Nachtrag zur Börne-Preisverleihung an Henryk M. Broder

Alfred Grosser, ein noch direkt vom Holocaust betroffener deutsch-französischer Sozialwissenschaftler kommentiert in der taz die Verleihung des Börne-Preises an Broder.

Dass der Börne-Preis in diesem Jahr von Focus-Herausgeber Helmut Markwort im Alleingang an Henryk M. Broder verliehen wurde, spricht dem Namensgeber dieser Auszeichnung doppelten Hohn. Denn Ludwig Börne war ein glühender Verfechter der Pressefreiheit und sprach und schrieb davon, dass alle Menschen gleich seien – und auch gleich in ihrem Leiden anzuerkennen seien. (…) Henryk M. Broder brandmarkt ständig alle und jeden, die sich um das Leiden der Anderen sorgen. Als Jude fühle ich mich verpflichtet, dieses Leid nicht zu ignorieren. (…) Broder dagegen bekämpft, im Einklang mit fanatisch pro-israelischen Internetseiten wie „Honestly Concerned“, so aggressiv wie möglich alle, die nicht so denken und handeln wie er.
[via]

So ist es. Und schon hat die oberste publizistische Instanz in Deutschland, was Antisemitismus-Verurteilungen oder -Freisprüche angeht, einen pathologischen Sesselpupser mehr, den es zu diskreditieren gilt.

12 Kommentare

  1. Da weiss einer, von was er spricht. Das Problem, welches Broder und seine Gefolgschaft aufwerfen hat Grosser nämlich bereits Anfang der 80er in „Der schmale Grat der Freiheit“ beschrieben. Lesenswert. In fünf Worten von Grosser steckt eben mehr Sinn als in einem ganzen Lebenswerk Broder.

  2. Sorry, aber gerade der von Dir verlinkte Text unterstützt Deine Antoi-Broder-Position nun so gar nicht, sondern macht eher darauf aufmerksam, dass Du Dich von Broder wohl nicht ganz zu Unrecht genervt fühlst. Liest man sich den Text von Broder durch und hat sich vielleicht mal irgendwann mit Geschichte und Theorie des Antisemitismus beschäftigt hat, kann man darin leider nicht viel Falsches entdecken. Dass Antisemitismus und Antizionismus elementar zusammenhängen und dass Opfer- Täter-Rollenumkehr ein ebenso wichtiges Element des Antisemitismus ist – tja, das ist nun mal nicht Broders Privatmeinung, sonder der Stand der Forschung! Das kannst Du auch gerne beim Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin (oder sonst einer qualifizierten Stelle Deiner Wahl) nachlesen. Versuch doch mal zu erklären, warum die Schnittmenge zwischen beiden so groß ist, oder noch einfacher: Warum gibt es so viele Leute, deren Hauptbeschäftigung darin besteht, „Israelkritik“ zu formulieren, die nichts der Kritik der Politik der israelkischen Regierung zu tun hat, sondern schlicht die Existenz des Staates Israel in Frage stellt. Und warum hat dieses Phänomen denn nichts mit Antisemitismus zu tun?

  3. SORRY, aber ich wehre mich gegen eine allzu eifrige Ausfransung des Begriffs Antisemitismus. Wenn jemand Israels Militärpolitik kritisiert und damit schon ein Antisemit ist, was ist dann erst ein Nazi, der nachts Hakenkreuze auf jüdische Gräber schmiert?

    Was Israel angeht: Eine Regierung, die ethnische Unterdrückung toleriert und deren Militär Massenvernichtungswaffen gegen Zivilisten einsetzt, finde ich scheiße; das ist für mich durch kein noch so furchtbares Unrecht (Holocaust) legitimierbar. Aber erstens gilt das in meinen Augen für alle Staaten, die so handeln und zweitens weiß ich durchaus zwischen der politisch-militärischen Kaste eines Staates und deren Bevölkerung zu differenzieren.

    Versuch doch mal zu erklären, warum die Schnittmenge zwischen beiden so groß ist, oder noch einfacher: Warum gibt es so viele Leute, deren Hauptbeschäftigung darin besteht, „Israelkritik“ zu formulieren, die nichts der Kritik der Politik der israelkischen Regierung zu tun hat, sondern schlicht die Existenz des Staates Israel in Frage stellt.

