Nachher ist man immer klüger


Natürlich können die US-Streitkräfte sämtliche Zelte in Afghanistan bombardieren, wenn Bin Laden der Drahtzieher sein sollte. Sie können ein paar Fabriken im Irak zerstören, um Saddams Solidaritätsbekundungen für die Terroristen zu bestrafen. All das können sie und doch sind sie ohnmächtig. (…)

Wenn die Vergeltung im richtigen Verhältnis zum Angriff auf Amerika stehen sollte, dann stünde sie nicht mehr im rechten Verhältnis zur Zivilität der USA. In Sachen Barbarei sind die Barbaren kaum zu übertreffen. Wenn der Westen vor allem auf diesem Weg nach Gerechtigkeit sucht, droht er global in die gleiche Situation zu kommen wie Israel: Selbstmordbereiter Terror wird mit nachrichtendienstlich präziser und militärisch überlegener Vergeltung beantwortet – und entet doch nur neuen Terror. Der Nahe Osten wäre überall.

Wenn aber die schnellen Gegenschläge nicht weit führen, was dann? Was hilft gegen Terror, der keine Grenzen kennt, keine staatlichen, keine humanen, keine logistischen? Neben der Verbesserung von Sicherheitsmaßnahmen im Inneren sind zwei Antworten möglich: Prävention durch Repression gegenüber allen, die auf diesem Globus das Wort für irgendeinen Terrorismus erheben, ja für alle, die auch nur dazu schweigen. Oder: Prävention durch Konfliktbeseitigung, durch mehr Verständnis für die arabischen Länder und verstärktes Engagement im Nahen Osten. Kurzum: Mehr Härte oder mehr Zuwendung.

Bernd Ullrich, Tagesspiegel-Kommentar: Die Grenzen der Vergeltung. 13. September 2001