Niedergeschossen

Gestern ist etwas passiert, hier im Berliner Wedding. Direkt vor meiner Haustür fielen Schüsse. Als ich aus dem Fenster blickte, lag da einer in seinem eigenen Blut, von dem ich im ersten Moment dachte, er sei tot. Ich schreibe diese Zeilen, um die Ereignisse aus meiner Sicht zu dokumentieren.

Was war passiert? Zunächst einmal die Boulevardversion. Man möge mir verzeihen, dass ich hier das von einem Revolvermedium ins Netz gestellte Video einbette, aber das erklärt die Hintergründe dann doch ein bisschen schneller.

TL;DW: Ein offenbar psychotischer Mann rennt mit Axt und Messern durch meine Straße. Die Polizei kommt. Nachdem der Mann nicht aufgibt, mit den Waffen herumzufuchteln, wird er mit einem Schuss ins Bein gestoppt, danach von mehreren Beamten malträtiert und von einem Hund gebissen.

Auch, wenn ich keine weiteren Erkenntnisse zum Tathergang beisteuern kann, möchte ich die Ereignisse aus meiner Sicht wiedergeben. Zum einen als begleitende Informationen zu dem, was man morgen in den Boulevardpostillen lesen kann, zum anderen um es selber ein wenig zu verarbeiten.

Etwa um 14:00 Uhr lag ich auf dem Sofa und spielte das hervorragende Plague Inc. auf dem Smartphone. Meine Tochter machte Mittagsschlaf, meine Frau telefonierte, denn wenn man mal Zeit zum Faulenzen hat, muss man die auch nutzen. Von der Straße her hörte ich plötzlich Schreie, was zunächst einmal nicht ungewöhnlich ist. Mögliche Gründe: Proletengangs, gewalttätige Ehemänner, pubertierend-übermütige Gäste des Youth Hostels in der Straße. Dann mehrmals hintereinander ein lauter Knall, insgesamt 6 bis 10-mal, mehrmals unterbrochen von mehreren Sekunden Stille. Ich reagierte nicht, denn Böllerlärm ist in unserer Straße sportkneipeninduziert nichts Ungewöhnliches, zumal die Geräusche verhältnismäßig hell klangen – mehr wie „Paff! Paff!“, weniger wie das Knallen der Knarren im Film, die ich in meiner naiven Ignoranz als realistisch voraussetzte.

Vielleicht hatte ich in diesem Moment trotzdem im hintersten Winkel meines Kopfes schon in Erwägung gezogen, dass es sich um Schüsse handelte, so wie man es eben immer macht, wenn man aus heiterem Himmel einen lauten Knall hört. Mein Nichtreagieren war, wenn ich darüber nachdenke, möglicherweise eine Hinwendung zum Normalen, ein Negieren der ja wirklich nicht sehr wahrscheinlichen Option eines Shootouts irgendwo in unserer Nähe. So wie die Angestellten im World Trade Center, die nach dem Einschlag des Flugzeugs erst einmal daran dachten, ihre Arbeit zu beenden. Zudem war ich gerade in dieses wirklich gute Spiel vertieft. Meh, es war ein Samstagnachmittag, da steht man eben nicht einfach vom Sofa auf.

Dass etwas passiert sein musste, merkte ich erst anhand der Posaunen von Jericho Sirenen vor der Tür und dem folgenden Stimmengewirr. Meine Frau S. kam herein und schaute durch das Fenster des Zimmers, das wir etwas großspurig Salon nennen. Zur Einordnung: Hier ein Blick vom Balkon von heute, aus unserer Perspektive – der gelbe Bus steht immer noch da.

blick-aus-fenster

Hier nochmal ein Still aus dem Video, das auf der Höhe des Blumenladens von der anderen Straßenseite geschossen wurde:

bild-video

Unser Balkon ist der rechts hinter dem gelben Bus, direkt über der Haustür. Wir hatten also, wenn man so will, hervorragende Sicht auf die Geschehnisse.

S.‘ Gesicht ist in meiner Erinnerung aschfahl. Sie erzählte mir, dass sie nur schauen wollte, warum so viele Menschen auf der anderen Straßenseite stehen und in unsere Richtung starren. Vor unserer Tür sei jemand erschossen worden. Zu diesem Zeitpunkt und auch mehrere Stunden danach wussten wir nicht, was genau passiert war. Vor der Tür lag jedenfalls ein blutender Mann, die Kleidung bis auf die Unterhose von den Sanitätern entfernt, um ihn herum Rettungskräfte und Polizisten.

Eine weiße Sichtschutz-Wand wurde hochgezogen, mit Absperrband wurden die bereits zahlreichen Schaulustigen auf großzügige Distanz gehalten – die Wand allerdings in deren Richtung, nicht in unsere. Ich hielt den Mann für tot, erst als ich nach einigen Minuten noch einmal auf den Balkon trat sah ich, dass er sein Bein bewegte.

Eigentlich war das die ganze Geschichte. Ich ging mit meiner Familie später einkaufen, der Bereich um unsere Tür war noch fünf weitere Stunden abgesperrt, obwohl ein Platzregen der Spurensicherung wohl jegliche Daseinsberechtigung für diesen Tag entzogen hatte. Wir konnten nicht hinaus – als wir das Haus verlassen wollten, wurden wir von unfreundlichen Polizeibeamten gemaßregelt: Nur! In! Die! Richtung! Und „Sindse erstmal raus, könnse nich‘ mehr rin.“ Aha, wohl Verdunkelungsgefahr oder wie das heißt.