    Es gibt mitunter mehrere Wege, zu ein und demselben Schluss zu kommen. Nehmen wir z.B. mal dieses bei einer Nazidemo aufgenommene YouTube-Video [via]:

    Meine Position in der Sache der Palästinenser ist ähnlich zu der von diesen Nazis, aber aus einem völlig anderen Grund. Die haben ihre Position sicherlich nicht aufgrund von humanistischen Idealen und Philanthropie erlangt, sondern weil sie tatsächlich Antisemiten sind. Weil ihre Häuptlinge nicht so doof sind wie stets kolportiert, sondern rhetorisch begabt und sich durchaus im Mainstream anzubiedern fähig sind (vgl. NPD-Positionen zu Globalisierung, Hartz IV etc.). Weil sie Taktiken lernen, um die Meinungshoheit zu erringen. Trotzdem sind das Nazis, voller Hass auf alles ihnen Fremde. Die „Verbrüderung“ mit den Palästinensern ist nur vorgeschoben, um eine pseudorationale Erklärung zu liefern, warum die Juden mal wieder die bösen sind. Aber man überprüfe doch bitte mal, ob diese Bruderschaft immer noch besteht, wenn einer von diesen Faschos nachts einem Araber im Bus gegenüber sitzt.

    Du machst es dir mit deinen Kategorien ein bisschen zu einfach. Es besteht sicher manchmal, aber absolut nicht grundsätzlich, eine Korrellation zwischen Kritik an Israels Regierung (was Du hier etwas leichtfertig Antizionismus nennst) und Antisemitismus. Diese Differenzierung würde ich mir von Seiten der Antideutschen und von Broder wünschen. Geht aber nicht, weil deren Anti-Antisemitismus häufig nur anerzogen und nicht intellektuell fundiert ist, was sich in ihrer Ideologie zeigt, die bspw. Muslimen viele Eigenschaften anrechnet, die historisch den Juden zugewiesen wurden. Der vorgeschobene Philosemitismus dient ihnen nur als Katalysator, als Rechtfertigung für ihren Fremdenhass, der statt des Begriffs Rasse den der „Kultur“ als Distinktionsmoment verwendet, aber ideologisch absolut faschistisch ist.

  4. @ maloxp

    „Wenn jemand Israels Militärpolitik kritisiert und damit schon ein Antisemit ist, was ist dann erst ein Nazi, der nachts Hakenkreuze auf jüdische Gräber schmiert?“

    Entschuldige, aber wer hat denn behauptet, Kritik an der israelischen Militärpolitik sei antisemitisch? In meinem Kommentar steht davon kein Wort! Diese Art von Kritik findet doch in allen bürgerlichen deutschen Medien jeden Tag rauf und runter statt: SZ, FR, FAZ, ARD, ZDF…wer hat denn bitte in dieser Hinsicht keine israelikritische Position? (Und jetzt komm mir nicht mit Springer, das weiß ich auch).

    Du tust so, als wäre man besonders mutig, wenn man etwas sagt, dass eh jeden Tag überall gesagt wird. In Wirklichkeit aber wird über Israel ja in schöner Regelmäßigkeit noch viel mehr gesagt, nämlich in etwa das, was die Nazis in Deinem Film da auch zu zu sagen haben. Nur, dass es eben nicht nur diese Nazis sagen, sondern auch jede Menge andere Leute. Die Studien, wie viel Prozent der Deutschen latent oder offen antisemitisch eingestellt sind, kennst Du ja sicher? Wenn nicht, dann erstmal weiter hier:

    „Du machst es dir mit deinen Kategorien ein bisschen zu einfach. Es besteht sicher manchmal, aber absolut nicht grundsätzlich, eine Korrellation zwischen Kritik an Israels Regierung (was Du hier etwas leichtfertig Antizionismus nennst) und Antisemitismus. Diese Differenzierung würde ich mir von Seiten der Antideutschen und von Broder wünschen. Geht aber nicht, weil deren Anti-Antisemitismus häufig nur anerzogen und nicht intellektuell fundiert ist, was sich in ihrer Ideologie zeigt, die bspw. Muslimen viele Eigenschaften anrechnet, die historisch den Juden zugewiesen wurden. Der vorgeschobene Philosemitismus dient ihnen nur als Katalysator, als Rechtfertigung für ihren Fremdenhass, der statt des Begriffs Rasse den der „Kultur“ als Distinktionsmoment verwendet, aber ideologisch absolut faschistisch ist.“

    Sorry, aber wenn es sich hier jemand mit Kategorien etwas einfach macht, dann bist Du es leider. Also, nicht ich habe Kritik an Israels Regierung Antizionismus genannt, sondern in dem von Dir verlinkten Artikel von Broder beschäftigt er sich mit dem Zusammenhang zwischen Antizionismus und Antisemitismus, der in der Tat mehr als nur eine zufällige Korrelation ist, wie sämtliche Forschung zum Thema ausweist, einige Literaturhinweise kannst Du dem Text der Bundeszentrale entnehmen, auf den ich verlinkt hab.

