Nachdenken über Oberbekleidung

Auf dem schwarzen Kapuzenpulli des Kunden in der Videothek wölbten sich die Worte „Area Code“ über die Nummer 030, Berlins Telefonvorwahl. Ich halte zwar wenig von Lokalpatriotismus, besser als der peinlicherweise mit Strass besetzte Schriftzug Hauptstadtrocker auf von Prekarianerweibchen aufgetragenen Cordjacken — mir nicht bekannt, ob es dieses Kleidung gewordene Verbrechen nun bei Orsay, C&A oder New Yorker gibt — ist das jedoch allemal.

Nun fiel mir nach kurzem Grübeln auf, dass mich auch diese vergleichsweise dezente Variante der Beifallsbekundung für hauptstädtische Lebensart störte: Nicht nur, dass, übersetzt ins Deutsche, „Telefonvorwahl 030“ irgendwie nicht mehr ganz so cool klingt, es wird doch auch die Festnetztelefonie mehr und mehr verdrängt. Im Bereich des möglichen ist es durchaus, dass diese in zehn Jahren nur noch ein Nischendasein fristet und sich die Leute an ihre eigene Vorwahl bloß noch erinnern wie ein Relikt aus längst vergessener Zeit, vergleichbar etwa mit den Postleitzahlen aus der prä-fünfstelligen Ära. W-1000 Berlin 90 schrieb man damals auf Postkarten, die man unter Zwang aus dem Ferienlager verschickte. Arm dran sind die Leute jedenfalls, die in zehn Jahren noch Pullover mit „Area Code – 030“-Verzierung besitzen. Im Sinne der Evolution von Moden wäre es dementsprechend bloß folgerichtig, dass die Kapuzenpullover der mittleren Zehner Jahre Aufdrücke tragen wie „My mobile provider’s number prefix – 0177“ o.ä. Damit der Lokalpatriotismus nicht zu kurz kommt, könnte C&A sein Angebot an Strass besetzten Cordjacken ja noch diversifizieren: „Kreisstadtraver“ oder schlicht „Dorfpomeranze“ hätten bestimmt auch einen Absatzmarkt.

7 Kommentare

  1. Mit „Dorftrottel“ oder so würde ich sogar noch rumlaufen, oder „Hauptstadtbratze“ oder was auch immer.

    Was mir auch immer viel Spaß bereitet hat, sind diese unfreiwillig komischen Dinger. Diese Sweatshirts mit „CON“ drauf zum Beispiel. Auf Englisch heißt das ja soviel wie Knastbruder oder sowas. Das mögen ein paar Jungs cool finden. Dass „con“ auf Französisch aber einfach nur Idiot oder Trottel heißt, wissen die meisten nicht.

  2. Generell gruselt mich, wie begeistert sich die Bevölkerung mit Unsinn beschriftet. In manchen Läden gibt es ja kaum mehr ein nicht beschriftetes Oberbekleidungsstück.
    Als ob es da eine riesige Verschwörung gäbe, ausgeheckt von ehemals Ausgelachten, die sich nun rächen, in dem sie Albernheiten wie „The Spirit in YOU!“ oder „Make me sweat“ oder „Wisconsin Eagles 1977“ auf T-Shirts drucken und zugleich den Menschen vorgaukeln, scheele Sätze auf vermeintlich modischen Shirts seien der letzte Schrei.
    Ich hoffe das hat bald ein Ende, ab und an will ich ja auch mal Oberbekleidung kaufen und das fällt mir in letzter Zeit immer schwerer…

  3. Und was ist mit denen, die in Marl wohnen?

    Bei C&A findet man übrigens noch ordentlich viel Zeug ohne Beschriftung. Nur bei Kinderbekleidung wird es sicher schwer. Gab es da nicht auch mal einen Fall, wo ein Pulloveraufdruck auf eine Pornoseite geführt hat?

  4. ich habe einen Pulli, das steht „Spring Bugs“ drauf. Und ich weiß bis heute nicht warum.

    beides.

  5. immerhin verstehen wir die aufschriften auf unserer kleidung. in china sieht es da anders aus: stockkonservative maedels rennen mit t-shirts rum auf denen steht:“this but is for you“. andere haben playboyhaeschen auf ihrer kleidung (auch maenner). darauf angesprochen, ob sie wissen, welches zeichen das ist: „aeh… ein hase“. ja, auch…

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