Lieber Spiegel,… (II)

Ich habe neulich mal wieder eine Ausgabe in die Hände bekommen. Die Ausgabe 12 von letzter Woche, um genau zu sein. Ich weiß nicht genau, wie ich das sagen soll – Entweder ich habe Dich früher einfach nicht bewusst genug gelesen oder Du bist tatsächlich zu einem neokonservativen Propagandaorgan geworden.

Ich hatte schonmal einen Anlauf genommen, diesen Beitrag zu verfassen, aber irgendetwas blockierte mich, weiterzuschreiben. War es die große Resignation, die Verblüffung über eine Erkenntnis, die ich vielleicht schon früher errungen hatte, sich jetzt aber endlich massiv ihren Weg aus dem Unterbewusstsein bahnte? Ich war erschlagen von den massiven Manipulationskampagnen, mit denen Deine Redakteure meine Sicht der Realität zu ändern suchen. Einsicht alleine nützt wenig – man muss anderen davon erzählen. Andere sind korrumpierter als ich.

Pathos, vielleicht. Könnte auch einfach Faulheit gewesen sein. Dennoch: Ich muss das jetzt tun.

Auf Seite 18 bringst Du eine, soweit unerhebliche, Kurzmeldung über Susanne Osthoff. Auffällig ist aber, dass die Dame

  • einmal „Susanne Osthoff“
  • einmal „die Archäologin“
  • fünfmal, Überschrift und Bildunterschrift eingerechnet, schlicht „Osthoff“

genannt wird. Mag sein, dass das zum journalistischen Grundrepertoire der Diskreditierung gehört, das kann aber keine Entschuldigung sein. Das Große spiegelt sich im Kleinen.
Wo fängt Menschenwürde an, wo hört sie auf? Kann eine Medienkampagne jemals zu Ende gehen?

Egal, weiter.

Über deine Berichterstattung zu den CPE-Protesten in Frankreich habe ich mich ja schonmal geärgert. Meine Prognose einer weitaus radikaleren Meinung im pseudoobjektiven Gewand ist dann auch eingetroffen (Seite 126 ff). Tendentiös wirfst Du Dinge zusammen, die nicht zusammengehören. Natürlich ist aus deiner Sicht, SPIEGEL, „eine Lockerung des Arbeitsmarktes (…) dringend nötig“. Die Millionen protestierenden Menschen seien in erster Linie gewaltbereit und blockierten Frankreichs Reformierbarkeit. Gerade die letzten drei Absätze des Artikels zeichnen ein sehr negatives Bild der Protestierenden.

Vor allem den Unterprivilegierten hätte der Ersteinstellungsvertrag von Villepin helfen sollen. Für junge Akademiker, so sieht es Léo Roche, 22-jähriger Geschichtsstudent an der Sorbonne, „bedeutet dieser Vertrag nur Ungleichheit und Unsicherheit“.
Er lehnt ihn ab, genau wie alles, was von dieser Regierung kommt. Roche hat Protesterfahrung. Vor drei Jahren war er schon in Evain dabei, um gegen den G8-Gipfel zu demonstrieren, er ist Mitglied bei Attac und überzeugter Pazifist.
Er sitzt auf einer abgewetzten Holzbank in einem Universitätshörsaal im V. Arrondissement. 200 Studenten haben sich nach den Krawallen hier getroffen, um Bilanz zu ziehen und das weitere Vorgehen zu planen. Sie brauchen eine Stunde, um eine Sitzungsleitung zu wählen, sie diskutieren über Abstimmungsverfahren, über den Diskussionsmodus, über die richtigen Gesten, um Zustimmung zu signalisieren – es ist alles, wie es immer schon war.
Nur dass diese Rebellen nicht wie die junge Hoffnung der Nation wirken, eher wie eine schlechte Kopie derer, die sie bekämpfen wollen. (…)

