Lieber SPIEGEL,… (I)

… super! Du beschäftigst Dich in der Ausgabe von letzter Woche unter der offenbar wortwitzig gemeinten Headline „Ausgetauscht“ ja mal etwas eingehender mit dem Phänomen und der Entwicklung von Peer2Peer-Tauschbörsen…

… und dann steht da doch nur wieder der übliche Propaganda-Mist der Anti-P2P-Lobby. Deren neue Taktik scheint ja offenkundig zu sein, Tauschbörsen als im Untergang zu begriffen dazustellen. Man hofft, scheint’s, auf eine Self-fulfilling prophecy. An einer Stelle wird in deiner Schilderung zwar leise Kritik deutlich, allerdings das recht inkonsequent.
Aber fangen wir doch da an, wo die „Qualität“ des Artikels am deutlichsten zu Tage tritt: Bei sachlich falschen, ungenauen und, zwar relevanten, aber ausgelassenen, Informationen (im Volksmund nennt man das auch Manipulation).

„Einst war Rosso Chef der Online-Tauschbörse Grokster, einer Nachfolgerin der legendären Internet-Plattform Napster, nur größer und besser. Millionen Internet-Surfer tauschten dort täglich Filme, Dateien und vor allem Musik – illegal und ohne dafür zu bezahlen.“

  • Grokster war/ist keine Tauschbörse, sondern lediglich ein Client für das sogenannte FastTrack-Netzwerk, genau wie KaZaA übrigens.
  • Illegal war das Tauschen von Musik und Dateien bis vor einigen Jahren noch nicht, sondern eine rechtliche Grauzone. So auch zu Gründungszeiten von Grokster Ltd.

„Grokster ist schon weg, Limewire und Edonkey wollen demnächst aufgeben, Kazaa ist ein hoffnungsloser Fall, Bittorent hat bereits öffentlich der Illegalität abgeschworen.“

  • Rechtschreibung: Mal abgesehen davon, dass hier auf die CamelCase-Namen der Filesharing-Clients überhaupt keine Rücksicht genommen wird (LimeWire, eDonkey, KaZaA, BitTorrent), wird BitTorrent auch mit Doppel-R geschrieben. Es handelt sich hier nämlich nicht um „mietbares“ Bit sondern um einen metaphorischen Sturzbach aus eben diesen.
  • eDonkey hat bereits aufgegeben. Genauer: Sam Yagan hat im September letzten Jahres die Weiterentwicklung des Clients eingestellt. Allerdings hört man im eDonkey-Forum auch schon wieder Gegenteiliges.
  • Selbst wenn die Entwicklung eines Clients eingestellt wird, heisst das nichts. Dezentrale (also Server-unabhängige) Netze haben es nämlich so an sich, dass sie auch bei Einstellung des Projekts weiterfunktionieren. Man frage mal bei Sherman Networks, den Entwicklern von Skype (und auch KaZaA) nach.
  • Wo wir gerade bei KaZaA sind… „Kazaa ist ein hoffnungsloser Fall“ ist eine so dermaßen sinnentleerte Aussage, dass man sich fragt, ob sich der Autor kurz vorm Verfassen seinen journalistischen Anspruch zum Abwischen des Hinterns verwendet und das WC heruntergespült hat. Hier ein Alternativvorschlag: „KaZaA und das FastTrack-Netz hatten unter den Folgen einer massiv durch die von der Industrie in die Netze eingespeisten Flut von falschen Dateien, sogenannten ‚Fakes‘ zu leiden, weswegen viele Benutzer zu technisch besseren Netzen wie eD2K ‚abwanderten‘.“
  • Dass eDonkey „aufgibt“ hat im Grunde überhaupt keine Bewandnis, denn es existiert bereits seit 2002 eine technisch wesentlich bessere Client-Software: eMule. Das tolle daran ist, dass sie Open Source ist und dessen Entwicklung deswegen sicherlich nicht so schnell eingestellt wird. Selbst zu „Lebzeiten“ von eDonkey waren bereits ein Vielfaches der Clients im Netzwerk die sogenannten „Mulis“. Diese Entwicklung vor Augen dürfte auch die LimeWire-Macher bewegt haben, ihre Quelltexte offenzulegen, auf dass ein neuer Client namens „FrostWire“ auf OpenSource-Basis entstünde. Vielleicht sogar unter der Prämisse: So, RIAA – verbietet DAS!
  • Der, sicherlich gewollte, Denkfehler, den Musikindustrie-Lobbyisten gerne den Schreiberlingen vermitteln, ist, dass Filesharingnetzte per se illegal und zu verurteilen sind. Tatsächlich – und das sieht man am besten im Beispiel BitTorrent – ist es nicht die Software, die illegal ist, sondern der User, der die Software für illegale Zwecke missbraucht. BT ist vielmehr ein technisch hochentwickeltes, wegweisendes Datendistributionstool. Dass selbst die Filmindustrie das erkannt hat und mit dem BitTorrent-Entwickler Bram Cohen kooperiert, dürfte Beweis genug sein. Anderes Beispiel: Das nagelneue Tool „Democracy„, das Video-Bloggern dank BT-Support erleichtert, qualitativ höherwertige Videos zu verteilen. Zukünftig wird dennoch Copyright-geschützter Content via BT getauscht werden, das ist abzusehen – und liegt mutmaßlich gar nicht im Sinne des Erfinders. Aber beeinflussen lässt sich’s nicht.
    Das öffentliche Abschwören von illegalen Inhalten betreffend: Ebenso wird mit Google auch die vielzitierte Anleitung zum Bombenbau gefunden. Google: lieb / BitTorrent: böse?

