Neutralität als Lippenbekenntnis?

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(Bild: ikea.de)

Oha, ein Artikel von Henryk M. Broder, der nicht nur Dampfhammer-Polemik enthält sondern auch Informationen. Grob gesagt, es geht um den Widerstand von Einzelpersonen in Ländern unter islamistischer Herrschaft. Und ganz ehrlich – irgendwas muss man dem Herrn Broder in den Tee getan haben. Während er vor exakt drei Monaten noch im Tagesspiegel über die Demokratisierung des Webs durch Blogs herzog,

Wenn jeder Mensch jederzeit seine Meinung äußern kann, ohne einen Fuß vor seine Küche setzen zu müssen, dann löst sich die Meinungsfreiheit in Kakophonie auf. Kam es in einer vertikal organisierten Gesellschaft früher darauf an, Durchlässigkeit und ein Ende der Privilegien zu fordern, geht es heute in einer horizontal verfassten Gesellschaft darum, wieder Grenzen zu ziehen, auf Abständen zu bestehen und qualitative Unterschiede zu betonen.

so berichtet er heute im SPON-Artikel über deren Wirkung überaus positiv und hebt die in Weblogs praktizierte Freiheit der Meinung (per Zitat) umso stärker heraus:

„Ich bin der Sprecher einer schweigenden Mehrheit, die es langsam lernt, sich zu artikulieren.“ Für weltliche Moslems wie Mahmud ist „persönliche Freiheit“ der wichtigste aller Werte. Glaube und Religion sind Dinge, „die jeder persönlich mit Gott ausmachen muss, ohne Makler, die ihm sagen, was er tun sollte“.

Mahmuds Moschee ist das World Wide Web, eine Erfindung, „die uns helfen wird, Dinge wieder zu finden, die wir verloren haben“ – die Freiheit, die Würde und die Hoffnung auf ein besseres Leben im Diesseits.

Was fällt noch auf? Üblicherweise wird Henryk M. Broder nicht müde zu betonen, der Unterschied von Islam und Islamismus sei Haarspalterei. Hier hingegen berichtet er ohne die üblichen Plattitüden (Koran-immanente Gewaltbereitschaft, Tyrannei etc.) von einem „weltlichen Islam“, einer zivilgesellschaftlichen Widerstandsbewegung. Sogar die Aussage, dass jene in Bahrain z.B. die „schweigende Mehrheit“ darstelle, darf unkommentiert passieren. Sehr ungewohnte Töne also, um es mal vorsichtig auszudrücken.

Mal nebenbei und unter uns: Auch in der Spiegel-Redaktion weiß man natürlich, dass es nicht „die“ islamische Welt gibt, dass in den Köpfen vieler Menschen im nahen Osten der Islam, Frieden mit Andersgläubigen und Demokratie vereinbar sind[1]. Nur formuliert man da einen Satz wie „Im Iran ist der Präsident in den Städten überraschend unpopulär“ eben so:


SPIEGEL 13/07, S. 108

Comprehende? Das ist so, als ob einer statt „Der Politikteil des SPIEGEL ist papiergewordener Dreck“ sagt: „Den ‚Sport‘ kann man im SPIEGEL durchaus lesen“. In dem Zusammenhang möchte ich nochmal auf die in den Medien üblichen Methoden der Manipulation verweisen.

br0d3rAber zurück zu Herrn Broder: Anhand dieses Artikels zeigt sich meines Erachtens auch dessen Doppelzüngigkeit. Man fragt sich, wie es sein kann, dass Broder einen für seine Verhältnisse erstaunlich liberal klingenden Text verfasst, während er als Publizist und Kommentator sonst üblicherweise nichts anderes vorbringt als die üblichen, mehrfach wiederholten und oft falschen[2] oder maßlos übertrieben[3] Pseudo-Belege für die Boshaftigkeit und Unzivilisiertheit des Islam als Ganzem. Auch sein Umgang mit den Medien zeugt von dieser Ambivalenz. Während Broder sich in „optischen“ Kanälen zumeist als lamoryanter Opi geriert, der ja „bloß“ warnen möchte, dass wir uns doch nicht so von den Muslimen ins Bockshorn jagen lassen mögen, benutzt er in seinen schriftlichen Publikationen mitunter ein Vokabular, das direkt aus dem Knast zu kommen scheint. Was ist also der Grund für seinen obigen „positiven Ausfall“? Ich kann da nur spekulieren. Vorstellbar ist, dass Broder sich durchaus bewusst ist, dass er, und der SPIEGEL insgesamt in letzter Zeit einige Grenzen des guten Geschmacks überschritten haben, mit rassistischen Titelbildern, Verschwörungstheorien von muslimischer Unterwanderung des Rechtstaats und allzu offensichtlichen Anbiederungen an die rechtsextreme Blogszene um PI und Co. Immerhin griff auch die taz schon Aspekte dieses brodelnden Komplexes auf, der in der Blogosphäre einen kleinen Sturm im Senfglas[4] verursachte. Möglich, dass ein solcher Artikel zu einem späteren Zeitpunkt als Beleg für eine mögliche Ausgeglichenheit in der Islam-Berichterstattung des SPIEGEL verwendet werden soll. Man sollte skeptisch bleiben und sich von solchen neutral gehaltenen Lippenbekenntnissen nicht blenden lassen. Eine Schwalbe macht noch lange keinen Sommer.

