I Was A Cub Scout (reprise)

Früher, als die hippstmögliche Bezeichnung für das Internet noch „WWW“ war, war ich Mitglied in einer Community mit dem lustigen Namen Soundcheck24.de. Da tauschte man sich aus über Musik, testete und bewertete Platten und so weiter. Ihr war kein langes Leben beschieden, die Macher der Seite hatten irgendwann keinen Bock mehr. Pech für sie, denn heute, fünf Jahre später, wäre das Ding als 2.0-Sozialportal, aufgehübscht mit etwas Ajax und Amazon-Affiliatelinks, Milliarden wert.

Nebenbei: Gut, dass ich seinerzeit mein Suchtpotential nach diesen Community-Webseiten ausgelebt habe. Deshalb fixen mich myspace und StudiVauZett heute nicht mehr an, im Grunde ist das nämlich fast genauso schlimme Zeitverbrennung wie Bloggen.

Jedenfalls gab es damals einen Typen in dieser vielleicht zwanzig oder dreißig aktive User umfassenden Community, der nicht umhin konnte, jedem von der überwältigenden Qualität einer obskuren Skatepunk-Emo-Powerpop-Band aus Kanada vorzuschwärmen. Live gesehen hatte er sie und sogar persönlich, supernette Jungs, kennengelernt. Ich lud mir zwei Lieder von denen herunter[1] und es klang wie jede x-beliebige Band dieses Metiers. Gähn! Okay, ich hab denen auch kaum eine Chance gegeben, hätte ja ein Grower sein können. Ging aber auch nicht, denn dieser Typ, der die Band hobbymäßig promotete, nervte. Wie Sau. Alle. In jedem Forumsgespräch, auf jeder Nickpage musste er ständig rein zufällig den Namen seiner Lieblingsband fallen lassen und auf ihre phänomenale Qualität hinweisen („Haha, nett. Sag mal, kennst Du eigentlich schon…?“). Fanpage mit .de-Domain machte er, klar. Dazu versprach er, jedem an seinem „Geheimtip“ Interessierten die CDs eigenhändig importieren zu lassen. Sogar die Macher der Soundcheck-Site wurden gezwungen, den gesamten Albenkatalog einer Band, die in Deutschland vermutlich exakt ein Mensch kannte, in ihre Datenbank einzupflegen.

Warum ich das erzähle? Nun, ich komme mir ja selber ein bißchen wie dieser Kerl vor, wenn ich hier nun schon zum zweiten Mal auf die großartigen I Was A Cub Scout hinweise. Ich schäme mich der repetitiven Aufmerksamkeitsschnorrerei mit quantifizierbarer Aufrichtigkeit, aber der Song „Teenage Skin“ etwa ist eben phänomenal. Ein reifer Schlager vom Fache, gesungen von – war ja klar – gerade erst volljährig gewordenen Briten. Da ist Rock und Rave drin, Furor und Herzblut, Elektro und Wärme. Ich weiß gar nicht, ob man das in Worte fassen kann. Irgendwer sagte ja mal, über Musik zu schreiben sei wie zu Architektur zu tanzen. Ich mag die wulstige Behypeung („Die neuesten neuen Beatles seit den Subways, die die neuen Arctic Monkeys und damit ja schon die neuen neuen Beatles waren!“) und die meist etwas konstruiert wirkenden Bandvergleiche („Mike Skinner ohne Cockney, aber mit Gesangslehrer trifft auf Death Cab for Cutie, die nachts im Wald mit Aphrodisiaka experimentieren – und Snap“) in der Musikpresselandschaft nicht. Also: wie ausdrücken, wie geil diese Musik ist? Nun, ich habe mich entschlossen, mir nach einem Monat Unterwegsmusikabstinenz endlich neue Kopfhörer zuzulegen. Ich schicke Freunden E-Mails mit YouTube-Links. Eindeutige Indikatoren! Noch ein Versuch – wie wär’s mit assoziativen Beschreibungsversuchen? Das ist Musik, die mich daran erinnert, wie es ist, neunzehn zu sein. Zu erkennen wer man ist, hedonistischen Verlockungen nachzugeben; es ist immer Sommer und jede Liebe die größte aller Zeiten. Zweifel kennt man noch nicht, Freiheit ist keine schwammige Ideologie, sondern zum Greifen nah. Du erhebst Besitzansprüche an die Nacht, an das Leben. Alles ist egal und zugleich ist nichts unwichtig. Ja, das könnte klappen. Aber hör’s dir doch einfach selbst an.


(Youtube-Direktlink)

Dieses Video stammt übrigens nicht von der Band selber, sondern von myspace-User iEditStuff. Der schnibbelt gerne Videos aus freiem Material zu Songs, die keine eigenen Videos haben. Kunst ist das! Lob.

  1. Damals machte man das so, Kinder, die Songs immer einzeln zu saugen. Hat pro Song ’ne Viertelstunde gedauert und die Stunde Internet hat einen Euro gekostet. Man hörte sich das Lied die ganze Zeit in der Vorschau an und war froh über jede Songsekunde mehr, die eintrudelte. Ich habe mir ganze Alben auf die Art besorgt. [zurück]

4 Kommentare

  1. „Das ist Musik, die mich daran erinnert, wie es ist, neunzehn zu sein.“

    So muss man Musik beschreiben 🙂

  2. Ach ja, soundcheck24… *seufz* Das war echt ne coole Seite, war da gerne unterwegs. War auf jeden Fall sinnvoller dort Zeit zu verschwenden als auf irgendwelchen obskuren communities von heute rumzulungern, liebe mitlesende Jugendliche! 😉

  3. So Leute, ich bin ein bischen nachlässig in letzter Zeit mit den Antworten auf eure Kommentare. Bitte seht mir das nach. 😐

    @ .markus: Danke.

    @ plasma: Neenee, keine Vergangenheitsverklärung hier. Ich hatte auch so meine Problemchen in der Zeit.

    @ oasisUK: Jaja, die Jugend von heute, jaja… Ich erkenn mich aber auch häufig selber, wenn ich die heute 19jährigen betrachte. Mir ist dann sogar peinlich, dass mir deren Verhalten peinlich ist (manchmal), eben weil es mich an mich erinnert.

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