Köhler redet Tacheles

kinderarbeit
Kinderarbeit in einer Fabrik in Aschaffenburg. 1858 [Quelle]

Bundespräsident Horst Köhler hat die fehlende Chancengleichheit im deutschen Bildungssystem als «unentschuldbare Ungerechtigkeit» bezeichnet. Dies schade nicht nur den Betroffenen, sondern sei auch «eine Vergeudung von Humanvermögen», sagte Köhler laut Redemanuskript auf dem «Forum Demografischer Wandel» am Donnerstag in Berlin. (netzeitung)

Sagt einer, der sich gegen „polarisierende Diskussionen über einzelne Schulformen“ ausspricht, sprich: das dreigliedrige Schulsystem beibehalten will. Eine unentschuldbare Ungerechtigkeit also, die schädlich ist, nicht nur für den Betroffenen, sondern vor allem für DIE VOLKSWIRTSCHAFT! Was natürlich nicht stimmt, denn Deutschland, das anderswo mittlerweile als Niedriglohnland gilt, kann es sich im internationalen Wettbewerb bla Globalisierung schwafel immer noch nicht leisten auf ein extrem aussiebendes Schulsystem zu verzichten. Woher soll denn sonst das ganze Menschenmaterial, äh … Humanvermögen kommen, das für vierfuffzich die Stunde Gebäude reinigt? Könnte ja sein, dass die Niedriglohnsektorhorden dank besserer Bildung plötzlich nicht mehr zufrieden sind, den ganzen Tag Bier trinkend und Wurstragout vom Metzger löffelnd Unterschichtenfernsehen zu glotzen.

Naja, eigentlich wollte ich auf etwas anderes hinaus. Nämlich der Frage danach, warum in medialen Betrachtungen und Politikerreden der volkwirtschaftliche Schaden eine so prominente Position einnimmt. Kaum eine Reportage über Kopfschmerzen, Bahnstreiks, Internetsurfen am Arbeitsplatz, Mobbing oder soziale Ungleichheit kommt ohne den Hinweis darauf aus, wieviele Millionen Steine der Gesamtmichel aufgrund des Phänomens X im Jahr zu blechen hat. Warum das nun so sein könnte — perfekte Überleitung — erläutert gekonnt Sebastian in seinem Spitzenartikel „Erbarmen für die Niedlichen“.

6 Kommentare

  1. „sprich: das dreigliedrige Schulsystem beibehalten will.“

    Und damit hat er recht, IMHO. Wollen wir wirklich englische Verhältnisse, also verordnetes Mittelmaß an den staatlichen Schulen und Privatbeschulung von Talentierten und Begüterten?

  2. Das Distinktionsgehabe der oberen 10000 wird man eh nicht abschaffen können. Eine dem regulären Schulsystem immanente Produktion von sozialer Ungleichheit schon. Dass allein der Wegfall der Schulformen nicht reicht, ist klar. Daran anschließen müsste ein flexiblerer und stärker auf das Individuum abgestimmter Schulweg, vielleicht auch die Bemühung, den Teufelskreis der Schichten-„Vererbung“ zu durchbrechen, indem man Maßnahmen ergreift, die Milieus in den Schulklassen stärker zu durchmischen. Die Grundschule in Gesamtdeutschland auf 6 Klassen zu verlängern wäre auch sinnvoll, weil Talent und Persönlichkeit des Heranwachsenden im Alter von 12 sicher besser einzuschätzen ist als mit 10. Mir ist ein verordnetes Mittelmaß lieber als eine Elitenförderung, bei der die Zahl der Abgehängten immer größer wird.

  3. „Das Distinktionsgehabe der oberen 10000 wird man eh nicht abschaffen können. „

    Um die gings mir doch gar nicht. Schon die ganz normalen Mittelschichten tendieren im Moment verstärkt Richtung Privatschulen. Das dürfte sich eher verstärken, wenn Regional-, Gemeinschafts- und Gesamtschulen bzw. ähnliche Modelle sich ausbreiten.

    „vielleicht auch die Bemühung, den Teufelskreis der Schichten-”Vererbung” zu durchbrechen“

    Das hielte ich für enorm wichtig, aber ob man das so
    „indem man Maßnahmen ergreift, die Milieus in den Schulklassen stärker zu durchmischen.“
    erreicht? Ich habe meine Zweifel.

    Hatte das School-Bussing eigentlich irgendwo in den USA nachhaltigen Erfolg? Und ist es eine angemessene Behandlung von Kindern? Ich bin mir da nicht sicher.

    „Die Grundschule in Gesamtdeutschland auf 6 Klassen zu verlängern wäre auch sinnvoll, weil Talent und Persönlichkeit des Heranwachsenden im Alter von 12 sicher besser einzuschätzen ist als mit 10.“

    Zustimmung. Außerdem sollte man den Schulwechsel wesentlich erleichtern und auch entsprechend fördern.

    „Mir ist ein verordnetes Mittelmaß lieber als eine Elitenförderung, bei der die Zahl der Abgehängten immer größer wird.“

    NACK. Ohne jetzt arrogant rüberkommen zu wollen: Ich habe mich auf einem ganz normalen ländlichen Gymnasium eher gelangweilt. Ich würde meinen Kindern noch weiter gehende permanente Unterforderung unbedingt ersparen wollen.