  1. Ein Zeugnis dafür ist das wirklich tolle Buch „Wir sind der Iran – Aufstand gegen die Mullahs – die junge iranische Weblog-Szene“ von Nasreen Alavi. Das fand sogar der SPIEGEL gut. [zurück]
  2. vgl.: Die Sache mit dem Sparschwein, die Sache mit dem Pluszeichen [zurück]
  3. vgl.: Die Behauptung, islamische Eltern ließen ihre Töchter nicht zum Schwimmunterricht und die Realität [zurück]
  4. „Sturm im Senfglas“ ist eine treffende Wortschöpfung von .markus [zurück]

6 Kommentare

  1. Genau das habe ich mir auch gedacht, ein erstaunlich milder, aber an vielen Stellen auch langweiliger Text. Das interessanteste am ganzen Text sind sicher die Links (ein weiteres Argument für die Onlineausgabe…).
    Wenn allerdings heute ein Artikel erscheint, um andere zu relativieren, darf man sich da nicht fragen, welches Paralleluniversum der Spiegel darstellt, dass er so, man könnte fast sagen egozentrisch, sein kann. Augenscheinlich wird Journalismus dort nicht mehr vorrangig als Berichterstattung, sondern eher als Selbstdarstellung gesehen. Zumindest errinert mich der momentane Spiegelstil eher an eine CSU-Wahlkampagne denn an Journalismus.

    Obwohl ich nichts dagegen hätte, wäre Broder nun tatsächlich ein zahnloser Nuschler geworden…

  2. Wir brauchen den Herrn Broder, der immer so rumdonnert. Dass er seinen Arbeitsplatz gegen Blogger verteidigt ist nachvollziebar. Und dass er seikne Meinung im Zuge seiner Recherchen ändert ist auch ok. ABER: Er muss es auch sagen, sonst ist es eben nur ein Geeiere. Aber zahnlos? Will ich ihn nicht. Aber er darf auch mal einen weniger guten Tag haben…

    Aber so ist er eben, unser Barde Henryk.

  3. Oh Gnade der modernen Zeiten, in denen die Verpackung wichtiger ist als der Inhalt! Wenn ich eines noch nerviger finde als die Broderschen Tiraden, dann sind es diese Schwurbel-Meinungen, die mir überall über den Weg laufen, wo über Broder diskutiert wird. Credo: Ja okay, er mag zwar ein Xenophobiker sein, ein Volksverhetzer gar, er neigt zu extremen Pauschalisierungen, ist auch mit dem Vorwurf Antisemitismus einer der schnellsten, bei allem Austeilen ein mieser Einstecker, er perpetuiert längst widerlegte Dolchstoßlegendchen dauerhaft weiter und ist sich selbst zu fein, Richtigstellungen zu veröffentlichen, wenn er z.B. jemanden fälschlicherweise als Holocaustleugner diffamiert, aber – hey – er ist lustig und tut das, was man von ihm erwartet!
    Tut mir leid, aber da steig ich nicht durch. Broder ist in meinen Augen ein alter Stinkstiefel und sein Stil ist auch nichts besonderes. Ironie als Mittel zur Textgestaltung ist dieser Tage erheblich überbewertet.

  4. Alles, was da ist gleich als „gebraucht“ abzustempeln, um nicht auch eine Existenz ohne es denken zu müssen – nun, eine recht einfache Methode, die Realität zu akzeptieren. Allerdings könnte man mit dieser Argumentationsweise im schlimmsten Falle auch noch behaupten, Deutschland haben Hitler gebraucht…

  5. Pingback: Von der Schlammschlacht als Defensivmanöver - Citronengras

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