„Nur: Ist dieser Optimismus wirklich gerechtfertigt? Wurden zuletzt nicht noch immer monatlich fast eine Milliarde illegale Downloads und angeblich bis zu neun Millionen tägliche Nutzer von Online-Tauschbörsen gezählt? Und wandern die Nutzer
dichtgemachter Tauschbörsen nicht einfach zu neuen Orten im Internet ab, um sich weiter kostenlos Musik zu holen?“

JA!
Das waren die kritischen Gedanken des Artikels.

„Kennedy kennt die Zahlen. Er weiß, dass im Januar noch 885 Millionen Songs in Tauschbörsen angeboten wurden, deutlich weniger als die 1,1 Milliarden Mitte 2003, obwohl sich die Zahl der schnellen Breitbandanschlüsse seither mehr als verdoppelt hat.“

Diese Zahlen, ebenso wie die auf Seite 180 stehende Grafik, stammen von der IFPI. IFPI bedeutet „International Federation of the Phonographic Industry“. Ahnst Du, SPIEGEL, worauf ich hinauswill? Jau, traue niemals Lobby-Statistiken! Würdest Du den Angaben der US-Regierung zu den bei Luftschlägen auf den Irak getöteten Zivilisten Glauben schenken?
(Ups, vermutlich würdest Du das tatsächlich…)
Na jedenfalls spricht die slyck.com-Statistik eine andere Sprache. Hast Du die IFPI mal gefragt, ob in die Statistik auch Datei-Archive mit ganzen Alben oder gar Diskographien mit einflossen? Ob die Dateien nach der Anzahl der Quellen oder einzeln gezählt wurden? Da steht nämlich nur etwas von „Musikdateien“ – ein dehnbahrer Begriff. Die steigende Anzahl von Breitbandanschlüssen (und auch die immer höheren Geschwindigkeiten derer) könnten auch ein Grund sein, dass Musikdownloads schneller „fertig“ sind und damit aus den „Shared Files“ schneller entfernt werden. Dass das sinnvoll ist, wiss man als „Gefahren“-bewusster Filesharer seit einiger Zeit.
Aber, wie man Statistiken hinbiegt, um eine politisch erwünschte Aussage zu untermauern, muss man dir ja wohl nicht erklären. Vermutlich liegt die Wahrheit irgendwo zwischen IFPI und Slyck, ich tendiere aber eher zu Werten, die näher an letzterer Quelle liegen.

