Mutti, Vati, ich muss euch was sagen…

Ich bin deutsch.

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Wo wir gerade beim Thema sind, ein Nachwurf auf den von den Medien angefeuerten Neopatriotissimus bei der WM sei gestattet:

Das Verhalten der Fans ist ein bedeutender Maßstab für die Selbstaufgabe des Menschen. Je wertloser das Individuum sich fühlt, desto mehr sucht es Anlehnung an den Erfolg eines ihm äußeren Objektes: der Firma, des Vereins oder der Nation. Dieser Schritt geht mit der eigenen Objektwerdung einher. Deshalb wird Nationalismus immer nur so »unbefangen« sein wie der Ententanz bei »Haxenwilli« auf Mallorca.

Je »unbefangener«, desto bedrohlicher wird die Lage für den, der nicht mitspielt. Alle sollen mitmachen, weil die Masse ihre Verblödung ahnt und sich von dem, der nicht mitmacht, beobachtet fühlt. Das löst einen schmerzhaften Reflex aus, der nur ruhig zu stellen ist, wenn der Abweichler mitmacht oder nicht mehr existiert. Abweichung vom Konsens, vom stumpfen, an den Sieg gekoppelten Frohsinn, wird als Sabotage oder Intrige empfunden. Nun sind 95 Prozent stolz auf Deutschland. Die Passanten im Hamburger Schanzenviertel klatschten Beifall, als achtjährige Mädchen aufmarschierten, als seien sie vom »Bund Deutscher Mädel«, und sangen: »Die Nation steht hinter euch!«

Aus dem fantastischen Artikel Voodoo in Schwarz-Rot-Gold, Jungle World 28/2006