    Was das mangelnde Differenzierungsvermögen der Antideutschen angeht, sind wir in unserem Urteil dann gar nicht so weit voneinander entfernt, nur mit dem Unterschied, dass ich Deins eben auch nicht sehr viel ausgeprägter finde. Denn der von Dir angesprochene Kulturrassismus ist sicher ein ernstzunehmendes Phänomen, aber „absolut faschistisch“ ist sicher die völlig falsche Kategorie zu seiner Beschreibung.

  5. Hallo aha, die Kriterien von Antisemitismus, das ist der Kern der Sache. Der von dir verlinkte Text sagt eingangs, dass es notwendig ist, eben diese objektiv zu formulieren, macht dann aber genau das Gegenteil. Er wirft sämtliche kritischen Einstellungen, die man sowohl ggü. Israel als auch dem Judentum haben kann oder nicht kann, egal wie fundiert oder emotional, in einen Topf und die einzige Differenzierung die er dabei trifft ist zwischen „antisemitisch“ und „latent antisemitisch“. Das ist doch der Punkt: Er weist hier eben nichts nach, sondern stellt den Bezug zwischen Israelkritik und Antisemitismus unbewiesen in den Raum, um darauf basierend einen hohen Antisemitismus zu konstatieren, der ständig in vielen von uns ruhe – aber nur dann ruckartig zum Vorschein trete, wenn die Medien stereotypisch berichteten. Das ist doch Unsinn!

    Mal weg vom Metadiskurs: Das Israelische Militär hat nunmal tatsächlich Clusterbomben eingesetzt, Fluchtwege und Milchfabriken bombardiert, einen Teil Beiruts dem Erdboden gleichgemacht (ohne dass die Hisbollah nennenswert geschwächt wurde). Und tatsächlich sprengen im Westjordanland die Siedler ihren leuchtend grünen Rasen, während die Palästinenser nur wenige Stunden am Tag Wasser haben. Tatsächlich ist der Gaza-Streifen aufgrund der Flüchtlingslager eines der am engsten besiedelten Gebiete der Welt, ohne dass die Bewohner die Freiheit haben, zu gehen wohin sie wollen, oder zum Beispiel eine Siedlung in Israel zu gründen. Und tatsächlich bekommt ein Rechtsaußen, Türstehertyp wie Avigdor Lieberman einen Ministerposten in der Knesset, der freimütig von ethnischen Säuberungen fabuliert. Das alles nicht zu verdrängen lasse ich mir nicht als Antisemitismus ankreiden. Ich sehe mich in meiner Meinung in keiner Opferrolle, in der Tat denke ich, dass viele Leute noch „normal“ ticken und bspw. Israel im letzten Sommer nicht primär als Opfer sahen (die meisten dürften aber überhaupt keine Meinung gehabt haben, war ja gerade Fußball-WM). Ich will darüber jetzt nicht groß diskutieren, es würde zu weit führen und ich kann die Motive der Israelischen Regierung durchaus nachvollziehen – bloß heiße ich die Art zu handeln nicht gut. Ich habe hier im Blog und anderswo schon einige Diskussionen zum Thema geführt, die mich fassungslos machten aufgrund der Unwissenheit und des Zynismus, den die Leute an den Tag legten und die mich in einen Topf mit Dumpnazen wie obigen warfen, das ist der Grund warum ich in dem Zusammenhang manchmal giftig werde.

    Wenn Du schon „sämtliche Forschung“ heranziehst, um deine Thesen zu untermauern (über uns allen schließlich zerfurcht das Klingbeil des Pauschalurteils die Luft), bitte ich dich einen Blick in den Zeit-Artikel über die letzte „Deutsche Zustände“-Studie zu werfen, auf die in dem bpb-Text ja auch Bezug genommen wird und das Interview mit Heitmeyer in der taz dazu. Dort heißt es:

    Leute, die Vorurteile haben, (springen oft). Heute sind sie gegen Juden, morgen gegen Homosexuelle. Es nutzt nicht viel, nur Antisemitismus oder Rassismus abzufragen. Man muss alles – also das, was wir „gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ nennen – in den Blick nehmen.