„Nur die Internet-Piraten sind schwer zu überzeugen. ‚Daran müssen wir arbeiten‘, (…)“

  • Wie jetzt? Solch wundervolle Kampagnen wie Hart, aber gerecht sind trotz ruchloser Desinformation (implizite Gleichsetzung Filesharing = gewerbliches Handeln mit Schwarzkopien, Strafmaß entsprechend § 108a UrhG) kein Erfolg? Der Ottonormal-eMule-Nutzer nimmt das nicht ernst? Ich kenne diese Lobby-Schlawiner doch! Nachher streuen die sogar die Information ein, dass jede medial wirksam inszenierte, aber vollständig lächerliche neue Werbekampagne dazu führen würde, dass noch mehr Menschen überhaupt erst darauf aufmerksam werden, dass man Musik auch kostenlos aus dem Internet herunterladen kann. LOL!
    Neinnein, jetzt mal ernsthaft. Für die Musikindustrie gibt es selbstverständlich noch einiges, was man in puncto Manipulation von Statistiken, Desinformation, Maßlosigkeit bei/ Unverhältnismäßigkeit von Vergleichszahlungen und Gängelung der eigenen Kunden hinzulernen könnte.
  • Begriffe wie „Filesharer“ oder „Tauschbörsennutzer“ sind Dir, SPIEGEL, offenbar zu wertfrei. Statdessen übernimmst Du den Industriellen-Jargon, sprichst von „Piraten“ und leistet als Nachrichtenmagazin mit Millionenauflage einen der wichtigsten Beiträge zur Stigmatisierung von Filesharing als Kapitalverbrechen.

„Für viele Internet-Piraten geht es beim kostenlosen Musikgenuss auch ums Prinzip: Künstler sind ohnehin alle Millionäre, CDs viel zu teuer und Plattenbosse
skrupellose Abzocker. Warum also ein schlechtes Gewissen haben, wenn man für Musik nicht bezahlt?“

„Die, das sind Musikkonzerne wie EMI, Jahresumsatz 2,8 Milliarden Euro, Plattenfirma von Coldplay und den Beatles.“

Siehst Du, SPIEGEL, in diesen Aussagen einen gewissen Widerspruch? Eben, ich auch nicht. Ach ja: South Park-Statement-Download bei David Levine (gefunden bei fairsharing.de).

„Die Plattenbosse wollen sich aber nicht darauf verlassen, dass die Kundschaft von selbst zu den Bezahlangeboten findet. ‚Ein bisschen erziehen‘ müsse man die Leute schon, sagt Klein. Dafür sind in der Musikindustrie Profis wie Clemens Rasch zuständig, Anwalt und Geschäftsführer der Firma Promedia mit dem vielsagenden Untertitel ‚Gesellschaft zum Schutz geistigen Eigentums‘.“

Schade, dass Du an dieser Stelle nicht erwähnst, dass Vollprofi Clemens Rasch in der „Szene“ bereits seit einiger Zeit durch seinen mangelhaften Sachverstand (z.B. bei der Abmahnung von Betreibern winziger eDonkey-Server [RegReq]), die GVU durch das Einsetzen krimineller Methoden (Anbieten von illegalem Content auf eigenen Payservern) aufgefallen sind.

Es geht zu Ende. Rasch ist sicher: ‚In einigen Jahren werden wir über den Tauschbörsenspuk reden wie über den New-Economy-Hype. Wir werden nicht verstehen, dass es so etwas überhaupt einmal gab.'“

Das klingt ja fast wie Honecker anno ’89!

Soviel dazu.