Wir gingen einfach über den Hinterhof in das Nachbarhaus, das sich zur Parallelstraße öffnet und benutzten dessen Ausgang. Bei der Rückkehr mussten wir zwecks Türöffnung in diesem Haus bei randomisierten Menschen anklingeln. Unkomfortabel, ja. Aber gewiss nicht so unkomfortabel wie eine Pistolenkugel im Bein.

Die fehlenden Puzzlestückchen dazu, was passiert war, wurden von uns erst am Abend zu einem Gesamtbild ergänzt, als die ersten Berichte online erschienen. Bis dahin waren wir der Auffassung, dass die Schüsse in krimineller Absicht abgegeben worden waren. Zahlreiche Wettbüros säumen den Weg bis zur nächsten U-Bahn-Station, man munkelt, dass diese der Geldwäsche dienen. Ob das stimmt, mag ich nicht beurteilen, aber dem Kopfkino helfen solche Informationen durchaus auf die Paranoia-Sprünge, wenn vor der eigenen Haustür einer angeschossen rumliegt. Ganz platt formulierte: Als Familienvater will man sein Kind ganz gewiss nicht in einem Milieu großwerden lassen, in dem Mafia-Banden Gegner am helllichten Tag und auf offener Straße erschießen.

Ganz so schlimm war es dann ja Gott sei Dank nicht, aber allein, dass wir diese Möglichkeit überhaupt in Erwägung gezogen haben, spricht bereits Bände über diesen Wohnbezirk. Immerhin: Es war „nur“ ein einfacher Verrückter, der auch in jedem anderen Stadtteil herummäandern hätte können. Aber was, wenn wir uns entschieden hätten, den Einkauf vor dem Mittagsschlaf meiner Tochter zu erledigen und diesem Kerl begegnet wären? Oder wenn sie drei, vier Jahre älter und zufällig gerade alleine auf diesem Spielplatz gewesen wäre? Ich möchte diese Gedanken nicht weiter verfolgen.

Heute Morgen jedenfalls entdeckte ich das oben verlinkte Video bei reddit. Und ehrlich gesagt komme ich zu keinem geordneten und ideologisch astrein verwertbaren Schluss. Zum einen bin ich überzeugt davon, dass jemand, der offensichtlich komplett ausklinkt, bewaffnet, gewalttätig, mutmaßlich psychotisch ist und/oder unter Drogeneinfluss steht, gestoppt werden muss – notfalls eben mit Waffengewalt. Ich habe mindestens sechs Schüsse gehört, vermute also, es wurden auch Warnschüsse abgefeuert. Der Mann war gewarnt, sofern er die Warnung zu verarbeiten noch intellektuell in der Lage war.

Andererseits befremden mich die Videobilder auch, denn der Mann mit den Messern wurde noch mit Tritten und dem Knüppel und schließlich dem Hund traktiert, als er schon am Boden lag. Ob das notwendig war? Ohne die Situation selbst gesehen zu haben, möchte ich mir kein endgültiges Bild machen, aber für mich sieht das auf dem pixeligen Video nach einer deutlichen Überreaktion aus. Es ist jedenfalls gut, dass nun auch staatsanwaltlich ermittelt wird.

Ebenfalls gut: Das Gefühl, einem Sex-&-Crime-Reporter von Springer – einem Berufsbild, das bei mir keinerlei Ansehen genießt – die Nase vor der Tür zuzuknallen. Wenn ich die O-Ton-Hure mache, dann für die Leser meines viel zu selten aktualisierten Blogs.

Update: Die B.Z. von heute.

3 Kommentare

  1. Danke für den Bericht. Schockierend. Ich wohne 5km außerhalb einer mittelgroßen Stadt (160k Einwohner). Keine 500m von mir hat neulich ein bis an die Zähne bewaffnetes SEK ein Einfamilienhaus gestürmt und zwei verdächtige Mörder Hopps genommen. Da lebe ich echt in meiner eigenen kleinen Welt… Kann man nur mit dem Kopf schütteln.

  2. Im Video sieht man IMHO sehr gut, dass der Mann auch _nachdem_ er angeschossen wurde, am Boden sitzend noch mit dem Messer rumgefuchtelt hat. Das hatte ich auch in einer anderen Quelle gelesen.

    Soweit ich es erkennen kann, schlägt der Polizist mit dem Teleskopstock nicht nach dem Mann, sondern angelt sich etwas am Boden (die Axt?), um es aus der Reichweite des Mannes zu bekommen.

    Für sich sieht es so aus, als ob die Polizisten ziemlich ratlos sind, weil sich der Verletzte auch weiterhin wehrt und sie nicht ohne erhebliche Eigengefährdung an ihn rankommen.

    Der Tritt und der Angriff mit dem Hund sehen ziemlich derb aus. Stellt sich aber die Frage, was die Alternative gewesen wären, um den Mann ohne Eigengefährdung zu überwältigen: Warten, bis der Mann wegen Blutverlust ohnmächtig wird (wobei er stark im Nehmen zu sein scheint, wenn er trotz des Schussverletzung nicht aufgibt) oder gar nochmals – ggf. mehrfach – auf ihn schießen? Beide Alternativen wären IMHO nicht besser gewesen.

  3. Also das man da dann bei fremden Menschen klingeln muss, das steht da wieder nirgends in den Medien. Es sind junge Familien!! Wer denkt an die? Randomisierte Menschen müssen angeklingelt werden. Harter Tobak.

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