    Weiterhin stellten die Forscher eine erhebliche Zunahme antiislamischer Ressentiments in letzter Zeit fest, gerade auch in den oberen Gesellschaftschichten. Mein Fazit: Es gibt Antisemitismus selbstverständlich, aber wir haben „größere“ Probleme in anderen Bereichen der rassistischen/faschistischen Ideologien (sicher nicht zuletzt weil Antisemitismus gesellschaftlich scharf beobachtet und sanktioniert wird, während Anti-Muslim zu sein geradezu en vogue ist). Und hier schließt sich meines Erachtens der Kreis zu Broder. Sicher gibt es Antisemitismus immer noch, aber Broder, Küntzel, die Jungle World und co sind in ihrer doppelzungigen Hetze gegen den Islam per se einfach nicht besser. Gerade Broder stellt aber trotzdem immer wieder Antisemitismus locker-flockig (kennst ja seinen Stil) als Normalzustand in den Köpfen deutscher Staatsbürger hin. Das kotzt mich an, weil ich mich persönlich, als denkender und meine eigenen Stereotypen reflektierender Mensch, beleidigt fühle. Das ist, was ich hier zu sagen versuche.

  6. Hmm,
    also zuerst sagst Du, das was Broder schreibt, ist Unsinn. Dann poste ich als Link einen ziemlich langen Text der Bundeszentrale für politische Bildung und Dein Fazit lautet:

    Das ist doch Unsinn!

    Entschudige, aber was für eine Quelle darf ich denn hier angeben, die Deinen Qualitätskriterien genügt? Ich kann verstehen, dass das nicht „Lizas Welt“ sein soll, aber die BPB genügt Dir nicht? Stattdessen unterfütterst Du Deine Argumentation aber mit irgendwelchen Links auf Nazi-Videos bei YouTube?

    Okay, zugegeben, „sämtliche Forschung“ ist immer eine Spur zu gewollte Legitimation. Andererseits aber willst Du das ja offenbar trotz (Achtung abgeschwächt) einschlägiger Forschung zum Thema offenbar gar nicht akzeptieren, dass es da einen Zusammenhang gibt. Deine Vorwürfe gegenüber dem BPB-Text finde ich jedenfalls absolut haltlos, da dort ganz klar gesagt wird, worin der Unterschied zwischen verschiedenen Israel-Kritiken liegt:

    Wir meinen, dass moderne, weniger offen erkennbare Formen des Antisemitismus im Vergleich zum traditionellen Antisemitismus ein Vorurteil ausdrücken, das auf den Zeitgeist transformiert wird, im Kern aber die traditionellen Mythen transportiert. Eine solche Transformation stellt sich u.a. in antisemitischen Einstellungen dar, die versteckt antisemitisch auf Israel rekurrieren und das Vorurteil auf Umwegen kommunizieren. Traditionelle Mythen von Konspiration, Verrat und Weltherrschaftstreben werden dabei in der Kritik aktueller israelischer Politik transportiert. So findet sich der Konspirationsverdacht sowohl in seiner klassischen Variante eines unterstellten großen Einflusses in Wirtschaft und Politik generell wie spezifisch von amerikanischen Ostküsten-Juden auf die Nah-Ost-Politik bis hin zum gerade in der Arabischen Welt populären Gerücht einer Mitwirkung des Mossad am Terroranschlag vom 11/9.
    […]
    Ebenso lässt sich v.a. ein Schuldvorwurf in vielen antisemitische Argumenten entdecken […] in dem aktuellen Vorwurf eines Genozids an den Palästinensern oder der Schuld des organisierten Judentums am Antisemitismus […]. Auch die Umkehr von Opfern zu Tätern findet sich dort sowie im Vorwurf einer Mitschuld am Holocaust.
    […]
    Diese dem Zeitgeist angepassten Facetten werden in der Antisemitismusforschung etwas abweichend als sekundärer (Bergmann 2002) oder auch latenter (Frindte 1999) Antisemitismus bezeichnen, wobei weitgehend Konsens über seine Ausformungen besteht.

    Diesen weitegehenden Konsens meinte ich mit „sämtliche Forschung“.

