Identität und Distinktion


Foto: ziophester (cc)

Ein absolut lesenswerter Artikel bei toomuchcookies.net – darüber, wie über den Versuch der Abgrenzung zur muslimischen Bevölkerung in Deutschland Identität konstruiert wird, welche Denk-Krücken, z.B. ein selten genau definierter Wertebegriff da herangezogen wird; welche Doppelmoral oft durchscheint:

Die 1,5 Milliarden Muslime weltweit haben in ihrer Gesamtheit ein Modernisierungsdefizit.

Das sagt gerade ein Minister [Schäuble], der Deutschland ein für allemal gezeigt hat, wie man die Verfassung und alle Bürgerrechte zerreißt, in die Toilette wirft und wegspült! Dass er dann sagt, dass „Die Religionsfreiheit kein Grundrecht de luxe“ sei „, das andere Rechte und Freiheiten völlig aus dem Gleichgewicht bringen kann“, muss denn auch in Angesichts der Tatsache gesehen werden, dass Herr Schäuble auch in allen anderen Bürgerrechten keine „Grundrechte de luxe“ sieht, die dem Aufbau eines orwellschen Polizeistaats im Wege stehen dürften.

Ein gutes Beispiel. Ich denke dabei auch an den Baden-Würtembergischen „Gesinnungstest“ für Migranten, der nicht umsonst schnell den Beinamen „Muslimtest“ erhielt. Es ging hier vor allem um islamische Einwanderer, die hier beweisen sollten dass sie auf dem Boden des Grundgesetzes stehen – obwohl selbst der größte Teil der „Mehrheitsgesellschaft“ mit den nicht gerade trivialen Fragen Probleme gehabt hätte. Auch denke ich an Henryk M. Broder, der anhand von in Rom käuflichen Plastikmadonnen die Fähigkeit des westlichen Christentums zur Selbstironie festmacht ([1], [2]). Jemandem, der sich beispielsweise in Polen zum Atheismus oder im mittleren Westen der USA zur Homosexualität bekennt, dürfte diese Form Ironie indes wenig helfen, soziale Ausgrenzung zu überwinden.

Distinktion, die gruppendynamische Entwicklung einer Identität aufgrund der Abgrenzung zu Merkmalen oder Verhaltensweise einer anderen Gruppe, ein „Wir sind wir, denn die sind die„, ist ein normaler gesellschaftlicher Prozess, im Kleinen wie im Großen: Angefangen von den Soldaten im Schützengraben, die im Nachhinein oft von einer nie wieder erlebten Kameradschaft sprechen, weil der Kampf gegen den gemeinsamen Feind sie einte – bis hin zum Kalten Krieg in dem es klare Rollenverhältnisse gab, die eine ideologisch, ökonomisch und geographisch kohärente Grenze schufen und damit paradoxerweise sichere Verhältnisse in sehr unsicheren Zeiten. Bloß sind diese Identitäten eben oft ein Trugschluss: Wenn der gedachte Feind stirbt oder wegfällt (was gottlob nicht mit den in Deutschland lebenden Muslimen geschehen möge!), werden die zuvor verdeckten Konflikte und ideellen Zerklüftungen offengelegt und die Gemeinschaft zerbricht desillusioniert, da gedachter Feind und konstruiertes „Wir“ untrennbar zusammenhängen.

Deswegen ist vielen Dogmatikern daran gelegen, das jeweilige Feindbild zu erhalten. Man igelt sich gewissermaßen in das Image des Anderen ein, zeigt sich resistent gegen Argumente der Vernunft und das nähere Kennenlernen des auserkorenen Gegenübers. Wahrgenommene Ausreißer der Projektion sind stets Einzelfälle. Zudem wird die eigene Gruppenidentität auf ein Podest gehoben: Ob es sich nun um die Überlegenheit einer wie auch immer gearteten Rasse, der westlichen Werte oder die wirtschaftliche Kraft freier Märkte handelt – in den allermeisten Fällen geht Distinktion mit Arroganz und Ignoranz einher.

Tja, und nun? Ankämpfen gegen die Borniertheit. Diskutieren. Reflektieren. Was ist denn nun mit unserer demokratischen Kultur, unserem Freiheitsbegriff? Was sind denn unsere Werte, mal abseits von Worthülsen? Wo liegen meine/unsere Defizite? Wie sieht mich mein Gegenüber? Wie sieht „uns“ z.B. der Iran? Wo unterscheiden wir uns, wo gibt es Gemeinsamkeiten? Wo ist die Grenze? Ist es überhaupt legitim, von denen und uns zu sprechen? Wer legt fest, wohin ich gehöre? Die Medien? Der Papst? Ich? Ehe der Clash of Cultures zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung wird, sollte man sich zumindest ein paar dieser Fragen gestellt haben.

1 Kommentar

  1. Kleiner Lesetipp (die beste Zusammenfassung des Destinction-Ascription Komplexes): Michael Hechter: „Theories of Ethnic Relations,“ in John F. Stack, Jr. ed., The Primordial Challenge: Ethnicity in the Contemporary World. New York, NY.: Greenwood Press, 1986: 13-25″

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