Marktfragen

markt

Gestern nacht hatte ich im Blog people-in-motion.org kommentiert, das in einem Beitrag eine starr marktradikale Perspektive auf das Thema Mindestlöhne vertrat. Der Kommentar wurde unversehens etwas länger. Da ich ungern „auf Halde“ schreibe und ich dort einige grundsätzliche Positionen skizziere, die ich gegenüber ungebremsten Märkten und Kapitalismus vertrete, gebe ich ihn hier nochmal wieder.

Ich denke, Du machst mehrere Denkfehler oder bist zumindest einigen Bären aufgesessen, die dir irgendwer als Wahrheit verkaufen will. In aller Kürze und etwas ungeordnet, weil ich nicht viel Zeit habe…

Zum einen haben wir eine dezidiert soziale Marktwirtschaft (im Kontrast zur “freien”), die die ungebremsten Kräfte des Marktes zumindest etwas reguliert und meines Erachtens ist das eine wichtige Errungenschaft (die immer mehr abgebaut werden soll). Übrigens ist genau das auch die ursprünglich Bedeutung des Wortes “Neoliberalismus”, aber das nur am Rande.

Zum zweiten ist die Grundannahme deines Textes, dass die Regeln des Marktes ein alles überdachendes Regularium sein sollten. In der Frage des Mindestlohnst etwa zeigt sich jedoch dessen Kasus Knaxus: Wenn der Markt bzw. das, was wir als seine Gesetze definieren, imstande ist, die Würde des Einzelnen zu untergraben (und glaub mir, ich kenne prekäre Arbeitsverhältnisse genauso wie Armut), welchem Prinzip sollte man Vorrang gewähren?

Der Markt ist, dritter Punkt, nicht perfekt. Weder als sich selbst regulierendes System, noch in dem was er von Menschen verlangt. Meines Erachtens sind solche Aspekte wie Korruption, Preisabsprachen, Mono- und Duopole, Ausbeutung und Umweltschäden keine Ausnahmen im System Marktwirtschaft, sondern dessen direkte Konsequenz. Wenn ein streng nach ökonomischen Kriterien operierender Konzern die Wahl hat, seine Umweltgifte direkt in einen angrenzenden Fluss zu leiten oder Filter und Abbaumechanismen einzubauen und das geringe Risiko bei letzterer Option, entdeckt zu werden und die dabei zu erwartenden Strafzahlungen geringer wären als die Einbaukosten für den Filter, wofür entscheidet sich die Firma dann? Bedenke, Kampagnen wirken schnell, wenn es um Imagedinge geht, falls das ein Argument für Option 1 sein soll. Weiß heute noch jemand was von Brent Spar? Okay, das lappt jetzt schon in generelle Kapitalismuskritik über. Es geht aber auch um das Individdum: Wenn wir sture Nutzenmaximierer wären, würden nicht verhältnismäßig viele Arbeitslose im Alkoholismus versumpfen, sondern sich der Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt (ein perverses Wort, btw) stellen. Tun sie aber nicht, warum wohl? Weil sie das System nicht aufgesogen haben?

Viertens: Ich denke nicht, dass du mit einem derartigen Absolutheitsanspruch behaupten solltest, der Mindestlohn sei “der Schrecken eines jeden Ökonomen”. Ich kenne mich in dem Metier zu wenig aus, als dass ich jetzt irgendwelche Names droppen könnte, aber das wage ich doch zu bezweifeln.

Und zu guter Letzt: Du schreibst

Auch in Deutschland ist die Arbeit einiger Leute wirtschaftlich gesehen ganz einfach nicht mehr als 4 oder 5 Euro pro Stunde wert.

Der Wert von Arbeit ist insoweit nicht messbar, als dass, neben der investierten Arbeitszeit, Qualifikation und “Verantwortung” (das ist der Faktor, der das Gehalt von Managern auf so extraterrestrische Ausmaße gedeihen lässt – bis der Empfänger bei der nächsten Unternehmenskrise schlicht ausgetauscht wird, auf dass alles besser werde als vorher) auch noch der Aspekt des Prestige, also der gesellschaftlichen Bewertung einer Arbeit bzw. der Person, die eine Arbeit verrichtet in den Lohn hineinspielt. Was ich damit sagen will: Wenn wir alle maktgläubige Homines Oeconomici wären, würde Spargelstechen und Gebäudereinigung wesentlich besser bezahlt, Frauen würden genausoviel Gehalt für die gleiche Arbeit erhalten wie Männer und Ackermann, Mehdorn etc. müssten Hartz IV beantragen, um von ihrem spärlichen, aber der Leistung angemessenen Gehalt leben zu können.

Was bitte soll denn Zweck der Wirtschaft sonst sein, als den Menschen zu dienen? Soll sie als sämtliche gesellschaftliche Kommunikation und Interaktion strukturierendes Paradigma über uns wachen?

Hoffe, hier ein paar Gedankenanstöße gebracht zu haben. Ach so, ich bin für Mindestlöhne.

Um allzu fragmentierte Diskussionen zu vermeiden, bleiben die Kommentare hier geschlossen. Ich bin so frei darum zu bitten, ggf. zu diesem Zweck drüben reinzuschneien und dort auch den Diskussionskontext zu beachten.

Foto „Shopping at the market in Oaxaca, Mexico“: nunavut (cc)

Kommentare sind geschlossen.