Wahnsinn, SPIEGEL. In so wenigen Zeilen Studenten-Bashing, Demonstrations-Bashing, Basisdemokratie-Bashing und Attac-Bashing unterzubringen, ist schon eine Leistung. (Man möge mir den Begriff verzeihen, aber „Bashing“ ist ein fester Begriff im SPIEGEL-Kampagnen-Jargon).
Wenn man nicht genau hinschaut, bemerkt man gar nicht, wie hier Demonstrationen mit Krawallen gleichgesetzt werden. Und aus meiner persönlichen Erfahrung kann ich sagen, dass – ehe ich mich mit den Inhalten der Organisation beschäftigte – ich ein sehr negatives Bild von Attac hatte. Heute weiss ich, dass dieses Image mediengesteuert und erwünscht war. Jeder ist ein Manipulationsopfer! Ich frage mich aber auch, wie man die Abschaffung von Arbeitnehmerrechten allen Ernstes als Instrument zur Chancenerhöhung von Jugendlichen auf dem Arbeitsmarkt sehen kann! Ich bin kein Ökonom, aber die volkswirtschaftlichen Folgen einer solchen Deform kann man sich doch auch als Laie logisch herleiten: Ständig in der Gefahr leben zu müssen, gekündigt zu werden, schafft Nervosität und wird die französische Konjunktur schädigen weil die jungen Menschen nicht wissen können, ob sie in einem Monat, in einer Woche ihren Job noch haben. Die Geburten werden aus eben diesem Grund zurückgehen. Junge Angestellte werden unter völliger Selbstaufgabe immer mehr Leistung für das gleiche Geld erbringen müssen, um im gnadenlosen Wettbewerb zwischen den unter-25-jährigen nicht die ersten zu sein, die gekündigt werden. Das wird tendentiell die Anzahl der Arbeitsplätze verringern, da die Arbeitgeber für das gleiche Geld mehr Leistung bekommen.
Politisch vermutlich gewollt hingegen: Die beeindruckende Solidarität zwischen älteren und jüngeren Franzosen wird beginnen zu bröckeln, weil Unternehmen häufiger unterpriveligierte Jugendliche zu Dumpingtarifen einstellen werden, anstatt auf erfahrenere Kräfte zu setzen, die aber Arbeitnehmerrechte haben. Das schafft Konfliktpotential.

Warum, SPIEGEL, (ich weiß – ich wiederhole mich) beschäftigst Du dich überhaupt nicht mit dem Inhalt und den Konsequenzen von CPE, sondern nur mit den Protesten? Und wieso werden diese so einseitig dargestellt? Wie kannst Du es wagen, protestierende Studenten als Menschen darzustellen, die bei der Bestzung der Sorbonne „das Leben in vollen Zügen“ genossen, die vom Rektor gestohlenen Champagner trinkend und einem Klavierkonzert lauschend den Sternenhimmel betrachteten? Neben der Frage, ob das überhaupt stimmt, stelle ich mir auch die, warum Du solche Details so stark betonst. Natürlich weiß ich die Antwort.
Und: Was hat der (Partikular-)Fall eines antisemitisch motivierten Mordes in Frankreich, den Du „irgendwie“ mit den Protesten in Zusammenhang bringst, damit zu tun?

Fazit: Es kotzt mich an, dass der Abbau von Arbeitnehmer-, ja – Bürgerrechten, dieser Tage nur in des Kaisers Kleid, den wertfreien Begriff „Reform“ gehüllt werden muss, und plötzlich ist alles geil. Die bittere Pille muss halt geschluckt werden, auch wenn sie Zyankali enthält. Wie scheiße seid ihr, Medien? Wie blöde sind wir, dass wir so etwas überwiegend unhinterfragt stehen lassen, Bürger? Beides: Sehr.

Thema Menschenrechte. Auf Seite 68 und den Folgenden befasst Du, SPIEGEL, dich mit der Global(l)isierung anhand eines Beispieles der pakistanischen Stadt Sialkot, in der 60% der Fussbälle weltweit produziert werden. Die Maxime des Artikels muss ich kaum zusammenfassen – das machst Du bereits an exponierter Stelle – in groß und grün – auf Seite 70:

DER SPIEGEL zum Thema Kinderarbeit

Populistisch und kaum chiffriert ist, entspricht diese Aussage genau dem Tenor des Artikels. Kinderarbeit sei, im Sinne der globalisierten Konkurrenz, legitim. Lästige Prinzipien sollten aus ökonomischen Gründen schonmal über Bord geworfen werden dürfen – der Zweck heiligt schließlich die Mittel. Nur diese Menschenrechtsorganisationen, die das – nicht gerade werbewirksam – an die Öffentlichkeit bringen und die Konzerne, die aus Imagegründen darauf reagieren müssen, die nerven. Aber Du lässt auch mal eine der Näherinnen zu Wort kommen:

Wenn Akhtar und ihre Nachbarinnen hören, dass in Deutschland Kinder in den Betrieben ihrer Eltern mitarbeiten, dass Bauernsöhne im Stall helfen, bei der Ernte, fragt sie empört: „Wie kann das möglich sein? Ihr nehmt uns einen Teil unseres Einkommens, ihr verbietet unseren Kindern, auch nur einen einzigen Ball zu nähen, nach der Schule, aber ihr gestattet euren Kindern, dass sie ihre Familien unterstützen?“

Ist das vergleichbar? Gibt es in Deutschland auch für Bauernkinder eine Schulpflicht? Wie viele Kinder sind das überhaupt noch? Der deutsche Agrarsektor liegt doch brach! Gibt es nicht trotzdem sehr straffe arbeitsrechtliche Bedingungen für familiäre Mithilfe? Ist nicht vielleicht sogar das deutsche Recht in dieser Hinsicht verurteilenswert? Wird den Kindern „gestattet“ zu arbeiten, oder ist es nicht vielmehr so, dass es den Eltern „gestattet“ wird, ihre Kinder auszubeuten? Und Du, SPIEGEL, äußerst nicht mal, was für eine Belastung es für ein Kind sein muss, unter dem Leistungsdruck der Schule als einziger Chance und gleichzeitig dem Druck, die Familie miternähren zu müssen, zu stehen. Warum hast Du kein einziges Näherkind interviewt?
Diese Art von Berichterstattung ist schändlich und ekelhaft. Pfui, SPIEGEL!

Deine Titelstory, „W@RE LIEBE – Das Online-Geschäft mit der Sehnsucht“, scheint dagegen geradezu harmlos zu sein. Nackte Tatsachen auf der Titelseite machen sich in letzter Zeit auch bei Dir ganz gut als Verkaufsargument. Egal, Du wirst schon wissen, an welche Zielgruppe Du dich richten möchtest. Max Goldt nannte diese einst nicht umsonst „Dr. Lieschen Müller“. Zwei Sachen sind mir dann aber doch aufgefallen.

  • Als erstes: Dass sich momentan unter der Rubrik „Surftipps“ (Anzeige) auf Spiegel-Online überall Werbelinks auf die Online-Singlebörse „parship“ befinden
  • Und zweitens: Dass diese Berichterstattung irgendwie schon das von Dir proklamierte Bild der kinderlosen Gesellschaft unterstützen zu scheint. Okay, Du schaffst es schließlich sogar, in einer Polemik auf die diesjährige Echoverleihung den Satz „Die Menschen hier werden immer älter, es werden so wenig Kinder geboren wie noch nie seit 1945, es gibt Probleme mit dem demographischen Faktor“ unterzubringen. Aber man meint irgendwie schon, da will einem jemand eine Ideologie einhämmern, die nachweislich alarmistischer Schrott und Schleichwerbung für Schirrmachers neues Machwerk ist. Dazu: Gerd Bosbach, hr2 – „der Tag“ als MP3 zum Anhören

Statistiken sind immer gut. Sie können oftmals beliebig zur Untermauerung einer gewünschten These verwendet werden. Ein gutes Beispiel sind die Grafiken und Statistiken in Deinem, SPIEGEL, Leitartikel. Wäre der Duktus des Artikels etwa gewesen „Der Begriff der Singlegesellschaft ist überschätzt, es gab in den letzten Jahren einen höchstens kaum bemerbar höheren Anteil an Singles in der Bevölkerung“, hätte die Grafik auf Seite 81 das sehr gut illustrieren können. Freilich hätte man die blaue Kurve („Einpersonenhaushalte in Deutschland“ dabei weglassen müssen – aber die hat eh nichts mit dem Thema zu tun. Bei der roten Kurve „Einpersonenhaushalte der 25- bis 44-jährigen“ hätte man, zur Makulatur, einen weniger besorgnisverursachenden Maßstab auf der Y-Achse wählen und auf der X-Achse die verfälschenden Jahresdaten von 1961 bis 1990 weglassen können. Dem Statistikör ist nichts zu schwör.
So oder so, man sieht – wenn man die Zahl der Einpersonenhaushalte tatsächlich als Bemessungsgrundlage für die Ausprägung einer Singlegesellschaft heranziehen will (ich wollte es nicht), man erkennt, dass es nur minimal mehr Einpersonenhaushalte von 25- bis 45-Jährigen als Mitte der 90er gibt: Heute 4,5%, das sind 45 von 1000!
Auch Deine niedlichen Grafiken (Prozentuale Steigerung vor Herzchenhintergrund) auf Seite 92 zur Teilnehmersteigerung beim Online-Dating seit 2003 wirken weit weniger imposant, wenn man bedenkt, dass auch die Zahl der deutschen Haushalte mit Internetanschluss immens gestiegen ist. Komischerweise hast Du diesen Faktor neulich in deinem Artikel über das vermeintliche Aussterben der Internet-Tauschbörsen mit einfließen lassen. Na gut, eines will ich dir zugestehen: Vielleicht ist Online-Dating ein Trend, aber sicher kein gesellschaftsumwälzender, der dieser Tage einen Leitartikel wert wäre.