    3. ein israelbezogener Antisemitismus, also eine Ablehnung von Juden, die durch die israelische Politik legitimiert wird und eine Gleichsetzung von Juden überall auf der Welt und Juden in Israel
    4. eine Israelkritik, die auf (unnötige) NS-Vergleiche und Assoziationen zurückgreift, wie etwa die Verwendung des Begriffs „Vernichtungskrieg“ seitens der Israelis im Nahen Osten oder sogar eine Gleichsetzung der israelischen Militäraktionen gegen Palästinenser mit dem Holocaust;
    […]
    Fast 32% äußerten in der GMF-Umfrage 2004 Antisemitismus mit Israelbezug, d.h. sie verallgemeinerten Juden mit Israel: „Durch die israelische Politik werden mir die Juden immer unsympathischer.“ 44.4% bestätigten diesen Vorwurf: „Bei der Politik, die Israel macht, kann ich gut verstehen, dass man etwas gegen Juden hat.“
    […]
    Besonders hoch ist die Zustimmung zur NS-vergleichenden Israelkritik: 68.4% der Befragten stimmten in 2004 der Aussage eher oder sogar voll und ganz zu, dass Israel einen „Vernichtungskrieg gegen die Palästinenser“ führt, und 51, 2% der Befragten meinten: „Was der Staat Israel heute mit den Palästinensern macht, ist im Prinzip auch nichts anderes als das, was die Nazis im Dritten Reichen mit den Juden gemacht haben.“ 90% derjenigen, die eine Kritik an Israel äußern, die zwar hart ist, aber ohne antisemitische Untertöne auskommt, stimmen auch mindestens einer Facette des Antisemitismus zu.
    […]
    Doch auch fast 89% derjenigen, die sich selbst politisch „genau in der Mitte“ einordnen, stimmen mindestens einer Facette des Antisemitismus zu. Mehr noch als Befragte des linken Spektrums unterstützen sie insbesondere eine Israelkritik, die Vergleiche zu den Verbrechen der Nationalsozialisten bemüht, was eigentlich für eine angemessene Kritik vollkommen überflüssig ist.
    […]

    Alles „Unsinn“?

  7. PS

    Ich sehe in den Texten / Interviews von Heitmeier, die Du gepostet hast, überhaupt keinen Widerspruch zu meiner Position. Im Gegenteil, ich schätze den Mann. Ich bestreite auch überhaupt nicht, dass es eine enorme Zunahme anti-islamischer Ressentiments in Deutschland gibt, die zum Teil von genau denselben Leuten vertreten werden, die sich antisimitscher Klischess bedienen.

    Was ich allerdings in der Tat bestreite, ist, dass die ganzen Leute, die ständig gegen Israel agitieren, dies zufällig tun. Wenn es nur um irgendwelche Bomben auf Beirut ginge, dann gäbe es doch sicher jeden Tag Massendemonstrationen wegen Darfur, oder? Immerhin sind da in den letzten zwei Jahren weitaus mehr Menschen hingeschlachtet worden als im gesamten israelisch-palästinensichen Konflikt. Oder bin ich jetzt schon antideutscher Propaganda aufgesessen und demzufolge ein Troll?

  8. Habe wenig Zeit, aber:

    Auch gegen den Libanonkrieg sind die Leute kaum auf die Straße gegangen.

    Wenn es nur um irgendwelche Bomben auf Beirut ginge, dann gäbe es doch sicher jeden Tag Massendemonstrationen wegen Darfur, oder?

    * ganz wertfrei: historisch erklärbares stärkeres Interesse der Deutschen an Israel
    * sich selbst reproduzierende mediale Aufmerksamkeit
    * „irgendwelche“ Bomben auf „irgendwelche“ Zivilisten, genau.

    Immerhin sind da in den letzten zwei Jahren weitaus mehr Menschen hingeschlachtet worden als im gesamten israelisch-palästinensichen Konflikt.

    Komisch, dass ich gerade in den Diskussionen um den Libanonkrieg von Vertretern deiner Meinung häufig vorgehalten bekommen habe, dass es moralisch verwerflich sei, Opferzahlen gegeneinander aufzuwiegen.

    Was ich allerdings in der Tat bestreite, ist, dass die ganzen Leute, die ständig gegen Israel agitieren, dies zufällig tun.

    Die ganzen Leute. Die Forschung. Die Deutschen, die Antisemiten. Die Juden. Alles ein Brei, alle gleich. Heidewitzka, geht mir das auf den Sack.

    Von oben noch:

    wobei weitgehend Konsens über seine Ausformungen besteht.

    Über das „weitgehend“ hätte ich an der Stelle in dieser Abhandlung gerne mehr gewusst. Geht aber nicht, weil das der tendenziösen Grundlinie dieser Untersuchung entgegenläuft. Ein Beispiel, das Du auch zitiert hast:

    44.4% bestätigten diesen Vorwurf: „Bei der Politik, die Israel macht, kann ich gut verstehen, dass man etwas gegen Juden hat.“

    Lies Dir das bitte Wort für Wort durch. Mal abgesehen davon, dass das als Kontrollfrage für „Durch die israelische Politik werden mir die Juden immer unsympathischer“ in einem (nehme ich an) Polaritätsprofil ungeeignet ist, machen die Forscher hier einen auch in der Antideutschen verbreiteten Standardfehler: Sie setzen „Nachvollziehen können“ mit „Zustimmen“ gleich. Ist aber nicht unbedingt kohärent.

    aha, ich weiß nicht ob Du dich in der wissenschaftlichen Späre bewegst, aber lass Dir gesagt sein, dass es einen allgemeinen akademischen Konsens in keiner Disziplin gibt. Soll heißen: Was von außen so aussieht wie „Die Wissenschaft sagt“ kann intern Gegenstand erbitterter Grabenkämpfe sein.