Schade, dass Du, SPIEGEL, in dieser Rezitierung der Industriepropaganda nicht auf die Nachteile von legalen Downloadshops wie iTunes eingegangen bist. Mittlerweile scheint sich im Nerd-Jargon nämlich „DRM-Verkrüppelung“ als feststehender Begriff zu institutionalisieren. Soll heissen: Ein gekaufter Song gehört noch lange nicht mir. Mittels technischer Maßnahmen werde ich als Endbenutzer immer noch mit Anti-Kopiermaßnahmen als potentieller „Pirat“ gegeißelt. Diese sind zwar mit Programmen wie EAC für technisch versierte Zeitgenossen leicht auszuhebeln, dennoch verhindern sie das Abspielen einer legal erworbenen CD in PC-Laufwerken, Autoradios, etc.
Mit online gekauften Songs verhält es sich ähnlich: Es wird festgelegt, auf welchem PC ich die Tracks abspielen darf, kann sie nur auf bestimmte Hardware-Player aufgrund einer enormen Varietät an proprietären Formate übertragen, darf sie nicht oder nur eingeschränkt auf Mix-CDs brennen, usf. Und wenn meine Festplatte wegen eines über das Sony-Rootkit eingeschleppten Virus neu formatiert werden muss, ist die Mucke gleich mit über’n Jordan.
Tja, SPIEGEL, was hörst Du denn für Musik? Starte doch einfach mal eine eMule-Suche nach „Norah Jones“, Dateityp „Archiv“. Auf einen Blick hast Du jetzt eine Auswahl von allen möglichen Formaten und Bitraten, aus denen Du Dir die für deine Bedürfnisse passende Datei aussuchen kannst. Doppelklick – und in einer guten halben Stunde hast Du im Idealfall die passenden Dateien auf deinem Rechner – ohne DRM-Müll. Ist das komfortabel? Ich denke schon. Der von C. Rasch kurz angesprochene russische Online-Musikshop (den Namen nenne ich hier besser nicht) ging in puncto Formatvielfalt eine sehr ähnliche Richtung und war dazu noch sehr variabel im Preismodell. Leider lernt man daraus nicht und bietet ähnliche Services an, sondern kriminalisiert ihn. Willkommen in der Globalisierung.
Mir ist mal meine Blur-Best Of zerkratzt. War ’ne Special Edition mit Bonus-Live-CD. Was habe ich getan? Sie mir „illegal“ aus dem Internet heruntergeladen! Was machen die armen Gestalten, die sich eine kopiergeschützte CD gekauft haben, sich diese auf ihren iPod übertragen wollen, aber nicht wissen, wie man EAC installiert und so einrichtet, dass der manipulierte TOC nicht ausgelesen wird? Sie laden sich die passenden Dateien aus dem Internet!
Ich benutze Filesharing wie früher Radio. Ich lerne neue Musik kennen, höre entspannt hinein und entscheide mich dann, sie zu kaufen. Oder eben nicht. Ist das alles moralisch verwerflich, bin ich deswegen ein „Internet-Pirat“? Warum kommen EMI/BMG/Sony nicht auf die Idee, die Tracks ihrer CD gleich als MP3 mit auf die CD zu backen? Und: Warum gehst Du, SPIEGEL, auf diese Fragen nicht ein?

Eine Sache ist noch zu klären: Warum stellt die Industrie Filesharing als ein aussterbendes Phänomen dar? Bis vor kurzem waren KaZaA und Co. doch noch die Geißel der Musikwirtschaft, Vernichter zahlreicher junger Bands, Arbeitsplatzvernichter allererster Kajüte (und natürlich Unterstützer des internationalen Terrorismus)! Ganz einfach: Die Gewinne ziehen an, die Verbraucher wissen eine Original-CD wieder (?) zu schätzen. Die Musikindustrie gerät in Legitimationsnot. Wie kann es sein, dass trotz des regen Getausches der Mob in die Plattenläden drängt, sich online Musik kauft? Da lässt sich das Bild der wirtschaftsfeindlichen „Raubkopierer“ nur halten, wenn man den Erfolg als Konsequenz der eigenen Bemühungen hinstellt. Solche Faktoren, SPIEGEL, hätte ich mir in deiner „Analyse“ gewünscht – nicht die stumpfe Wiedergabe von Lobbyparolen. Investigativer Journalismus geht anders.

(alle Zitate, sofern nicht anders gekennzeichnet: Spiegel 11/06)

1 Kommentar

  1. TITLE: nicht schlecht…
    …wunderbar auseinandergenommen, vorbildlich seziert! dennoch lese ich den spiegel gerne (wohlgemerkt die printversion) und bin doch froh, dass es ihn gibt.

    spon ist wieder ein anderes thema…

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