spielt sicherlich eine Rolle; aber doch auch zu Recht. Denn natürlich ist die Wirkung und Relevanz einer Aussage auch von deren Redner abhängig!

    Ohnehin finde ich eigentlich, dass man eine Überlebende der Shoa schon selbst überlassen sollte, wen sie mit Hitler vergleicht.

    Natürlich darfst Du Juden kritisieren; nur ist in diesem Fall deine Kritik unberechtigt. Ahmadinedschad ähnelt in seinen Aussagen nun einmal (dem frühen) Hitler.

    Zur Schuld der Deutschen: Ich vermute, dass dir nicht bewusst ist, wie viele Täter dir noch tattäglcih begegnen, in der S-Bahn, im Kino, wasweißichwo. Es gibt immer noch viele Tausende in Deutschland, die wirklich und mit ihren eigenen Händen Juden ermordet haben und Dutzende von Millionen, die später über die Schandtaten ihrer Männer, Väter und Brüder hinweggesehen haben.
    Auch wenn du dich vielleicht nicht als Deutscher siehst, musst du dich ja wohl zumindestens als Nachfahre deiner Vorfahren sehen – und die waren bzw. sind nun einmal, genau wie die meinen, schuldig oder mitschuldig am Holocaust.
    Ich weiß, dass das ein ungemütlicher Gedanke ist, aber es ist eine Realität, die wir akzeptieren müssen.
    Es geht nicht darum, dass man keine Juden kritisieren dürfen soll – natürlich soll man das dürfen – , es geht darum, in solchen Fällen in besonderer Weise darauf zu achten, dass die Kritik berechtigt ist.
    Und das ist sie in diesem Fall nicht!

  6. TITLE: Dann eben politically incorrect
    Doch, ist sie.

    Ahmadinedschad ähnelt in seinen Aussagen nun einmal (dem frühen) Hitler.

    Das ist doch mal ’ne Ansage! Selbstverständlich darf, nein, muss Knobloch den Irren mit der Bombe Mann, vor dem die Welt sich fürchtet kritisieren. Aber doch nicht so plump, wie sie’s getan hat, sondern vielleicht so wie Du.

    Denn natürlich ist die Wirkung und Relevanz einer Aussage auch von deren Redner abhängig!

    Eben.

    Dass der Ahmadinedschad Israel von der Landkarte wischen, fegen, kehren oder sonstwas will, ist ja auch ganz schön krass.

    Mit Bush ist’s ja nochmal was anderes. Der ist für mich ein Wolf im Schafspelz. Fiese Sachen machen, dass aber in feine Worte kleiden (bringing democracy to Iraq und so) ist imho das Gegenteil vom Mahmud, der bis dato große Klappe hatte, aber noch nichts dahinter. Mag sein, dass ich Bush (viele, viele Menschenleben auf dem Gewissen habend) anders bewerte als Ahamadinedschad (blödes Zeug redend, freilich mit Potential zu einem gefährlichen Mehr).

    So, und dass sich die Charlotte Knobloch so an die deutsche Bevölkerung/ Regierung wendet und ein härteres (also militärisches) Vorgehen fordert, macht die Sache nicht besser. Feuer soll also mit Feuer bekämpft werden. Oder um die Metapher zu präzisieren: Eine lodernde Stichflamme soll also mit einem großflächigen Brand bekämpft werden, bei dem riskiert wird, dass nebenbei die ganze Scheune abfackelt, zusammen mit allen Viechern, die darin leben.
    Das zu fordern ist echt okay, von mir aus… Aber ich möchte dann vorher doch vorher eine intellektuelle Auseinandersetzung mit den Gefahren, die das mit sich bringt. Nicht so einen Neuer-Hitler-Alarm. Das ist doch einfach platt.

    Entschuldige meine flapsige Sprache, es ist ja auch schon spät. Nur eine Frage noch: Warum bin ich daran Schuld, was mein Opi gemacht hat. Oder: Warum sind wir daran Schuld, was unsere Opis gemacht haben? Tut mir leid, so national bin ich einfach nicht, eine deutsche Kollektivschuld auf mich persönlich anwenden zu lassen. Natürlich muss man aus den Verbrechen der Vergangenheit lernen. Aber nicht nur aus 33-45, sondern auch aus der Zeit des ersten Weltkriegs, der Terreur, der systematischen Ausrottung der Indios, den militärischen Interventionen der CIA in den 50ern bis 80ern, den Ereignissen in Ruanda Anfang der 90er und so weiter. Ich will diese Ereignisse nicht auf eine Stufe stellen, aber ich mag auch nicht den Blick für die Relationen verlieren.

    Es handelt sich bei der Shoa um eine nicht wiedergutzumachende Schuld, das ist wahr. Warum fordert Frau Knobloch dann trotzdem ein, dass wir(!) sie wiedergutzumachen hätten? Und dann auch noch auf einem Weg, der deswegen ruchlos ist, weil mal wieder tausende Unschuldige sterben müssten? Bei dem riskiert wird, dass es tatsächlich zu einem Clash of Cultures, einer Fundamentalisierung aller Religionen, kommt? Noch hat der Iran eine starke innere Opposition. Mal sehen wie lange noch nach einer militärischen Intervention.

    Ursprünglich ging es mir aber übrigens nur um eine in meinen Augen unzulässige Vereinfachung. In einem Antrittsinterview. In der BILD. Über die ich mich lustig machen wollte. Und dürfen will.

    p.s.: Nehmen wir doch mal den politischen Drive raus. Folgender Satz könnte in einer beliebigen aktuellen Musikzeitschrift stehen:

    Die Arctic Monkeys sind die neuen Beatles!

    Was stört einen daran? Na, verstehste, was ich meine?

  7. TITLE: Malo, Ich
    geb dir bis zum Absatz der „flapsigen Sprache“ total Recht und versteh jetzt denke ich auch, warum du den Beitrag verfasst hast.
    Schade, dass du dann einige Dinge sagst, die ich überhaupt nicht richtig finde:
    Es gibt meiner Meinung nach schon eine spezielle Verantwortung für uns; und zwar aufgrund unserer Nationalität (jenes Konzept Du ja mit gutem Recht ablehnst) bzw. eher auf Grund unserer Gene. Die jüngeren Deutschen tragen doch schließlich einen Großteil der gleichen Erbanlagen in sich wie die Mörder von 1933-1945.
    Der von Dir genannte „Blick für die Relationen“ fehlt Dir glaube ich ein bischen. Der Holocaust, die industrielle und staatliche angeordnete Ermordung von über 5 Millionen Menschen aus rassischtischen Motiven, ist eben das größte Verbrechen der Menschheit; das kann man nicht mit verbrecherischen Militäroperationen der CIA in einem Atemzug nennen; das sträubts sich bei mir, und zwar ganz gewaltig.
    Ich glaube nicht, dass Frau Knobloch „einfordert“, dass wir den Iran angreifen, um den Holocaust wiedergutzumachen. Entschuldige mal, aber das ist doch Blödsinn!
    Trotzdem, dass man Feuer nicht mit Feuer bekämpfen sollte und dass Ahmadinedschad noch lange nicht Hitler2 ist; da muss ich schon zustimmen, mein Guter!

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