  9. Ja, ich bewege mich durchaus in akademischen Kreisen, Historikerin (M.A. abgeschlossen, Promotionsvorhaben evtl.), wenn Du es genau wissen willst aber ehrlich gesagt, finde ich, dass ich mir was unsere Diskussion angeht, von Dir jetzt nicht gerade über die Wissenschaft „aufgeklärt“ werden muss.

    Das was Du von Dir gibst (bspw. Anti-Islamismus=Kulturrassismus=Faschismus) hält irgendwie nicht mal Proseminarsdebatten stand, von Statements wie „Unsinn“ bzw. „geht mir das auf den Sack“ und „Heidewitzka“ ganz zu schweigen, aber okay.

    Kurz zusammengefasst, ist der Stand unserer Debatte folgender: Du sagst, Border redet Unsinn, ich sage daraufhin, hmmm, aber das, was er in dem von Dir verlinkten Text sagt, sagen andere Leute auch, z.B. die BPB, Du sagst, das sei ebenfalls Unsinn und berufst Dich auf die Kategorie „halbwegs normale Menschen“, also sowas wie den gesunden Menschenverstand, was ja ansonsten kaum Deine Kategorie sein kann, wenn Du Dich als kritisch gegenüber den Zuständen verstehst, die diese „halbwegs normale Menschen“ sonst so produzieren, bspw. im Hinblick auf Anti-Islamismus.

    Gerade weil Du ein gewisses Reflektionsniveau für Dich in Anspruch nimmst, solltest Du aus meiner Sicht irgendwie zu etwas mehr in der Lage sein, als „Unsinn“ und „geht mir auf den Sack“. Von daher nochmal mein Punkt: Einserseits bist Du in der Lage, in bestimmten Äußerungen der Integrationsdebatte völlig zu Recht festzustllen, dass diesen ein rassistischer Unterton innewohnt. Andererseits willst Du aber einfach nicht wahrhaben, dass vielen Debattenbeiträgen in Bezug auf Israel ein antisemitischer Unterton innewohnt.

    Das glaubst Du Broder nicht, das glaubst Du den Antdeutschen nicht, das glaubst Du der einschlägigen Forschung nicht, weil sie Deiner Meinung nach tendenziös ist, ja das glaubst Du selbst Publikationen nicht, die von der BPB übernommen werden, obwohl deren Raster nochmal enger ist, bevor da was in den Schriftenreihen erscheinen darf.

    Also bitte, wo ist der wissenschaftliche Grabenkampf, was ist Dein Argument jenseits von einem emotional erregten „Ich lasse mir von niemandem sagen, was antisemitische Rhetorik ist.“???

    Noch einmal: Ich bin nicht Broder, ich bin auch keine Antideutsche, auch kein Neocon, auch kein FDP-Mitglied, aber wenn Dein Punkt einfach nur ist, dass Du Broder und israelische Politik zufällig scheiße finden willlst und dass die meisten anderen „normalen Menschen“ den einen und das andere eben auch zufällig scheiße finden, und dass man Dir bloß nicht damit kommen soll, dass das alles möglicherweise nicht ganz so zufällig ist, weil Dir das tierisch „auf den Sack“ geht, well, so be it.

    Hindert Dich ja keiner, Dich an einer etwas kritischeren Analyse einiger! Argumente, die gegen Israelische Politik vorgebracht werden, zu verweigern, hindet mich allerdings auch keiner daran, antismitische Rhetorik weiterhin als solche zu bezeichnen und TROTZDEM GLEICHZEITIG den rassistischen Müll zu kritisieren, der in dieser ganzen so genannten Integrationsdebatte abgelassen wird.

  10. Hallo aha,

    dieses Blog ist nicht akademisch. Es führt schonmal zu Irritationen, aber das ist der Stil, in dem ich häufig denke, rede und eben schreibe. Das gute ist, das hier ist mein Blog und ich muss hier keinen anderen Ansprüchen genügen als meinen. Und eins musst Du zugeben: Verglichen mit Broders Jargon, ist meiner der eines Chorknaben. 😉

    Es ist gut, dass Du deine Argumente nochmal zusammengefasst hast, weil die Diskussion ja auf mehreren Ebenen stattfindet.

