Mitleid in Zeiten einer unkompakten Welt

Nee, es wäre jetzt ein bisschen zu einfach, kübelweise Häme über George W. Bushidos Regierungsclique auszugießen. Denn eigentlich müsste man sich in Washington schon lange daran gewöhnt haben, dass sich die eine Seite, auf die man in irgendeinem internationalen Konflikt gesetzt hat, in kürzester Zeit als undemokratisch, totalitär, extremistisch oder anderweitig mieses Pack entpuppt hat. Das passiert da ungefähr einmal im Jahr, ernsthaft. Für die Rolle des Paulus, der zum Saulus wird, haben für nächstes Jahr schon die Sunniten im Irak Interesse angemeldet. Eigentlich sollte man Mitleid haben. Erstens natürlich mit den Menschen in Pakistan, die nun die Wahl haben zwischen a) einem demokratiefernen US-Vasallen, der lange genug eingetrichtert bekommen hat, er müsse endlich mal sich durchzusetzen lernen in seinem Staat und das nun endlich tut und b) einer nicht minder demokratiefernen Islamistenbande, die am liebsten das ganze Land in einer Burka verhüllen würden. Mitleid haben muss man nun allerdings auch mit den ums Weiße Haus herumscharwenzelnden Spindoktoren und Think Tanks, die sich jetzt Argumentationstaktiken für die Volksüberzeugung ausdenken müssen, warum ein und dieselbe Art zu handeln, nämlich die Gerichte ausser Kraft zu setzen und Privatsender de facto abzuschalten, für Pervez Musharraf notwendiges Übel ist, bei z.B. Hugo Chávez jedoch Ausdruck der perversen Machtgelüste eines größenwahnsinnigen Diktators und zudem eine Antwort auf die Frage finden müssen, warum Pakistans Atomwaffen, selbst wenn sie in Islamistenhände fallen, völlig ungefährlich sind. Aber, ach, die werden ja auch dafür bezahlt und außerdem interessiert sowas eh keine Sau. Die haben Fox und demnächst kommt ja auch wieder Twenty-Four, wo Jack Bauer den Fusselbart-Terroristen bei Befragungen ins Knie schießt und so die freie, westliche, zivilisierte (…) Welt rettet.

Mitleid müssen wir vielmehr mit unseren ja durchweg viel stärker differenzierenden Medien haben, die sich jetzt flotti-flotti umgewöhnen müssen, was die Nomenklatur der bösen Islamisten angeht. screenshot tagesschau.de islamistenDenn: War bis dato angesagt, die identische Gruppierung auf der einen Seite der pakistanisch-afghanischen Grenze „Taliban“ und auf der anderen „Religions-“ bzw. „Koranschüler“ zu nennen, um hier den Eindruck terroristischer Organisiertheit zu erwecken, dort andererseits den des religionsstarren, aber irgendwie doch ungefährlichen Hinterwäldlertums, müsste man sich nun schon wieder umgewöhnen: Die leider nicht ganz so sauber gepflügte Realität sieht nämlich leider auch gar nicht vor, dass die Taliban durch die Bank miese Schergen von Saddam, ach nee – der ist ja tot, nehmen wir Osama bin Shopping, sind, sondern mithin auch nur ganz gewöhnliche religiöse Fundamentalisten, wie man sie in der Protestantenversion ebenfalls im Mittelwesten der US of A findet. Aber wozu auch differenzieren, wenn man sich doch viel einfacher untertänigst verneigen kann: vor dem weltweit selbstlosen Engagement der USA, willige Opfer für die wirtschaftliche Ausbeutung Partner für politische und ökonomische Stabilisierung zu finden und der damit unmittelbar zusammenhängenden bipolaren Welteinteilung in Partner auf der einen, Achse der bösen Kommunistennaziislamisten auf der anderen Seite. Also kommt, schreibt doch einfach in Zukunft überall indifferent und selbsterklärend „Taliban“, die Leser wissen eine solche Simplify-your-Life-Attitüde ganz gewiss zu schätzen in Zeiten, in denen das seriöse Blatt von Springer (haha), nämlich die Welt Mini, nein – Welt Kompakt, damit für sich wirbt, dass der Informationsgehalt stark so verknappt worden ist, damit man sie „in einem Zug“ durchlesen könne. Huch, jetzt ist das ja doch kübelweise Häme geworden. Na was soll’s…

 

P.S.: Billige Effektheischerei zum Schluss. Erster Satz eines Artikels auf „Welt Online“:

Pervez Musharraf hat das Grundgesetz Pakistans suspendiert, um besser gegen Terroristen und Extremisten vorgehen zu.

Yeah! Ich geh gleich mal ein Wurstbrötchen zum Wohl der Grundgesetze aller Länder suspendieren. Das Wort zum Schluss fehlt da wirklich. Auch schön ist die Fotomontage auf der gleichen Seite.

merkel und der terrorist

1 Kommentar

  1. „Wolfgang Schäuble hat das Grundgesetz Deutschlands suspendiert, um besser gegen Terroristen und Extremisten vorgehen zu.“

    Bald?

    Mitleid haben muss man nun allerdings auch mit den ums Weiße Haus herumscharwenzelnden Spindoktoren und Think Tanks, die sich jetzt Argumentationstaktiken für die Volksüberzeugung ausdenken müssen, warum ein und dieselbe Art zu handeln, nämlich die Gerichte ausser Kraft zu setzen und Privatsender de facto abzuschalten, für Pervez Musharraf notwendiges Übel ist, bei z.B. Hugo Chávez jedoch Ausdruck der perversen Machtgelüste eines größenwahnsinnigen Diktators

    Das ist doch kein Problem.

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