Inkonsequenz und Inkonvenienz

climatechange
Foto: Twm (cc)

Neulich in der Zeitung.

In einer gemeinsamen Erklärung bekennen sich die USA und die EU immerhin zu dem „Ziel, die Konzentration von Treibhausgasen in der Atmosphäre auf einem Stand zu stabilisieren, der gefährliche vom Menschen bewirkte Störungen des Klimasystems verhindert“. Bush und Merkel hoffen, dass die Vereinbarung Vorbild für aufstrebende Wirtschaftsmächte wie China und Indien sein werde. (…) Es sei in der Debatte zum Klimawandel zu sehen, „dass sich das Glas mit Wasser füllt“, sagte Merkel.

Und ein paar Zeilen weiter unten:

Die USA und die EU haben ein neues Luftfahrtabkommen geschlossen, das den Reisenden ab März 2008 größere Auswahl und niedrigere Preise bei Atlantikflügen bringen soll.

Europäische Luftfahrtunternehmen können dann von allen europäischen Flughäfen aus sämtliche Ziele in den USA ansteuern. Die Ticketpreise dürften durch den größeren Wettbewerb deutlich sinken.

Jippieh, der Wille ist da. Wirst es schon richten, oh dicker Buddha Wettbewerb, danke für deine Schützenhilfe. Wir drücken den Ausstoß von CO², indem wir Flüge billiger machen! Mal unter uns: Die internationale Diplomate veroettingert auch immer mehr.

Und nun zu etwas ganz anderem: Wenn ich auf der Arbeit sitze, aber wenig Kundschaft habe, dann werfe ich „Civilization – Call to Power“[1] an. Ein Computerspiel, in dem man rundenbasiert die Menscheitsgeschichte nachspielt, in all seinen Facetten: Makromanagement von Militär, Forschung, Stadtentwicklung, Bevölkerungszufriedenheit, Umwelt und ideologischer Ausrichtung. Das klingt jetzt ein bisschen kühl, Civ ist aber meiner Meinung nach das faszinierendste Spielkonzept, das jemals erfunden wurde.

Civilization - Call to Power ScreenshotEine Partie kann locker 30, 40 reine Spielstunden beanspruchen. So ’ne Menschheitsgeschichte braucht schon ihre Zeit. Neulich war ich in folgender Situation: Bereits über ein beachtliches Imperium von 46 progressiv-römisch-kommunistischen Städten verfügend, sah ich mich plötzlich mit der Tatsache konfrontiert, dass ich der allergrößte Umweltverschmutzer der Welt war, die ich mit sechs anderen Nationen teilte. Meine Forscher übten Alarm: Herr, wenn ihr nicht sofort Gegenmaßnahmen ergreift, steht die globale Erwärmung unmittelbar bevor! In den Statistiken stand’s schwarz auf weiß: Nur noch zwei Spielrunden. 10 Jahre! Ich Idiot – hatte zwar immer fleißig Fabriken und Ölraffinerien zur Produktivitätssteigerung gebaut, aber unweltentlastende Maßnahmen wie den Bau von Recyclinganlagen und Ökofahrzeugen[2] vernachlässigt. Schnell also in sämtlichen Städten mit industrieller Produktion die Bauaufträge geändert. Und: Nix zu machen. Die globale Erwärmung kam dennoch. Exakt zwei Runden später teilte mir eine lapidare Textmeldung mit, dass überall auf der Welt Überflutungen stattgefunden hätten. Ergebnis: sechs Küstenstädte verschwunden. Blub, einfach weg.

So etwas ärgert einen natürlich. Wie gut, dass ich ein paar Runden vor der bösen und unaufhaltsamen Erkenntnis des dräuenden Unglücks einen Speicherstand angelegt hatte. So versuchte ich es noch mal von etwas früher, das Unglück abzuwenden. Aber auch das sollte nichts ändern. Und nun? Weil es ja bloß ein Spiel ist, beschloss ich, mit den Konsequenzen und den sechs abgesoffenen Städten weiterzuleben. Und richtig: Die paar Millionen tote Menschen hatte ich nach einigen Jahrzehnten wieder „drin“. Sind ja doch nur graue Statistiken. Ob das in echt auch so simpel verschmerzbar wäre?

Was ich damit sagen will? Erstens: Wir müssen jetzt etwas tun. Zweitens: Wissenschaftliche Erkenntnisse handelt man gefälligst nicht politisch aus. Wer heute noch behauptet, der Klimawandel sei bloße Hysterie oder gar nicht da, hat wahrhaft Chuzpe. Drittens: Wenn wir Privatmenschen in der ersten Welt alle etwas tun, und zwar jetzt, dann… reicht das nicht aus, denn viertens: Die Industrie macht den Kohl fett und die Erde warm. Da muss man ansetzen und das geht nur politisch. Fünftens: Das entbindet Dich und mich natürlich trotzdem nicht von der Verantwortung, etwas zu tun. Sechstens: Wenn man mal vom Personenkitsch um Al Gore, die etwas kritische Verwendung von Statistiken und das penetrante Product Placement (für einen Konzern, der nicht gerade für umweltschonendes Produzieren bekannt ist) absieht, ist „Eine unbequeme Wahrheit“ durchaus ein sehenswerter Film. Den kann man sich auch ein zweites Mal anschauen. Siebtens: Vielleicht ist es ja noch einfacher als im Computerspiel und acht Jahre reichen, um das Unabwendbare abzuwenden. An irgendetwas muss man ja glauben.

  1. Falls es wen interessiert: Es handelt sich hierbei nicht um ein „echtes“ Civ von Sid Meier, sondern einen Klon von Microprose, die noch die Namensrechte an Civilization hielten, nachdem Meier bereits seine Firma Firaxis gegründet hatte. Ein zweiter Teil des Microprose-Zweigs erschien ohne den zugkräftigen Titel Civilization, weil Sid Meier sich die alleinigen Namensrechte vor Gericht erstritt. [zurück]
  2. It’s a hybrid! [zurück]

3 Kommentare

  1. Pingback: Nerdcore - A Blog about very cool Stuff. Und so.

  2. Und deshalb: Werdet Piraten, Leute! Der Beginn der Erwärmung fällt haargenau mit dem Rückgang von echten Piraten zu beginn des 20. Jahrhunderts zusammen. Wenn wir also Piraten werden, können wir im Namen des Fliegenden Spaghettimonsters die Erde retten!

    Mal im Ernst: guter Artikel, deiner Punkteaufzählung stimme ich aus ganzem Herzen zu.

    Herzliche Grüße
    Phrix

  3. Pingback: nachhaltigBeobachtet

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