    Nochmal: ich reagiere fuchsig und emotional darauf, wenn mir jemand (auch indirekt) Antisemitismus vorwirft. Ich könnte Dir erzählen, dass ich über meine Familie viel Kontakt mit jüdischem Leben in (Ost-)Berlin hatte, ein enges Familienmitglied Führungen in der neuen Synagoge gemacht hat. Ich könnte dir erzählen, dass ich mehrere Wochen mit R. aus Tel Aviv zusammengewohnt habe und wir uns gut verstanden haben. Dass ich einiges an wissenschaftlicher Literatur über den Holocaust gelesen habe. Du müsstest es mir aber auch nicht glauben, schließlich könnte ich dir ja alles mögliche erzählen, dieses Blog ist ja anonym.

    aha, ich bin Gegner von Verteidigungskriegen, von ethnischer Unterdrückung, von Atomwaffen, von Avigdor Lieberman, von Israels Siedlungspolitik. Ich bin kein Gegner „der“ Juden oder Israels als Ganzem. Dass viele diese Differenzierung nicht treffen, ist in der Tat leider sehr gefährlich.

    Ich bestreite gar nicht, dass es Antisemitismus gibt und dieser sich hinter Kritik an Israel versteckt, das wollte ich mit obigem Video verdeutlichen. Das trifft aber nicht auf mich zu und wer mich kennt weiß das auch. Ich habe leider oft den Eindruck, dass auf „der anderen“ Seite (ich nehme meine Einordnung deiner in die antideutsche Ecke zurück. Entschuldige, das war unproduktiv) ein hohes Maß an Borniertheit herrscht, weil ich die Erfahrung gemacht habe, dass von vielen von „denen“ alle Gegner bspw. der Libanonoffensive in einen Topf geworfen werden, dass jede Einstellung, die nicht dem Mantra „Israel verteidigt sich bloß“ entspricht, als Antisemitismus abgekanzelt und nicht weiter „verarbeitet“ werden. Aber Du hast in gewisser Hinsicht recht, wir alle haben „blinde Flecken“. In Diskussionen wie dieser hier komme ich auch immer wieder dazu, mich selbst zu hinterfragen. Vor einem dreiviertel Jahr war ich ohnmächtig aufgrund dieser schreienden Ungerechtigkeit des Krieges im Libanon und in Palästina. Diese Ohnmacht wurde weiter verstärkt durch die Vorwürfe des Antisemitismus von verschiedenen Seiten, wann immer ich meine Fassungslosigkeit äußerte, sowohl im privaten Gespräch als auch in der öffentlichen Diskussion. Heute würde ich jedenfalls auch nicht mehr alles unterschreiben, was ich damals gesagt habe. Worauf ich hinauswill: Israel und der nahe Osten sind nachwievor hochemotionale Themen, egal von welcher Seite man sie betrachtet, rationale Diskussion sind da beinahe nicht möglich, auch wenn man danach immer noch streben sollte. Das Argument Antisemitismus, wenn man es nicht konkret festmachen kann sondern pauschal und begrifflich nicht eingegrenzt verwendet, ist da absolut kontraproduktiv. Und das werfe ich auch der per bpb publizierten Studie vor. Dass sie Antisemitismus kaum eingrenzt und die „weitestmögliche“ Definition verwendet. Finde ich!

    Zu Broder kann man vieles schreiben, aber das habe ich auch schon getan. Ich finde ihn deswegen furchtbar, weil er – mein Eindruck – pauschal fast alle Deutschen als evident antisemitisch verurteilt, sich selber aber kaum Mühe gibt, seine zeitgeistkonformen anti-islamischen Tendenzen zu tarnen. Ich sehe seine Polemik, die tatsächlich manchmal lustig zu lesen ist, aber ich sehe selten irgendeine inhaltliche Substanz dahinter. Abartig finde ich seine Arroganz ggü. verdienten jüdischen Friedensaktivisten wie Uri Avnery und Tony Judt in dem Text, auf den ich mich im Artikel bezog. Ich meine, was soll das denn? Anstatt sich auch nur im geringsten inhaltlich damit zu befassen, diskreditiert er Verfasser und die Leute die dem zustimmen, auf so plumpe und substanzlose Art. Dazu kommen handwerkliche Fehler Broders wie dieser oder dieser, die ihm kein gutes Zeugnis als Journalist ausstellen.

