Nun sag, wie hast du’s mit der Religion?

Jesus am KreuzDie Sache mit der Religion ist für mich ein zweischneidiges Schwert. Auf der einen Seite plädiere ich dafür, dass jeder Mensch das Recht haben sollte, daran zu glauben, was er möchte und auch die Komplexität der Welt in einem für ihn angemessenen Rahmen zu erklären. Niemand sollte für das, was er glaubt, diskriminiert werden, solange er damit nicht andere selbst diskriminiert, einschränkt, beschädigt, nervt oder zu bekehren versucht. Der aus den Ideen der Aufklärung hervorgegangene Status von Religion als Privatsache ist einer, den ich voll und ganz unterstütze. Ich habe nach, in der Tat sorgfältiger Abwägung, für mich beschlossen, nicht zu glauben — an keine höhere Wesenheit, keinen Teufel, keine ausserirdischen Wesen, die mein volles Potential freisetzen, keine Glaskugeln und Tarot-Karten, kein diffuser Schicksalsbegriff, kein abstrus-esoterischer Engelkram, wie er momentan etwa von Kanal Telemedial und behaupte.es-Nervbacke Shambala proklamiert wird. Wenn ihr daran glauben wollt, okay, ich lasse euch in Ruhe, wenn ihr mich in Ruhe lasst.

Auf der anderen Seite finde ich es schwierig, geradezu schändlich, wenn Kinder in dieses enge, religiöse Korsett gezwängt werden. Die Fähigkeit, kritisch die Glaubensgrundsätze der Eltern zu hinterfragen, wird mit dem pseudoevidenten Vorleben von Glauben beinahe unmöglich gemacht. Wenn jemand behauptet: Selbst schuld, wer an den Schmarrn glaubt, ist das eben nur die halbe Wahrheit. Ich würde soweit gehen zu sagen, dass die familiäre „Vererbung“ von Glauben durch die Eltern der Hauptboden ist, auf dem religiöse Identität geschichtsübergreifend reifte und reift. Kinder haben keine Wahlmöglichkeit. Sie bekommen die grausamen Geschichten von Noahs Arche oder Abrahams Bereitschaft, Isaak zu opfern, vorgelesen und die einzige Interpretation, welche ihnen — entgegen dem gesunden Menschenverstand — zugestanden wird, ist: Gott existiert, er ist barmherzig (!), befolge die Zehn Gebote und du kommst in den Himmel. Klar, ab dem Alter von 14 Jahren herrscht hierzulande Religionsfreiheit, aber hast Du schonmal versucht, in einem bayerischen Bergdorf als Pubertierender der katholischen Messe fernzubleiben, mitten in einer erzkonservativen muslimischen Community das Kopftuch abzulegen, trotz Eltern, die Zeugen Jehovas sind, deinen Geburtstag zu feiern, Messdiener zu sein und dich als homosexuell zu outen? Religion eint, indem sie mit Spaltung droht. Würde sie ihren fundamentalistischen Charakter im Privaten verlieren, gäbe es sie bald nicht mehr.

Ein bedrückendes und lesenswertes Zeugnis dieser ambivalenten Funktion von Religion als sozialem Kitt und sozialer Spaltaxt las ich gerade im englischsprachigen Blog Kari’s Headspace: Yes, I Am A Preacher’s Kid. Kari schreibt darüber, wie es ist, Kind eines Priesters zu sein. Was ich nicht wusste: Preacher’s Kid oder kurz PK ist ein feststehender Begriff und als solcher mit einer Menge sich selbst erfüllender Klischees verbunden. In dieser Rolle gefangen, komplett und unbezahlt in die Gemeindearbeit involviert und aufgrund der Schmähungen von außen keinen Zugang zu Personen außerhalb der Gemeinde findend, konnte Kari keine eigene Identität, nicht mal einen eigenen Zugang zum Christentum zu finden, wie er? sie? in der Retrospektive feststellt. Sehr nahegehend schildert Kari ihr/sein zielloses Erwachsensein, den Ausschluß aus dem sozialen Gefüge und die Verlorenheit in dieser Welt, die immer nur eine Schublade für ihn bereithielt. Angenehm an diesem Text ist, dass er auch nicht in das Horn der sich auch immer weiter fundamentalisierenden Atheisten tutet und Religion als solche ideologisch in Frage stellt, sondern auf der Ebene des eigenen Erlebens verharrt. Mag sich jeder sein eigenes Urteil bilden, schwingt da im Subtext mit. Wie gesagt, sehr lesenswert.

Bild: lanier67 (cc)