Der größte Aufreger SPIEGEL 12/06, für mich, ist die Art und Weise, wie Du Stimmung gegen den Islam machst. Damit beschäftige ich mich allerdings später.

Bis bald!
maloXP

3 Kommentare

  1. TITLE: Das waren noch Zeiten…
    Fangen wir mal gleich an das klarzustellen:
    Ich bin kein Spiegel-Redakteur, kein Spiegel-Fan und seit zwei Wochen auch kein Spiegel-Leser mehr: Ganz recht ich habe den Spiegel abbestellt. Also wird dieser Kommentar natürlich auch etwas einseitig.
    Zum größten Teil kann man ich mich der zuvor geäußerten Kritik anschließen. Alles läuft beim Spiegel immer mehr nach dem Motto: Wenn die Quote stimmt ist alles gut. Ich habe zuletzt ein Praktikum bei der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS)absolviert und dort hat man sich geradezu gerissen um dieses Wochenblatt, was mir schon zu denken gegeben hat. Einst das „Sturmgeschütz der deutschen Demokratie“, dass sich herzhaft gerne mit der Adenauer-Regierung anzulegen verstand (Spiegel-Affäre) hat sich der Spiegel besonders unter einem gewissen Aust zu einem wirtschaftsfreundlichen Blatt entwickelt. Mittlerweile hat er sich weitgehned dem Ton des „Manager“-Magazins angepasst, dass übrigens im selben Verlag erscheint. Was mich jedoch wirklich traurig stimmt ist die Tatsache, dass, wie oben schon geschildert bestimmte Themen vollkommen einseitig dargestellt werden.
    Eine immer wieder gern probierte Art der Beeinflussung ist auch die Taktik so mancher Redakteurekrampfhaft irgendwelche Zusammenhänge zwischen zwei völlig unterschiedlichen Bereichen herstellen zu wollen. Jüngstes Beispiel ist das Titelthema der Ausgabe 11/06 „Der Ball Deutschland“ Tenor des Artikels: Deutschland ist genauso schwer reformierbarbar wie die deutsche Fußballnationalmannschaft. „Je mehr einer verändert, desto mehr wird er zum Außenseiter“ (S. 84) Schröder und Merkel haben es also genauso schwer wie Klnsi das Land zu verändern. Die tuen mir richtig leid….
    Um vieielicht mein Argumentation nicht ganz so eindeutig negativ aufzuladen, möchte ich jedoch auch nochmal darauf verweisen, dass der Spiegel durchaus ein informatives Blatt ist (besonders der Außenpolitik- und Wissensteil). Viele Autoren besitzen durchaus die Fähigkeit komplexe Sachverhalte klar darzustellen ohne gleich ihre einseitige Meinung miteinfließen zu lassen.
    In gewisseer Weise will ich meiner Ex-Wochenzeitung raten , nicht unbedingt immer dem Mainstream folgen zu wollen, sondern selbst den Mainstream zu konstruiren, denn mit einer Reichweite von wöchtenlich 5,69 Mio. Lesern (Quelle: http://www.spiegelgruppe.de/spiegelgruppe/home.nsf/
    Navigation/DEC8117DA21DFE1AC1256FD5004406E3?
    OpenDocument) bist eines der Leitmedien in Deutschland. Also: Nutze deine Macht sorgsam!!!

  2. TITLE: Osthoff – na und?
    Hallo,

    ich habe Deine Kritik an dem Osthoff-Text noch nicht verstanden. Es ist üblich, nur einmal den kompletten Namen zu nennen und dann nur noch den Vornamen. Dass auch der SPIEGEL das so macht, sehe ich noch nicht als Diskreditierung. Oder wo genau war Dein Punkt?

    Schöne Grüße
    Tobias

  3. TITLE: Nur weil es
    alle so machen, heisst das ja nicht, dass man es nicht kritisieren darf. Bei Susanne Osthoff ist mir das aber gehäuft aufgefallen. Interessanterweise aber erst, als die Berichterstattung negativ wurde.

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