    Ich sehe die Gefahr, dass der Antisemitismusvorwurf durch seine inhaltliche Ausdehnung und den inflationären Gebrauch seinen „Drive“ verliert. Wenn Ralph Giordano sagt, dass jeder, der dem offenen Brief von Jostein Gaarder letzten Sommer (der m.E. provokant, aber nicht antisemitisch war; übrigens schätze ich Giordano trotzdem) zustimmt, ein Antisemit ist; wenn Charlotte Knobloch gegen Heidemarie Wieczorek-Zeul ebenso wettert, weil diese sich pazifistisch äußert… irgendwann kann ich das alles einfach nicht mehr ernst nehmen. Und das ist doch der Punkt, denn wir brauchen natürlich Intellektuelle, die uns einen Spiegel vorhalten und uns mit unseren Stereotypen, mit dem unreflektierten Rassismus und Antisemitismus, konfrontieren. Aber nicht so.

  11. Tja, sieht aus, als hätten wir uns am Kneipentisch schneller einigen können, was? 😉

    Ich glaube, da ich zum Glück nicht so viel mit bornierten Antideutschen rede, habe ich da einfach ganz andere Erfahrungen gemacht als Du, was die stereotypen Argumente in solchen Diskussionen angeht. Ich habe halt viel öfter den Eindruck, dass Leute wie Broder oder Friedmann, Juden allgemein und dann vor allem Israel in einem ziemlich unheilvollen Gebräu miteinander verrührt werden und was dann rauskommt, ist schon eine Suppe mit antisemitischen Versatzstücken, die ich einfach nicht kommentarlos auslöffeln möchte. Und ich ärgere mich dann immer besonders, wenn solche Suppen von Leuten angerührt werden, die ich ansonsten in Debatten durchaus schätze, weil sie in der Lage sind, Dinge kritisch zu hinterfragen.

    Aber an dem Punkt schalten halt viele ab und das habe ich Dir hier ein bisschen voreilig unterstellt. Es ist nämlich in der Tat unheimlich schwer, diese Rolle des Spiegel-Vorhaltens zu spielen, von der Du sprichst, auch und gerade dann, wenn man nicht Broder ist.

    Wenn ich nämlich jemanden darauf aufmerksam mache, dass seine Israel-verhält-sich-wie-die-Nazis-Rhetorik ein echtes Problem darstellt, dann kommt halt meistens nur zurück, „Was willst’n damit sagen, ey? Wir kennen uns doch lange genug, ich bin doch kein Nazi, aber man wird ja wohl noch…usw.“ Das Phänomen kennst Du ja sicher auch und das trifft eben eher meine Standarderfahrung.

    Antideutsche, die mir Antisemitismus vorwerfen, treffe ich dagegen eher überhaupt nicht, aber dafür ist mein „Expertenstatus“ in meinem Bekanntenkreis vielleicht auch zu groß, dass sich das jemand trauen würde. Wobei ist vielleicht auch eine Altersfrage, bei den meisten Antideutschen hab ich ja immer das Gefühl, die sind 16-22, aber ich kann mich irren.

    Auf jeden Fall wollte ich sagen, dass meine Standarderfahrung bei mir halt eher ein gewisses Verständnis für Broder hervorruft und wenn Du Dir anschaust, was er so für Hate Mail bekommt (und da ist er wirklich nicht allein, das geht fast jedem „public jew“ in Deutschland ähnlich), dann muss ich schon sagen, dass ich das für ein größeres Problem halte, als die Frage, ob er das Internet unberechtigterweise doof findet oder so. Und ja, das Anti-Islam-Ding, das er und andere da fahren, ist auch ein Riesenproblem, klar.

    Ich werde halt immer skeptisch, wenn ganz viele deutsche Weblogs und ihre Kommentatoren anfangen, dumm rumzufeixen, wenn es darum geht, nochmal zu sagen, dass Broder scheiße ist und die israelische Politik sowieso. Auch wenn ich bei Dir da jetzt ausgerechnet den Falschen erwischt hab. Genauso skeptisch werde ich aber auch zukünftig werden, wenn mir jemand erzählen will, die Muslime können sich hier einfach nicht integrieren, wg. Religion & Kultur und so und überhaupt.

    Kannst Dich drauf verlassen!

  12. Alles klar, vermutlich sind unsere Standpunkte gar nicht so weit voneinander entfernt. Anmerken wollte ich noch, dass während des Libanonkriegs auch Bettina Marx, die aus dem Libanon für die ARD schrieb, genauso wie Heribert Prantl, der in der SZ um eine wirklich ausgeglichene Berichterstattung bemüht war, ebenso mit Anfeindungen unter der Gürtellinie per E-Mail en masse konfrontiert waren. Man sieht daran ja, wie emotional das Thema Israel aufgeladen ist und egal welche Position man vertritt, es findet sich immer jemand, für den sie die falsche ist. Vielleicht sollte man gar nicht mehr darüber diskutieren. Oder kiffen vorher.

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