Orientierung


Foto: IwateBuddy (cc)

Welche Zukunft hat das altehrwürdige Nach-dem-Weg-fragen? Gerade in urbanen Gegenden hat es ja eine feste Tradition, dass alle Neeselang ein Autofenster heruntergekurbelt oder einander verschämt ein „Komm, wir fragen mal die jungen Menschen dort drüben“ zugeraunt wird.

Warum ausgerechnet wir (Liebling S. und ich) immer als ortskundig angesehen werden? Nun, oft sind wir es ja auch. Im Prinzip! Die Dame an meiner Seite kann nämlich grundsätzlich schon den kürzesten Weg zur gesuchten Location anschaulich und präzise beschreiben, während ich noch bei der Eingabe der Logindaten zum Abschnitt „Kartenmaterial“ in meinem Gehirn bin. In Situationen, in denen die Dame nicht an meiner Seite ist, gerate ich oft sogar völlig ins Schwimmen. Da vergesse ich schonmal den Namen der Straße, die eine Ecke von meiner Wohnung entfernt ist oder erkläre einen Weg so kompliziert, dass der Begünstigte nachher verwirrter ist als bevor er mich frug. Peinlich das! Ich möchte nicht wissen, wie viele Umwegkilometer ich in meinem Leben schon bei anderen verursacht habe. Und das mir: Trotz einem Jahrzehnt Pfadfinderei und Kompanten-Erfahrung. Trotzdem und immerhin, ich bin da ja nicht allein.

Die Problematik der mangelnden Orientierung wird sich in den nächsten Jahren grundlegend ändern, da bin ich mir sicher. In welche Richtung? Ohne mich jetzt zu sehr in Techno-Gedöns verlieren zu wollen – ich prophezeie hiermit, diese bunten, lustischen Dinger, die der Volksmund lieblos „Navi“ getauft hat, werden sich exponentiell vermehren. In Autos geht’s heute schon nicht ohne, notfalls wird eben ein viral beworbenes Aldi-Gerät nachgerüstet. Und für unterwegs kommt’s auch. Der eine finnische Mobiltelefonhersteller baut GPS-Empfänger in viele neue Modelle ein, während der Technikkonzern „Angebissener Apfel“ sich dieses Feature mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nur deswegen für die zweite Auflage seines EiPhones aufhebt, weil sie wissen dass die ihnen hörigen Konsumvasallen durchaus für den gleichen Kack mehrmals Geld ausgeben, wenn’s nur „neue Features“ hat.

Aber was wird aus dem altmodischen Nach-dem-Weg-fragen? Irgendwie hat man sich ja doch dran gewöhnt. Nun, meine Vermutung – es wird eine Entwicklung in folgenden Phasen stattfinden.

  1. Es bildet sich eine Art Navigationselite. Diejenigen, die mobil mit GPS ausgestattet sind, werden larmoyant ihre Geräte aufklappen, wenn nach dem Weg gefragt, und sich weiß was darauf einbilden, dass sie (eigentlich ja nur: Ihr Gerät) Bescheid wissen. Ihre Stimme wird klingen wie die der sympathischen Automatendame im Auto-Navigationsgerät, wenn sie den Weg mit „An der … zweiten … Kreuzung … rechts abbiegen“ beschreiben. Wenn das Gerät kaputt ist, fühlt sich die neue Navigationselite amputiert, ihres Selbstwerts beraubt.
  2. Nach einem Etablierungszyklus ähnlich dem des Handys haben irgendwann alle Menschen ein solches Gerät und jeder hat eine sehr viel bessere Idee vom Raum, der ihn umgibt. Es fragt einfach überhaupt keiner mehr nach dem Weg, weil’s peinlich ist. Problem: bei leerem Akku in unbekannter Gegend geht man lieber unverrichteter Dinge nach Hause als jemanden nach dem Weg zu fragen, weil zuzugeben, dass man nicht orientiert ist dem Geständnis gleichkommt, Hämorrhoiden oder vergleichbare Beschwerden zu haben.
  3. Es wird einen kurzfristigen Retro-Hype geben, der u.A. den Verzicht auf Technik wie mobile GPS-Geräte predigt. Diese Subkultur wird sich ausschließlich in Sackleinen kleiden. Weil das ziemlich kratzig ist existiert dieser Trend aber nur einen Sommer lang und ruft einen technophilen Gegentrend hervor.
  4. etc. pp.

Ich find die Dinger ja gar nicht so schlecht. Persönlich kann ich bezeugen, dass sich meine Orientierungsfähigkeiten merklich verbessert haben, seitdem ich viele meiner Fotos bei Flickr geotagge, was zwar etwas ganz anderes, aber doch auch ähnliches ist. Hat doch auch was, zu wissen wo man steht und geht. Wenn ich sicher sein kann, dass mein Mobiltelefon nicht – neben dem Netzbetreiber – auch noch Google und Herrn Schäuble jene Informationen zukommen lässt, warum nicht? Und die Spielerchen, die diese Dinger ermöglichen, hach… Bloß um das Nach-dem-Weg-fragen tut’s mir etwas leid. Denn natürlich habe ich auch schon dem einen oder anderen ganz besonders lässigen Sportwagenfahrer einen Weg genannt, der nicht ganz direkt zum Ziel führt. In purer Absicht.

Apropos: Ob das Gerücht stimmt, dass Google Earth dieser Tage Berlin in 3D darstellt? Falls ja, bin ich gespannt ob man uns dann ins Wohnzimmer reinschauen kann.

2 Kommentare

  1. Hilfe! Ich werde mal wieder nicht zur Elite gehören… wo ich doch noch immer kein Handy habe. Und Sackleinen mag ich auch nicht. Naja, wenigstens gibts mich länger als einen Sommer…

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