Mit harter Hand

Ein großartiger Artikel gegen veraltete Erziehungsideale, die uns seit jüngstem als modern verkauft werden und gegen einen Begriff von Disziplin, der eigentlich Unterwerfung bedeutet. In der Zeit.
Matthias Altenburg: Weniger Disziplin bitte! (28.09.2006)

Die Sehnsucht nach der harten Hand, die Ergebenheit vor dem päpstlichen Mummenschanz, der patriotische Taumel während der Weltmeisterschaft, das Wiedererstarken der NPD, die dramatisch sinkenden Wahlbeteiligungen, all das weist auf eine wachsende Demokratiemüdigkeit hin. Das verbliebene Restbürgertum, ebenso denkfaul wie hinfällig, seiner eigenen Geschichte ungewiss oder überdrüssig, hat dem nichts entgegenzusetzen. Lieber sinkt es mit lasziver Eleganz dem starken Mann in die Arme, als sich weiter den Mühen der eigenen Einsichten und Errungenschaften zu unterziehen.

Ob Eva Hermans Selbsterniedrigungsprogramm, Udo di Fabios Ruf nach einer neuen, alten Bürgerlichkeit oder Dr. Buebs Salto mortale in die Erziehungsprinzipien der fünfziger Jahre, sie alle machen Vorschläge für eine Welt, die es nicht mehr gibt und nie mehr geben wird.

Es ist eben doch ein gar nicht so weiter Weg von einem als Kind gebrochenen Menschen zu einem für totalitäre Systeme anfälligen Erwachsenen. Wie können wir an unserer Gesellschaft kritisieren, dass sie „vorauseilenden Gehorsam“ gegenüber imaginierten Systemfeinden zeige, wenn ein solcher über die Erziehungsmethoden von einst (und heute?) in der Persönlichkeit und dem Handeln vieler Individuen fest verankert ist? Die Frage, wieviel Disziplin wir unseren Kindern angedeihen lassen wollen ist auch immer die Frage danach, was für eine Gesellschaft wir wollen.
—–

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.