  4. Kommt aber arrogant rüber, finde ich jedenfalls.

    Für so außergewöhnlich begabte Schüler wie dich und deine Kinder würde dann der von MaloXP herbeigesehnte „flexibler und stärker auf das Individuum abgestimmte Schulweg“ greifen; was genau in deinen Augen eigentlich gegen die mehr in Bezug auf Milieus heterogen durchwachsenen Schulklassen spricht, habe ich nicht verstanden.
    Wem kann das wie schaden?
    Natürlich, man kann sich damit herausreden, dass sich die armen Kinder gegenüber den Reichen dann ganz schnell benachteiligt und minderwertig vorkommen und von letzteren gehänselt werden würden; tatsächlich passiert das aber hauptsächlich, und zwar viel schlimmer, wenn das Verhältnis unausgewogen ist; wenn etwa zwei Kinder aus sozial schwachen Familien einer gutbürgerlichen Klasse von 28 Schülern gegenüberstehen, oder umgekehrt; ein Gleichgewicht würde nicht nur für Waffenstillstand sorgen, es würde vielleicht auf die ein oder andere mentale Grenze überwinden und mehr Verständnis schaffen.
    Oder magst du nicht mit Schmuddelkindern spielen, niels?

    Die Fehler im USA-System muss man nicht kopieren – warum sollte man auch, wenn man sie erkennt? „Individuell“ hieße im optimalen Fall, dass man endlich lernt, Kinder nicht zur lohnendsten Investition heranzuzüchten, das heißt, eine persönliche Förderung nicht von standartisierten Testergebnissen und potentieller Leistungsfähigkeit abhängig zu machen, sondern ein System zu schaffen, dass es jedem Kind ermöglicht, sich in jede Richtung zu entwickeln, die ihm liegt und lieb ist.
    Aber das wird wohl immer eine Utopie bleiben.

  5. „Kommt aber arrogant rüber, finde ich jedenfalls.“

    Pech.

    „Für so außergewöhnlich begabte Schüler wie dich und deine Kinder würde dann der von MaloXP herbeigesehnte “flexibler und stärker auf das Individuum abgestimmte Schulweg” greifen;

    Stopp. Ich habe nirgends geschrieben, dass ich mich für außergewöhnlich begabt halte. Das macht es ja im Gegenteil noch schlimmer. Mal ehrlich: Jeder, der im Studium gut zurecht kommt, ist auf dem durchschnittlichen -norddeutschen- Gymnasium neun Jahre lang unterfordert.

  6. Wenn jemand so beiläufig-nonchalant fallen lässt, dass er sich auf einem „ganz normalen Gymnasium“ eher gelangweilt hätte, schließt das für mich ein, dass dein geistiges Potential in allen Fächern über dem Durchschnitt lag, was eine außergewöhnliche Begabung impliziert. Es sei denn natürlich, du würdest meinen, alle hätten sich immer nur gelangweilt, womit du ausdrücken wolltest, dass der gymnasiale (schulische?) Standart generell erhöht werden müsste.
    Meinst du das, Niels?

    Ich war ebenfalls auf einem ganz normalen norddeutschen Gymnasium, sogar auf zweien davon, und ich habe nur sehr wenige Schüler gekannt, die in allen Fächern brillant waren. Und selbst wenn sie es waren, haben sie nicht gerade nach höheren Standarts gelechzt, weil ihnen die übergroße Anerkennung ihrer Lehrer und Eltern ohnehin schon sicher war und diejenigen, die sich darüberhinaus weiterbilden wollten, haben das für sich selber getan. So wie ich das sehe, haben sich alle gelangweilt, aber nicht, weil sie unterfordert waren, sondern weil sie lieber TV geglotzt, Video gespielt, gefickt, gekifft und gesoffen hätten.
    Ich habe ehrlich gesagt überhaupt niemanden kennengelernt, der so übermäßig vom Lernen oder von Bildung begeistert gewesen wäre, und zwar unabhängig von der schulischen Leistung. Ich habe – von sogenannten Einserschülern übrigens – Äußerungen gehört wie: „Was Interessiert MICH diese Scheiß-DDR?!“ oder: „Was interessiert mich der 11. September, ich will Big Brother sehen!“ (weil in dieser Woche auf allen Kanälen immer wieder Nachrichten liefen und Fans der gerade angelaufenen 1. Staffel einen Abend lang auf ihre tägliche Dosis Schwachsinn verzichten mussten).
    Ich selbst habe mich in einigen Fächern auch unterfordert gefühlt, in anderen musste ich mich anstrengen und in wieder anderen war Hopfen und Malz verloren. Daher komme ich darauf, dass du außergewöhnlich begabt sein musst, wenn dir ALLES so leicht gefallen ist, oder ich war außergewöhnlich bescheuert. Allerdings wäre das dann die Mehrheit gewesen.
    Bevor man über irgendwelche Standarts nachdenkt, hielte ich es für notwenig, darüber nachzudenken, wie man Jugendliche überhaupt dazu motivieren kann, IRGEND ETWAS zu tun. Aber mich fragt ja keiner.
    Und bezüglich des Studiums: Ich glaube nicht, dass dazu viel mehr gehört als zum Gymnasium, sogar weniger. Das weiß ich nicht aus eigener Erfahrung, sondern weil alle Volldeppen (und ich nenne sie so, weil ich sie nicht intellektuell, sondern in ihrer Eigen-Denkfähigkeit und Persönlichkeit total unterentwickelt finde), mit mit mir auf dem Gym waren, jetzt studieren. Es hat auch in der 13. Klasse niemanden geschert, ob ein Neunzehnjähriger jetzt endlich weiß, dass man „Sie“ in der Anrede groß schreibt oder dass die „Straße“ ihr ß behält; wer gut (auswenig) lernen kann, kommt weiter, das war immer so und wird auch so bleiben, auch wenn man den Standart des (auswendig) zu lernenden erhöht.

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